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Wenzel Schellenberg hatte sich in dem Bureauhaus in der Wilhelmstraße im Laufe der Jahre über alle Etagen ausgebreitet. Er hatte das Haus gekauft und die Mieter langsam, einen um den andern, hinausgedrängt. Nun war er dabei, zwei Etagen aufzustocken und der Fassade das rechte Gesicht zu geben.
Wenzel Schellenberg kam wie eine Lawine daher.
Er besaß einen ganzen Park von Automobilen und ein halbes Dutzend der edelsten Reitpferde. Er hatte die Dampfjacht einer Herzogin gekauft. Von dem ersten Architekten Berlins, Kaufherr, hatte er sich eine Villa in Dahlem bauen lassen. Die Villa war indessen noch nicht im Rohbau fertig, da zeigte es sich, daß sie viel zu klein für ihn war. Er erwarb einen Bauplatz im Grunewald, wunderbar an einem kleinen See gelegen. Hier baute Kaufherr zur Zeit das Schellenbergsche Palais, ein Schloß sozusagen, wie es seit Jahrzehnten in Berlin nicht mehr errichtet worden war.
Wenzel hatte in den ersten Jahren gekauft und verkauft, alles, was ihm gut schien, wo er einen Gewinn witterte. Es war nicht sein Verdienst, daß er immer gewann. Es war der Sturz der Mark, der ihm die Reichtümer in den Schoß warf. Er hatte Raucheisens Wort nicht vergessen, daß keine Macht der Welt imstande sei, die Mark aufzuhalten, bevor sie nicht in Atome zersplittert sei. Er kaufte Wälder, Schiffe, Terrain, Güter, Bergwerke, Fabriken. Als die Ziegeleien ausgeschlachtet wurden, kaufte er alle Ziegeleien, die er auftreiben konnte. Als die Gärtnereibetriebe in den Glashäusern unrentabel wurden und ganze Städte aus Glas ausgeschlachtet wurden, ließ Wenzel aufkaufen, was nur erreichbar war. Ganze Straßenzüge in den Provinzstädten gehörten ihm. Diese Narren, die verärgert waren durch die Schikanen der Mietgesetze und die geringen Zinserträge, ließen sich von den Zahlen verwirren. Um die Häuser, die Schellenberg gehörten, kümmerte er sich nicht. Es war eine besondere Abteilung, und zwei Anwälte fochten die Legion von Prozessen aus, die die Mieter gegen Wenzel führten.
Wenzel kaufte in Papiermark. Wenn er aber verkaufte, so forderte er wenigstens einen Teil der Kaufsumme in Devisen. Das war gegen das Gesetz, aber das kümmerte ihn nicht. Niemand, der nicht ein völliger Narr war, kümmerte sich um Gesetze, die einen jeden ruinieren mußten, der sie befolgte. Seine Verträge aber waren so entworfen, daß es auch nicht die kleinste Masche gab, durch die man entschlüpfen konnte.
Dann kaufte er Patente und Erfindungen, die ihm aussichtsreich schienen. In irgendeiner zweifelhaften Gesellschaft hatte er einen Patentanwalt kennengelernt, der dem Alkohol völlig verfallen war, aber eine ausgezeichnete Witterung für gewinnversprechende Erfindungen hatte. Er engagierte ihn, und es war ihm völlig gleichgültig, daß der Patentanwalt nur einen Tag in der Woche wirklich brauchbar war. Er opferte für diese Patente viel Geld, aber eine einzige glückliche Erfindung warf ihm die zehnfache Summe in den Schoß. Er gründete eine Fabrik in Holland, die ungeahnte Gewinne abwarf. Von dieser Fabrik wußte überhaupt nur sein erster Direktor, Goldbaum, sonst niemand. Sie erschien nicht in seinen Büchern.
Wenzel schnitt niemandem die Kehle durch, um die Wahrheit zu sagen. Wenn er erfuhr, daß ein Vertrag allzu große Nachteile für den Kontrahenten hatte, so machte er großzügige Konzessionen. Bei Raucheisen hatte es das nicht gegeben. Ein Vertrag war ein Vertrag, und wenn er den Kontrahenten zermalmte.
