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Es ist nur natürlich, daß sich alle möglichen Personen für das Lager interessierten.
Eines Tages kamen zwei merkwürdig aussehende Männer in einem alten Auto an. Sie gingen zu Lehmann ins Bureau und kamen nach einer Weile wieder heraus, um die ganze Arbeitsstätte eingehend zu besichtigen. Sie gingen in die Tischlerwerkstätte und erschienen wieder. Sie besuchten die Kolonne, die die Bohrlöcher bohrte, und schienen sich für alles zu interessieren, auch für jeden einzelnen Mann, denn sie sahen jedem mit raschem Blick ins Gesicht. Ganz plötzlich standen sie neben Henry Graf, dem Kellner.
Einer der Männer sagte: „Herr Bollmann.“
Sofort drehte sich Henry Graf herum. Ah, seht an, er hieß gar nicht Henry Graf. Und weshalb wurde der Kellner so bleich?
„Da sind Sie ja wieder, Bollmann,“ sagte der zweite der Männer. „Kommen Sie mit uns!“
Henry Graf machte eine verzweifelte Gebärde. Er war weiß geworden wie der Schnee im Walde. „Nun wollte ich ja arbeiten!“ schrie er. „Seht an!“
Der eine der Herren aber sagte: „Noch zwei Jahre, dann sind Sie frei.“
Es war also alles klar, man wollte den Kellner mitnehmen. Die Kameraden strömten herbei und umringten die Kommissare und den Verhafteten.
Moritz legte die Hand auf die Schulter des einen Kommissars. „Lassen Sie ihn doch hier, Herr Kommissar, er ist doch ein wirklich guter Kamerad.“
Auch die übrigen Männer verlegten sich aufs Betteln. Der Schlosser aber nahm ein paar Zigaretten aus der Tasche und wollte sie einem der Herren zustecken.
„Machen Sie keine Geschichten,“ flüsterte er dem Kommissar zu. „Drücken Sie ein Auge zu, Herr Kommissar. Ist denn wirklich nichts zu machen?“
Nein, es war wirklich nichts zu machen. Ein Trupp gab dem Kellner bis zum Auto das Geleit.
„Nun sieh zu, daß du bald wiederkommst! Beiß die Zähne zusammen. Es ist ja nicht so schlimm!“
„Ja, ich komme bestimmt wieder!“ Und sie sahen dem Auto nach, bis es verschwand.
Was mochte Henry Graf ausgefressen haben? Und noch zwei Jahre, sagte der Kommissar? War er ausgerückt? Welch ein Pech, daß sie ihn gefunden hatten!
An diesem Abend war es verhältnismäßig ruhig in der Baracke. Immer wieder sprach man von den Kommissaren und dem Auto und Henry Graf, der eigentlich Bollmann hieß.
„Und wie töricht, hast du gesehen, er drehte sich gleich um, als sie Bollmann zu ihm sagten. Er hätte einfach davonlaufen sollen.“
„Konnte er denn ahnen, daß es Polizisten waren? Jeder Mensch hielt sie für Bauleute. Natürlich konnte Henry das nicht ahnen. Nein, solch ein Pech!“
Und alle sprachen davon, wie Henry tanzte, mit dem Stöckchen und dem kleinen steifen Hut, wie man glaubte, daß er umfalle, wie er dicht am Boden kauerte und das Hütchen über dem Kopfe schwang und einmal den linken und einmal den rechten Absatz herausschleuderte und dazu in einer fremden Sprache sang. Nein, nein, war das möglich? Und nun also saß er im Kittchen.
Der Schneider wollte ein Konzert auf seiner Mundharmonika geben. Er kam aber nicht weit. „Hör’ auf, hör’ auf!“ klang es von allen Seiten.
So war es also nichts mit dem Konzert. Man spielte verdrießlich Karten, um die paar Abendstunden totzuschlagen, und wickelte sich frühzeitig in die Decken.
