5
Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen – es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem, lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener Person!
Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr die Blicke der Menschen.
Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen. Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.
„Mein Vater ist hier!“ rief Esther Wenzel lebhaft zu. „Er wird Sie zu sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.“ Und Esther zog die zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich auf dem Bob zurecht.
„Abfahrt!“ rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren, schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen Langweile Lord Hastings. „Hallo! Wie geht es Ihnen?“ rief er Wenzel zu, als sie vorüberglitten.
Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen.
Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden, zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand, die beim Gruß nie einen Druck gab.
„Ich freue mich, Herr Schellenberg,“ sagte er und versuchte es mit einem Lächeln, das freundlich sein sollte. „Sie sind noch ganz der gleiche, Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel Jahre ist es schon her? Ich aber –?“
Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.
Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf.
„Das Mittelmeer,“ sagte er ohne aufzublicken, „hat seit dem Kriege noch mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen schicken würde.“
Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. „Sie beliebten zu sagen: nebensächliche Pfütze,“ rief er, noch immer gekränkt, aus. „Das ist doch wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –“
Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen gemacht hat, dachte er.
Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten Winter zugebracht hatte. „Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land, Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!“
„Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,“ erwiderte Raucheisen.
Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus.
Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er. „Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht überwunden.“
Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar schienen.
„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er. „Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen. In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir müssen Mut haben.“
Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete. „Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.
6
Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen.
Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken.
„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch aussprechen.“
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte ihr in die Augen.
„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben. „Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?“
„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete.
„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen breitete.
„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.