25
Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.
Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der Arbeit und vom Frost.
Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte, war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts.
Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen Maße und Größen.
In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede Pause ging ihr rasches Mundwerk.
Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann, die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles.
An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge vor, warte nur, bald sollst du es hören.“
Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal mehr.
Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten, und schon ging es an die Arbeit.
Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen. Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich. Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand.
Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin, jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten. Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet.
So hieß es, sich gedulden.
Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder freier.
26
Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft, völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken. Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte.
Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt waten mußten.
Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert. Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle!
Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.
Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal.
„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“
Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft.
Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte. Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde, verhielten sich noch still und stumpf.
An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene Fröhlichkeit.
Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter.
Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft. Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“
„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten, du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende Ohrfeige.
Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.
An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.
Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache, die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so unverschämt renommierte.
„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“
„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
„Ah, ein Boxkampf!“
Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde Georg zum Schiedsrichter erwählt.
„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei Minuten.“ Alle Teufel!
Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.
„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure Erregung.
Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.
Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.
„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser Beziehung keinen Spaß!“
An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer, die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele, Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen, Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...