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Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los wäre.

Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder über die Gesellschaft herfallen würden!

Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete, endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen verpraßt!

„Da haben wir es,“ rief Michael und lachte wütend. „Wir, die wir nicht einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!“

Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte Vertrauen entgegengebracht.

„Wie kann ein Gesicht so lügen?“

Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten. Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht gönnten, Neidische, die alles besser wußten.

„Oh, dieser Halunke!“ wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck. Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der Gesellschaft Neu-Deutschland machte.

Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.

Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er alle Angriffe ruhiger.

Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor: die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu. Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten, keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge der Frauen.

Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene Gefühl der Kameradschaft.

Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.

Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft „Neu-Europa“ gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals werden.

War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei, drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen, morgen, übermorgen ...

Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.

„So wird es sein, so und nicht anders!“ schrie Michael.

Die Zeitschrift „Neu-Europa“, die er gegründet hatte, wurde in Millionen von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer Tag würde über Europa emporsteigen.

Der Tag war nahe!

„So wird es sein und nicht anders!“ schrie Michael, und Eva Dux schrieb mit fliegenden Händen.

Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch die Schar seiner Feinde.