5
Jenny hatte ihre kleine Szene „Die verliebte Wachspuppe“ bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet und hundertmal vor dem Spiegel eingeübt.
Man empfing sie bei der Odysseus-Gesellschaft mit äußerster Zuvorkommenheit. Sie brauchte nicht eine Sekunde zu warten. Die Türen öffneten sich von selbst, und über lange Korridore wurde sie direkt in das Heiligtum des Direktoriums geleitet.
Eine Sekretärin nahm sie zur Seite und übergab ihr mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Es war ein kurzes Schreiben Schellenbergs, der sie ermahnte, keinerlei Vertrag zu unterschreiben, bevor er ihn nicht gesehen habe. Er wünsche die Angelegenheit mit ihr gründlich zu besprechen und würde sich freuen, wenn sie übermorgen die Oper mit ihm besuchen könne, da er am Tage keine freie Minute habe.
Jenny las. Oh, sie verstand, sofort war ihr Gesicht fieberrot.
Im Direktionszimmer erhoben sich einige elegant gekleidete, beleibte Herren, höflich, ja fast unterwürfig.
„Haben Sie sich irgend etwas ausgedacht, womit Sie uns überraschen werden, Fräulein Florian?“ fragte einer der Direktoren.
Jenny erzählte kurz ihre Szene. Ihre Augen waren vor Angst doppelt so groß geworden.
Man war sehr zufrieden mit dem Einfall. Dann begann sie, aber sie spielte verwirrt und schlecht.
„Ich muß noch einmal anfangen,“ sagte sie.
„Bitte, seien Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Erregung.“ Die Herren verschwanden tief in ihren Sesseln, um sie ja nicht zu stören.
Als sie die kleine Szene schlecht und verwirrt gespielt hatte, drückten ihr die Direktoren anerkennend die Hand. „Wir werden sehen, Fräulein Florian. Es wird nötig sein, Sie in einer ganz besonderen Sache herauszubringen. Sie sollen der Star unserer Gesellschaft werden. Der Vertrag, den wir Ihnen anbieten, läuft über drei Jahre. Sie können ihn morgen unterzeichnen.“ Unter vielen Bücklingen komplimentierten die Direktoren Jenny hinaus. Als sich aber die Polstertür hinter Jenny geschlossen hatte, sahen sie einander bedeutungsvoll an.
„Es ist eine Katastrophe,“ schrie der eine der wohlbeleibten Direktoren. „Sie ist ja eine völlige Dilettantin!“
„Sie ist begabt,“ warf der Regisseur ein. „Und sie ist hübsch, ja schön. Ihr Körper ist ohne Tadel, ihre Bewegungen sind ungekünstelt, reizvoll, bezaubernd, rührend, voller Musik. Sie war heute verwirrt und unsicher. Überlassen Sie sie mir. In zwei Monaten ist sie nicht wiederzuerkennen.“
„Zwei Monate! Oh! du gerechter Himmel!“
Katschinsky wurde kreidebleich, als Jenny ihm Schellenbergs Brief zeigte. „Wirst du gehen, Jenny?“ fragte er, indem er die grauen Augen streng auf sie heftete.
„Natürlich werde ich gehen! Ich gefährde doch nicht meinen Ruf, wenn ich mit einem Herrn eine Opernvorstellung besuche, der guten Kreisen angehört?“
„Aber weißt du denn, wer Wenzel Schellenberg ist? Gute Kreise? Zugegeben, er war früher Offizier – sein Ruf ist jetzt nicht der beste. Du weißt, daß er einer der rücksichtslosesten Ausbeuter ist, die heute in Deutschland leben. Dazu ist er einer der bekanntesten Frauenjäger Berlins. Er hat die Frauen zu Dutzenden. Er kauft sie, wie man Ware kauft!“ Katschinskys Stimme bebte.
Nun war es an Jenny, blaß zu werden. „Beruhige dich,“ versuchte sie ihn zu besänftigen, bebend unter seinen versteckten Beschimpfungen. „Ich habe dir nie Anlaß gegeben, mich für leichtsinnig zu halten. Wie töricht ist deine Erregung! Ich werde die Oper mit ihm besuchen, um nicht ungefällig zu erscheinen, und das ist alles.“
„Also du gehst?“
„Ja, ich gehe.“
Krachend flog die Türe ins Schloß.
