Holländische Spitzen. Pottenkant.

Pottenkant sind originelle ganz volkstümliche Spitzen. Es ist ein ganz merkwürdiger Vorwurf: immer und immer wieder Blumentöpfe oder Vasen mit Blumen. Da sie aber häufig sehr graziös sind und in ihrer Art einzig dastehen, und auch technisch durchaus nicht in einer anderen Gruppe aufgehen, so muß man ihnen einen besonderen Platz anweisen. Sie sind so holländisch mit ihren stilisierten Tulpen und Nelken und anderen Blumen, manchmal mit Wurzeln im Topf, manchmal geschnitten in Vasen, daß man sie eher jenseits der Schelde als bloß diesseits in Antwerpen suchen würde. Sie haben ein fond double, wie point de Paris, in dem klar und bürgerlich korrekt der kleine Topf mit seinen Zweigen sitzt. Ein Cordonet umgibt die Zeichnung, der Rand ist meistens ganz gerade, oft wie für einen Einsatz (entre deux) gearbeitet; sie sind selten mehr, wie ein paar Finger breit.


Blonden.

Man kann spanische und französische Blonden unterscheiden, die zwei sehr verschiedene Gattungen unter diesem Namen vereinen; die ersten gehören zur spanischen Nationaltracht.

Sehr liebenswürdige und anmutige Spitzen ohne höheren künstlerischen Wert sind die Blonden, ihre glänzend weißen Seidenflecken geben ihnen einen weichen Schimmer, der sie ganz unähnlich den anderen Spitzengattungen aus Zwirn macht, sie sind sehr auffallend und doch nicht so kostbar, daß sie von jeher der Modelaune unterworfen waren. Maria Antoinette liebte sie sehr und sie waren bis zum Sturze des Königtums beliebt, dann verschwanden sie und tauchten mehrmals wieder im XIX. Jahrhundert auf. Kaiserin Eugenie als Spanierin bevorzugte sie auch eine Zeitlang und sie wurden in den sechziger Jahren in ganz Europa sehr viel getragen.

Sie bieten in ihrer Ausführungsart vielerlei Abwechslung, große Blumen mit zarten chantillyartigem réseau lassen den Seidenglanz sehr zur Geltung kommen. Die feinen, schleierartigen, deren Dessin nur mit feinen Faden wie hineingestickt ist, können kaum als ihre Schwester erkannt werden. Sehr hübsch sind auch die mit silbernen oder goldenen Fäden durchzogenen. Der réseau ist meistens wie das der Lille, manchmal aus fond chant gebildet.

Die Blonden waren von jeher in Spanien sehr geschätzt, jede Spanierin besaß wenigstens eine Mantille aus Blonden und dort in ihrer Heimat waren sie nicht den Moden unterworfen.

Man erzählt sich von ihrem Ursprung, – fast jede Spitzengattung hat ihre Legende, – daß sie von einer trauernden Mutter, von den blonden Haaren ihres geliebten Kindes, das sechzehnjährig gestorben war, verfertigt worden waren. Dieser Schleier sah so reizend aus, daß bald andere Frauen versuchten, dieses Gewebe in feinen Seidenfäden nachzuahmen.

In Spanien werden sie in Barcelona zwar erzeugt, doch decken sie keineswegs den Bedarf Spaniens und dessen Kolonien und sind nicht so schön und gediegen, wie die in Caen, Bayeux, und Chantilly verfertigten. In Belgien werden sie in Grammont und Turnhout fabriziert. Im allgemeinen nimmt die Fabrikation mit dem allmählichen Verschwinden der spanischen Nationaltracht ab. Die Kolonien halten in der Beziehung mit dem Mutterlande Schritt. Im XVII. Jahrhundert hießen sie bisette, beide Namen blonde und bisette erinnern daran, daß man sie anfangs aus ungebleichtem Seidengespinst klöppelte, aber sie wurden sehr häufig auch schwarz verfertigt und sind sehr hübsch und wirkungsvoll. Die Blonden mit breiten Seidenflecken, die spanischen, sind cremeweiß, während die sogenannten französischen blauweiß sind und dadurch leicht einen grauen und verstaubten Eindruck machen.


Brüsselerspitzen. Point de bruxelles oder Brabanter.

Das absolut Charakteristische für alle Klöppelspitzen, welche diesen Namen führen, ist, daß bei ihnen zum Unterschiede von den fortlaufend gearbeiteten flämischen Klöppelspitzen ihre Blumen oder der ornamentale Leinenschlag in einzelnen Stücken am Klöppelpolster ausgeführt wird und dann erst sie mit brides oder réseaugrund zu einem Ganzen vereinigt werden. Man erkennt sie daher stets daran, daß die Fäden des toilé nicht wie Webfäden laufen, sondern daß der lange Faden, wie die Ringe eines Baumstammes, mehr oder minder parallel zu einem Mittelpunkte läuft, ferner daß dieses toilé nicht von einem festen Rand abgegrenzt wird, sondern immer wie mit einem à jour-Band umgeben ist, an dem dann später entweder die brides oder der réseau angeschlagen werden.

