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Es war natürlich, daß Wenzel fortan auf allen Rennbahnen zu sehen war, wo seine Pferde liefen. Herr von Kühne hatte im vorigen Jahre und in diesem Frühjahr mit seinem Stall keine besonderen Erfolge erzielt. Aber es schien, als hätten die Pferde nur darauf gewartet, in Wenzels Besitz zu kommen. Sie liefen, daß es eine Freude war. Sie waren nicht mehr krank. Sie husteten nicht mehr. Sie lahmten nicht mehr. Ein Hengst, der Hengst ‚Kardinal‘, ein völlig unbekanntes Pferd, das Herr von Kühne schon hatte verkaufen wollen, gewann ein bedeutendes Rennen gegen hohe Klasse.

„Sieh doch, wie er läuft!“ schrie Wenzel vor Entzücken und lachte laut auf.

In der Tat, ‚Kardinal‘ lief vier Pferdelängen vor dem Rudel und zog in einer rasenden Fahrt dahin. Die gelbe Jacke blitzte in der Sonne. Die Tribünen waren stumm vor Verblüffung. Kardinal gewann im Kanter. Jenny klatschte, daß ihre Handschuhe platzten. Sie hatte auf Wenzels Rat hundert Mark auf ‚Kardinal‘ gesetzt.

Mackentin beglückwünschte Wenzel zu diesem überraschenden Siege. „Wird Ihnen bei all diesem Glück nicht zuweilen etwas unbehaglich, Schellenberg?“ fragte er.

„O nein, nicht im geringsten. Ich bin schwindelfrei,“ erwiderte Wenzel.

Oft litt Jenny Florian bittere Qualen. Es gab Wochen, da Wenzel sie vernachlässigte. Kaum daß er einmal anklingelte oder die Zeit fand, ihr ein Wort oder eine Blume zu schicken. Als sie in Italien filmte, fast sechs Wochen lang, hatte er ihr nur einen einzigen Brief geschickt, in die Maschine diktiert. Und in diesem Brief war nur die Rede von einem Kampf, den er mit einem Pferde ausfocht, das ihn beim Reiten im Tiergarten gegen die Bäume rennen wollte.

In jenen Wochen, da sie für Wenzel nicht zu existieren schien, wäre sie am liebsten geflohen. Fliehen! Aber wohin? Sie wußte, daß sie nie fliehen konnte, es war unmöglich, es war viel zu spät. Natürlich wußte sie, daß Frauen dabei im Spiel waren. Die Frauen drängten sich an Wenzel heran, wohin er auch kam. Viele blendete sein Erfolg, sein Reichtum. Andere bestach sein Aussehen, seine weißen Zähne, seine Kraft und seine unverwüstliche Laune.

Jenny aber litt Qualen, wenn sie allein in ihrem Hause in Dahlem saß. Sie wußte – man hatte es ihr hinterbracht –, daß Wenzel zwei oder drei Wohnungen in verschiedenen Hotels in der Stadt ständig gemietet hatte. Sie hörte von allen möglichen Abenteuern und Liaisons. Obwohl sie sich die Ohren mit beiden Händen zuhielt, unterließ man es nicht, ihr alles mögliche zuzuflüstern. Ihre Kolleginnen machten sich ein Vergnügen daraus, ihr derartige Neuigkeiten mitzuteilen. Wenzel sollte in einem kleinen Vorstadtvarieté eine kleine Sängerin entdeckt haben, die täglich ein Revolutionslied und einige Dirnenlieder mit frecher Geste vortrug. Die Musik war von einem verwahrlosten Kapellmeister geschrieben, der das kleine Orchester des Varietés dirigierte und der der Geliebte dieses Mädchens war. Man sagte, Wenzel halte die Sängerin nunmehr aus, und er habe dem eifersüchtigen Kapellmeister fünftausend Mark Abstand für die Frau gezahlt. Er habe sich eine Quittung geben lassen und sie dann der Sängerin unter die Nase gehalten. Der Kapellmeister, völlig rasend, habe auf Wenzel geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Wenzel habe ihn mit einer Ohrfeige zu Boden geschlagen.

Woher wußten die Leute all diese Dinge? Wie ekelhaft war dieser Klatsch, wie unverständlich! Jenny hatte den kleinen Stolpe in Verdacht, daß er aus der Schule plaudere. Sie sagte es ihm ins Gesicht. Stolpe kam in große Verlegenheit. Sie warnte ihn, sie war zornig und stampfte sogar mit dem Fuße, was sie sonst nie tat. Stolpe beteuerte, aber sie wußte, woran sie war.

