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Langsam wurde die Überzahl der dunklen Quadrate erkennbar. Nun waren es nur noch vierundzwanzig Stunden. Nur um einige Stunden totzuschlagen, ging sie in ein Caféhaus, obwohl sie diesen Abend am liebsten allein verbracht hätte. Am nächsten Morgen stand sie frühzeitig auf und begann mit den Vorbereitungen ihrer Toilette für den Abend. Ihre Garderobe war armselig, fast wäre sie verzweifelt. Dann aber begann sie mit ihren geschickten Händen zu arbeiten. Sie stürzte aus dem Hause, kaufte Kleinigkeiten, Handschuhe, und am Abend fand sie, daß sie ganz annehmbar gekleidet war. Schellenberg brauchte sich ihrer ganz gewiß nicht zu schämen. Am Nachmittag kam ein Bote mit der Nachricht, daß der Wagen um ein Viertel nach sieben vor dem Hause warten würde. Genau ein Viertel nach sieben Uhr verließ sie ihr Zimmer. Der Wagen stand da. Aber zu ihrer Enttäuschung fand sie nicht Schellenberg, sondern den kleinen Stolpe vor dem Wagen stehen. Sie verlor fast die Besinnung.

Mein Gott, wie entsetzlich! sagte sie sich. Wie kann man sich nach einem Menschen so wahnsinnig sehnen!

Stolpe überbrachte Wenzels Entschuldigung. Herr Schellenberg sei noch in einer sehr wichtigen, gänzlich unerwarteten Konferenz und könne zu seinem Bedauern erst später in die Oper kommen. Stolpe sei beauftragt, ihr vorläufig Gesellschaft zu leisten.

Nun, das ging an. Jenny atmete wieder, während sie den Schmerz einer leichten Kränkung zu verwinden suchte. Auch nicht die dringendste Konferenz hätte ihn abhalten dürfen. Schon aber urteilte sie milder. Augenblicklich, sie hatte kaum Platz genommen, überschüttete sie Stolpe mit einem Schwall von Worten. „So geht es bei uns Tag für Tag, Fräulein Florian,“ seufzte er, indem er sich in die Ecke des Autos fallen ließ und nach Luft rang. „Von sieben bis acht ritten wir schon unsere Stunde im Tiergarten ab, Galopp, Springen, anders geht es bei Schellenberg nicht. Dann Konferenzen bis elf Uhr. Um elf Uhr im Flugzeug nach Leipzig. Mittagessen: zwei Eier im Glas, einen Mokka, einen Kognak. Um fünf Uhr zurück, geschlafen im Flugzeug, wieder Besprechungen und Konferenzen. Ich habe gewiß nichts zu lachen. Sechzehn bis siebzehn Stunden bin ich täglich im Dienst, und so geht es Tag für Tag, auch am Sonntag. Es ist mir unbegreiflich, wie Schellenberg das aushält. Was gibt man eigentlich in der Oper?“

Jenny hatte aufmerksam auf sein Geschwätz gehört. Alles interessierte sie, was Schellenberg betraf, alles. „Man gibt ‚Figaros Hochzeit‘,“ antwortete sie lächelnd. „Sie wissen es nicht?“

„Nein, ich bitte um Verzeihung, Fräulein Florian, woher sollte ich es wissen? Ich wurde ja erst vor einer Viertelstunde zu diesem allerdings sehr, sehr angenehmen und ehrenvollen Auftrage kommandiert. Haben Sie übrigens den Vertrag der Gesellschaft mitgebracht? Nun, dann ist es gut. Ich atme auf. Schellenberg befahl mir, Sie daran zu erinnern. Und hier – ich bitte um Verzeihung – sind die Blumen, Kamelien. Schellenberg hat sie in Leipzig gekauft, und ich hätte sie beinahe vergessen. Er hat sie mir ans Herz gelegt, Fräulein Florian. Loben Sie mich, wenn er fragen sollte, ob Sie mit mir zufrieden waren. Er war heute schon sehr ungnädig! Nein, ich habe ein schweres Brot, glauben Sie mir.“

Jenny richtete die Augen hell auf Stolpe. „Weshalb arbeitet Herr Schellenberg so angestrengt?“ fragte sie. „Kann er sich nicht irgendwie entlasten?“

