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Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben.

„Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, Schellenberg,“ sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.

Wenzel sagte: „Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?“

Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. „Sie scheinen noch zu schlafen, Schellenberg!“ rief er aus. „Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.“

Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines Stalles, die Stute „Spaßvogel“ gemeldet.

„Schön, gehen wir,“ sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette gerissen – sonst wußte er nichts mehr.

Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen, er hörte gar nicht zu.

Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick suchte etwas.

In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung. Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. „Spaßvogel“ lag sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen. Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die sichere Favoritin war geschlagen.

„Aber sehen Sie doch, Schellenberg!“ rief Mackentin, „Spaßvogel wurde angehalten!“

Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte, und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes. Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt, plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.

In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.

Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: „Wenn man mit einer Dame eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.“ Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden. Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.

Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?

Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.