Das war natürlich alles Klatsch, und doch war manches an diesem Klatsch wahr. Ob nun diese Geschichte von der Sängerin und ihrem Freund, dem Kapellmeister, sich tatsächlich so zugetragen hatte, das wußte Jenny nicht. Aber diese Sängerin existierte, und ohne Zweifel hatte Wenzel Interesse für sie! Er selbst zeigte sie ihr. Sie besuchten ein Varieté im Westen, und plötzlich trat eine freche kleine Person auf, anzusehen wie ein Straßenmädchen aus dem Osten. Sie sang im Berliner Dialekt mit einer schrillen Stimme, aber mit so großer Leidenschaft, daß sie das Publikum hinriß. Ihre Augen funkelten und drohten, während sie sang und sich frech in den Hüften wiegte. Sie sang zuerst zwei Dirnenlieder, dann trug sie mit rasenden Blicken und fanatisch schriller Stimme ihr Revolutionslied vor, das mit den Worten begann: „Wartet, wenn der Tag kommt, wartet, wenn mein Tag kommt! Dann wird meine Fahne wehn!“ Ihr Haß und ihr Fanatismus schienen so echt, daß das Publikum, das aus reichen Nichtstuern und reichen Damen bestand, stumm und erschrocken dasaß.

„Wie gefällt sie dir?“ fragte Wenzel und forschte mit dem Blick in ihren Augen.

Jenny erbleichte und erwiderte nichts. Sie haßte diese Frau. Sie schüttelte die kleine Faust, als sie allein war, und Tränen der Wut stürzten in großen Tropfen aus ihren Augen. Oh, wie sie diese Person haßte! Sie nannte sich geschmackvoll Fritzi Frettchen!

In den letzten Wochen, es war heißer Sommer geworden, gefiel ihr Wenzels Aussehen nicht mehr. Sein braunes Gesicht schien plötzlich etwas fahler geworden zu sein. Seine Augenlider schienen wie mit grauem Puder bedeckt. Er selbst gab zu, daß er sich zurzeit in einer „höllischen Fahrt“ befände, bald aber werde er „die Geschwindigkeit vermindern“. Er trank in diesen Wochen Sekt, immer Sekt. Seine Hände zitterten.

„Schenke mir dieses Glas,“ bat Jenny zärtlich und legte die Hand um seinen Hals.

„Dein Wille geschehe!“ sagte er. „Aber es schadet mir ja nichts, beunruhige dich nicht. Es ist eine Periode, sie wird vergehen. Ich bin überarbeitet und schlafe zu wenig. In der vergangenen Woche habe ich im ganzen – laß sehen –, im ganzen dreißig Stunden geschlafen. Eine Nacht gar nicht. Es gibt Leute, die für Geld wachen. Schade, daß es nicht Leute gibt, die für Geld schlafen. Ich wäre ein guter Kunde. Die Welt ist noch recht unvollkommen. Habe noch etwas Geduld mit mir! Warte nur, bis der erste August kommt, dann gehen wir an das Meer.“

Käme doch dieser erste August bald! Endlich wurden die Vorbereitungen für die Sommerreise getroffen. Man wollte drei Wochen mit der Jacht auf der Ostsee segeln. Wenzel wollte nur Stolpe und Mackentin mitnehmen und Stobwasser einladen.

„Und dann habe ich noch diese Fritzi Frettchen eingeladen, du erinnerst dich, diese kleine freche Person. Sie soll uns vorsingen.“

Jenny blickte zu Boden. Ihre Wimpern zitterten. Sie sagte leise: „Dann bleibe ich zu Hause.“

„Wenn du ein Ultimatum stellst,“ sagte Wenzel lachend, „dann werde ich diese Fritzi Frettchen wieder ausladen. Sie wird es verwinden.“

Mackentin wollte seine Frau mitbringen, eine geborene Baronin Biberstein, eine stille, etwas korpulente Dame, die Jenny bemutterte. Dagegen hatte Jenny nichts einzuwenden. Sie lachte in sich hinein. Diese Frau Mackentin war ganz ungefährlich.

Aber die Abreise wurde von Tag zu Tag verschoben. Goldbaum erkrankte, und Wenzel konnte nicht reisen, bevor Goldbaum die Geschäfte übernahm. Dieser fürchterliche fette Goldbaum, der von früh bis nachts Speisen in sich hineinschlang. Gewiß hatte er sich den Magen verdorben. Mitte August endlich fuhren sie ab. Stolpe war am Tage vorher mit dem Gepäck vorausgefahren. Am nächsten Morgen rasten sie mit dem hundertpferdigen Wagen nach Warnemünde, wo die Jacht lag.

Stobwasser, der neben dem Chauffeur saß, liefen die Tränen aus den Augen bei der scharfen Fahrt, und wenn er das Gesicht zur Seite drehte, so bog der Wind seine lange Nase um. Die Luft heulte und schrie.

Wenzel machte es ein knabenhaftes Vergnügen, in diesem Höllentempo dahinzujagen. Jenny aber war froh, als sie wohlbehalten in Warnemünde eintrafen.