6

Die Herrlichkeit in dem kleinen Hotel, in dem Georg Unterschlupf gefunden hatte, dauerte nicht lange. Schon nach wenigen Tagen konnte er die Dachkammer nicht mehr bezahlen, und eines Morgens schlich er sich in aller Frühe aus dem Hotel – die kleine Handtasche mit den Habseligkeiten ließ er zurück. Mochten sie sehen wie sie zurecht kamen.

Nun, da er merkte, daß es abwärts mit ihm ging, daß der Boden unter seinen Füßen einbrach, rang er seinem erschöpften Körper die letzten Kräfte ab. Er wehrte sich.

Vom grauenden Tag bis zur sinkenden Nacht war er unterwegs. Treppauf, treppab. Er holte seine Papiere hervor. Stunden des Wartens. Geduld. Wie andere Stellungslose las er an den Anschlägen der Zeitungen die noch nassen Zeitungsblätter, um davonzustürmen, irgendeiner blassen Hoffnung entgegen. Er verlor nicht den Mut, mit jedem Tag nahm er den Kampf mit neuer Zähigkeit auf. Er stand nicht mehr bescheiden in der Ecke, er trat vor, fragte, forderte. Seine Stimme klang sicherer, sein Blick wurde tapfer.

Immer mußte er an die Geschichte jenes Kapellmeisters denken, die man ihm einmal erzählt hatte. Dieser Kapellmeister kam völlig unbekannt und ohne einen Pfennig in der Tasche in eine größere Provinzstadt, und am Abend dirigierte er bereits die Oper. Die beiden Kapellmeister waren plötzlich erkrankt. Heute ist er einer der ersten Operndirigenten Deutschlands.

Weshalb sollte ihm, Georg Weidenbach, das Glück nicht ebenfalls zulächeln? Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es ihm wie jenem Kapellmeister ergangen. Er sprach bei einem der ersten Architekten Berlins vor, zu dem er sich bis heute noch nicht gewagt hatte. Es schien nicht ohne Aussicht. Nicht das höfliche Lächeln und gelangweilte Abwenden des Blickes. Man bat ihn zu warten. Eine Fabrik war abgebrannt und sollte so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden. Siehst du, dachte Georg, und er erinnerte sich an seinen Kapellmeister, den man wenige Minuten vor der Vorstellung in den Frack steckte. Eine Fabrik mußte im rechten Augenblick abbrennen, damit er – aber ein hagerer, glatzköpfiger Herr trat ins Wartezimmer, streifte seinen dünnen, abgeschabten Mantel mit einem raschen Blick und schüttelte bedauernd den Kopf. So war es also nichts.

Nun, wenn nicht hier, so anderswo.

Auf den Bahnhöfen gab es dann und wann für eine Dienstleistung, eine Auskunft ein paar Groschen zu verdienen. Aber man mußte einen schnellen Blick und rasche Beine haben. Die Konkurrenz lauerte.

Mittags dampften auf dem Alexanderplatz drei Feldküchen der Heilsarmee und zwei Küchen eines großen Zeitungsverlags. Scharen von Weibern und Männern, elend, zerlumpt, bleich, stellten sich in endloser Reihe an und schoben sich geduldig vorwärts. Hier erhielt man einen Napf heißer Suppe, es war nicht viel, aber es war doch etwas. Neugierige umdrängten die Küchen. Einmal kam sogar ein Photograph, um eine Aufnahme zu machen. Georg wandte den Kopf ab. Sollte ihn etwa Katschinsky auf dem Bilde sehen, während er in einer vornehmen Diele den Tee schlürfte?

Schwer waren die Nächte. Sie waren die Hölle. Rot lohte der Himmel zwischen den schwarzen Häusern. Ein Zufallsquartier, Wartesäle der Bahnhöfe, Asyle. Georg hatte eine Schlafstelle im Norden entdeckt, wo man für ein paar Groschen auf dem Fußboden übernachten konnte. Hier lag Körper an Körper gedrängt, und selbst auf den Gängen lagen die erschöpften Leiber. Man mußte über sie wegsteigen. Die Ausdünstungen dieser zusammengepferchten, mit Schmutz bedeckten Menschen benahmen den Atem. Georg fiel zumeist erst gegen Morgen in Schlaf. Da lag er also mit offenen Augen. Die Schläfer schnarchten, röchelten und stöhnten. Manche schrien wirr im Traum. Es schliefen Männer und Frauen und Kinder durcheinander, und zuweilen kam aus einem Winkel ein wollüstiges Stöhnen, bis irgendeine Stimme ungehalten knurrte. So war es in dieser Stadt, deren Straßen am Tage mit Gummiwalzen reingefegt wurden.

Ein paarmal fand Georg seinen Platz neben einem jungen Mädchen, einem Kind eigentlich noch, mit dünnen Beinen und kleiner, unentwickelter Brust. Auch sie lag schlaflos. Oft sah er ihren Schatten ganze Stunden lang aufrecht sitzen. In einer Nacht rückte sie ganz nahe an ihn heran, so daß er ihren mageren Körper spürte, und flüsterte lüstern: Schlafen Sie? Sie zupfte ihn behutsam am Ärmel, beugte sich über ihn. Aber er regte sich nicht, seine Glieder waren vor Entsetzen gelähmt.

