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In diesem Frühjahr kursierte an der Börse und in Finanzkreisen das Gerücht, daß sich der Schellenberg-Konzern in Schwierigkeiten befände. Niemand wußte, wo und wann dieses Gerücht aufgekommen war, es war da. Und in der Tat, es war nicht zu leugnen, daß Goldbaum, der Generaldirektor des Konzerns, mit verschiedenen Banken wegen größerer Kredite verhandelte. Es war auch eine Tatsache, daß plötzlich große Aktienpakete des Konzerns angeboten wurden. Die Papiere aller Unternehmungen des Schellenberg-Konzerns fielen rapide und verloren innerhalb von vier Wochen den vierten Teil ihres Kurswertes.
Goldbaum wurde beurlaubt und fuhr an die Riviera.
Es hieß, daß Wenzel Schellenberg beabsichtige, sein Palais im Grunewald, das noch nicht einmal ganz fertig war, zum Verkauf anzubieten – ein Objekt von so enormem Wert, daß sich ein Käufer wohl kaum finden werde. Man munkelte auch, daß die Schellenbergsche Jacht, jene Jacht einer früheren Großherzogin, nach England verkauft sei. Die Papiere des Konzerns gaben noch weiter nach.
Wenzel blieb gleichmütig. Im Gegenteil, man hatte ihn noch nie in so heiterer Laune gesehen.
Es gab kein gesellschaftliches Ereignis in Berlin, wo Wenzel nicht zugegen gewesen wäre. Keine Premiere, kein Rennen, wo man ihn nicht gesehen hätte. Fast immer erschien er in der Gesellschaft Jenny Florians. Ihr zarter Körper war in die kostbarsten Gewänder gehüllt, Geschmeide funkelte an Händen und Nacken.
Die Kenner lächelten. „Er spielt Maskerade,“ sagten sie mit einem Blinzeln. „Uns täuscht er nicht. Wenn es bei ihm zu krachen beginnt, so stürzt alles in einer Nacht zusammen.“
Aber seht an, die Kenner blickten einander enttäuscht in die Augen. Was war das? Ein unbekannter Käufer trat plötzlich an der Börse auf und kaufte riesige Pakete der gesunkenen Schellenberg-Aktien. Bei der nächsten Börse geschah das gleiche. Die Papiere zogen an. Sie stiegen in einer Woche ohne jede Stockung und kletterten schließlich über ihren alten Kurs.
Wenzel hatte eine ungeheure Summe gewonnen und schob sie mit einem breiten Lachen in die Tasche. Plötzlich, war es zu glauben, tauchte auch Goldbaum, der lange Zeit in der Versenkung verschwunden war, wieder im Konzern auf. Da war er wieder, rund und glänzend, als sei nichts geschehen. Vergnügt rieb er sich die Hände.
Vielleicht war alles nur ein Manöver gewesen, das Wenzel selbst eingeleitet hatte?
In diesen Tagen kaufte Wenzel den Rennstall des Herrn von Kühne. Zweiunddreißig Pferde, darunter ganz hervorragendes Material. Einen früheren bekannten Herrenreiter hohen Adels engagierte er als Trainer.
Nun sah man die Schellenbergschen Farben auf jedem Rennen. Jenny hatte sie auf Wenzels Wunsch vorgeschlagen. Die Jacke war gelb, die Ärmel rotweiß gestreift. Auch in der Ferne konnte man die Schellenbergschen Farben mitten im jagenden Rudel gut erkennen.
Es zeigte sich nun auch, daß Schellenberg nicht im Traum daran dachte, sein im Grunewald neuerbautes Palais zu verkaufen. Weshalb er aber plötzlich alle Arbeiten eingestellt hatte, weshalb er seinen Anwälten den Auftrag gab, mit den Lieferanten, Baumeistern und Baufirmen zu verhandeln und die Rechnungen abzuschließen – das wußte nur Schellenberg allein.
