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Mitten im Gedräng der Menschenmassen blieb Georg plötzlich stehen. Er runzelte die Stirn – dachte nach. Welcher Gedanke war ihm doch soeben durch den Kopf geschossen? Die Rettung. Ja, Stobwasser.

Vielleicht sollte er doch zu Stobwasser gehen?

Sie waren ja alte Freunde, seit den Tagen, da sie als Knaben im „Goldenen Engel“ die Kegel aufgesetzt hatten. Hatte Stobwasser ihn nicht aufgefordert, ihn zu besuchen, hatte er ihm nicht seine Kammer angeboten? Schon begann Georg dahin zu eilen, aber nach wenigen Schritten blieb er, außer Atem, wieder stehen. Er sah Stobwasser in der eisigen Werkstatt liegen, krank, fiebernd, ohne Mittel. Unmöglich konnte er ihm zur Last fallen.

Einige Tage später aber überwältigte ihn plötzlich die Mutlosigkeit, und er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Es gab keine andere Rettung mehr. Zwei Stunden lang schleppte er sich nach dem Westen, bis er endlich, schwindelig und erschöpft, den Hof erreichte, in dem Stobwassers Werkstatt lag. Kläglich meckernd streckte die Ziege den Kopf aus ihrem Stall. Schon wollte er an Stobwassers Türe pochen: da hörte er drinnen eine Frauenstimme plaudern und lachen. Er schlich sich davon, es war wohl besser so. Er zitterte plötzlich, Schweiß bedeckte seine Stirn, als habe er ein Verbrechen begehen wollen.

Nein, es ging nicht gut mit ihm, er fühlte es selbst.

Er hatte jetzt schon das elende und verwahrloste Aussehen jener Verarmten bekommen, denen die Gutgekleideten, die noch einiges Mitgefühl haben, nicht gerne begegnen. Es gab viele, die den Anblick jener elend aussehenden Menschen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, nicht mehr ertragen. Nur die Stiernacken, die Feisten, die Krieg und Revolution prächtig überstanden hatten, waren nicht aus ihrer Bahn zu bringen. Mit eisigen und harten Blicken sahen sie mitten durch ihn hindurch, ohne ihn zu sehen. Andere rollten in ihren Autos vorüber, die sie von den Sesseln ihres Bureaus zu ihren Villen brachten. Sie blieben sogar vom Anblick der Elenden und den hündischen Blicken der Bettler verschont.

Plötzlich bemerkte Georg, daß er Blut spuckte. Ah, seht an, sagte er sich, ein Rückfall!

Aber bald beruhigte er sich, er war nicht der einzige, dem es so erging. Es waren viele, viele, da draußen im Osten, unter den Arbeitslosen und Armen litt jeder zehnte Mensch an diesem Übel.

In diesen Tagen, da sein Blick immer leerer wurde und sein Schritt immer müder, sah er einmal ganz plötzlich Katschinsky. Fast hätte er ihn übersehen. Es war in der Nähe des Anhalter Bahnhofs. Katschinsky kam mit einem jungen Manne aus einem Blumenladen und überschritt schnell die Straße, beladen mit einem Strauß gelber Rosen, um in ein Auto zu steigen. Er trug einen herrlichen mausgrauen Mantel und einen grauen Plüschhut. Der Geruch seiner Zigarette schwebte in der Luft.

Katschinsky hatte ihn mit einem Blick gestreift. Hatte er ihn erkannt? Ja, ja, o gewiß, er hatte ihn erkannt! Georg beobachtete, wie er nervös in den Wagen kroch.

In diesem Augenblick aber ereignete sich etwas ganz Unverständliches, etwas, was Georg, wenn er sich dessen erinnerte, nie begriff. Plötzlich sprang er mit zwei, drei wilden Schritten auf das Auto zu, um an die Scheibe zu klopfen. Aber der Wagen fuhr in dieser Sekunde ab. Gottlob.

Bleich vor Scham blieb Georg stehen. Er zerbiß sich die Lippe: so ging es nicht weiter, nicht einen Tag länger. Ein Entschluß, ein Entschluß!