Manche Nächte aber schienen kein Ende zu haben. Ruhelos warf er sich von einer Seite auf die andere. Bald zitterte er vor Frost, bald glühte sein Körper wie im Fieber. Die Schläfer röchelten und schrien, und die Stadt grollte zuweilen in der Ferne. Es hörte sich ganz so an, wie wenn das Eis eines Flusses im Frühjahr aufbricht. Mittendurch schien die große Stadt zuweilen zu reißen – arm, reich, elend, gesund, Untergang, Auferstehung. Mittendurch: Tod, Leben, Zerstörung, Wiedergeburt, Freude, Jammer. Er dachte an Stobwasser, der nun unter seiner dünnen Decke hustete. Er dachte an Katschinsky, und er sah den Maler elegant und lächelnd in irgendeinem Spielklub sitzen, wo das Licht von Decken und Wänden blendete. Eigentümlich, die Vision hellerleuchteter und überheizter Räume folgte ihm jede Nacht in seine Finsternis.

Bald würden die Elektrischen wieder fahren und die flinken Autos dahinfliegen, die Geschäftshäuser sich mit frischen, ausgeschlafenen Menschen füllen – noch aber war es Nacht, und noch war die Stadt düster und schrecklich. Gestern Nacht, da hatten sie einen Mann vom dritten Stock herab in den Hof geworfen, sie hatten die Wächter einer Automobilfabrik ermordet, sie hatten einen Schutzmann erschossen. Und so geschah es in jeder Nacht.

Oft auch dachte er an Christine, die ihn betrogen hatte. Dann saß er die ganze Nacht aufrecht.

7

An jedem Morgen – in diesen regnerischen Tagen war es noch völlig finster – erschienen die Massen der Arbeitslosen vor den Bureaus der Arbeitsnachweise. Es waren Scharen, Bataillone, Armeen, die die Straßen überfluteten. Jeden Morgen kamen sie fröstelnd und hustend auf ihren dunklen Löchern hervor, in die sie sich in den Nächten verkrochen. Ihre Schuhe waren zerweicht und zerrissen, die abgetragenen, zerfetzten Kleider feucht vom Regen. Viele trugen nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe. Sie sahen fahl aus, schmutzig und ungepflegt, und manche krümmte der Husten bis zum Boden.

Da standen sie nun geduldig im Sprühregen, die roten Hände in den Hosentaschen, vertraten sich die Füße und warteten. Sie sprachen wenig. Nur einzelne schrien erregt, redeten von ihren hungernden Weibern und Kindern, fluchten und schimpften auf die Regierung, die Gewerkschaften, die Kapitalisten. Nach einer halben Stunde waren die Arbeitsnachweise schon wieder geschlossen, so gering war die Zahl der offenen Stellen.

Für heute war es vorbei, und so setzten sich die Bataillone der Unglücklichen wieder in Bewegung und zerstreuten sich über die tausend Straßen der Stadt, die sie müde, stumpfe Verzweiflung im Herzen, durchzogen. Was hatten sie verbrochen, daß sie verdammt waren, die müden Füße zwölf Stunden lang über das harte Pflaster zu schleppen?

Eine schwere wirtschaftliche Krise war über die Welt hereingebrochen. Die Märkte waren überfüllt. Die Speicher waren bis zum Bersten angefüllt mit Waren, die die Fabriken aller Kontinente ohne Pause ausspien. Bis tief hinauf den Yangtsekiang, den Amazonenstrom hatten die Schiffe die Waren getragen, bis tief hinein in die Kontinente der farbigen Völker. Die Händler saßen auf ihren Ballen und warteten. Erst wenn diese ungeheuren Lager der Welt anfingen, sich zu lichten, konnte eine Besserung erwartet werden.

Unterdessen lagen die Flotten der Handelsschiffe still in den Häfen. Die Kohlenberge der Zechen häuften sich zu Gebirgen, und täglich schwoll das Heer der Arbeitslosen mehr und mehr an.

Es schien fast ohne alle Aussicht. Tag für Tag, zwei Wochen lang, war Georg mit dem Morgengrauen vor den Arbeitsnachweisen erschienen. Ohne den geringsten Erfolg! Er runzelte die Stirn, seine Gedanken verwirrten sich. Oft schwankte er beim Gehen.

Er war nun genötigt, die Nächte häufig im Freien zu verbringen. Die Nächte waren zur Zeit noch nicht kalt, gottlob. Zufällig hatte er einen kleinen Platz entdeckt, der auffallend windgeschützt war. Hier kauerte er auf seiner Bank, in den Mantel gewickelt. Und auf anderen Bänken kauerten andere Schatten.

