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Wenzel besaß zwei große Fabriken für Rohfilme. Sie lagen im Rheinland. Schon vor längerer Zeit hatte er ein Patent erworben, das die Herstellung farbiger Filme in großer Vollendung gewährleistete. Es waren nicht jene Filme mit grellen Farben. Die Farben waren weich getont, wie Pastell. Auf dieses neue Verfahren setzte Wenzel große Hoffnungen.

Häufig hatten große Filmkonzerne eine Geschäftsverbindung mit ihm gesucht. Aber Wenzel war bis heute nicht dazu zu bewegen gewesen, sich an der Filmproduktion auch nur mit einem Pfennig zu beteiligen. Die Rentabilität war nicht sicher und die Filmleute so gerissene Geschäftsleute, daß er ihnen nur mit der größten Vorsicht begegnet war. Die Filmindustrie war in den letzten Monaten völlig niedergebrochen. Man wandte sich immer dringender um Kredite an Wenzel, und in den letzten Monaten hatte ihm ein bekannter Filmkonzern verlockende Angebote gemacht. Sein Finanzberater, der dicke Goldbaum, hatte stundenlang auf ihn eingeredet. Aber Wenzel zögerte. Vielleicht bekam Goldbaum Prozente, wenn er das Geschäft vermittelte? Vielleicht? Sicher bekam er sie. Goldbaum hatte sich Reichtümer erworben, deren Quellen nicht bekannt waren. Nun gut, weshalb nicht? Er machte Geschäfte wie jeder andere, wie alle seine Mitarbeiter.

Als Wenzel Jenny Florian im Auktionssaal von Duval & Co. erblickte, forschte er augenblicklich nach einer Möglichkeit, mit der schönen Schauspielerin in Verbindung treten zu können. Während er mit ihr auf der Treppe sprach und ihre helle Stimme und der Reiz ihres scheuen Benehmens ihn entzückten, hatte sich dieser Wunsch in ihm verstärkt. Mit welcher Inbrunst hatte sie, als er sie fragte, ob sie diese schönen Dinge liebe, geantwortet: „Ich liebe sie leidenschaftlich!“ Kindliche Begierde und Sehnsucht strahlten aus ihren Augen, während sie diese Worte sprach. In diesem Augenblicke empfand Wenzel das Verlangen, daß diese Frau ihm näherkommen möchte, und da fielen ihm plötzlich die Verhandlungen mit dem Filmkonzern ein. Nur aus diesem Grunde hatte er sie gefragt, bei welchem Theater sie zur Zeit spiele. Es traf sich günstig, daß sie ohne Engagement war.

Schon am Tage nach der Versteigerung rief er Mackentin und Goldbaum zu sich, um mit ihnen die Frage des Kredits an den Filmkonzern erneut zu beraten. Goldbaum war hocherfreut, daß er auf diesen Gegenstand zurückkam. Sein fettes, mit hellroten Bartstoppeln bedecktes Gesicht strahlte, seine kleinen Augen blitzten listig hinter dem schiefen Kneifer. Mackentin aber verzog mißmutig das Gesicht mit der schiefen Nase.

„Versuchen Sie die äußersten Bedingungen zu erzielen und ziehen Sie die Daumenschrauben tüchtig an.“ ‚Die Daumenschrauben‘, das war ein stehender Begriff im Schellenbergschen Sprachschatz geworden. „Sehen Sie zu, daß wir im Laufe des morgigen Vormittags eine Besprechung mit den Herren haben können.“

„Sie wollen also wirklich diese hohe Summe daran setzen?“ fragte Mackentin düster, zu Wenzel emporschielend.

„Ich habe meine Gründe.“

Mackentin sah Wenzel an und machte eine kleine Verbeugung. „Schön, schön,“ erwiderte er. „Die Konferenz wird im Laufe des morgigen Vormittags stattfinden.“

Einige Tage später erhielt Jenny Florian von der Odysseus-Film-Gesellschaft einen äußerst höflichen Brief mit der Aufforderung, sich sobald wie möglich im Bureau der Gesellschaft vorzustellen. „Herr Wenzel Schellenberg hatte die große Liebenswürdigkeit, uns auf Ihre Begabung aufmerksam zu machen.“

„Herr Wenzel Schellenberg!“

Jenny errötete. Sie las den Brief einigemal und fühlte, wie ihre Hand eine leichte Lähmung überkam. Dann aber geriet sie in einen wahren Freudentaumel. Sie kleidete sich hastig an und stürzte augenblicklich zu Katschinsky.

„Sieh diesen Brief!“ rief sie aus. „Es ist die Odysseus-Gesellschaft!“

Aber Katschinsky schien über diese frohe Botschaft gar nicht so sehr erfreut zu sein. Er nahm den Brief mit zwei Fingerspitzen auf und kniff die Lippen zusammen. „Ah, Schellenberg,“ sagte er, leise und spöttisch lachend, und kräuselte die Stirne bedeutungsvoll.

