22

Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten, kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen, luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.

Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.

Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin. Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte, verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen, bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die „Voliere“, man mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten, heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.

Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr, keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.

Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn. Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!

Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er ganz erfüllt von Befriedigung.

„Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!“ sagte er sich manchmal, wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. „Und doch ist dies erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!“ Ehrgeizige Träume berauschten ihn –.

Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen niemand voraussehen konnte.

An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten. Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken. Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des Tieres nicht zu erwehren.

„Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,“ rief sie wieder und wieder aus.

Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von Menschen.

Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.

„Woher kennt dich der Hund?“ fragte Wenzel.

„Er gehört einem meiner Bekannten,“ erwiderte Esther lächelnd und widmete sich wieder den jungen Bären.

Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.

Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.

„Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,“ sagte er plötzlich. „Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels! Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig. Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem Bärenzwinger zu?“

Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine Abgespanntheit und seine Gereiztheit.

Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.

Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.

Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul. Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.

Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen, er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich, nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich hatte er das Windspiel vergessen.

23

Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur gekommen, um Esther abzuholen.

Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.

Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte, wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. Katschinsky hieß der junge Mann.

Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?

Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.

Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen zu lachen.

„Es sind ja nur die Nerven!“ sagte er sich. „Wir werden drei Wochen auf die See gehen!“

Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht mehr.

Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten seine Aufträge.

Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien, rätselhafter.

Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm. Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem Hause.

Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?

Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission besonders zu eignen.

Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu tun und bei seinen Freunden ein „bißchen herumzuhorchen“.

Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte nicht das geringste.

Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig, eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.

„Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,“ sagte er. „Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen sehen und manches mißdeuten könnten.“

Esther warf die Lippe in die Höhe.

„Laß sie doch,“ sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes. „Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die Menschen.“

Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.

Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen Angelegenheiten. „Nun, und die andere Sache?“ fragte Wenzel und wurde dunkelrot, da er sich schämte.

Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts Positives, keine einzige positive Tatsache.

Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.

Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch, wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.

Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. „Ich hatte bestimmtere Dinge gehört,“ sagte er. „Dieses Geschwätz kümmert mich natürlich nicht im geringsten.“

Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an der Tafel saß.

Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.

Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives. Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also hieß es sich gedulden.

Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in Erfahrung gebracht hatte.

Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu vermeiden.

Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.

Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther war.

Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig, keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie heuchelte nicht.

Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.

Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder so.

Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.

Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch keineswegs sicher. –

Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.

„Es ist nicht nötig,“ sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: „Wehe, wenn Sie mich belügen, Herr!“ schrie er den Agenten an. „Ich werde mich überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!“

Der Agent wich erschrocken zurück. „Herr Schellenberg können sich überzeugen.“

24

Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto stand an der Ecke.

Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des Vertrauensmannes.

Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu sein.

Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen, die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden, dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte? Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er verabscheute ihn.

Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser Stunde verlassen.

Aber diese Dame trug seinen Namen.

Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein Mietsauto und fuhr davon.

Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren.

Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine Zeugenschaft.

Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald zurück.

Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt. Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune.

„Die Damen sind im chinesischen Zimmer.“

Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt, ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen Raum zur Dämmerstunde.

Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen. Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.

In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte Katschinskys Stimme.

„Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,“ sagte Esther, fast gleichgültig, fast gelangweilt.

„Ich hatte im Ausland zu tun,“ erwiderte Katschinsky. „Ich bin seit einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.“

„Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc aus Paris.“

Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.

„Oh, welch schamlose Komödie!“

Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt.

Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen, daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen.

Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer von neuem: „Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!“ Wiederum war sein ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.

Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr Gäste gekommen zu sein.

Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!

Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen, die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in den Augen an.

Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.

„Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!“ knirschte Wenzel. „Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar rächen!“

Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau, unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.

Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.

„Ich werde es nicht dulden!“ rief er abermals und wieder und wieder aus, mit verzerrten Zügen.

Es war eine furchtbare Nacht.