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Vor dem Gebäude der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ drängten sich unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei erfüllte die Straße.

„Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!“

Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.

Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat vorsprechen.

Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken. Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt.

Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: „Gib uns Arbeit! Komm heraus, Schellenberg!“

Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen. Die Polizei schritt ein.

Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger, ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!

Und in der Tat, er kam wieder.

An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er sollte seine Pläne vortragen.

Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab, so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen vermochte.

Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf. Sofort sammelten sich Menschen an.

„Er hat auf Schellenberg geschossen,“ schrie der Chauffeur und deutete auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der gestern Rache geschworen hatte.

Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der Straße verhallt.

Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der Schulter.

„Bist du getroffen?“ fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer stärker spürbar.

„Oh, du blutest ja!“ rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder ins Gebäude zurückzudrängen.

Endlich vermochte Michael zu sprechen. „Es ist nichts,“ sagte er. „Was kann es sein? Was wollte er?“ schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich um den Steinträger ballte.

Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.

Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den feuchten Blättern durch die Straßen rannten.

„Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf Schellenberg!“

Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den Gründer und Leiter der Gesellschaft „Neu-Deutschland“, ein Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen keinen Anlaß.

Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.

Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe bei der Gesellschaft „Neu-Deutschland“ gearbeitet, man habe ihm einen Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!

Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch nicht finden konnte.

Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.

Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten, lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten, wiederhergestellt sein.

Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.

„Lassen Sie den armen Teufel laufen,“ sagte Michael. „Es ist ein Opfer der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand darin ihren Ausdruck.“

Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.

Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.

Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick. Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge hatten.

Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten. Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. „Sehen Sie her, Mackentin!“ rief er Mackentin erbleichend zu. „Was ist das?“ Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen zusammen. „Lesen Sie, Mackentin,“ sagte er mit einem verstörten Lächeln. „Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.“ Tagelang sah Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken.

Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und Wenzel schien ruhiger zu werden. „Es ging noch einmal vorüber, Gott sei Dank!“

Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik.

Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten. Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu leiden.

Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.

Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab.

„Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst du schreiben, Eva?“

Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann, daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war.

Auch damit war Michael einverstanden.

Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben veröffentlicht. „Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der Lüneburger Heide.“ Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe von Berlin.

Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und strahlenden Augen trat in sein Zimmer.

„Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,“ sagte Michael zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.“ Er betrachtete Georg aufmerksam. „Wo habe ich Sie schon gesehen?“ fragte er dann.

Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit nach Glückshorst nehmen zu dürfen.

„Oh, Sie sind es!“ entgegnete Michael. „Ich erinnere mich noch deutlich. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus als damals.“

Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten, rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.

„Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!“ rief er ihm zu.

Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein Hund, der seinen Herrn verlor.

Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner Küche.

Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit. Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei, berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst. Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte. Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging.

„Da seid ihr ja wieder!“ schrie er außer sich vor Freude und umarmte die Freunde.