Auch die Nachricht über den Verkauf seiner Jacht erwies sich als Legende. Allerdings war die Jacht, dies entsprach der Wahrheit, plötzlich nach England gefahren. Der Kapitän hatte den Auftrag, die Jacht nach Hull zu bringen, um dort weitere Befehle abzuwarten. In verschiedenen Zeitungen erschien damals die Notiz, daß Lord Beaverbrook als Käufer der Jacht genannt werde. Nach einigen Wochen aber erhielt der Kapitän in Hull die Order, das Schiff wieder nach Warnemünde zu steuern. Wenzel dachte nicht im Schlafe daran, die Jacht zu verkaufen. Weshalb aber hatte er sie nach Hull geschickt? Und in seinem neuen Palais im Grunewald wimmelte es wieder von Handwerkern.
Jede Woche fuhr Wenzel zwei-, dreimal mit Jenny hinaus in den Grunewald, um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. War er verhindert, so fuhr Jenny allein, denn Wenzel hatte Jenny zum „obersten Bauleiter“ ernannt. Sie tänzelte, in ihren Mantel gewickelt, lächelnd durch die Säle, und die Architekten küßten ihr die Hand. Die Maler und Handwerker grüßten freundlich von den Gerüsten herab. Jenny gehörte zu jenen Menschen, die gute Laune erzeugen, wo immer sie erscheinen. Und doch, sie sprach nur wenig, sie grüßte freundlich, lächelte.
Alles in dem Gebäude war von großer Pracht und letzter Gediegenheit. Das kostbarste Material, die teuersten Edelhölzer waren verwendet worden zu Türen, Wandbekleidung und Parkettböden. Im großen Speisesaal waren die Wände bespannt mit kostbaren Seidenstickereien. Zwanzig Arbeiterinnen hatten zwei Jahre an diesen Bespannungen gestickt. Marmor, Bronze, Brokat, die Decken Wunderwerke, Saal an Saal. Die Bibliothek, in Ausmaß und Pracht wie die eines Schlosses. In halbfertigen Gemächern standen Möbel, Berge von Kisten. Wenzel hatte seine besonderen Einkäufer für Antiquitäten, Bilder, Bücher. Das Palais enthielt zwanzig Gastzimmer, jedes mit einem Bad, und alle verschieden und originell. Was Jenny am meisten interessierte, waren die Küchen- und Kellerräume. Hier lagen die Zimmer für die Dienerschaft. Hier lagen zwei Badeanlagen für die männliche und weibliche Bedienung. Hier war der Weinkeller, mit dem letzten Raffinement ausgestattet. Und hier lag, erst halb fertig, das Schwimmbassin des Hausherrn, fünfzehn Meter lang und fünf Meter breit. Es war von Wenzels Gemächern aus über eine Treppe aus weißem Marmor zu erreichen.
Für dieses Schwimmbassin hatte Jenny eine blendende Idee! „Es ist mir etwas eingefallen, Wenzel,“ sagte sie. „Darf ich Vorschläge machen?“
„Aber gewiß, du hast doch die Bauleitung.“
Jenny also ging zu Stobwasser. „Hören Sie, Stobwasser,“ sagte sie, „sehen Sie zu, daß Sie einige Ihrer Keramiken zusammenbringen, und räumen Sie ein bißchen auf. Morgen oder übermorgen, ich kann es noch nicht genau sagen, bringe ich Ihnen einen Kunden. Aber sehen Sie zu, daß es nicht so unordentlich aussieht.“
„Schön, schön,“ erwiderte Stobwasser und warf die spitze Nase in die Luft. „Sie sollen bedient werden, Jenny.“
„Daß Sie zur Stelle sind. Ich komme zwischen elf und ein Uhr.“
Stobwasser hatte wundervolle Keramiken geschaffen, Kakadus, Papageien, Fasanen, Reiher, Flamingos. Die Tiere waren seine Spezialität. Er brannte und glasierte seine Arbeiten selbst in einem alten verstaubten Ofen, der in der Ecke stand.
Stobwasser lief den ganzen Tag umher, um seine Arbeiten, die zum größten Teil verkauft waren, zum größten Teil aber bei den Händlern standen, zusammenzuholen.
Und richtig, da kam auch schon Jenny mit Wenzel an.
