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Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln.
Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.
„Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?“ fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im Bruchteil einer Sekunde.
„Ich nicht, aber meine Pferde,“ erwiderte Wenzel. „Ich werde meine Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich anstrengen.“
Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert. Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der Golfmeisterschaft von England.
„Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet, Baron?“ wandte sich Esther an den Baron Blau.
„Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,“ antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden, melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf Wenzel richtete.
Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu empfinden.
Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen. Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich, in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber ging er als letzter schlafen.
Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen. Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber.
Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs „Old England“. Da lag er ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer. Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.
Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide, so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.
„Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,“ wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert gemustert hatte. „Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele tätig.“ Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note, gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.
Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.
„Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,“ fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. „Oder sind Sie nicht jener Herr Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den Frieden unter den Nationen tätig ist?“
Wenzel schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen, Herr Baron,“ antwortete er. „Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien nicht hin.“
„Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!“ erwiderte Baron Blau enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.
„Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und fanatischer Pazifist,“ erklärte Esther.
Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus welchem Grunde.
„Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern möglich ist?“ wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen hochgezogen.
„Nein,“ sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.
„So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?“
„Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten dürfen und sterben können.“
Baron Blau prallte zurück.
Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine andere Sprache als seine Muttersprache verstand.
Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die knochige Hand hin. „Right you are! Right you are!“ schrie er.
In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: „Major Fairfax!“
Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen.
„Was sagte Peggy?“ fragte Esther voller Neugierde.
Der Major antwortete: „Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um drei Sekunden unterboten hat.“ Nutcracker war der Name eines rivalisierenden Bobs.
„Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht ganz eng herum,“ erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: „Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.“
Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!
Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft einzureihen.
Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf, manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß, aber ...