26
Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er arbeitete.
Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“ geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern, Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei, drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu Gesicht bekam.
Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz allem, Unrecht tun?
Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.
„Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier vor?“ drang er in ihn.
Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. „Oh, nichts,“ erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. „Oh, nichts, gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.“ Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.
Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ.
An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück, das man spielen wollte, diese „Drei Szenen aus dem Leben Casanovas“, hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky, dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest. Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt, debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.
Dieser Bursche überhaupt, dieser „Regisseur“! Wie? Er erinnerte sich, wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: „Hüten Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny Florian!“ Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen Brief geschrieben.
Seht an! Seht an!
Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben, und der Wagen hielt.
„Wohin fahren Sie?“
„Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,“ antwortete der Chauffeur.
Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. „Es schien mir, als führen Sie falsch.“ Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig. In Warnemünde lag die Jacht.
Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk, gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie verlassen.
Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte, wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht hineinbrüllte: „Halloh, Esther Schellenberg!“ Nichts regte sich. Endlich fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes Gesicht.
„Schlaft ihr alle?“ schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!
Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.
„Machen Sie keinen Unsinn,“ unterbrach er den Kapitän, einen früheren U-Bootführer, namens Wittgenstein. „Wir sind unter uns Kameraden, und es ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen. Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?“
Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe, es werde wohl eine geraume Weile vergehen.
„Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!“ rief Wenzel gutgelaunt aus. „Wir werden essen und trinken.“
Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. „Ich bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!“ rief er lachend aus. „Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See. Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!“
Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen, was möglich war, es war schweres Wetter.
„Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?“
„Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!“
Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm.
„Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,“ sagte er. „Ich will nur nicht in die Nähe von Menschen kommen.“ Am Nachmittag schlief er ein, und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin.
Wenzel war laut und ausgelassen. „Was würden Sie sagen, Wittgenstein,“ schrie er dem Kapitän zu, „wenn ich einen Menschen totschlüge?“ Eine See brach zischend über das Deck.
„Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.“
„Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.“
Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. „Hören Sie, Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte Kriegsleute, wie wir es sind!“ Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus.
Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt.
Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um sich augenblicklich zu Bett zu legen.
27
Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.
Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin. Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer, der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß „Creol“. Er tutete dumpf, die Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel noch, an Bord zu kommen.
Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit, Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.
Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.
Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser. Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.
„Wo sind die Passagiere?“ fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit prüfenden Blicken.
„Sie sind seekrank.“
Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen „Creol“ trug. Ein sonderbarer Name.
Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.
„Was ist eigentlich los?“ schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der Brücke empor.
Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten aus den drei Schornsteinen.
Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar zu tuten.
Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen: „Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!“
In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. „Ich habe geträumt,“ sagte er, „etwas ganz Entsetzliches.“ Er betrachtete seine Hände. Was war es doch mit meinen Händen?
Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner vor ihm stand.
„Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,“ sagte er.
Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand.