14
„Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?“ Erstaunt und ungläubig sah Jenny Stobwasser an.
Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten Beschlag fertig zu machen.
„Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,“ versuchte Jenny Wenzel zu entschuldigen.
Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten. Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb, der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.
Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm. Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung aushändigen durfte.
Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.
Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief. „Weshalb zittert meine Hand so?“ schrie sie. Sie überflog das Schreiben. Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um „alles Weitere“ mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.
Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung wieder auf.
Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu sprechen, das Theater rief an.
„Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten. Sagen Sie das!“ Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.
Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm.
Dieser Brief!
Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er „sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle“ – störte sie ihn? „Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.“ Das Weitere ...
Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte vergiften können.
Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.
„Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,“ sagte sie und reichte ihm Wenzels Schreiben.
Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.
„Ein Geschäftsbrief!“ sagte er dann empört. „Ich hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.“
„Beschimpfen Sie ihn nicht,“ entgegnete Jenny leise, die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. „Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.“
Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.
Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.
Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.
„Lies diesen Brief, Eva,“ sagte Jenny.
Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich über das Haar und sagte: „Du mußt es tragen, Jenny, das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.“
Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht arbeiten.
Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.
Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin zurück.