„Es ist mir gewiß unverständlich,“ erwiderte der kleine Herr von Stolpe. „Ich weiß es nicht. Entlasten, sagen Sie? Entlasten? Gänzlich unmöglich. Er macht alles selbst. Der Drang zur Tätigkeit ist bei ihm wie eine Krankheit. Eine ganze Bibel von Depeschen schleudert er am Tage hinaus. Am Abend aber, sollte man annehmen, sinke er tot um. Aber nein, weit gefehlt, am Abend wirft er sich in Gala, und dann geht es los: Theater, Gesellschaften, Spiel. Es ist mir rätselhaft, wann er schläft. So geht es nun schon drei volle Jahre. Unverständlich. Dabei ist er immer in prächtiger Laune. Sie werden ja sehen, Fräulein Florian. Ein sonderbarer Mensch ist Schellenberg, ein ganz sonderbarer Mensch! In meinem ganzen Leben habe ich einen solchen Menschen noch nicht kennengelernt. Wenn ich ihn auch zuweilen verfluche – ich würde umsonst für ihn arbeiten. Er hat Format, sehen Sie, das ist es. Format! Alles an ihm ist groß, schrankenlos, ohne Grenzen.“ Während der ganzen Fahrt schwärmte Stolpe von Wenzel Schellenberg. Er bewunderte ihn.

Und Jenny lauschte! Sonderbar genug, dieser unbedeutende Stolpe, dieses rotbäckige, mit den Absätzen knallende Nichts, bei dessen Anblick sie früher die Brauen hochzog, war ihr plötzlich fast sympathisch geworden.

In der Oper verwandelte sich Stolpe in einen schweigsamen Lakai, der steif hinter ihr saß. Nur in den Pausen wagte er leise und devot nach ihren Wünschen zu fragen. „Eine Erfrischung, Fräulein Florian? Ein Glas Sekt?“

Kurz vor Beginn des Schlußaktes wurde die Tür geöffnet, und Wenzel trat in die Loge. Stolpe verschwand ohne Abschied, wie ein Schatten. Wenzel begrüßte Jenny, bat um Entschuldigung, und kaum hatte er neben ihr Platz genommen, als das Orchester schon wieder einsetzte.

Jenny geriet in große Erregung. Ihre Brust flog. Sie suchte sich zu beherrschen, vergebens. Sie fühlte Wenzels Blick, der prüfend, ohne jede Hast über sie glitt. Diesen Blick, der sie bei jedem andern Mann empört hätte, sie empfand ihn als Lust. Der Blick tastete über ihr Profil, über ihr Haar, über ihren Nacken, über ihre Arme, und sie begann unter diesem Blick zu zittern. Welche Macht hat er über mich, wer wird mir beistehen? Dann aber spürte sie diesen Blick plötzlich nicht mehr. Wenzels Atem ging ganz leise und auffallend regelmäßig. Sie blickte zur Seite und sah, daß er die Hand vor die Augen gelegt hatte, als ob er schlafe. Und in der Tat, während Mozarts Musik dahinrauschte und das ganze Haus mit Zauber, Wundern und Wohlgerüchen erfüllte, schlief Wenzel Schellenberg still in seinem Sessel.

Jenny versuchte ihm böse zu sein. Ihre Wangen wurden noch schmaler, ihr Blick unglücklich und verletzt. War es, auch wenn man die größte Nachsicht übte, nicht der Gipfel der Taktlosigkeit: erst kam er nicht, und dann schlief er ein? Nie hätte ein anderer Mann das gewagt! Sie versuchte bitterböse zu werden – aber sie vermochte es nicht! Er schläft, er ist müde, dachte sie, sonst nichts, und lächelte.

Der Beifall weckte Wenzel. Er rieb sich die Augen und starrte auf die im Applaussturm sich verneigenden Sänger wie auf eine Schar von Narren. „Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Fräulein Florian, daß ich schlief,“ rief er aus und lachte. „Anfangs hörte ich noch die Musik, und dann schlief ich plötzlich ein. Ich war furchtbar müde. Ist es zu Ende?“

Seine Aufrichtigkeit söhnte sie wieder vollends mit ihm aus. Ihre schönen Augen lächelten Verzeihung.