Jenny weinte. Sie warf sich auf die schmale Ottomane ihres bescheidenen Zimmers. Dann aber erhob sie sich, wusch sich die Augen, kühlte die Wangen mit Kölnischem Wasser.
„Soll er gehen,“ sagte sie, während sie sich eine Zigarette anzündete. „Ja, soll er gehen! Schluß, Schluß, Schluß! Oh, wie gut es ist, daß es zu Ende ist!“ Jetzt erst wurde sie zornig. Sie stieß mit dem Fuß auf den Boden. „Er ist anmaßend, er ist lächerlich. Und was ist er schließlich? Sobald ein Mann Erfolg hat, beschimpfen ihn die andern Männer! Es ist Zeit, es ist hohe Zeit, daß ich diese Verbindung löse! Ich aber habe gefallen,“ fuhr sie in anderem Tone fort, triumphierend, und wiegte sich tänzelnd in den Hüften, während sie auf dem abgetretenen Teppich hin- und herging. „Mein Engagement ist perfekt. Ich werde meinen Weg machen. Und Schellenberg –“ Freude durchströmte sie. „Sofort werde ich an Papa schreiben.“
Jenny Florian stammte aus Lübeck. Hier kannte sie jedermann. Sie hatte als kleines Mädchen Gedichte vorgetragen und Blumensträuße überreicht, wenn eine hohe Persönlichkeit ihre Vaterstadt besuchte. Mit zwölf Jahren hatte sie bei einem Festzug in bedeutender Rolle mitgewirkt. Mit vierzehn Jahren bekam sie einen Preis bei einem Schwimmfest. Wer sollte Jenny Florian nicht kennen? Täglich ging sie durch die Breite Straße, zwischen fünf und sechs Uhr, wie alle Welt. Mit sechzehn Jahren malte und modellierte Jenny Florian. Eine Buchhandlung arrangierte eine kleine Ausstellung ihrer Arbeiten, und die Kritiker der Zeitungen schrieben anerkennende Aufsätze darüber. Mit siebzehn Jahren trat Jenny Florian beim Stadttheater als Volontärin ein und feierte in einigen kleinen Rollen Triumphe. Wer sollte also Jenny Florian nicht kennen? Man prophezeite ihr eine große Zukunft. Sie galt als das größte Talent ihrer Vaterstadt, und es war nicht zweifelhaft, daß sie eines Tages eine berühmte Künstlerin werden würde. Vielleicht Malerin, vielleicht Schauspielerin, vielleicht auch eine berühmte Sängerin? Denn es war bekannt, daß Jenny eine wunderbare Stimme habe. Erschien sie nur auf der Straße, so wandten sich alle Leute nach ihr um.
Es war klar, daß die kleine Stadt Lübeck nicht der Ort war, wo Jennys große Begabung sich entwickeln konnte. Ihr Vater, ein Beamter, stolz auf seine begabte Tochter, sandte sie zuerst auf die Kunstschule in Hamburg. Dann aber ging sie nach Berlin, um sich ernsthaft der Bühne zu widmen.
In Hamburg, auf der Kunstschule, hatte sie Katschinsky kennengelernt, und in Berlin hatten sie sich natürlich wieder getroffen. Katschinsky hatte in dieser Zeit einige kleine Erfolge erzielt. Ein paar Witzblätter brachten einige seiner Karikaturen. Bei einer Ausstellung wurde er anerkennend von der Kritik erwähnt. Sie sah zu ihm auf. Katschinsky begleitete sie in die Museen, er führte sie in die Theater, erzählte ihr Interessantes über diesen und jenen Bühnenkünstler, Anekdoten, Klatsch. Er führte sie in das Künstlercafé und zeigte ihr diese und jene Berühmtheit. Er stellte sie jungen Malern, Architekten, Schriftstellern vor, führte sie in verschiedenen Ateliers ein. Er war ein unschätzbarer Mentor. Mehr als das: er liebte sie.
