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Am nächsten Morgen erwachte Georg als letzter von den Gefährten. Die helle Stimme Lehmanns hatte ihn aufgeweckt. Er hörte, daß Lehmann schalt, ohne ihn jedoch zu sehen und ohne zu wissen, wem die heftigen Worte galten. Obwohl er fühlte, daß er fieberte, erhob er sich rasch.

„Wenn es Ihnen nicht behagt bei uns!“ rief Lehmann, „so gehen Sie doch wieder zurück nach Berlin und lassen Sie sich von den Läusen auffressen. Sie haben die Bedingungen der Gesellschaft gelesen, wir haben Ihnen also nichts vorgemacht. Wir brauchen hier Leute, die arbeiten wollen und die vor allem Freude an der Arbeit haben. Das ist die Hauptsache für uns.“

Georg eilte an den kleinen Bach, der ganz in der Nähe vorüberfloß, um sich zu waschen. Der Schlächter begrüßte ihn, gut gelaunt wie immer. Er hatte die Hosen hinaufgestülpt und stand bis an die Knie im eisigen Wasser, während er sich, krebsrot am ganzen Körper, Brust und Rücken wusch und dabei lachte. „Lehmann ist heute früh munter geworden,“ sagte er lachend. „Plötzlich, siehst du, hört er auf zu schmunzeln.“

Es war noch düster im Wald. Ein frischer Luftzug, der nach Schnee schmeckte, strich durch die Stämme, hoch oben glitten mächtige helle Wolken dahin, ganze Gebirge von Schnee. Zuweilen zuckte etwas wie eine dünne Lichtnadel durch das Geflecht der schwarzen Wipfel. Der fürchterliche Regen schien endlich ein Ende zu haben! Ein würziger Geruch, wie ihn Pilze ausströmen, wenn man sie auseinanderbricht, stieg aus dem feuchten Boden. Raben krächzten über den Bäumen, und ein paar dunkle Fittiche schwankten irgendwo gespenstisch.

Schon aber klangen die Hammerschläge im Walde. Eine helle Stimme schalt.

„Spute dich: er meint uns.“

Lehmann hatte die Leitung der Arbeit übernommen, ohne jeden Zweifel. Er befahl, ordnete an, schrie, sprang selbst zu, half mit. Riesenkräfte schienen in seinem einen Arm zu stecken. Er bestimmte das Arbeitstempo, nichts entging seinem Blick. Aber obwohl er schrie, so sah sein Gesicht niemals böse aus. Seine Pfeife paffte aufgeregt, seine Wangen waren frisch gerötet.

Das Rahmenwerk des Schuppens wuchs in die Höhe.

Der „General“, jener Kahlköpfige mit dem vorspringenden Bart, und der kleine alte Maurer mit dem Schlapphut hatten zusammen eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie handhabten zusammen eine Säge und versuchten ein dickes Brett durchzusägen. Sie sägten ein paar Minuten, dann sahen sie beide nach, wie tief die Säge schon in die Bohle eingedrungen war, und hielten eine lange Konferenz ab.

Lehmann trat rasch an sie heran. „So geht es nicht,“ sagte er. „Arbeitet langsam, wenn euch der Atem ausgeht, aber arbeitet regelmäßig und schwätzt nicht soviel. Und Sie,“ sagte er zu dem „General“, „in diesem langen Mantel können Sie doch nicht arbeiten.“

Der „General“ streckte mit gekränkter Miene den langen Bart vor und knöpfte zur Antwort langsam den langen Militärmantel auf. Er trug ein zerrissenes Hemd, das nur noch aus schmutzigen Schnüren bestand, und eine alte an den Knien zerschlissene Hose.

„Das ist etwas anderes,“ sagte Lehmann mit einer gewissen Härte in der Stimme, die seine Beschämung verbergen sollte. „Ich werde dafür Sorge tragen, daß Sie Kleider bekommen. Unsere Gesellschaft ist vorzüglich organisiert. Wenn jetzt manches stockt, so kommt es daher, daß man uns in den letzten Tagen Tausende von Arbeitslosen geschickt hat. Es wird alles in Ordnung kommen.“

Mittag! Der Kellner hatte gekocht. Das Feuer wärmte. Alle staunten den halbfertigen Schuppen an, während sie aßen.

„Ob wir es heute noch schaffen?“

Kopfschütteln. Zweifel.

„Am Abend steht der Schuppen,“ versicherte Lehmann, der mit ihnen aus demselben Kessel aß.

