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Im Auktionssaal von Duval & Co. in der Potsdamer Straße wurde die berühmte Sammlung des Barons Flottwell versteigert. Diese Versteigerung war ein gesellschaftliches Ereignis für Berlin. Baron Flottwell, früherer Königlicher Zeremonienmeister, einst sagenhaft reich, hatte in den letzten Jahren sein Vermögen bis auf den letzten Pfennig verloren, so daß sein ganzer Besitz schließlich unter den Hammer kam. Zugleich mit den Herrlichkeiten Flottwells wurden Antiquitäten, Möbel, Bronzen, Porzellane, Schmuckgegenstände aus dem Besitz verschiedener Persönlichkeiten, die zumeist der verarmten Aristokratie angehörten, ausgeboten.
Der Saal war überfüllt von Menschen. Die wohlbekannten Profile einiger Museumsdirektoren, die bekannten Gesichter von Kunsthändlern, Maklern, ganz wie vor dem Kriege. Das Publikum aber hatte sich vollkommen verändert. Viele Fettwänste drängten sich in den Reihen, mit mächtigen Glatzen, breiten Rücken und gepolsterten Hüften, völlig neue Gesichter, die niemand kannte. Viele Damen in kostbaren Pelzen, deren Urteil aber nur wenig Verständnis zeigte. Drei fabelhafte Nerzpelze waren anwesend, darunter ein Pelz, der früher einer Prinzessin gehörte.
Die Herrlichkeiten, die den Raum füllten und in den Vitrinen glitzerten, verwirrten die Sinne. Die Summen und Unsummen, die durch den Saal schwirrten, steigerten die Erregung zum Fieber.
In der ersten Seitenreihe saß ein ältlicher vertrockneter Agent, der alle Dinge von Wert und erlesener Schönheit an sich riß. Er trug eine graugrüne schäbige Perücke über den gierigen Raubvogelaugen und kämpfte, das Gesicht bleich und naß vor Erregung, mit knarrender, trockener Stimme gegen alle diese phantastischen Summen. Als ein Manet, ein herrliches kleines Stück des Meisters, ausgeboten wurde, entstand zwischen ihm und einem bekannten Museumsdirektor ein erbittertes Duell. Andere Liebhaber und Sammler waren längst zurückgeblieben, nur die beiden kämpften noch. Der kleine Makler mit der Perücke trug den Sieg davon, und der Museumsdirektor verließ bleich und tödlich gekränkt den Saal. Mit der gleichen Heftigkeit kämpfte der Makler mit der Perücke um das alte Familiensilber des Barons Flottwell. Er schlug sich hier mit einigen Händlern und einer Schar von Specknacken wie ein Rasender – seine Stimme aber blieb gleichmäßig quäkend, trocken und unangenehm. Auch hier blieb er Sieger. Dieser Kampf war viel erregter als der Kampf um das Gemälde, denn das Tafelsilber Flottwells stand wie der Silberschatz eines Domes auf dem Auktionstisch aufgebaut. Die Damen in den Pelzen erhoben sich erregt von den Sitzen, ihre Augen funkelten, nie hatten sie so herrliches Silber gesehen. Der Kampf um das Silber wurde dramatisch. Mit Genugtuung sah man, daß ein Specknacken nach dem andern niedergekämpft wurde. Die Frauen gönnten niemandem diesen herrlichen Schatz. Ein Aristokrat, ein früherer bekannter Herrenreiter, kämpfte noch eine Weile um den Flottwellschen Schatz. Ihm hätte man ihn vielleicht gegönnt, aber auch ihm nicht. Weshalb denn? Schließlich war man sogar befriedigt, als der frühere Herrenreiter sich geschlagen geben mußte.
Der siegreiche Makler rückte sich die Perücke auf dem Kopfe zurecht und wischte sich mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch den Schweiß vom Gesicht.
Welche Macht war hier auf dem Kampfplatz, die alles an sich riß? Zuweilen trieb der Makler mit der Perücke ein Objekt bis zu fabelhafter Höhe empor, um plötzlich abzuspringen. Aber das Silber? Welch eine phantastische Summe! Wer soll es haben? Ein Unbekannter?
Ein fetter Rücken flüsterte in das knorplige Ohr seines Nachbarn: „Es ist Schellenberg, was sagte ich Ihnen! Sehen Sie, dort steht er, jener große Herr, der sich Notizen in den Katalog macht.“
„Unmöglich!“
„Weshalb unmöglich? Ich sagte Ihnen ja –“
Wenzel Schellenberg folgte der Auktion mit aufmerksamer, gesammelter Miene und einem leisen gutgelaunten Lächeln. Nur zuweilen weiteten sich seine Augen, wie die eines Spielers, der einen hohen Einsatz wagt.
Einige Reihen vor ihm stand gegen die Wand gelehnt Herr von Stolpe, jener kleine Leutnant mit den rosigen Kinderwangen, der vor etwa drei Jahren den Waldverkauf vermittelt hatte. Er war anscheinend eifrig in den Katalog vertieft, und nur, wenn die Zahlen gespenstisch in die Höhe kletterten, streifte er mit einem unauffälligen Blick Wenzels Gesicht. Rollte Schellenberg den Katalog zusammen, so strich sich Stolpe unauffällig übers Haar, und in dem gleichen Augenblick sprang der Makler mit der grauen Perücke ab und überließ den andern das Schlachtfeld.
Nun ging es um die Louis-XVI.-Garnitur. Wiederum begannen die Zahlen wie Raketen in die Höhe zu schießen. Wiederum schien ein rasender Kampf zwischen dem Agenten mit der Perücke und einer Schar von Händlern bevorzustehen. Die Zahlen schossen derartig in die Höhe, daß der Saal unruhig wurde und die Frauen sich wiederum von den Sitzen erhoben. Stolpe wurde nervös. Er blickte auf Schellenberg. Aber Wenzel schien der Auktion gar nicht zu folgen. Er stand da und blickte zwischen den Köpfen hindurch, auf irgend jemand. Plötzlich wandte er zerstreut den Kopf, blickte in den Katalog, hörte die quäkende, trockene Stimme des Maklers und rollte den Katalog zusammen. Aber es war zu spät.
An den nächsten drei Objekten war Schellenberg nicht interessiert. Er blickte wieder zwischen den Kopfreihen hindurch: Es war hier auf der Auktion der Sammlung Flottwells, wo Schellenberg Jenny Florian wiedersah! Vor etwa drei Wochen hatte sie ihm Stolpe flüchtig vorgestellt. Er erkannte sie sofort wieder, an ihrem aschblonden Haar, das sie weich und schlicht in einem bescheidenen lockeren Knoten im Nacken trug. Ihr Profil, das er nun ruhig prüfen konnte, war klassisch schön. Eine gewölbte ruhige Stirne, darunter ein strahlendes, forschendes, klares Auge, das wie Perlmutter schimmerte. Das Gesicht, fein, träumerisch, in der Tat, Jenny Florian galt nicht umsonst als eine der schönsten Frauen Berlins. Nun fühlte sie den Blick und wurde unruhig.
„Wer war diese blonde Dame?“, hatte Wenzel damals Stolpe gefragt.
„Jenny Florian! Sie ist Schauspielerin, sie ist Tänzerin, man sagt, daß sie sehr gut modelliert und zeichnet. Sie singt auch.“
„Sie hat viele Talente. Alle Wetter!“ Wenzel lachte.