23
Die Axt klang im Walde, die Sägen kreischten. Krachend stürzten die Bäume. Lehmann hatte jedem der Gefährten die Arbeit im Walde und in der Baracke nach Befähigung angewiesen. Es herrschte gute Disziplin, und das Leben auf der Arbeitsstätte spielte sich ohne jede Reibung ab. Den hochgeschossenen jungen Menschen mit den abstehenden Ohren und dem Diebsgesicht hatte Lehmann abgelohnt und fortgeschickt, weil er, wie er sagte, Tagediebe und Faulpelze nicht brauchen könne. Sie mögen verrecken. Es waren sechs neue Kameraden dazugekommen.
Vom frühen Morgen bis zur Nacht trieb Lehmann zur Arbeit. „Vorwärts, immer vorwärts!“ rief er. „Ohne zäheste Arbeit können wir das große Werk nicht schaffen. Die Gesellschaft muß jede Minute ausnützen, sonst geht sie bankerott. Vorwärts! Schellenberg versteht keinen Spaß! Er setzt mich an die Luft, wenn ich zurückfalle!“
„Und was wollen wir mit Ihnen anfangen?“ sagte Lehmann zu dem großen, bleichen Zimmermann. „Ich werde Sie in ein Krankenhaus schicken.“
Die tief eingesunkenen, fieberischen Augen des Zimmermanns flehten. „Nein, nein,“ bat er. „Lassen Sie mich hier im Walde. Hier werde ich gesund werden. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Schicken Sie mich nicht in ein Krankenhaus.“
Der Zimmermann, er hieß Martin, war auf einem Bau verunglückt, die Hüfte verrenkt, gar nichts Besonderes, aber seitdem war es mit ihm bergab gegangen. Es war vorbei mit dem Schleppen schwerer Balken, die Meister sahen an ihm vorüber. Ohne Verdienst hauste er drei Monate lang mit seiner Frau und drei Kindern in einer Dachkammer ohne Fenster, bis er erkrankte. Die Kinder gingen betteln, die Frau verkaufte Schnürsenkel. Nun, Lehmann schickte ihn nicht fort. Martin erhielt Krankenkost – was man hier im Walde Krankenkost nannte! –, und nach einer Woche schon sah man ihn zuweilen langsam unter den Bäumen hin und her gehen, während er früher sich kaum vom Lager erheben konnte. Nach zwei Wochen aber nahm er schon die Axt in die Hand, aber er schwankte noch, wenn er zuschlagen wollte.
„Noch eine Weile Geduld,“ sagte Lehmann zu ihm.
Eines Tages fuhr – sollte man es für möglich halten? – ein wirklicher Automobilomnibus auf der Landstraße heran. Alle sahen staunend von der Arbeit auf.
„Was ist das!?“ sagte Moritz, der Schlächter. „Haben wir schon Omnibusverbindung bekommen? Es wird gar nicht lange dauern, so werden sie uns eine Untergrundbahn hierher bauen.“
Aus dem Omnibus kletterten zwei junge Herren in grauen Arbeitskutten. Lebhaft schüttelten sie Lehmann die Hand. Es zeigte sich bald, daß einer der Herren Arzt war und der andere Zahnarzt. Der Omnibus aber enthielt eine vollkommene Einrichtung, wie Ärzte und Zahnärzte sie benötigen.
Jeder einzelne mußte zur Untersuchung in den Wagen klettern. Dem einen wurde dieses geraten und verschrieben und dem andern jenes. Die Herren waren außerordentlich freundlich. Unter Scherzen verrichteten sie ihre Arbeit. Der Zahnarzt zog rasch einige Zähne, und dem General setzte er eine Plombe ein. Martin wurde mit besonderer Sorgfalt behandelt.
„Da sind Sie ja!“ rief der junge Arzt, als er Georg erblickte. Erstaunt erkannte Georg jenen Arzt wieder, der ihn seinerzeit in dem Haus in der Lindenstraße empfangen hatte. Der junge Arzt schüttelte ihm herzhaft die Hand. „Eine Freude, Sie wiederzusehen, so gut haben Sie sich erholt!“ rief er aus. „Sie haben schon etwas Farbe bekommen. Sie sehen, auch wir kommen zuweilen aufs Land. Aber es ist leider selten, und um diesen Außendienst reißen sich alle. Nun kutschieren wir vierzehn Tage in der Umgebung umher, das ist unsere Erholung, sehen Sie!“
Die beiden Ärzte blieben bis zum Anbruch der Dunkelheit. Dann fuhren sie davon, Lehmann mit ihnen.
Der Omnibus mit seiner verwirrenden Einrichtung beschäftigte am Abend alle Gemüter.
