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In den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und Abend im Adlon. Endlich erschien Esther wieder. Sie erwiderte seinen Gruß verletzend kühl, mit hochmütig hochschnellenden Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn arbeitete es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich seiner zu erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. Später begrüßte er sie. Sie wechselten sechs Worte, und Wenzel verließ den Saal.
Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im Hotel. Sie war abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe stellte es fest.
Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. Er war finster, grübelte.
Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich willkommen war. Er mußte heraus aus Berlin, und so nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt Moritz zu reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen.
Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen war im Hotel Carlton abgestiegen. Sie trieb viel Sport und befand sich meistens in der Gesellschaft eines englischen Majors Fairfax und des bekannten Pariser Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt.
Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen.
Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt zu verbinden, der seine Scheidung bearbeitete. Er erkundigte sich bei dem Anwalt, wie weit die Angelegenheit gediehen sei.
Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar nicht das geringste unternommen. Nach wie vor sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte das Sechsfache.
„Schicken Sie mir Ihre Liquidation!“ rief Wenzel ins Telephon. Seine Stimme klang nicht gerade höflich.
Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, der ein hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten war. Dieser Anwalt hieß Vollmond. Er war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm seine Angelegenheit vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole kurze Fragen gegen ihn ab.
„Es wird gehen, Herr Schellenberg,“ führte Vollmond hierauf in seiner hastigen Sprechweise aus. „Wir setzen den Hebel bei den Kindern an. Wir werden Frau Schellenberg drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung von Frau Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung der Kinder günstig zu beeinflussen.“
Wenzel unterbrach ihn. „Ich möchte, wenn es geht, diesen Weg nicht einschlagen.“
„Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,“ entgegnete der Anwalt. „Ich betrete ihn selbst nicht gern, man ist doch ein Mensch. Aber solch hartnäckigen Frauen gegenüber bleibt etwas anderes nicht übrig. Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit einverstanden?“
„Auch das möchte ich gern vermeiden.“
„Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also Sie stimmen zu? Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen und dann unsere Trümpfe ausspielen. Es geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden halten, Herr Schellenberg.“
Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes bei. „Es ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten möchte,“ sagte er lachend.
„Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.“
Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen Heirat. Aber auf jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. Seit einem vollen Jahre hatte er seine Scheidungsangelegenheit völlig außer acht gelassen.
Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr morgens waren die Koffer verstaut, und zehn Minuten später hob sich die Maschine in die Luft. Schon begann Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die Kabine gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, zwei Gläser und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das Weichbild von Berlin verlassen, als sie schon eifrig im Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände. Endlich einmal eine ruhige Partie!
Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand.
Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: „Das Rauchen ist untersagt.“
Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: „Bauen Sie Ihre Kähne so, daß sie nicht brennen können!“
Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren, schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch, und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch, während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die Partie remis zu geben.
„Welcher Wahnsinn!“ schrie Wenzel wütend. „Ich hatte die Partie schon gewonnen!“
„Hahaha!“ Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. „Und hier ist ja schon Sankt Moritz!“ sagte er und deutete auf ein gleißendes Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen lag. „Die Berninagruppe.“
Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden Sonnenschein hinab.
„Man könnte glauben, man sei in New York!“ rief Mackentin aus, als die Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend Fenster in der Sonne funkelten.
„Und da ist Stolpe!“ Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. „Wie er läuft!“
Sie waren angekommen.
3
Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase.
„Alles in Ordnung?“ fragte Wenzel.
„Alles in Ordnung,“ erwiderte Stolpe. „Ich habe die Gunst des Portiers mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und hier kommt der Schlitten!“
Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er, wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen schließen.
Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt, fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.
Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels Geschmack.
„Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,“ sagte Stolpe eifrig und führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.
Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu Tisch führten.
Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern, Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen Mund.
„Wer ist das?“ murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein Zeichen.
Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen erobern, koste es was es wolle.