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Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war, oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief augenblicklich die Ärzte.

Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben. Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb bestehen.

Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. „Ich kann doch nicht wegen des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!“ rief er aus.

Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht, denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte, legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn.

Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn.

Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige, gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf.

Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen!

Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden, vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste.

„Versuche zu schlafen,“ bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf die Stirn.

Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an. „Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,“ sagte er.

Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten? Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen vergessen.

Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen, welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl.

„Versuche doch zu schlafen,“ bat Eva.

„Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,“ antwortete Michael und schüttelte den Kopf.