Schellenberg hatte ein erlesenes Souper in einem stillen, feierlichen Restaurant bestellen lassen – in dem gleichen Restaurant, wo er vor Jahren mit Michael soupierte.

Es gibt Menschen – so dachte Jenny Florian –, die man nie kennenlernt, die sich verhüllen, verschleiern, mit ihrem Willen oder gegen ihre Absicht. Dumme, eingebildete, überhebliche unglückliche Wesen. Wiederum gibt es Menschen, die sich erst nach Jahren langsam erschließen, und es gibt Menschen, sie sind selten, mit denen man in der ersten Minute vertraut ist. Das sind die Ehrlichen, Einfachen, Reichen, die sich nicht scheuen, die Türe weit aufzumachen. Zu diesen Menschen, so schien es Jenny, gehörte Wenzel Schellenberg. Er machte keine Redensarten, versuchte nicht zu fesseln, geistreich zu erscheinen, vorzutäuschen, er posierte nicht, er war schlicht und einfach und gerade. Nach einer kurzen Befangenheit hatte Jenny das Gefühl, als ob sie Wenzel schon jahrelang kenne.

Zum erstenmal wagte sie ihm voll ins Gesicht zu sehen, zum erstenmal sah sie ihn wirklich. Dieses Gesicht war breit, derb, fast etwas bäurisch, aber fest und groß. Die Haut war rissig, braun, wie Leder. Die Augen hingen wie unregelmäßige Scherben darin. Und es war sonderbar, es schien Jenny, als sähe sie in diesem Augenblick zum erstenmal wirklich ein menschliches Gesicht. Alles, was sie sich früher über das menschliche Antlitz gedacht hatte, schien Vorurteil und Nachempfindung. Nun also begann es, nun trat sie ins Leben ein, nun sah sie das Gesicht des Menschen, wie es wirklich ist – ohne Beschönigung.

„Haben Sie Mut, Fräulein Florian?“ fragte Wenzel, die grauen Augen, deren Blick etwas kalt schien, fest auf sie gerichtet.

Diese undurchsichtige Frage erschreckte Jenny. „Mut? Wozu Mut, Herr Schellenberg?“ fragte sie, den schmalen Kopf verlegen zur Seite geneigt.

„Mut, dem Leben in die Augen zu sehen?“

„Oh, ich weiß nicht, ob ich diesen Mut habe. Vielleicht –?“

„Ich hoffe es, obschon dieser Mut in unserer Zeit selten geworden ist. Die kleinlichen gesellschaftlichen Maßstäbe haben die Menschen im allgemeinen zu einem erbärmlichen Gesindel gemacht. Ich kenne Leute, die Angst davor haben, ihre Miete nicht bezahlen zu können, die das Urteil ihres Portiers fürchten, die bei dem Gedanken zittern, gelegentlich, wegen irgendeiner Sache, ein paar Wochen eingesperrt zu werden. Ja, so lächerlich sind diese Menschen in diesem Zeitalter geworden. Klein und ekelhaft – ich verabscheue sie! Wissen Sie, was es bedeutet: Mut zu haben, dem Leben in die Augen zu sehen? Es bedeutet den Mut zu haben, unter Umständen auch zugrunde zu gehen. Diesen Mut müssen Sie haben, Fräulein Florian. Sie wissen, daß auch der wilde Tiger sich wie eine Katze zu Füßen des Bändigers legt, wenn er nur Mut hat.“

„Ich habe entsetzliche Angst vor Tigern!“

„Um so größer muß Ihr Mut sein, Fräulein Florian. Denn Sie haben es ja im Leben nicht mit Tigern zu tun, sondern mit Menschen. Der Tiger ist gewiß eine achtunggebietende Erfindung des Schöpfers. Aber er könnte noch schrecklicher sein. Zum Beispiel, wenn er imstande wäre, sein Gebiß mit der Tatze herauszunehmen und meilenweit nach seinem Opfer zu schleudern. Das alles aber kann der Mensch, der weitaus schrecklicher ist als der Tiger. Er opfert für seine Eitelkeit, seinen Ehrgeiz, seine Genußsucht, ohne mit der Wimper zu zucken, Tausende von Mitmenschen, für seinen Wahnsinn Millionen, was auch dem wildesten Tiger nicht in den Sinn käme.“

„Wie schrecklich Sie den Menschen sehen!“

„Aber, Fräulein Florian, auch dieser furchtbare Mensch wird sich demütig zu Ihren Füßen niederlegen, wenn Sie nur Mut haben. Und Sie werden diesen Mut haben. Auf Ihre Gesundheit!“

Jenny hob das Glas. Die Erregung färbte langsam ihre Wangen mit einem zarten Orangehauch, der Wenzel entzückte. Es ist ein Rot, wie es Ziegelsteine abfärben, dachte er.