„Was für einen Wagen doch die beiden Burschen hatten! Sie haben ja alles! Hast du gesehen, sogar eine kleine Apotheke ist eingebaut. Ihr Leute – und sie waren nicht entfernt so grob wie die Kassenärzte.“
„Und dieser Zahnarzt! Das ist ein feiner Bursche!“
„Die Gesellschaft zahlt schlecht, das ist Tatsache, aber man muß zugeben, daß sie für ihre Leute sorgt. Hemden, Wäsche, Socken haben sie uns gegeben, und der General hat sogar eine gestrickte Wollweste bekommen.“
„Man sagt, die Arbeitslosenfürsorge bezahle alles, und das Rote Kreuz soll auch dahinterstecken.“
„Und diese Jungens, die auf ihren Rädern kommen und Botendienste tun, sie scheinen alles überlegt zu haben und alles heranzuziehen.“
„Und doch verstehe ich es nicht,“ hub der alte Maurer wieder an und schüttelte bedächtig den Kopf, „was wollen sie eigentlich hier bauen?“
„Was geht es dich an? Sei froh, daß du etwas zu nagen und zu beißen hast auf deine alten Tage.“
„Man möchte es doch wissen. Sie müssen doch etwas hier wollen? Und ein großer Schuppen soll noch kommen? Und der Plan, den Lehmann bei sich hat?“
Georg hatte bei Gelegenheit einen Blick in den Plan werfen können. „Soviel ich sehen konnte,“ sagte er, „soll hier eine Art Stadt gebaut werden.“
„Eine Stadt?“
„Eine Stadt?“ Der alte Maurer lachte kindisch.
„Eine Stadt?“ Allgemeines Gelächter.
„Laß dich nicht auslachen, Weidenbach!“
Georg kam, bei Gott, in Verlegenheit, weil sie alle derart wieherten. „Und doch – denkt, was ihr wollt. Ich habe doch den Plan gesehen,“ sagte er. „Eine Stadt oder eine größere Ansiedelung mit großen Gärtnereien.“
„Gärtnereien!“
„Gärtnereien, sagst du?“
„Jawohl, Gärtnereien!“
Wiederum Gelächter. Was hier wachsen solle? Auf diesem Boden – nichts als Sand!
Aber der alte Maurer mit dem Schlapphut kam Georg zu Hilfe. „Worüber lacht ihr denn, ihr Narren?“ rief er. „Man kann auf den ersten Blick sehen, daß ihr nie aus der Stadt herausgekommen seid und vom Boden nichts versteht.“ Und er erzählte umständlich, mit allen Einzelheiten, von einem Garten, den er vor zwanzig Jahren aus einem Sandhaufen geschaffen hatte. Schon nach zwei Jahren blieben die Leute stehen, so sah der Garten aus, und schon im dritten Jahre blühten darin die Fliederbüsche. Im vierten Jahre aber, da kam er also eines Abends in den kleinen Garten, und was hörte er? – Der Alte streckte die Hände in die Höhe, rückte den Schlapphut mit den Pleureusenresten aus der Stirn und begann zu pfeifen – tüh – tüh – tüh. „Eine Nachtigall, ihr Leute! Mein Herz hat geschlagen, so schön sang die Nachtigall.“
Der kleine krummbeinige Schlosser machte eine verächtliche Handbewegung. Er wußte es besser als alle.
„Weshalb zerbrecht ihr euch die Köpfe?“ fragte er. „Wie? Was sie hier machen wollen? Geld wollen sie machen, aber nicht für uns! Es ist ja alles aufgelegter Schwindel. Unsere Arbeitsstunden sollen gebucht werden, und wenn du fünftausend Arbeitsstunden erreicht hast – im Laufe der Jahre, sooft du stellungslos bist –, so sollst du einen Morgen Land und eine Behausung bekommen. Wer soll das glauben? Es ist ja alles Schwindel und Lüge. Ich habe es euch ja oft gesagt: Es ist Schellenberg und kein anderer als Schellenberg. Wir werden uns schinden, und Schellenberg wird den Profit einstreichen. Ich habe ja bei Schellenberg gearbeitet. Er baut sich einen Palast im Grunewald, das müßt ihr gesehen haben. Ein halbes Jahr lang habe ich dort Erde gekarrt. Schellenberg hat sich ein Schwimmbad im Keller eingerichtet, hat man so etwas schon gesehen? So groß wie eine Reitschule. Da sind fünfzig Zimmer und Säle, und sogar die Diener haben Badezimmer. Da sind Ställe, Garagen, ein Bootshaus und ein Pavillon am See. Eine Küche so groß wie eine Kaserne, und alles aus weißen Kacheln!
