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Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern, lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.
Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte, Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber, männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte, daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.
Nun war es also so weit ...
Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten. Das Bett war silbern bemalt.
Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.
Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.
Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und verließ das Zimmer.
Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.
Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.
Was war geschehen?