Nun aber war Jenny in einen großen Konflikt geraten. Schon seit einigen Monaten hatte sie es sich vorgenommen und immer gezögert. Von Woche zu Woche. Sie wollte sich von Katschinsky trennen! Sie entfernte sich von ihm täglich mehr, aber er schien es nicht zu bemerken. Ihr Urteil war rasch reifer geworden. Sie erkannte, daß sie die Persönlichkeit des Freundes überschätzt hatte. Sie sah plötzlich seine Fehler und Schwächen. In den Zeiten, da sie ihn zu lieben glaubte – denn in Wahrheit hatte sie ihn nie geliebt, das wußte sie jetzt –, in diesen Zeiten hatte sie zu ihm gesagt: „Du bist so schön wie Apollo.“ Nunmehr aber sagte sie zu ihm: „Dein Mund ist zu weich, du hast den Mund eines Mädchens.“ Sie hatte sein seidenes, blondes Haar geliebt, nun aber fand sie, daß dieses Haar zu zart, zu seidig, viel zu mädchenhaft war. Noch vor Monaten hatte sie aller Welt die Tugenden Katschinskys gepriesen. Es gab keinen uneigennützigeren Menschen. Nunmehr aber wußte sie, daß Katschinsky nichts war als ein Egoist, der nur an sich dachte und an nichts anderes. Mehr als einmal mußte sie sich überzeugen, daß er sie belog. Und nichts haßte sie mehr als die Lüge. Sie war in Verlegenheit, er versicherte, kein Geld zu haben, aber doch ging er da und dort hin, in dieses Café, in jene Diele. Ihr Vater sandte ihr jeden Pfennig, den er entbehren konnte. Es war nur wenig, aber dieses Wenige teilte sie mit Katschinsky, wenn es ihm schlecht ging. Sie vergaß es ihm nicht, daß er einmal Geld von ihr borgte, um, wie er sagte, einem kranken Freunde beizuspringen. Sie gab ihm das Geld und lebte eine Woche von Tee und Weißbrot. Dann aber erfuhr sie, daß Katschinsky das Geld von ihr geborgt hatte, um auf einen Maskenball zu gehen. Sie erfuhr es ganz durch Zufall. Sie erfuhr aber auch durch Zufall, daß Katschinsky eine Liebelei mit einer Verkäuferin angefangen hatte und von dem Mädchen Geld nahm. Mehr und mehr wurde es ihr klar, daß man seinen Worten nicht vollen Glauben schenken konnte. Oh, mehr als das, es wurde ihr klar, daß er fast immer log. In letzter Zeit hatte er sie auch bei seinen neuen Freunden eingeführt, wo man spielte, aber sie hatte sich vorgenommen, in Zukunft diese Kreise zu meiden.
„Bedenklich,“ sagte sie sich, „scheinen mir seine neuen Bekanntschaften und Ambitionen.“
Ganz allmählich war der Glanz verblaßt, in dem sie den einst Vergötterten gesehen hatte.
An all das dachte sie, während sie an ihren geliebten alten Vater schrieb, um ihn durch die Nachricht zu erfreuen, daß sie einen dreijährigen Kontrakt mit einer der ersten Filmgesellschaften abgeschlossen habe. Der Vertrag sei so gut wie perfekt. Über die Bedingungen würde sie morgen berichten. Aber während sie schrieb – ausführlich schilderte sie den heutigen Empfang bei der Gesellschaft, nur den Namen Schellenberg erwähnte sie nicht –, während sie schrieb, quälte sie dieser Konflikt, in dem sie sich befand. Ich werde mit Katschinsky brechen, sagte sie sich. Oh, ich hätte es schon längst tun sollen. Was wird er nun glauben? Er wird allen Leuten erzählen, daß –
Das aber war nicht alles, nein. Das allein hätte sie nicht so gepeinigt, es kam noch etwas dazu, und das war weit fürchterlicher: Sie fühlte, daß ihr dieser Wenzel Schellenberg nicht gleichgültig war. Ja, es war unzweifelhaft, sie fühlte es zu deutlich. Oft schien es, als stocke ihr der Atem, ihr schwindelte. Und dann schien es wieder, als habe man mit einem haarscharfen Messer ihre Brust geritzt und ein Tropfen Blut fließe über ihre Brust herunter. Es war keine Selbsttäuschung möglich: sie sehnte sich nach diesem großen, breitschulterigen Mann mit dem etwas derben Gesicht und dem – wie war es doch, sein Lächeln? Verächtlich, überheblich? Sie sehnte sich nach ihm, mehr noch, sie liebte ihn, sie wußte es, und daß sie ihn liebte, das war entsetzlich! Nicht sein Geld liebte sie, seinen Reichtum, seine Schätze, Pferde und Automobile. Sie wollte nicht sein Geld. Nicht einen Pfennig würde sie von ihm annehmen. Sie wollte nicht seine Pferde und Automobile, was gingen sie die an? Er protegierte sie. Sollte er nicht das Recht haben, sie zu protegieren? Zugegeben, daß der Vertrag mit der Odysseus-Gesellschaft ohne seine Vermittlung niemals zustande gekommen wäre. Er wollte ihr gefällig sein. Konnte sie es ihm verbieten? Katschinsky aber hatte stets nur an sich gedacht, und selbst jetzt empfand er nichts als Eifersucht, weil sie Erfolg hatte.