Die Automobile tuten, Gelächter, Geschrei, Zank. Liebespaare huschen durch die Schatten, Dirnen standen bei den Laternen, das Täschchen in der Hand. Es kamen Betrunkene, die laut vor sich hinsprachen. Nicht eine Sekunde kam die Stadt während der ganzen langen Nacht zur Ruhe. Und nun kam auch jener langsam knirschende Schritt wieder, den man von weitem schon erkannte. Dann hieß es aufstehen, gehen, um wiederzukehren, sobald der langsame Schritt in der Ferne verklang.

Wie eine Feuersbrunst lohte der Himmel über der schwarzen Stadt. In der Ferne, irgendwo, rauschten die Züge, bald hämmernd, sausend, bald nur feinklingend in der stillen Nacht.

In einem solch rauschenden Zuge war Georg vor zwei Jahren aus der kleinen thüringischen Provinzstadt nach Berlin gekommen, die Augen fiebernd von Träumen, das Herz berauscht von Hoffnungen. Berlin! Stadt der Kühnheit und des zähen Wollens, die Stätte seines Aufstiegs. Hier würde er seinen Weg machen, er fühlte es, als er auf dem Bahnhof aus dem überfüllten Abteil kroch. Diese Gewißheit blitzte aus den Bogenlampen, die so stark und mächtig flammten. Die Stimmen der Stadt, dröhnend und gewaltsam, schrien ihm diese Gewißheit entgegen. Die ganze erste Nacht war er durch diese Stadt gewandert, seinen Träumen hingegeben. Etwas wie Triumph lag in seinen Schritten, daß er diese Stadt erobern werde.

Hart war seine Jugend gewesen. Seine Mutter war eine Witwe, eine kleine fleißige Frau, die noch früher aufstand als die Hühner und noch spät in der Dunkelheit bei ihrer kleinen rußenden Lampe rumorte. Sie wusch, fegte und plättete in den Häusern, und mit ihren vom Munde abgesparten Pfennigen hatte sie seine Erziehung bestritten.

Mit sieben Jahren trug Georg die Morgensemmeln aus, mit acht setzte er im „Goldenen Engel“ des Abends die Kegel auf, bis er vor Müdigkeit umfiel. Hier arbeitete er zusammen mit Stobwasser, der noch nebenbei Chorsänger war. Aber von seinem vierzehnten Jahre an mußte er sein Brot ganz allein verdienen. Er machte Schreibarbeiten, zeichnete für einen Möbeltischler, malte ein Schild für einen Krämer, gab Nachhilfestunden. Um sechs Uhr morgens schon kam sein erster Schüler. Es war ein Mechaniker, der in die Baugewerkschule eintreten wollte und dem er die Elemente der Mathematik beibrachte. Am Nachmittag und am Abend unterrichtete er Mitschüler, die der Nachhilfe bedurften. An den Abenden und in den Nächten aber arbeitete er für sich selbst. Sein Traum war es, zu bauen: Museen mit unerhörten Sälen und Kuppeln, mächtige Rathäuser, Theater, riesenhafte Fabriken und Industrieanlagen – und seiner Mutter baute er ein schönes schlichtes Haus in einen Garten. Das war sein schönster Traum. Arme Mutter! Welche Entbehrungen! Während die Mitschüler in den Straßen spazieren gingen, mit Mädchen lachten, Ausflüge machten, Sport trieben, in der Kneipe sangen, saß er zu Hause bei der Arbeit. Während seine Kameraden leichtfertig in den Tag hineinlebten, fing er schon an, das Lachen zu verlernen, das er kaum kennengelernt hatte. Es gab an der Schule kleine Unterstützungen, Stipendien und Freitische. Georg war ein stets erfolgreicher Bewerber. Aber diese Unterstützungen verpflichteten zu einem besonderen Aufwand an Fleiß und Betragen, zu Katzbuckeleien und Danksagungen. Welche Demütigungen! Georg ertrug sie, still, ohne Auflehnung, nur dumpf bedrückt. Nur wenige Jahre, und die Stadt sollte erfahren, wer Georg Weidenbach war! Welch glühende Träume im Gehirn eines jungen Menschen, welche Ausschweifungen der Phantasie!

Und nun saß er hier auf der Bank, einsam in der großen Stadt. Er sah seine Mutter, wie sie in ihrer mit Backsteinen ausgelegten Küche bei der kleinen Lampe scheuerte und wusch, wie sie dann und wann aus der blauen Tasse einen Schluck ihres dünnen Kaffees trank, wie sie die faltigen Lippen dabei spitzte und die Augen zukniff. Er hatte ihr nichts von seinem Aufenthalt im Krankenhaus geschrieben. Sie durfte nicht wissen, wie es ihm ging. Er hatte ihr nur geschrieben, daß die Zeiten hier in Berlin schwer seien und daß man sich zur Zeit mit Hungerlöhnen begnügen müsse, so gering, daß er ihr leider nichts schicken könne.

Die Träume der Jugend kamen wieder, die Versuchungen des Ehrgeizes, während er in der langen Nacht auf der Bank kauerte, und sein Herz erbebte.