Diese Ausführungsart hat selbstverständlich Vor- und Nachteile. Vorzüge sind, daß man dadurch beliebig große Stücke nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite anfertigen kann, was bei in Einem gearbeiteten Spitzen völlig ausgeschlossen ist, da die Zahl der Klöppel in das Unendliche anwachsen würde.

Praktischen Vorteil hat diese getrennte Ausführung auch noch dadurch, daß man die Herstellung der einzelnen Motive mehreren Arbeiterinnen zu gleicher Zeit überlassen kann, und daß diese, was ihr Können anbelangt, viel ungebildeter sein dürfen, wie die Klöpplerinnen der fortlaufenden Spitzen. Natürlich erfordert das Zusammensetzen der Spitzen zu einem Ganzen wieder sehr geschmackvolle und geübte Arbeiterinnen.

Der Nachteil der getrennten Arbeit besteht darin, daß diese Spitzen durch das Zusammensetzen durchschnittlich nicht so dauerhaft sind, wie andere, ebenso feine, in Einem gearbeitete Spitzen; und daß das individuelle Gepräge verloren geht. Diese Art der Brüsseler Spitzen haben ähnliches technisches Verfahren wie die sogenannten mailändischen Klöppelspitzen und sind wie diese alt.

Die ältesten Brüsselerspitzen wurden ohne réseau gemacht. Sie sind auf einem runden Klöppelpolster hergestellt, der sich auf einer Achse dreht, so daß die Arbeit jeweilig in den Kurven zu der Person gewendet werden kann. Die Zeichnung ist breit und voll, große Rosen und Blumen liegen dicht nebeneinander angeordnet und sind mit brides picotés vereint, die jours werden mit points d'esprits oder quadratisch gelegten, feinen Stäbchen gefüllt. Einige feine Relief-Fäden, die nicht die Zeichnung umranden, sondern nur hie und da verwendet werden, akzentuieren die Blumen wie mit aufgesetzten Lichtern, sie sehen wie ein ganz feiner Saum aus. Man beachte, daß bei den Malines diese Umrandungen bloß aus einem stärkeren Faden gebildet sind und auch die modernen Brüsseler Applikations ihre Reliefverzierungen bloß aus einem Faden aufgesetzt haben.

Aus diesen ältesten Brüsseler Spitzen entwickelten sich dann sukzessive die duchesses in ihrer heutigen Gestalt, sowie die Brüsseler Applikations und die Bruges und vor allem die points d'Angleterre. Das toilé jeder Blume wird einzeln gemacht und hat wie alle Gattungen dieser Art den à jour-Rand des toilés an dem der spätere fond angeschlagen wird.

Duchesses sind die meist verbreiteten modernen Luxusspitzen. Die Zeichnung ist häufig ganz modernen Stils, sie sehen reich und kostbar aus, die brides und jours sind sehr oft mit der Nadel hineingesetzt. Das toilé ist fein und eine gewisse Eleganz läßt sich ihr nicht absprechen. Aufgesetzte Reliefe, Blüten und Blätter, viele Variationen von Klöppelschlägen, geben ihnen ein kostbares Aussehen.

Wer wirklich ein geschultes Auge für Spitzen hat, wird zwar stets die Spitzen anderer Ausführung vorziehen; so lange sie gediegen gearbeitet sind, schöne Zeichnung haben und nicht die leider allzuhäufig anzutreffende Marktware bilden, ist jedoch gegen die Duchesses nichts zu sagen.


Um aber auf die alten Brüsselerspitzen zurückzukommen, wurden diese in höchster Vollendung oftmals mit einem brides fond, ähnlich dem réseau rosacé der Nadelspitzen gemacht. Es ist das der stets in neuen Variationen auftauchende fond de neige der alten Binches, Valenciennes etc., der in den Formen von den Nadelspitzen und später wieder vom Klöppel für die getrennt ausgeführten Brüsselerspitzen nachgeahmt wurde, und dann point d'Angleterre à brides hieß, und später einen sechseckigen Klöppelréseau erhielt, der sehr ähnlich dem der Malines ist und heute nicht mehr ausgeführt werden kann. Die zwei Seiten des Hexagons, die geflochten sind, sind etwas länger, als wie die der Malines-Maschen; es sind dies die in alten Zeiten so viel genannten points d'Angleterre à réseau und sie hatten den Vorteil Spitzen zu sein, die den Anforderungen der damaligen Mode entsprechend in Schürzen, breiten Volants und dergleichen größeren Stücken angefertigt werden konnten, und die zu points d'Alençon in vielfachen Wechselwirkungen standen; das Dessin ist ganz der Auffassung dieser kostbaren französischen Spitzen nachgeahmt und es herrschte zwischen beiden, so lange sie hergestellt wurden, eine heftige Rivalität. Über point d'Angleterre sind von allen Autoren so verschiedene Meinungen ausgesprochen worden, daß es schwer ist, sich in dem Gewirre der Behauptungen einen Weg zu bahnen.


