24
Da lag die Jacht „Kleopatra“, dunkelblau gestrichen, glatt wie Seide. Zehn Matrosen standen in Reih und Glied an Bord, und der Kapitän begrüßte sie. Jenny klopfte das Herz, als sie das Schiff betrat. Sie hatte es sich nicht so groß vorgestellt. Alles war blitzblank und wunderbar, und der Mast, welch eine Höhe! Ein kleiner Dampfer schleppte sie an der Mole und am Leuchtturm vorbei hinaus ins Meer. Es wehte nur eine leichte Brise, der Tag war herrlich. Die Segel stiegen in die Höhe, der kleine Schlepper warf los, und es ging dahin. Schon aber ertönte das Gong, und der Steward bat zu Tisch. Die Tafel war herrlich geschmückt, Blumen, kostbares altes Silber.
„Ein wahres Glück, daß diese Großherzogin ihr Silber nicht im Krieg abgeliefert hat, wie es der Patriotismus vorschrieb!“ rief Wenzel lachend auf. „Sonst würden wir heute nicht dieses schöne Silber hier haben!“
Zauberhaft schön erschienen Jenny diese Tage. Sie glitten dahin, wie das Schiff durch die See glitt. Tag ging in Nacht über und Nacht in Tag. Unwirklich und unirdisch erschienen sie wie der Dunst auf dem Meere und die hellen Nächte unter dem Sternenhimmel.
Sie fuhren, und die Leuchtfeuer blitzten am Horizont.
„Was ist das für ein Feuer, Wenzel?“
„Das ist das Feuerschiff Gjedser, Jenny. Das ist Langeland, Kiels Nor.“
Einmal lagen sie am späten Abend in einer völligen Windstille in der Nähe einer dänischen Insel. Das Meer floß wie geschmolzenes Blei dahin. Am Horizont stand violetter Dunst, fast wie fernes Land sah es aus. Kein Lüftchen regte sich. Die Nacht kam, sie gingen vor Anker. Deutlich hörte man die Stimmen von der Insel herüber zur Jacht klingen, den Laut einer Glocke.
„Was ist das, Wenzel?“
„Das ist Vieh, das auf der Weide ist.“
„Aber horch, nun kommen sie gerudert.“
In der Tat schien es, als höre man Ruder knarren. Sie spähten hinaus in die Dunkelheit, allein nichts war zu sehen. Die ohne jede Bewegung ruhende See verstärkte zehnfach jeden Laut, wie eine empfindliche Membrane. Nun schien ein blendender Berggipfel, unheimlich gezackt, am Horizont aufzutauchen. Ein Eisberg, der im Lichte glänzte. Aber es war der Mond, der groß und feierlich emporstieg. Wenn Jenny zum Firmament emporblickte, so erschauerte sie, es schien ihr, als seien Tausende lichter Augen überirdischer Wesen auf sie gerichtet.
„Ich bin glücklich,“ sagte sie und schmiegte sich an Wenzel.
„Es ist schön,“ entgegnete Wenzel. In ihrer Nähe, in der Stille des Meeres fand er wieder jene Schlichtheit des großen Knaben, die sie an ihm so sehr liebte – wie damals in Hellbronnen. „Die reichen Leute sind alle Heuchler!“ fuhr Wenzel fort. „Sie sagen nicht: Geld gibt Freude, Gesundheit, Genuß. O nein, sie sagen: Das Schönste auf der Erde ist Arbeit, Pflichterfüllung. Nun, ich lüge nicht! Ich liebe dieses Leben! Und all das ist gekommen, weil ein alter Mann glaubte, mich als Automat behandeln zu dürfen, weil er mich bezahlte. Weil ein alter Mann mich rügte, als ich zehn Minuten zu spät kam. Das ist meine Rache!“
Gegen Morgen hörte Jenny das Schiff knarren und das Wasser gegen die Schiffswände klatschen. Die „Kleopatra“ war wieder unterwegs.
Das Wetter war fast immer schön. Nur einmal kamen sie in ein furchtbares Gewitter, das Jenny ihr ganzes Leben lang nicht vergessen würde. Eine mächtige, schiefergraue Wetterwand stand senkrecht über dem Meer, zerrissen von einem rasend zuckenden Netz von Feuer. Der Donner dröhnte wie eine ferne Schlacht. In diese graue, von Blitzen zerfetzte Wetterwand glitt die „Kleopatra“ langsam hinein, einem kleinen Fischereihafen entgegen. Auf dem Lande brannte ein Gehöft, das der Blitz entzündet hatte.
Wenzel saß auf der Reling und starrte aufmerksam und gespannt in das Netz der Blitze. Sein Kopf war vorgebeugt, seine Augen glänzten, und sein Mund war halb geöffnet, alles an ihm war Spannung und geballte Kraft. Es sah aus, als bereite er sich stumm auf den Kampf mit dem Gegner vor.
Jenny war in Schweiß gebadet. Sie zitterte vor Hitze, Erregung und Angst.
„Weshalb fahren wir in das Gewitter hinein?“ fragte sie. „Ich ängstige mich.“
Wenzel lachte. „Es hat noch nie ein Blitz in ein Schiff eingeschlagen oder nur selten. Sonst würde auch ich Angst haben und umkehren.“
„Weshalb schlägt der Blitz nicht in ein Schiff ein?“
„Frage die Gelehrten. Sie werden dir ein Märchen erzählen.“
Jenny sagte etwas, aber der Donner nahm ihre Stimme fort.
Wieder starrte Wenzel in das Netz von Blitzen, die Stirn gerunzelt, zum Angriff bereit.
„Was denkst du, Wenzel?“ fragte Jenny. Es regnete vereinzelt große Tropfen, die wie harte Taler auf das Deck prasselten.
„Es ist schade,“ erwiderte Wenzel und ballte die Fäuste „Es ist schade, daß man nicht ewig leben kann! Alles besitzen – und ewig leben! Kraft, Gesundheit! Und dich!“
Er hob Jenny auf den Arm und trug sie über das Deck hinunter in die Kajüte. Sie zitterte.
„Wir wollen die Götter versuchen! Wir wollen sehen, ob sie Kavaliere sind!“