Allmählich kam in seine Geschäfte System und Gedanke. Eine Zeitlang warf er sich auf die Papierfabrikation. Er brachte eine große Anzahl von Papier- und Zellulosefabriken in seine Hand. Diese Fabriken besaß er noch heute, aber sie waren längst nicht mehr die Hauptobjekte des Konzerns. Mit dem größten Teil seines Vermögens hatte er sich auf die chemische Produktion geworfen, deren Hauptabsatzgebiet im Auslande lag. In dieser Zeit hatte er häufig lange Besprechungen mit Michael, der ihm manchen gewinnbringenden Rat gab. Er hatte die Absicht, Michael für seine Firma zu gewinnen. Aber Michael wies auch die phantastischsten Angebote zurück.
Die Arbeit war keineswegs einfach. Sie erforderte große Energie und eine unverwüstliche Gesundheit. Wenzel gönnte sich keine Ruhe. Er arbeitete sechzehn Stunden und mehr am Tage. Er schlief mit dem Telephonhörer am Ohre ein, und wenn es sein mußte, saß er nach dreistündigem Schlaf, bevor es noch recht Tag war, schon wieder im Auto. In all den drei Jahren hatte er noch nicht drei Wochen Ferien im ganzen gemacht. Je bewegter der Tag war, je fiebernder, desto wohler fühlte sich Wenzel. Es war ganz genau so, als ob er am Spieltisch saß und pointierte, er spielte nun den ganzen Tag. Es war nichts anderes für ihn als ein fortwährendes Hasardieren. Wenzel hatte sogar schon seine Grabschrift in diesem Sinne entworfen. Auf seinem Grabstein sollte einmal stehen: „Hier ruht Wenzel Schellenberg, der Spieler.“
Er liebte diese Tätigkeit mehr als alles. Ja, nun gehörte er zu jenen, die „auf den Knopf drückten“. Die Türen sprangen auf, die Direktoren und Beamten stürzten mit Mappen und Akten über die Korridore ...
Unter seinen Mitarbeitern und Agenten befand sich eine größere Anzahl ehemaliger Offiziere, sogar ein General war unter ihnen. Alle drängten sich an ihn heran, der Erfolg war wie ein Magnet, das Geld zog an. In allen Augen entdeckte er die Gier nach dem Besitz und die Begierde, das Geheimnis seiner Erfolge zu ergründen. Alle demütigten sich um dieses elenden Geldes willen.
Wenzel Schellenberg war eine Macht geworden. Er hatte ein ungeheures Vermögen zusammengerafft, eine Masse von Geld, die anschwoll, abebbte und wieder anschwoll. Als man daranging, die Mark zu stabilisieren, traf Wenzel seine Vorbereitungen. Ohne jeden Zweifel mußte eine völlige Änderung der ganzen Wirtschaft eintreten. Um seine Unternehmungen flüssig zu halten, würde er für den Übergang riesige Summen benötigen. Man erinnert sich noch an jene Börsentage, da die Effekten sich von einer Börse zur andern verdoppelten. Es waren schwere Tage für Wenzel. Mit dem starren Gesicht des leidenschaftlichen Spielers, der alles wagt, saß er da und wartete. Zwei, drei Börsentage wartete er ab, dann aber entschloß er sich. Als alle Welt noch glaubte, daß dieses Spiel sich endlos fortsetzen würde, verkaufte er seinen gesamten Aktienbesitz.
Es war eine Donnerstagbörse. Diesen Tag würde er nie vergessen. Er hatte die Order gegeben. Seine Finanzdirektoren, gewiegte und gerissene Burschen, hatten ihn beschworen, zu warten, besonders der dicke Goldbaum, der sein ganzes Leben auf der Börse verbracht hatte. Gegen alle diese Stimmen hatte er den Auftrag zum Verkauf gegeben.
Goldbaum fuhr blaß wie eine Leiche zur Börse. Noch heute mußte Wenzel lachen, wenn er an diese Szene dachte. Und es ist wahr: Er lachte auch damals! Denn es war ihm schließlich gleichgültig, ob er morgen das Doppelte oder nur den zehnten Teil besaß. An diesem Börsentage hatten die Kurse der meisten Papiere sich verdoppelt, an der nächsten Börse aber krachte das ganze Gebäude zusammen. Innerhalb von zwei Tagen hatte Schellenberg sein Vermögen verdoppelt und verdreifacht. Er war flüssig, er hatte Millionen zur Verfügung. Und selbst Raucheisen, dieser riesige Konzern, schwankte in diesen Tagen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn der alte Raucheisen ihn nicht kaltgestellt hätte, weil er zehn Minuten zu spät kam, wie?
Schellenberg trat als Geldgeber auf und diktierte die Zinssätze. Während Tausende von Unternehmungen in dem Höllenstrudel versanken, stand Schellenberg wie ein Leuchtturm in der Brandung.