„Vielleicht ist es möglich, daß du ebenfalls bei der Gesellschaft ankommst?“ Jennys Stimme schmeichelte, sie sah, daß er blaß geworden war.

Katschinsky setzte ein verletztes Lächeln auf. „Ich brauche keine Protektion,“ sagte er gekränkt.

„Aber nun höre zu!“ rief Jenny und warf sich aufgeregt in einen Sessel. „Sie schreiben, ich möchte ihnen eine kleine Szene vorspielen, damit sie wissen, wie sie mich am günstigsten herausstellen können. Was für eine Szene soll ich spielen? Rate mir!“

Katschinsky ging nachdenklich auf und ab. „Was für eine Szene? Nun, wir wollen darüber nachdenken. Strindberg? Willst du eine Szene aus Strindbergs ‚Christine‘ spielen?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube, nicht Strindberg.“ Sie berieten hin und her. Endlich sprang Jenny ungeduldig auf. „Wir wollen zu Stobwasser gehen, vielleicht fällt ihm etwas ein.“

Stobwasser saß still, das Antlitz voller Sammlung, in seinem Atelier, umgeben von seinen Papageien, Kakadus, Staren und seiner Katze, und modellierte an einer kleinen Tierplastik. Er begriff nicht sofort, was die beiden wollten, die ihn überfallen hatten. Dann aber glühte in seinen dunklen Augen die Wärme auf. „Das ist ja eine herrliche Sache, Jenny!“ rief er aus. „Ich beglückwünsche Sie herzlich!“

„Das Auge eines Finanzgewaltigen ist auf Jennys blonden Scheitel gefallen,“ sagte Katschinsky sarkastisch.

Jennys Gesicht wurde hellrot, wie im Fieber. „Es wird dir nicht gelingen, mir die Freude zu verderben!“ rief sie aus. Sie lachte dabei, aber sie schämte sich für Katschinsky, der selbst vor Stobwasser seine Eifersucht nicht verbergen konnte.

Stobwasser aber schob die Arbeit zur Seite und begann nachzudenken. Ja, was sollte Jenny spielen? Es war natürlich von der größten Wichtigkeit, daß das Debüt erfolgreich verlief. Schließlich hob er die Hände zur Decke empor. „Himmel, eine Inspiration!“ rief er aus. „Laß uns nachdenken, Katschinsky. Von diesen zehn Minuten kann Jennys ganze Zukunft abhängen. Wir wollen ins Café gehen und beraten.“

Im Kaffeehaus wurde beschlossen, daß Jenny weder Strindberg noch sonst einen Dichter spielen sollte. Sie sollte eine kleine Szene vorspielen, die ihr schauspielerisches Talent und alle die Vorzüge ihrer Erscheinung ins rechte Licht setzen sollte. Ja, aber was für eine Szene?

Plötzlich hatte Jenny eine Inspiration. „Ich werde folgende Szene spielen!“ rief sie aus. „Seid still! Ich spiele einen Mannequin in einem Modesalon. Das heißt, nicht einen Mannequin, sondern eine Wachspuppe. Ein schöner Herr geht vorüber, die Wachspuppe erwacht langsam zum Leben. Der Herr fühlt es, dreht sich um, nun wird sie ganz lebendig. Sie plaudert mit dem Herrn. Da aber kommt der Abteilungschef, sie erstarrt wieder zu einer Wachspuppe. Aber sie ist nicht an der richtigen Stelle erstarrt. Nun muß sie sich ganz langsam zu ihrem Postament zurückbegeben. Endlich steht sie wieder auf dem alten Platz. Wie gefällt euch dies?“

Katschinsky schüttelte den Kopf. Er war nicht zufrieden.

Stobwasser aber sprang begeistert auf. „Was für eine wunderbare Szene!“ rief er aus. „Sie werden Augen machen. Wenn sie Sie dann nicht engagieren, ist ihnen nicht zu helfen!“

„Sie werden sie engagieren,“ sagte Katschinsky mit großer Bestimmtheit.

„Wieso weißt du das?“ fragte Jenny, verletzt durch seinen Ton.

Katschinsky lenkte ein. „Ich wollte sagen, wenn du die Szene gut durcharbeitest, so bin ich überzeugt, daß du Erfolg haben wirst.“

Jenny aber hatte seine Gedanken wohl erraten. Sie erhob sich. „Ich werde nun gehen, um gleich mit der Arbeit zu beginnen,“ sagte sie.

Katschinsky hob seinen Blick flehend zu ihr. Sie schien ihn nicht zu bemerken.