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Während einer Pause sah er Jenny Florian mit Stolpe und noch einem jungen Herrn, den er schon irgendwo flüchtig kennengelernt hatte, auf der Treppe plaudern. Er trat näher und machte eine kurze, knappe, etwas trockene Verbeugung. „Darf ich Ihnen guten Tag sagen, Fräulein Florian?“

Jenny errötete. Ihr klarer Blick wurde dunkler, und sie ließ den Kopf, wie sie es stets tat, wenn sie verlegen wurde, etwas auf die linke zarte Schulter sinken. „Herr Schellenberg!“ sagte sie. Ihre Stimme war zart, aber sehr hell.

Schellenberg wandte sich an ihren Begleiter mit einer noch kürzeren, noch trockeneren Verbeugung. Diese Verbeugung hatte sich Wenzel in den letzten Jahren angewöhnt, sie war fast geschäftsmäßig und schien auszudrücken, daß er auf Bekanntschaften eigentlich nicht mehr den geringsten Wert lege. „Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er. „Ich habe leider Ihren Namen nicht behalten.“

„Es ist der Maler Katschinsky, Herr Schellenberg,“ warf Stolpe ein.

Katschinsky verzog etwas den schönen Mund, schob die Schultern in die Höhe und reichte Wenzel mit hochmütiger Lässigkeit die Hand. Er war nicht gekränkt, daß Schellenberg seinen Namen vergessen hatte, das konnte vorkommen. Die geschäftsmäßige Kühle aber, mit der Schellenberg ihn ansprach, verletzte seine Eitelkeit. Die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit, wenn man nicht mehr sagen wollte, mit der Wenzel ohne weitere Umstände an Jenny herantrat, fand er im höchsten Grade unpassend. Wenn irgendein Mann von einigen Qualitäten mit Jenny plauderte, so fühlte er sich, so töricht es auch war, augenblicklich im Innersten erregt und bereit zu feindlicher Abwehr. Es war nicht Eifersucht, denn über derartige Gefühle war Katschinsky längst erhaben, es war die fortwährende dauernde Angst, daß Jenny an irgendeinem Manne Eigenschaften bewundern könne, die er nicht besaß. Wenzel war groß und stattlich, und der Glanz eines jungen, rasch und kühn erworbenen Reichtums umstrahlte ihn.

Wenzel beobachtete recht gut das hochmütige Zucken um Katschinskys Lippen, aber er ignorierte es. „Ich bitte um Verzeihung, Herr Katschinsky,“ sagte er um vieles freundlicher. „Ich erinnere mich nun genau, wir trafen uns bei der Gräfin Poppow.“ Glücklicherweise war ihm dies in der letzten Sekunde eingefallen, und während er sich wieder an Fräulein Florian wandte, erinnerte er sich eines unbehaglichen Gefühls, das er zuletzt im Salon der Gräfin Poppow empfunden hatte. Diese Gräfin Poppow lebte davon, daß sie jeden Sonntag ihren Salon einer Spielergesellschaft öffnete. Stolpe hatte Wenzel bei der Gräfin eingeführt. Er hatte dort einige Male gespielt, ohne jede Leidenschaft, ohne Genuß, und sich vorgenommen, den Salon der Gräfin Poppow zu meiden, ohne daß er einen bestimmten Grund angeben konnte. Die Atmosphäre sagte ihm nicht zu.

Unter den Spielern im Salon der Gräfin befand sich ein Russe, ein sehr eleganter junger Mann mit einem großen Brillanten am Finger. Diesen Brillanten hielt Wenzel für falsch, und es schien ihm gefährlich, mit Leuten zu spielen, die falsche Steine trugen. Er erinnerte sich, daß Katschinsky neben dem Russen saß und einmal ein Lächeln mit ihm austauschte. Dieses Lächeln hatte ihm mißfallen, er wußte nicht warum.