Und in der Tat, als die Dämmerung kam, stahlblau und kalt, mit einem eisigen Wind, war der Schuppen bis auf Kleinigkeiten aufgestellt. Er hatte zwei Fenster – nicht größer als Stallfenster allerdings, und einige Scheiben waren dazu zerbrochen –, aber doch Fenster, und eine solide Tür mit einem richtigen Schloß. Das Stroh wurde in den Schuppen gebracht, der Kochherd, schon wirbelte der Rauch aus dem Blechrohr. Kisten wurden zurecht gerückt. Der Schlächter kam mit einer völligen Ladung grüner Tannenzweige durch die Türe und nagelte die Zweige an die Wand. Nun sah es in der Tat schon ganz festlich aus. Es war behaglich. Der Wind pfiff nicht mehr. Es war warm, es war sauber. Der kleine Bauernwagen hatte Decken gebracht. Viele waren alt und geflickt, aber es waren immerhin Decken, und sie waren rein. In einer Ecke hatte Lehmann sich sein Lager eingerichtet und daneben sein „Bureau“. Das waren Notizbücher, Rollen, Pläne.

Plötzlich, es war fast schon dunkel, kam ein Radfahrer! Es war ein junger Mann, ein Knabe fast noch, mit einer verblaßten Schülermütze auf dem Kopfe. Forsch und keck trat er in den Schuppen, das Gesicht rot von der frischen Luft. „Ist Post mitzunehmen?“ rief er.

„Wie, alle Wetter, Post?“ Man sah ihn verblüfft an. „Kannst du Tabak besorgen?“

„Wenn Sie mir Geld geben, dann bringe ich Ihnen morgen auch Tabak mit.“

„Schön, dann bringe Tabak. Alle Wetter, wieviel bekommst du bezahlt, mein Junge, am Tage?“

„Wir arbeiten ohne Bezahlung!“

Wir? Wer waren diese „Wir“?

Es war gewiß eine ganz merkwürdige Sache. Wie hatte sich das alles seit gestern geändert! Es zeigte sich, daß der Radfahrer in seinem Rucksack ein Paket Zeitungen mitgebracht hatte. Es waren allerdings etwas veraltete Zeitungen, aber man erfuhr immerhin, was in der Welt vorging, während man hier im Walde hauste. Eine Azetylenlampe hing von der Decke herab. Das hätte von allen keiner erwartet. Man fand es nun ganz behaglich und angenehm in der Baracke. Eine Gruppe spielte Karten mit einem alten schmutzigen Spiel. Andere lagen müde auf dem Stroh, und einige plauderten halblaut. Die Verdrossenheit war geschwunden, das finstere Grübeln, der gegenseitige Argwohn.

„He!“ rief Moritz Georg zu. „Worüber spintisierst du immer? Den ganzen Tag spintisierst du! Nimm es nicht so schwer, es wird noch schlimmer kommen. Der Teufel holt uns ja doch alle am Ende!“ Und Moritz lachte.

Um den Kellner mit der Hakennase und den unsteten Rattenaugen, er nannte sich Henry Graf, hatten sich Zuhörer gesammelt. Henry, der, wie er sagte, jahrelang Steward auf den großen Passagierdampfern war, erzählte von seinen Reisen. Er erzählte von Südamerika und China, als sei er erst gestern dagewesen, von Schmetterlingen, so groß wie die Hand, und von einer Hitze, daß die Ölfarbe der Schornsteine schmolz. Er hatte in China Hinrichtungen mitangesehen, in Japan war er in den Teehäusern gewesen – lauter kleine Puppen, lauter kleine braune nackte Puppen. Er erzählte von reichen Leuten, amerikanischen Millionären, sonderbaren Passagieren. Da war zum Beispiel eine reiche Engländerin, die immer betrunken war. Man schickte sie auf Reisen, um sie los zu sein, und sie war der Schrecken aller Schiffe. Diese Engländerin verliebte sich in ihn, Henry. Er könnte heute, weiß Gott, ein Schloß haben. Aber nein, eine betrunkene Frau, etwas Schrecklicheres gibt es nicht.

„Laß dich nicht auslachen, Henry! Sie hätte dich nie geheiratet!“ Gelächter.

Heinrich, der kleine krummbeinige Schlosser, entpuppte sich als ein vorzüglicher Tierstimmenimitator. Kanarienvögel, Stare, Hühner, Eichelhäher, Katzen und Hunde aller Größen und Rassen ahmte er nach und erntete großen Beifall.

Es zeigte sich, daß sich unter den Genossen Talente verschiedener Art befanden. Selbst der Verstümmelte – mit dem Glotzauge –, selbst er steuerte etwas zur Unterhaltung bei. Er war in Sibirien in Kriegsgefangenschaft gewesen und ahmte das Heulen des Wolfes nach. Er hielt die Hände vor den Mund und begann schauerlich zu heulen. Und alle, die nie einen Wolf gehört hatten, überlief ein Schauer.

Um neun Uhr mußte das Licht gelöscht werden. Fast augenblicklich sanken alle in tiefen Schlaf.

Nur Lehmann legte sich später zur Ruhe. Jeden Abend ging er, die Pfeife rauchend, eine Stunde lang vor der Baracke auf und ab.