17
Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah, zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.
Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es geschehen.
„Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das Haus verfügen könne,“ sagte Jenny zu sich. „Nun gut, ich werde nicht mehr hier sein.“
Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus nebenan.
Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen Lippen.
Sie sagte: „Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.“ Oder sie sagte: „Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen Konferenzen!“ Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.
Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“
Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.
Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? „Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.
„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.
Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener Menschen, die morden konnten?
Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.
„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.“
Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf.
„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn, nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des Traumes nicht mehr entsann.
„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie im Theater spräche:
„O gib, vom weichen Pfühle,
Träumend, ein halb Gehör!
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! Was willst du mehr?“
Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen, wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: „Gute Nacht, Wenzel!“ und ging in das Badezimmer.
Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.
Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und blickte zur Nische.
„Da bist du ja wieder, Wenzel,“ sagte sie leise lachend. Ja, da saß er! Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen. Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter einer Rose.
Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. „Sieh nur zu, Wenzel,“ sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.
„Schlafe! Was willst du mehr?“
Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: „Nun sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.“
Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es Wenzel. „Siehst du das?“ fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm triumphierend.
„Siehst du nun, das ist Jennys Blut?“ sagte sie, fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.
„Was ist? Was tue ich?“ sagte sie. „Weshalb tue ich es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.“
Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. „Aber es ist ja niemand im Hause,“ sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte furchtbar.
„So hilf mir doch, Wenzel!“ schrie sie laut und stürzte zu Boden. „Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!“
Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?
Da schwand ihr das Bewußtsein.