Fast hätte Jenny laut herausgelacht. Stobwasser verbeugte sich linkisch und ungeschickt und viel zu tief. Er hatte sich irgendwo einen langen Gehrock ausgeliehen, der ihm etwas zu weit war. Er bat, Platz zu nehmen, und wischte die Stühle mit dem Taschentuch ab. Er war dunkelrot vor Verlegenheit und wurde noch verlegener, als er beim Rückwärtstreten über seine Katze stolperte. Unruhig rückten die Tiere in ihren Bauern hin und her, und der Papagei begann laut zu schreien und zu singen: „Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr ...“
„Sei ruhig!“ herrschte ihn Stobwasser an.
„Leider sind diese Arbeiten nicht so gut, wie ich es gern wünschte,“ sagte er. „Ich bitte Sie zum Beispiel diesen Kakadu nicht anzusehen, er ist direkt schlecht.“
Jenny lachte laut auf. „Sie haben eine drollige Art, Ihre Werke zu empfehlen!“ rief sie aus. „Stobwasser brennt die Arbeiten selbst,“ erklärte sie.
Mit einer steifen Geste des Armes deutete Stobwasser, wie ein Führer in einem Museum, auf den verstaubten und verräucherten Brennofen in der Ecke. „Ja, ich brenne sie selbst, hier in diesem Ofen!“
Wenzel zeigte aufrichtiges Interesse. Er betrachtete alle Werke des Bildhauers aufmerksam, die Keramiken, die Schnitzereien. Am meisten schienen ihn aber die lebenden Tiere, Stobwassers Modelle, zu interessieren.
„Ich habe leider heute keine Zeit mehr,“ sagte er plötzlich. „Wir sehen uns bald wieder, Herr Stobwasser.“
Stobwasser verbeugte sich tief und erbleichte.
„Oh, wie oft habe ich das gehört: ich komme wieder,“ sagte er, als die beiden gegangen waren. Und er drohte dem Papagei mit der Faust. „Und du, wie kannst du dein dummes Lied singen, wenn gerade Besuch da ist. Und noch dazu ein früherer Hauptmann.“
Er war völlig verzweifelt.
Jenny aber trug Wenzel, während sie im Auto saßen, ihren Einfall vor: Sie dachte es sich hübsch, wenn das Schwimmbassin mit Keramiken Stobwassers geschmückt würde. Es würde lustig und reizend aussehen, vielleicht kleine Nischen, man sollte Stobwasser auffordern, eine Skizze zu machen.
„Gut,“ erwiderte Wenzel, „ich werde ihn auffordern. Sehr gut aber gefiel mir sein Wandleuchter. Erinnerst du dich, der weiße Kakadu? Ich habe dem Architekten gestern gesagt, daß ich die Wandleuchter für den oberen Korridor nicht abnehmen werde, sie gefallen mir nicht. Wenn Stobwasser diese Wandleuchter machen könnte? Varianten seines Entwurfes?“
Stobwasser hatte nicht mehr auf Wenzels Rückkehr gehofft. Als Wenzel am nächsten Vormittag mit Jenny eintrat, stand Stobwasser da, die Fäuste voller Ton, mitten in der Arbeit, in einem mit Ton beschmierten Kittel, krebsrot das Gesicht vor Verlegenheit. Seine Miene war fast feindselig. Wenzel bat ihn also, gelegentlich mit Jenny nach dem Grunewald zu fahren und sich das Schwimmbassin anzusehen. Es war Gott sei Dank noch nicht gekachelt. Dann fragte er ihn, ob er die Wandleuchter für den oberen Korridor übernehmen könne, in der Art dieses Leuchters dort in der Ecke.
Natürlich konnte das Stobwasser. Er hatte auch nicht für einen Pfennig Aufträge.
„Wieviel Leuchter sollen es sein?“ fragte er.
„Es sind dreißig Stück,“ antwortete Wenzel. „Ich bestelle sie hiermit und bitte Sie, sich möglichst zu beeilen.“
Als die beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, stand Stobwasser immer noch mit offenem Munde da, die spitze Nase gegen die Tür gestreckt.
„Dreißig Stück, du lieber Himmel,“ sagte er, und die Beine begannen ihm zu zittern. Er mußte sich in den Stuhl setzen. Er konnte sein Glück gar nicht fassen.
„Dein Freund Stobwasser ist ein ganz reizender Mensch,“ sagte Wenzel zu Jenny. „Ich liebe diese einfachen Menschen, die etwas können. Sie sind so selten bei uns.“