18
Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.
Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.
Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel und wurde augenblicklich vorgelassen.
Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels Kopf gebunden.
Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. „Melde mich ergebenst zum Vortrag,“ sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu geben.
Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. „Ich habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.“
„Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,“ erwiderte Mackentin und nahm Platz.
Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.
Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als gewöhnlich.
„Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?“ fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.
„Leider eine sehr traurige Ursache,“ entgegnete Mackentin. Und er berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.
Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren Blick zu Boden geheftet.
Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.
Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und Zylinder.
Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. „Ich danke Ihnen, lieber Freund!“ sagte Wenzel. „Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.“
„Sehr wohl.“
Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.
Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.
„Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,“ sagte er, und diktierte bis vier Uhr morgens Briefe.
„Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!“ sagte er zum Abschied zu Mackentin. „Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!“ –