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Den Männern, die Familie hatten, war es freigestellt, jeden Sonnabend zu ihren Angehörigen in die Stadt zu fahren. Am Montag kehrten sie zurück. Einzelne kamen nicht wieder. Der Arbeitsnachweis der Gesellschaft hatte sie in ihrem Beruf irgendwo untergebracht. Den Unverheirateten aber sollte erst nach einigen Wochen ein Urlaub gewährt werden. Es hing ganz davon ab, wie Lehmann mit ihnen zufrieden war. Georg hatte ihn schon am ersten Sonnabend um einen Urlaub gebeten.
„Nicht daran zu denken,“ antwortete Lehmann mit einem Lächeln. „In vier Wochen vielleicht.“
Nun, auch vier Wochen würden wohl vergehen.
Georg hatte sich im Walde rasch erholt. Am Anfang, da zitterte sein entkräfteter Körper unter den Anstrengungen der schweren Arbeit, und des Morgens, wenn der Lärm der Kameraden ihn weckte, war es ihm oft kaum möglich, sich vom Lager zu erheben. Er war in Schweiß gebadet, die Füße trugen ihn kaum. In der zweiten Woche aber fühlte er seine Kräfte langsam zurückkehren, und in der dritten Woche war es ihm, als ob er seit Jahren diese schwere Arbeit verrichtete. Er war kein Riese, wie Moritz, daran war nicht zu denken, aber immerhin, er stellte seinen Mann.
Sein Körper war abgehärtet, er erschauerte nicht mehr unter jedem Luftzug. Er fror auch nicht, als die scharfen Ostwinde einsetzten und in den Nächten das Wasser in den Furchen der Landstraße gefror. Reif bedeckte am Morgen den Boden und die Stämme der Bäume.
Nach dem Feierabend pflegte Georg noch eine Stunde zu wandern. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich mit seinen Angelegenheiten in aller Stille zu beschäftigen.
Gewöhnlich ging er bis an den Rand des Waldes, der in einer Viertelstunde zu erreichen war. Hier stieß der Wald an eine sanft geneigte Heidefläche, die nur von dünnem Gestrüpp und einigen Birken bestanden war. Auch auf dieser Heide waren Arbeitskolonnen am Tage tätig. In der Ferne, ganz klein, schimmerte ein Licht, und dort hausten sie. Die Station hieß Glücksbrücke. Er hatte sie an einem Sonntag besucht.
Groß und funkelnd standen die Sterne über der stillen Heide. Wie ein Gespenst, scheu und ängstlich, schob sich der Mond aus dem Rauch des Horizonts, bald aber funkelte er herrisch hoch am Himmel und spiegelte sich ohne Teilnahme an den Geschicken dieser Erde im Wasser des Kanals, der in der Senkung die Heide durchquerte. Frei und ohne jedes Hindernis stürzte der Wind über die kahle riesige Fläche.
Hier war Georg ganz allein, ganz allein mit seinem Gram. Kein Mensch, kein Tier. Das rote glimmende Licht der Arbeiterbaracke am Rande der Heide war das einzige Zeichen der Nähe lebender Wesen. Zuweilen sauste und pfiff es in der Ferne: ein Eisenbahnzug irgendwo.
In der Stille, unter dem funkelnden Firmament, im Angesicht des kalt blendenden Mondes wanderte Georg dahin, seinen Gedanken hingegeben.
Seit er im Walde arbeitete, hatte er auch nicht eine Stunde Christine und ihr Schicksal vergessen. In den ersten Wochen hatte er versucht, die Erinnerung an sie aus seinem Herzen zu verdrängen. Hatte sie ihn nicht verlassen und betrogen? Aber die schwere Arbeit im Walde hatte ihn ruhiger gemacht. Es war ja nichts erwiesen, nichts wußte er, nichts.
Das Geschwätz eines Betrunkenen, das war alles.
Er hatte an Stobwasser geschrieben und ihn gebeten, sich beim Einwohneramt nach Christines Adresse zu erkundigen. (Erst hier im Walde war ihm eingefallen, daß es polizeiliche Meldestellen gibt.) Stobwasser indessen hatte geantwortet, daß er noch immer krank sei. Sobald er aufstehen könne, werde er Nachforschungen anstellen. Seit dieser Zeit hatte er nichts mehr gehört.
Nun, in vier Tagen sollte er einen zweitägigen Urlaub nach Berlin bekommen. Diese Tage wollte er gut verwenden. Dazu hatte er etwas Geld in der Tasche.
„Sonderbar,“ sagte er zu sich, während er über die stille verlassene Heide wanderte, „eigentlich liebte ich dieses Mädchen anfangs gar nicht so sehr. Ich hatte mich immer nach einer sanften stillen Frau gesehnt, nicht wahr? Und Christine, sie war leidenschaftlich, immer erregt, Tränen und Raserei. Sie hatte mehr Temperament als zehn Mädchen zusammengenommen. Und es schmeichelte meiner Eitelkeit, daß dieses leidenschaftliche, von vielen begehrte und umworbene Mädchen – wo sie auch ging, wandten sich alle Männer nach ihr – sich in mich verliebte. Wie sie flehte, wie sie bettelte, wie demütig sie war. Wie sie um mich warb! Und ich – ich nahm ihre Liebe als etwas Selbstverständliches hin, ihre Leidenschaft, ihre Briefe, alles, als müsse es so sein.“ Er durchlebte in der Erinnerung alle Phasen ihrer Liebelei – denn mehr war es, in den ersten Monaten wenigstens, nicht gewesen. Wie sie ihn mit ihrer sinnlosen Eifersucht, die keine Grenzen kannte, quälte und folterte. Diese ewigen Szenen! Sie lauerte ihm auf, bewachte ihn, wachte über jeden seiner Blicke. Sie war selbst eifersüchtig auf seine Freunde, seine Arbeit, seine Pläne. Katschinskys Freundin, der schönen Jenny Florian, durfte er nicht einmal die Hand geben. Welche Qual! Sie drohte sich ins Wasser zu stürzen, sie drohte ihn zu erschießen. Hundertmal hatte er beabsichtigt, das Verhältnis zu lösen, aus Berlin zu flüchten, wenn es sein mußte ...
„Und nun?“
„Aber wie sonderbar ist der Mensch doch!“ sagte Georg und blieb inmitten der Einsamkeit der Heide stehen. „Seit Christine in ihrer Raserei auf mich geschossen hat, seit diesem Augenblick liebe ich sie über alle Maßen.“
In den letzten Tagen war Lehmann damit beschäftigt, die Umrisse von Buchstaben mit weißer Ölfarbe auf die Schuppenwand zu zeichnen. Seine Pfeife qualmte, und sein junges Gesicht mit den roten Knabenwangen strahlte vergnügt, während er den Pinsel führte. Eines Mittags, als die Männer von der Arbeit zurückkehrten, war die Aufschrift, die in großen, glänzend weißen Lettern die ganze Schuppenwand bedeckte, fertig. Sie lautete:
Gesellschaft Neu-Deutschland!
Tod dem Hunger!
Tod der Krankheit!
Es lebe die Kameradschaft!
Dies war der Tag, an dem Georg seinen Urlaub antreten sollte.
„Leben Sie wohl, Weidenbach!“ rief Lehmann, der seine Malerei wohlgefällig betrachtete. „Und vergessen Sie nicht, wiederzukommen!“
„Ich komme bestimmt zurück!“ erwiderte Georg. Rasch ging er dahin. Die Sonne blinkte, obwohl einzelne Schneekristalle in dem kalten Wind durch die Luft trieben.