Es passierten noch andere Dinge im Lager Glückshorst. Da war zum Beispiel dieser kleine alte Maurer. Man erinnert sich, er trug einen Hut, einen großen Schlapphut mit den Resten einer Pleureuse daran. Er war alt und lief den andern nur in den Weg und störte bei der Arbeit, und wenn er ging, so wackelte sein hängender Hosenboden. Dieser alte Maurer, der eines Abends von seinem Gärtchen erzählt hatte und zum Ergötzen der Kameraden den Versuch machte, die Stimme einer Nachtigall nachzuahmen, er war eines Abends verschwunden. Man bemerkte es nicht. Erst am andern Morgen fiel es seinem Nachbar auf, daß das alte Männchen fehlte. Nun gab es im Lager natürlich dann und wann Durchbrenner, die sich mit der Einsamkeit im Walde und mit den Arbeitsbedingungen der Gesellschaft nicht aussöhnen konnten. Aber er, der Alte, ganz unmöglich! Viele Wochen war er schon da.
Man suchte also, und man sah Fußstapfen, Schritte, die in den Wald hineinführten, immer tiefer. Und dort also, an jenem Baum, da hing er. Der Alte hatte sich erhängt.
Am Baum war ein Zettel befestigt, worauf stand: „Alles, was ich erarbeitet und erspart hatte, habe ich verloren. Ich bin zu alt, um von vorn anzufangen. Betet für meine Seele!“
Es gab eine richtige Beerdigung im Walde. Zuerst wollte man ihn im Friedhof des Dorfes begraben. Aber nach einer längeren Debatte am Abend mehrten sich die Stimmen, die für eine Bestattung im Walde waren.
„Er wird lieber bei uns sein wollen als bei den dummen Bauern im Friedhofe. Hier außen hat er seine Ruhe, und vielleicht kommt eine Nachtigall zu ihm.“
„Wie soll eine Nachtigall hierherkommen?“ fragte der Schlosser.
„Du hast noch immer nicht verstanden!“ schrie ihn der Schlächter-Moritz an. „Weshalb sollen keine Nachtigallen hierherkommen, wenn es doch sogar in Berlin Nachtigallen gibt.“
„Gewiß hat er recht. Auch hierher werden Nachtigallen kommen,“ erklärte Georg.
So kam also die Stunde der Beerdigung heran. Punkt zwölf Uhr kommandierte Lehmann: „Sammeln zum Leichenbegängnis!“
Dann trotteten sie in den Wald hinein. Lehmann hielt sogar eine richtige Rede, wobei er heftig den einen Arm schwang. Alle fanden diese Rede sehr schön. Er sprach davon, daß der tote Kamerad einer der vielen Tausende sei, die ihrem Leben ein Ende gemacht hätten, weil sie es einfach nicht mehr ertrugen. Während die Betrüger und Spekulanten in die Höhe kamen, hatte man ehrwürdige Leute wie unsern toten Kameraden einfach in den Dreck hinabsinken lassen, ohne auch nur eine Hand zu rühren. Erst die Gesellschaft „Neu-Deutschland“ schaffe Wandlung. Sie sei spät gekommen, aber doch nicht zu spät. „Unser toter Kamerad“, schloß Lehmann, „ist ebensogut ein Opfer des Krieges und der Revolution wie irgendein General oder Minister. Über seinem Grabe werden glücklichere Menschen wandeln, als er einer war.“
Dann trat er vom Grabe weg, zündete sich die Pfeife an, und die Feierlichkeit war beendet.
Die Rede hatte gut gefallen und wurde am Abend lebhaft diskutiert. Besonders die Stelle mit dem Minister und General fand Anklang, war der Alte doch nur ein armer Maurer gewesen. Sie fanden, daß Lehmann, obwohl er früher Offizier war, ein umgänglicher Mann sei, mit dem sich auskommen ließ.
So schnell, wie der Schnee gekommen war, so schnell verschwand er. Ein warmer Wind kam vom Süden, und es tropfte und rieselte von den Bäumen. In ein paar Tagen war vom Schnee nichts mehr zu sehen. Die Sonne schien, und zum ersten Male zog der Schlächter-Moritz seine braune Strickjacke aus, er schwitzte.
Die Sonne und der warme Wind hatten rasch den Frost aus dem Boden vertrieben, und die Erde trank das Schneewasser gierig in sich.
