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So kreuzten sie Tag für Tag. Zuweilen blieben sie einige Tage bei einem Seebad liegen. Farbig der Strand, ein Gewimmel von Flaggen. Gäste kamen an Bord, und es ging laut her bis spät in die Nacht. Jenny war froh, wenn sie die Küste mieden.
Jeden Morgen und Abend badeten sie im Meer, wenn die See es erlaubte. Das Schiff lag bei. Eine der Jollen wurde herabgelassen, und sie schwammen um die Jacht herum.
Besonders Stobwasser entpuppte sich als ein großer Schwimmer. Sonst sah man ihn, von den Mahlzeiten abgesehen, nur selten. Immer schlief er, irgendwo zusammengerollt wie ein Igel. Seit er, zusammen mit Weidenbach, in der kleinen thüringischen Stadt die Kegel aufgesetzt hatte, genoß er auf dieser Reise die ersten Tage des Ausruhens, der Erholung und Sorglosigkeit.
„Kleopatra“ ging nach Kopenhagen, nach Schweden. Sie lief bestimmte Häfen an, um die Post abzuholen. Dann kehrte sie wieder nach Warnemünde zurück. Goldbaum wurde erwartet und Michael Schellenberg mit seiner Freundin Eva Dux. Sie sollten drei Tage an Bord bleiben.
Jenny freute sich. Sie hatte eine aufrichtige Zuneigung zu Michael gefaßt. Eva Dux kannte sie noch nicht.
Als die Jacht anlegte, standen die drei bereits am Kai. Der dicke Goldbaum kletterte mühsam die Treppe empor und betrachtete argwöhnisch das Schiff. Er mißtraute dem Meer. „Man ist zu sehr in Gottes Hand,“ pflegte er zu sagen.
Eva Dux war eine schmale, zierliche junge Dame, knabenhaft, mit einem sehr schlichten, offenen Gesicht und großen dunkelblauen Augen. Sie war sehr scheu und bekannt für ihre Schweigsamkeit. Sie war Michaels erste Sekretärin und genoß den Ruf, ebenso unermüdlich arbeiten zu können wie Michael selbst.
„Wie gefällt Ihnen das Meer?“ fragte Jenny, als die Jacht wieder die offene See gewonnen hatte und das Land versank.
Eva blickte über das Meer und antwortete leise: „Es ist schön.“
In der Tat, sie sprach wenig, und es war ganz unmöglich, mit ihr in ein Gespräch zu kommen, was man auch versuchen mochte. Jenny legte ihr, als es kühler wurde, zärtlich ein Tuch um die Schultern.
Eva wich leicht mit der Schulter zurück und sah sie mit einem langen und erstaunten, dankbaren Blick an. Sie bewegte die Lippen, aber sie sagte nichts.
Von diesem Moment an aber fühlte Jenny, daß sie Freundinnen geworden waren.
Am Abend ging es an Bord lauter zu als gewöhnlich. Die Herren besprachen Geschäfte. Michael war nach Warnemünde gekommen, um seinen Bruder in Ruhe sprechen zu können, denn er wußte, daß es in Berlin ganz unmöglich war. Er wollte ihn für ein großes Projekt interessieren, für eine Industriesiedlung größten Ausmaßes, die zurzeit am Mittelland-Kanal vermessen wurde. Wenzel wich aus, aber er versprach, sich die Sache zu überlegen.
Nach Tisch lag man in den Stühlen auf Deck. Der Abend war gekommen, und die erlöschende Lohe des Sonnenunterganges brannte braun und gewaltig wie der Rauch eines Vulkans. Die Jacht arbeitete mit leisem Knarren. Das Bugwasser zischte gleichmäßig. Dieses leise Knarren und gleichmäßige Zischen schläferte fast alle ein. Man sprach leise, oder man schwieg. Stobwasser war schon tief eingeschlafen.
Nur Mackentin konnte sich noch nicht beruhigen. Er war mit Michael in ein Gespräch geraten, das gedämpft, aber mit großer Leidenschaftlichkeit geführt wurde. Jenny hörte nur dann und wann Bruchstücke des Disputs.
„Gestatten Sie mir,“ sagte Mackentin sehr höflich, mit leicht näselnder Stimme, „Sie werden doch zugeben, daß wir Getreide billiger importieren können, als wir es selbst zu produzieren vermögen?“
„Zurzeit gewiß,“ entgegnete Michael. „Wir werden unsere Methoden verbessern, um konkurrenzfähig zu werden. Ich leugne nicht, daß es heute wirtschaftlicher ist, Nähmaschinen zu exportieren und für den Erlös Getreide einzuführen. Vorausgesetzt natürlich, daß Sie Ihre Nähmaschinen verkaufen können.“
„Aber das kann ich doch jederzeit?“
„Nein, das können Sie nicht. Sonst ständen diese Probleme gar nicht zur Diskussion.“
Pause.