„Die meisten Menschen scheitern im Leben,“ fuhr er fort, „weil sie feige sind! Es wird sich also darum handeln, Fräulein Florian, daß Sie alle Ihre Fähigkeiten steigern und meistern. Sie haben viele Talente, erwidern Sie nichts, ich sehe es an jeder Ihrer Bewegungen. Ich gestehe es Ihnen ganz offen, daß ich mich lebhaft für Ihre Talente interessiere. Ich selbst bin ohne jede Begabung, wenn man es nicht eine Begabung nennen will, daß jemand mit Kanonen schießen kann. Die Beherrschung von Maschinen aber – heute maßlos überschätzt – ist eine Kunst für Kinder und Schwachsinnige, nicht mehr. Um so mehr ziehen mich Menschen mit Talenten an. Endlich also komme ich zu meinem Ziel. Ich bitte um die eine Gunst, Ihnen ein Berater sein zu dürfen, anfangs wenigstens. Später brauchen Sie weder mich noch den Teufel! Ihr ganzes Dasein muß auf die Pflege und Schulung Ihrer Talente eingestellt sein, ohne daß es ausartet, mißverstehen Sie mich nicht. Sie werden vorerst ein bißchen filmen, und vom Film werden Sie zur Bühne kommen. Ein paar Jahre zähester Arbeit – hören Sie! –, und die Welt liegt zu Ihren Füßen, ich weiß es.“

Jenny lächelte verwirrt, beglückt. Glaubte er so bedingungslos an sie?

Ohne jede Pause aber fuhr Wenzel fort: „Und morgen beginnen wir, Fräulein Florian! Sagten Sie nicht, daß Sie auch tanzen? Schön, damit werden wir anfangen. Ich werde sehen, daß ich einen hervorragenden Lehrer für Sie finde, der Sie ausbildet. Ich werde mich ebenso nach einem Schauspieler umsehen, der Ihnen etwas geben kann. Sie werden täglich reiten, wenn es Ihnen Freude macht. Meine Pferde stehen sich die Beine lahm im Stall. Sie werden Ihre jetzige Wohnung mit einem guten Hotel oder einer vorzüglichen Pension vertauschen. All diese Dinge sind nicht unwesentlich und spielen eine größere Rolle, als Sie vielleicht ahnen. Ihr Tag wird eingeteilt sein, Sie werden sich disziplinieren. Ohne Disziplin ist nichts! Glauben Sie nicht an die Legende des Genies, dem es der Herr im Schlafe gibt. Wollen Sie sich meiner Leitung anvertrauen?“

Oh, ob sie wollte! Sie fühlte hier eine ungeahnte, ungewöhnliche Kraft des Willens, und sie begann plötzlich Wenzel Schellenbergs Erfolge zu begreifen.

„Seien Sie selbstbewußt, stolz, ohne töricht eitel zu sein –“ Plötzlich änderte Wenzel den Ton. „Da fällt mir ein,“ sagte er, „wo ist der Vertrag der Filmgesellschaft? Darf ich ihn sehen? Man kann nie vorsichtig genug sein.“ Aufmerksam studierte er den Vertrag. „Es ist gut so,“ sagte er dann. „Sie werden für jeden Film, den Sie spielen, ein besonderes Honorar erhalten und dazu ein Fixum. Werden Sie mit zweitausend Mark im Monat reichen?“

„Aber gewiß.“

„Nun, dann unterzeichnen Sie den Vertrag. Ich werde als Ihr Wächter hinter Ihnen stehen wie der Erzengel mit dem Schwert. Ich glaube nicht an die Liebe, Fräulein Florian, aber ich glaube an die Kameradschaft und schätze sie höher ein als die Liebe. Ich hoffe, wir werden gute Kameraden werden.“