Kaum war der Boden einigermaßen trocken, so begann es draußen auf der Heide zu knattern und zu prasseln, als ob Flugmaschinen über die Erde surrten. Eine Kolonne von Traktoren hatte die Arbeit aufgenommen. Tag für Tag sah man sie quer über die Heidefläche ziehen. Erst schleppten sie mächtige Pflüge, dann schleppten sie mächtige Bodenfräsen, die die Erde zertrümmerten und zerschnitten, dann schleppten sie Düngerstreumaschinen, dann Eggen und Walzen. Wochenlang dauerte es. Immer sah man diese Kolonnen wie merkwürdige Raupen über die Heide kriechen.
„Immer vorwärts!“ schrie Lehmann. „Es wird gar nicht so lange dauern, dann haben wir sie hier!“
Noch ein anderes Ereignis fiel in diese Zeit, das in den Baracken eifrig besprochen wurde.
Eines Tages kam in schneller Fahrt von Glücksbrücke herüber ein Auto, das in einem ganz auffallenden Tempo dahinflog und mit einem Ruck stehenblieb. Bisher hatte man so ein Auto im Lager noch nicht gesehen, denn die Wagen der Gesellschaft, die gelegentlich kamen, waren ausrangierte alte Kasten.
Aus dem Auto stiegen vier Herren, darunter ein hochgewachsener, breitschultriger Mann in einem alten Regenmantel und ein etwas schiefgewachsener blaubleicher Herr in einem langen Pelz.
Kaum hatte Lehmann die Herren erblickt, als er in großer Eile auf sie zuging. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und verbeugte sich! Das war bisher noch nicht beobachtet worden, daß Lehmann so große Höflichkeit zeigte. Er verbeugte sich zuerst vor dem hochgewachsenen Herrn, dann vor dem kleinen Schiefgewachsenen mit dem blaubleichen Gesicht. Man drückte sich gegenseitig die Hand, und schon kam die Gruppe über das Arbeitsfeld geschritten. Lehmann erklärte dem hochgewachsenen Herrn mit weitausholenden Armbewegungen dies und jenes – er schien wirklich aufgeregt zu sein. Die Herren besuchten die Baracken, die Küche, die Tischlerei besahen sie, alles. Sie sprachen auch mit dem und jenem, der gerade in der Nähe war, und blieben hierauf noch eine halbe Stunde in Lehmanns Bureau. Dann stiegen sie wieder in den Wagen, und mit einem Ruck fuhr das Auto an und jagte die Landstraße hinunter.
„Ei der Tausend, das waren gewiß ganz besondere Leute! Waren es Direktoren der Gesellschaft? Und dieser verwachsene, bleiche, alte Mann, sah er nicht aus, als sei er eben aus dem Sarge gestiegen? Und dieser Große mit dem braunen Gesicht!“
„Wer sind die Herren gewesen?“
„Das war der Chef,“ erwiderte Lehmann, der noch ganz erregt war und eifrig die Pfeife paffte.
„Wer war der große Herr?“ fragte Georg, den das ruhige und klare Gesicht interessiert hatte.
„Das war Schellenberg,“ antwortete Lehmann. „Und der kleine Alte war der Geheimrat Augsburger, ein früherer Bankier, der der Gesellschaft sein ganzes Vermögen vermacht hat. Er leitet jetzt den finanziellen Teil.“
„Wie stehst du da?“ schrie der Schlächter-Moritz den krummbeinigen Schlosser an. „Stundenlang hast du damit geprahlt, daß du bei Schellenberg gearbeitet hast, ein halbes Jahr lang! Und nun war dieser Schellenberg hier, und du hast ihn nicht erkannt.“
Der Schlosser schwankte auf seinen krummen Beinen, schob die Mütze ins Gesicht und kratzte sich hinter dem Ohr. „Es war nicht der Schellenberg, bei dem ich arbeitete,“ stotterte er, denn, wie gesagt, er hatte sich aufs tiefste blamiert und stand als ein elender Renommist da. „Er kam mir bekannt vor. Es war Schellenberg, und es war doch nicht Schellenberg.“
„Unterstehe dich nicht, wieder mit deinen Geschichten zu prahlen,“ drohte Moritz mit seiner großen Faust. „Hörst du? Es ist eine Schande, und was hat er uns alles vorgeschwindelt!“