An all das dachte er, während er sich an Jenny Florian wandte: „Haben Sie etwas gesteigert, Fräulein Florian?“

Jenny errötete unter seinem Blick. „Oh, ich habe kein Geld!“ rief sie aus, und nachdem sie das gesagt hatte, errötete sie ein zweites Mal.

Katschinsky richtete sich auf. Wie töricht, dachte er, muß sie ihm denn gleich sagen, daß sie kein Geld hat? Sie wird es nie lernen, es ist zum Verzweifeln!

„Lieben Sie diese schönen Dinge?“ fragte Wenzel weiter. Die Verwirrung des jungen Mädchens entzückte ihn.

„Ich liebe sie leidenschaftlich!“ erwiderte Jenny. „Woher kommt es, daß diese alten Dinge schöner sind als die unserer Zeit?“

Wenzel zuckte die Achseln. „Wer sollte heute soviel Geld haben, diese kostbaren Dinge herstellen zu lassen? Hat aber jemand die Mittel, so hat er sicherlich nicht den Geschmack.“

Es schien Katschinsky an der Zeit, ebenfalls etwas zu äußern, und nur um etwas zu sagen, warf er lässig hin: „In früheren Zeiten hatte der Mensch von Kultur die Möglichkeit, sich in den herrschenden Kunststil einzufühlen, heutzutage aber veraltet ein Kunststil innerhalb von drei Jahren.“ Schellenberg hörte nur mit halbem Ohr zu, und Katschinsky schämte sich, etwas so Banales gesagt zu haben.

„Ich vermag die einzelnen Stile nicht zu unterscheiden,“ sagte Jenny. „Ich fühle nur, das ist schön, oder das gefällt mir nicht. Haben Sie viel gekauft, Herr Schellenberg?“

Diese Frage fand Katschinsky wiederum taktlos. Seine Augen blendeten vorwurfsvoll. Was ging es sie an, ob Schellenberg kaufte oder nicht? Er ahnte nicht, daß Jenny nur aus Verlegenheit diese Frage stellte.

„Einiges, einige Möbel und einige Porzellane,“ erwiderte Wenzel. „Ich kaufe weniger, weil ich mir ein besonderes Verständnis für Antiquitäten zuspreche, weniger aus ästhetischen Gesichtspunkten, ich kaufe vielmehr, weil ich in guten Antiquitäten eine bessere Kapitalsanlage sehe als in zweifelhaften Effekten.“

Jenny starrte ihn verständnislos an, so sehr hatte sie seine Offenheit verblüfft.

„In welchem Theater spielen Sie zur Zeit?“ fragte Wenzel.

Sie errötete einige Male nacheinander und legte den Kopf ganz schief. „Ich spiele zur Zeit gar nicht,“ sagte sie hastig. „Die hiesigen Direktoren wollen mich nicht haben.“

„Fräulein Florian beendet ihre Studien,“ kam ihr Katschinsky zu Hilfe.

„Meine Frage war nicht Neugierde, Fräulein Florian,“ fuhr Wenzel fort, „sie war höchst eigennützig. Würden Sie sich für den Film interessieren?“

Sofort war Jenny Feuer und Flamme. „Aber natürlich!“ rief sie.

„Nun,“ erwiderte Wenzel, indem er sich verabschiedete, „vielleicht darf ich mir erlauben, einmal auf unser Gespräch zurückzukommen. Ich unterhandle zur Zeit mit einigen großen Gesellschaften, aber die Dinge sind noch völlig in der Schwebe.“

Die Auktion ging weiter.

„Sehen Sie zu, daß uns die Meißner Uhr nicht entgeht,“ raunte Wenzel Stolpe ins Ohr.

„Ich werde nicht verfehlen,“ antwortete Stolpe mit einer knappen, unterwürfigen Verbeugung.

Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf. Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht.

Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil. Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“

Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen. Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte.

Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene Stimme des Maklers siegte abermals.

Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in verschämter Haltung den Saal.

Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr steht.“

„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete.