Ihn aber selbst solltet ihr sehen, Schellenberg!“ fuhr der Schlosser fort und fettete sich den Schnauzbart mit den Fingern ein. „Wenn er in seinem Auto angefahren kommt, in einem Pelz, von oben bis unten, eine Bärenmütze auf dem Kopf. Und immer schöne Weiber hat er bei sich, und manchmal ist er schon am hellen Tag betrunken. Oh, man muß ihn nur gesehen haben, dann weiß man alles. Dieser Schellenberg hat in den letzten Jahren das Geld mit Scheffeln zusammengerafft. Niemand weiß, wie reich er ist! Und womit? Mit Holz und im Holzhandel. Er hat zehn Papierfabriken, ihr Leute. Es ist ja kein Kunststück bei den Hungerlöhnen, die er uns zahlt. Und die Regierung – sie stecken ja alle unter einer Decke – zahlt ihm noch zu, weil er die Arbeitslosen beschäftigt. So ist es. Häuser? Eine Stadt, Gärtnereien? Laßt euch nicht auslachen.“
In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und herein sah schüchtern und scheu das runzlige Gesicht einer alten Frau. Auf ihrem Kopftuch lagen einige Schneeflocken. „Bin ich hier richtig?“ sagte die alte Frau. „Ist das die Station Lehmann?“
„Hier bist du richtig,“ antwortete der Kellner.
„Immer herein, Großmutter!“ schrie der Schlächter. „Was willst du denn?“
„Ich komme hierher zur Arbeit. Ich soll euch die Küche führen.“
Die Männer blickten einander an. „Was sollst du?“ Dann brachen sie in lautes Gelächter aus. Und sie lachten so sehr, und ihre Bemerkungen waren so derb, daß der alten Frau die Tränen in die Augen traten. Sie drehte sich verlegen und verletzt in ihrem abgeschabten Mantel. „Ihr seid ein loses Volk!“ schrie sie und bewegte heftig die Arme. Am liebsten wäre sie wieder zur Türe hinaus.
Dann aber begann sie hastig zu plappern, und ihre runzligen Lippen schienen nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte und verlor sich in Einzelheiten, die niemand verstand. Sie war Witwe, ihr Mann, ein Schreiner, seit Jahren tot. Sie hatte ein kleines Haus besessen und einen kleinen Garten. Und sechs Kinder hatte sie großgezogen und vier Töchter ausgestattet. Aber durch den Krieg hatte sie alles verloren. Und nun war sie alt und mußte wieder arbeiten.
Die Männer sahen einander an, brummten verlegen und schämten sich ihrer derben Späße.
Der Schlächter Moritz aber hatte genug Lebensart und wußte, was sich gehört. Er sprang auf, ging der Alten entgegen und schüttelte ihr herzhaft die Hand. „Nun schön!“ rief er aus. „So bleibe bei uns, Großmutter! Hoffentlich kannst du gut kochen. Wir essen hier fein auf der Station. Wir werden dich neben den Ofen hinpacken, da hast du es warm. Komm, gib den Mantel her. So, und jetzt gib mir einen Kuß!“ Und wirklich wollte der Schlächter der alten Frau einen Kuß geben.
„Du bist ein loser Vogel!“ rief die Alte und stieß ihn zurück. Sie lachte, während die Tränen auf ihren runzligen Wangen noch nicht trocken waren. „Ei, was für ein loser Vogel ist er doch!“ und sie gab dem Schlächter eine kleine gutgemeinte Ohrfeige.
„Ah, da hast du es, Moritz!“ schrien die Männer. Die Bekanntschaft war geschlossen.
„Und das hier ist also deine Küche, siehst du!“
„Das ist die Küche?“ Die Alte lachte.
Ja, das sei die Küche. Ob sie ihr nicht vornehm genug sei? „Und die Bedienung, die wir haben, wie in einem erstklassigen Hotel. He, Henry, zeige der Großmutter, wie es bei uns hergeht.“
Henry, der Kellner, stand auf, klemmte ein schmutziges Handtuch unter den Arm und tat, als serviere er. Einen Teller auf der Hand balancierend, rannte er mit kurzen, schnellen, komischen Schritten von der Küche in die Mitte des Zimmers, wo er unsichtbaren, an einer Tafel sitzenden Gästen aufwartete. Er beugte sich vor, drehte die Platte auf den Fingern, damit der Gast bequem abheben konnte, richtete sich auf und schob sich neben den nächsten Gast. Sein Gesicht war von tödlichem Ernst. Zuweilen tat er, als mache er einem zweiten Kellner, vielleicht einem Pikkolo, Zeichen mit den Augen. Dann rannte er mit denselben komischen Schritten wieder in die Küche zurück.
Die Männer brüllten vor Lachen, und in der Tat, Henry spielte diese Szene mit unglaublicher Komik. Auch die Alte lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.
In diesem Augenblick ließ auch schon der Schlosser seine Kunst hören. Er ahmte einen ganzen Käfig voller Hühner nach, und die Alte glaubte wirklich eine Weile, daß in der Ecke Hühner seien.
„So also geht es bei euch zu!“ schrie sie.
„Jawohl, Großmutter, so und nicht anders!“ rief der Schlosser und gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter. „Wir werden dich nicht fressen. Es wird dir gut bei uns gefallen!“