Aber am entsetzlichsten war es, daß nicht ihr Herz allein erregt war, auch ihre Sinne. Was würde werden? Was würde geschehen? Er würde es ihr sofort ansehen, auf den ersten Blick. „Ratet mir, was soll ich tun?“
„Mein lieber, geliebter alter Seehund,“ schloß Jenny den Brief. Seehund war ihr Kosename für den Vater, der, mit seiner Glatze, seinen runden Augen und seinem hängenden Schnauzbart tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Seehund hatte. „Mein geliebter alter Seehund, morgen schreibe ich mehr. Es gehen hier große Dinge vor. Ich fühle es, daß ich glücklich sein werde!“
Dies schrieb sie, es floß von selbst aus der Feder, während die Qual sie zerriß. Mochte es stehen bleiben.
Sie verschloß den Brief und trug ihn zum Kasten. Dann ging sie langsam durch die Straßen, um nachzudenken, um sich zu sammeln, um das heiße Gesicht zu kühlen. Sie legte die Fingerspitzen an die Schläfen und wiederholte immer die gleichen Worte: „Was soll geschehen? Er wird es mir sofort ansehen! Ich werde nicht in die Oper mit ihm gehen. Ich werde abschreiben.“ Sie blieb stehen und fragte sich: Wann? Ist es übermorgen? Das sind noch achtundvierzig Stunden weniger zwei, also sechsundvierzig Stunden. Sie ging nach Hause und zeichnete auf einen Briefbogen sechsundvierzig Quadrate, und wenn eine Stunde vergangen war, strich sie ein Quadrat aus.
Sie las, aber die Zeit stand still, die Uhr stockte, sobald sie sich über das Buch beugte. Sie ging auf und ab.
Gut? Nein, sein Gesicht ist nicht gut, aber es ist etwas Gutes darin. Und dann ist etwas Furchtbares darin. Seine Stimme ist oft so laut. Immer verschwendet er Kraft, auch wenn er spricht. Wenn man in den Sternen lesen könnte –! Sie trat ans Fenster und blickte über die dunkeln Giebel. Keine Sterne, nichts. Aber was war das? Was kam da zwischen den Schornsteinen hervor? Sie erschrak. Was war das? Licht, gleißendes Licht stieg in die Höhe, verzehrte die finstern Schornsteine, breitete sich aus zu einem gleißenden Tor. Es war der Mond.
„Darf man dieses Anzeichen günstig nennen, ohne die Götter zu erzürnen?“ fragte sich Jenny und legte sich nieder, den Glanz des Mondes in der Brust. Als sie am Morgen erwachte, konnte sie acht weitere Quadrate ausstreichen.
An diesem Vormittag kam Katschinsky zu ihr, verstört, bleich, die Augen gerötet, mit zuckendem Mund, schweigsam. „Was ist geschehen, um Gottes willen?“ fragte sie bestürzt.
Er stand und blickte starr auf den Briefbogen mit den unverständlichen Quadraten. „Meine Mutter ist gestorben,“ sagte er. „Ich muß heute nach Hamburg fahren.“
Sie umschlang ihn und preßte ihren Kopf gegen seine Brust. „Armer, armer Freund,“ sagte sie. „Tröste dich.“
Er sah sie an. „Wirst du auch jetzt noch in die Oper gehen?“ fragte er.
„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich werde abschreiben.“ Aber sie wußte, daß sie log. Schwache Menschen, Eifersüchtige muß man belügen, um Ruhe vor ihnen zu bekommen. Sie freute sich, daß er wegfahren mußte. Oh, wie weit weg war sie schon von ihm.