Mackentin überlegte offenbar. Dann fuhr er fort: „Nehmen wir an, daß es Ihnen tatsächlich möglich sein wird, mit Hilfe einer ungeahnten Bodenverbesserung und völlig neuer Methoden die Produktion so zu steigern, daß Sie mehr Getreide produzieren, als Deutschland benötigt, was dann?“
„Dann würde ich das überschüssige Getreide Futterzwecken zuführen und zum Beispiel die Geflügelzucht um ein bedeutendes heben, sodaß Deutschland keine Eier mehr einzuführen braucht.“
„Gut, gut,“ fuhr Mackentin mit etwas erregter Stimme fort. „Gestatten Sie weiter. Nehmen wir an, Sie produzieren noch mehr Getreide und Nahrungsmittel, mehr als Sie verwenden können.“ Mackentin gab sich noch immer nicht geschlagen.
„Das wird kaum eintreten, aber nehmen wir es an. Dann würde ich einen Teil des Bodens zur Anpflanzung von Hanf, Flachs und Ölfrüchten verwenden.“
„Gut, gut, gestatten Sie weiter. Sie wollen, wenn ich Sie recht verstand, gegen drei Millionen Pferde in Deutschland durch Motorkraft ersetzen. Ist das Ihr Programm? Und wenn das Ihre Absicht ist, werden Sie das Geld haben, um die großen Mengen von Benzin zu importieren, die für den Betrieb der Maschinen notwendig sind?“
„Gewiß ist dies mein Programm. Diese drei Millionen Pferde, die nur einige Monate im Jahr arbeiten, fressen Deutschland arm. Sie sind der unerhörteste Luxus, die unerhörteste Verschwendung, die vorstellbar ist. Anstatt des Hafers werde ich Kartoffeln pflanzen und den Betriebsstoff für die Motore in meinen Brennereien herstellen, wenn es sein muß. Im übrigen werde ich ja ganz andere Kraftquellen verwenden. Der Wind und das Wasser werden billige Kraft liefern!“
„Dann gestatten Sie eine weitere Frage,“ fuhr Mackentin fort. „Sie beliebten zu sagen –“
Aber Wenzel unterbrach ihn. Er lachte laut heraus und sagte, während er aufstand: „Strecken Sie die Waffen, Mackentin, Sie werden mit ihm nie in Ihrem Leben fertig.“
Michael ging mit Jenny auf dem Verdeck auf und ab. Er schob seine Hand unter ihren Arm und sagte: „Ich freue mich, Fräulein Florian, daß Sie Wenzel betreuen. Sie üben einen günstigen Einfluß auf ihn aus. Er braucht jemanden, der sein unstetes Wesen ausgleicht. Seien Sie nachsichtig zu ihm! In Wahrheit ist er ja nichts als ein großer Knabe.“
Und Wenzel sagte zu Jenny: „Wie gefällt dir Michael? Er ist einer der reizendsten und sympathischsten Menschen, die es gibt. Wäre ich eine Frau, so würde ich mich tödlich in ihn verlieben! Seine Güte ist ohne alle Grenzen, aber er ist ein Kind. Unter uns gesagt, ich halte ihn für einen Narren. Ich befürchte, er wird schlechte Erfahrungen machen. Schon jetzt greift ihn die Presse heftig an.“
Rätselhaft war Eva, die Schweigsame. Sie schien ganz in sich zu ruhen, ganz Harmonie, sie schien, in sich gesammelt, sich selbst zu genügen. Fast wie ein edles, scheues Tier stand sie, atmete, lauschte, den klaren Blick in die Weite gerichtet. Jenny verliebte sich in sie und küßte sie zum Abschied auf den Mund. Schön, voller Dankbarkeit und Freude war Evas glänzendes Auge auf sie gerichtet.
Jenny vergaß diesen schimmernden Blick nie mehr. „Zum ersten Male habe ich mich in eine Frau verliebt,“ sagte sie lächelnd zu Wenzel.
Oh, wie herrlich waren diese Tage auf der See! Jenny war glücklich und ohne Wunsch. Schon aber bemerkte sie Unruhe in Wenzels Gesicht.