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Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die Treppe herab zum Wagen.

Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet, wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen Eindruck machten.

Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack, Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie – ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen. Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit, welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und Steinpflanzen in den Ritzen.

Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.

Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.

Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack. Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur eines Blickes zu würdigen.

Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen, leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes. Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren. Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.

Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.

„Wie gefiel dir Esther?“ fragte er Eva.

Eva dachte lange nach, dann sagte sie: „Sie ist interessant und geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.“

Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin stattfand.

Wenzel gab seiner Jacht „Kleopatra“ den Auftrag, ihn vom zehnten Dezember an in Nizza zu erwarten, und die „Kleopatra“ stach sofort in See.