„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“

„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“

Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male, da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack.

Dieses ganze Glück verdankte er dem Waldverkauf, den er vor etwa drei Jahren vermittelt hatte. Allerdings – Stolpe war nicht so einfältig, dies zu übersehen – hatte Wenzel Schellenberg mit diesem Wald ein Vermögen verdient! Wegen irgendeiner Klausel des Vertrags hatte er mit der Forstverwaltung prozessiert. Der Prozeß dauerte zwei Jahre, und als Wenzel schließlich bezahlen mußte – die Mark war damals noch nicht stabil –, zeigte es sich, daß er den ungeheuren Komplex für ein Butterbrot erhalten hatte.

Stolpe gab seine Karte bei Frau von Griesbach ab. Ein ältliches Mädchen, schüchtern, verblüht, empfing ihn. Sonderbar, so unsicher sich Stolpe Wenzel und seinen Geschäftsfreunden gegenüber benahm, so sicher wurde er, sobald er sich in seinen eigenen Kreisen bewegte. Er klappte mit den Hacken, dienerte, schnarrte, zog die Hose an den Fingerspitzen übers Knie, sprach ohne jede Stockung. Ein sonderbarer Auftrag! Das ältliche Mädchen errötete, stand auf und verließ das Zimmer.

Die großen Zimmer waren kalt und hell. Schon zeigte sich eine auffallende Kahlheit. An einigen dunklen Vierecken an der verblaßten Tapete erkannte man, daß Bilder von der Wand entfernt worden waren. Offenbar hatte man die Teppiche fortgenommen. Dort hatte eine Vitrine gestanden. Die Tapete zeigte ganz deutlich das Gespenst des Schrankes.

Frau von Griesbach erschien selbst, schwarzgekleidet, in ein Schultertuch eingehüllt, fröstelnd, mit spitzer Nase und kalkigem Gesicht. Sie war außerordentlich erregt. Wenzels Anerbieten schien sie tief verletzt zu haben.

„Wir sind allerdings verarmt,“ rief sie mit einer dünnen, unangenehmen Stimme aus. „Wir sind gezwungen, ein Stück um das andere zu verkaufen, um das Leben zu fristen. Aber das ist doch kein Grund, daß uns jeder reichgewordene Börsenspekulant, jeder Jude –“

„Mamachen!“ unterbrach sie das ältliche Mädchen mit zärtlicher Stimme.

Wer war dieser Herr Schellenberg, der da glaubte –? Nein, sie wolle um keinen Preis eine Gefälligkeit von einem völlig Unbekannten annehmen.

Hier aber erhob sich Stolpe, beteuerte, erklärte. Sein Chef, Herr Wenzel Schellenberg, bekleide den Rang eines Hauptmanns, sie verkenne ihn völlig. Es sei ihm einfach unmöglich, jemand eine geliebte Sache zu rauben. Frau von Griesbach war plötzlich völlig umgestimmt, gerührt über so viel Großherzigkeit. Sie willigte ein, die Uhr wenigstens noch einige Zeit bei sich zu haben. Ihr Herz hänge an der Uhr, besonders an dem Glockenspiel, das sie durch glücklichere Jahrzehnte begleitet habe. Die Uhr sei ein Erbstück ihrer Familie. Ihr Vater habe sie persönlich vom König von Sachsen bekommen. Sie vergoß sogar Tränen über Schellenbergs Großmut.

„Nur leihweise, Sie verstehen mich, Herr von Stolpe. Herr Schellenberg kann die Uhr jederzeit wieder abholen lassen.“

Sie ließ Wenzel eine silberne Tabakdose übersenden, um ihren Dank auszudrücken. Anders tat sie es nicht.

Als Stolpe Schellenberg die Tabakdose aushändigte, brach er in lautes Gelächter aus.

Am andern Tage überbrachte Stolpe die Uhr. Dazu ein großes Blumenarrangement, das Wenzel zum Dank für die Dose sandte.