Und wieder nahm er seine planlose Wanderung durch die Straßen auf. Da aber erwachte ein Gedanke in seinem Kopf. Weshalb war er nicht schon früher auf diesen Gedanken gekommen?

Er erinnerte sich plötzlich, daß er in einem Asyl für Obdachlose, wo er zuweilen übernachtete, einen kleinen, alten Bettler kennengelernt hatte, der, in eine Wolke von Schnapsdünsten eingehüllt, neben ihm kampierte. Dieser Bettler, ein „Zitterer“, der aus Gewohnheit zuweilen sogar im Asyl zitterte, hatte ihm von einer sagenhaften Firma, einem Großunternehmen erzählt, das Arbeitslose beschäftige. Diese Firma sollte sich in der Lindenstraße befinden, und das Haus wäre nicht zu verfehlen, da es in ein großes Gerüst eingehüllt sei.

„Dahin sollten Sie gehen,“ riet der Alte. „Für mich ist es nichts, aber für Sie ist es vielleicht etwas, junger Mann. Fragen Sie getrost nach einem Herrn Schellenberg. Den Namen sagte mir ein Bekannter. Ich ging also in den Neubau und fragte nach Herrn Schellenberg. Dieser Herr Schellenberg, nun, Glück muß der Mensch haben, kam zufällig die Treppe herunter. Was glauben Sie? Er schenkte mir sofort fünf Mark und befahl seinen jungen Leuten, mir Beschäftigung zu geben. Sie gaben mir eine Fahrkarte nach Nauen und sagten mir, da gehst du hin und meldest dich da und da.“

„Sind Sie hingegangen?“ hatte Georg geforscht.

„Ich? Was sind Sie denn für einer? Nein, das ist nichts für mich, ich bin zu alt dazu, die Stadt zu verlassen. Ich habe ganz einfach die Fahrkarte am Bahnhof verkauft.“

Es war eine merkwürdige Geschichte, so merkwürdig, daß Georg sie für eine Phantasie des Schnapses halten mußte. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da er der Verzweiflung nahe war, sagte er sich plötzlich: Und doch? Vielleicht existiert diese sagenhafte Firma Schellenberg wirklich? Jedenfalls, was konnte es schaden, er konnte ja nachsehen, wie? Es kostete ja kein Geld! Er befand sich in dieser Minute beim Wittenbergplatz, und es war eine ziemlich weite Entfernung bis zur Lindenstraße.

Trotzdem beschloß Georg, sich augenblicklich, jetzt in dieser Sekunde noch, auf den Weg zu machen. Wenn es auch schon spät am Tage war, vorwärts. Und sofort begann er auszuschreiten.

Es war schon reichlich dunkel, nahezu sieben Uhr, als er, keuchend und in Schweiß gebadet, die Lindenstraße erreichte. Ja, nun hatte ihn wieder jegliche Hoffnung verlassen. Das Geschwätz eines Säufers.

Zu seiner größten Überraschung aber fand er tatsächlich ein Haus, das ganz in Gerüststangen eingehüllt war. Es roch nach Kalk und Nässe. Das Erdgeschoß war mit einer Bretterverschalung zugeschlagen, und darauf stand mit riesigen Buchstaben: „Arbeit! Wir geben euch Arbeit! Tretet sofort ein! Jede Auskunft!“

Das Haus war fast dunkel. Nur die obere Etage war hell erleuchtet.

Ein Pförtner trat aus der Loge und sagte mürrisch und übermüdet: „Bedaure, es ist geschlossen.“

In diesem Augenblick kam ein junger Mann in einem langen Arbeitskittel, wie ihn Architekten und Maler bei der Arbeit tragen, über den Korridor und warf einen Blick auf Georg. Dieser junge Mann war bereits im Begriff, in einer Tür zu verschwinden, blieb aber plötzlich stehen und sah Georg mitten ins Gesicht: dieses Gesicht war schneeweiß, die Augenhöhlen schiefergrau, und die Augen darin fieberten ohne Blick und Gedanken.

„Der Arbeitsnachweis ist bereits geschlossen, mein Herr,“ sagte der junge Mann und lächelte liebenswürdig. Er blickte zu Boden, dachte nach und winkte dann mit dem Kopfe. „Aber kommen Sie, wir wollen sehen, was ich für Sie tun kann. Schließen Sie das Tor ab,“ rief er dem Pförtner zu, „und lassen Sie niemand mehr herein, niemand, hören Sie!“ Und zu Georg gewandt, fuhr er fort: „Wir haben in den letzten Tagen fünftausend Leute angenommen und sind mehr als überfüllt. Wir haben keinen Pfennig Geld mehr, um auch noch einen einzigen Mann zu bezahlen. Aber treten Sie ein. Ich sehe, Sie sind leidend, und ich will sehen, was ich für Sie tun kann.“

Georg atmete auf. Seit Wochen hatte niemand mit ihm mit einer solch schlichten Freundlichkeit gesprochen wie dieser junge Mann.

„Ist es möglich, Herrn Schellenberg zu sprechen?“ wagte Georg zu fragen.

Der junge Mann sah ihn verwundert an. Er trat sogar einen kleinen Schritt zurück. „Herrn Schellenberg wollen Sie sprechen?“ sagte er leise, mit dem Ausdruck äußersten Erstaunens. „Haben Sie besondere persönliche Empfehlungen an Herrn Schellenberg?“

„Nein, nein,“ stotterte Georg.

Der junge Mann lächelte. „Es ist ganz unmöglich, Herrn Schellenberg zu sprechen, ganz unmöglich. Herr Schellenberg arbeitet sechzehn Stunden am Tag, und ich selbst, ich gehöre zum Komitee der Ärzte, kann ihn jede Woche nur fünf Minuten sprechen.“ Der junge Arzt sah Georg prüfend ins Gesicht und sagte nach einer Weile: „Gehen Sie in dieses Zimmer. Man wird Ihnen unsere Arbeitsbedingungen mitteilen. Leben Sie wohl und alles Gute!“

Georg las irgendein Formular, ohne es zu verstehen. Er war geneigt, Arbeit zu jeder Bedingung anzunehmen, und es konnte ihm völlig gleichgültig sein, was dieser Unternehmer Schellenberg bot. Man informierte ihn, daß er das Haus heute nicht mehr verlassen könne, und wies ihm eine Holzpritsche in einem langen Korridor an.

Es ist alles wie ein Wunder, sagte Georg zu sich, als er sich zerschlagen und fiebernd auf der Holzpritsche ausstreckte. Vielleicht träume ich, vielleicht ist es das Fieber? Vielleicht ist es das Ende? Plötzlich aber schlief er vor Erschöpfung ein.

Als er am Morgen erwachte, befand er sich zu seinem Erstaunen noch immer auf der gleichen Pritsche. Es war also kein Traum, keine Gaukelei des Fiebers gewesen. Man drückte ihm eine Eisenbahnfahrkarte in die Hand, mit der Weisung, sich da und dort, es war der Name einer kleinen Stadt in der Nähe Berlins, bei der Arbeitsstelle zu melden.

Georg bestieg den Zug, und als der Zug aus der Halle fuhr, beugte er sich weit hinaus, um diese Stadt nochmals zu sehen, durch die er wochenlang wie ein Hund, der seinen Herrn verlor, geirrt war.

Die Stadt dampfte. Es regnete noch immer. Wolken von Dampf stiegen aus der Stadt empor und hüllten ganze Viertel in dichten Dunst.

„Ich komme wieder!“ sagte Georg. Und – zu scheu, um in Wirklichkeit durch eine Geste seine Erregung zu verraten – breitete er in Gedanken die Arme gegen die Stadt aus. „Ich komme wieder, Christine!“

Und Christine, die irgendwo in diesem unendlichen Meer von steinernen Würfeln verborgen war, streckte ihm die Arme entgegen und erwiderte: „Ich warte auf dich. Komm! Ich liebe dich noch immer!“

Als der Zug die letzten Häuser der Stadt hinter sich ließ, rückte sich Georg auf der Holzbank zurecht, und eine Empfindung, die er lange nicht mehr gefühlt hatte, erfüllte sein Herz. Es schien ihm fast, als sei er glücklich. Trotz allem.