Alte point d'Angleterre haben wunderschönen Brüsseler (oder Droschel) réseau, die Masche ist fast ein längliches Viereck, es ähnelt äußerlich dem Alençon oder Burano réseau zum Verwechseln, erst bei scharfem Zusehen sieht man, daß der fond geklöppelt ist; auch brides picoté als Zierde kommen in Anwendung, welche ganz den brides picoté der points d'Alençon gleichen; diese brides dienen nur als Beweis, wie sehr sich der point d'Angleterre um die getreue Imitation des point d'Alençon bemühte.

Nimmt man Bücher zur Hand, so liest und findet man, daß bei den Autoren vollkommen verschiedene Ansichten, Bezeichnungen und Schilderungen von Spitzen dieses Namens gegeben werden.

Für die points d'Angleterre kann man absolut nur zwei Regeln aufstellen: a) sie müssen durchwegs Handarbeit sein (also nicht Brüsseler Applikation), b) sie dürfen in keiner anderen Kombination als wie in einer späteren Louis XIV., früheren Louis XV., üblichen Herstellungsart gemacht sein, also Motive feinster Brüsseler Arbeit separat gemacht entweder mit dem fond brides oder brides rosacé (point d'Angleterre à bride), oder mit dem feinen Droschelgrund (Brüsselerfond).

Ausnahmsweise kann man noch als point d'Angleterre Nadelmotive mit Droschelfond bezeichnen; aber diese Art Spitzen sind heute sehr selten geworden, so daß sie nicht oft in den Handel kommen und nur mehr in wenigen Stücken vorkommen.

Diese Gruppe der Brüsseler Spitzen, inklusive die point d'Angleterre, würde man mit dem Charakteristikon der Spitzen mit gewollten fonds, sei es der brides oder des Droschelgrundes bezeichnen können, während die anderen, die alten Brabanter, Duchesses, Bruges etc. alle nur den Notfond haben, weil die Zeichnung technisch nicht der Stützen entbehren kann. Bei ersteren ist der Fond eine Zierde, bei letzteren ein notwendiges Übel.

Als in Frankreich die manufactures du point de France an vielen Orten gegründet wurden, entstand in kurzer Zeit eine große Umwälzung in dem Aussehen der Spitzen. In Alençon wurden Nadelspitzen in großen Volants und tabliers zum ersten Male in dieser Ausdehnung gemacht; dies wurde ermöglicht durch die in Alençon aufgekommene Art, die Motive getrennt vom réseau anzufertigen. Dies war ganz neu, denn selbst die genuesischen und Brabanter Spitzen, die nicht in einem Zug mit der gleichen Anzahl Klöppel gemacht wurden, sondern mit wenig Klöppeln auf rundem Polster, wurden von Fall zu Fall, wie die Arbeit vorwärts ging, sofort miteinander verbunden. Die Arbeiterin hatte die Spitzen auf der Zeichnung aufliegen, und nicht wie die spätere Art der in sich abgeschlossenen Motive ganz separat zu verarbeiten. Mit den breiten volants und tabliers wurde eine große Umwälzung in der Mode hervorgerufen. Valenciennes, Malines, alle diese Spitzen konnten nur mehr zu Garnierungen verwendet werden, und traten in den Hintergrund; da schufen die belgischen Unternehmer den point d'Angleterre: Klöppelmotive, die wie die Alençon separat gemacht wurden. Man konnte nun die Arbeit bei eiligen Bestellungen ebenso beschleunigen, wie die großen Stücke der französischen Nadelspitzen; point d'Angleterre wurde aus Klöppelmotiven mit Brüsselergrund, dem schönsten und technisch der Malines ähnlichen fond, gemacht. Man sieht an den ältesten points d'Angleterre die vollkommene Beeinflussung der Zeichnung durch französischen Stil, durch diese Neuerung war die Gefahr, daß belgische Spitzen ganz und gar von den französischen verdrängt würden, behoben; im Gegenteile, die points d'Angleterre machten der französischen Industrie große Konkurrenz, denn sie hatten eine Eigenschaft, die Nadelspitzen niemals haben, sie waren unendlich weicher und schmiegsamer und daher in vielen Fällen besser kleidend, und vor allem trotz ihrer Kostbarkeit billiger; denn Klöppelspitzen, noch so fein und kostbar, sind stets billiger wie die ähnlichen Spitzen in Nadelausführung.

Daß points d'Angleterre wie alle Spitzen verschiedene Entwicklungsstufen zeigen, ist kein Wunder. Zuerst also mit brides rosacé, dann dem Droschelfond, häufig mit jours aus brides als Übergang, dann Droschelfond in Streifen angefertigt und appliziert. point d'Angleterre wurde durch die baumwollene Brüsseler Applikation verdrängt und wird heute nicht mehr gemacht.

Der Streit, der sich um den Namen point d'Angleterre entsponnen hat, führt zu vielen Irrtümern. Man will sie als Gattung[11] ganz leugnen; doch mit Unrecht, denn in alten Schriften findet man sie häufig erwähnt. Nur wäre zu erklären, wieso sie zu diesem Namen kamen: In aller Stille hatte England an seinem Reichtum und an seiner Industrie gearbeitet, man sprach nicht viel von dem Inselvolke, es hatte kein Versailles und war damals noch nicht Mode machend, aber es war reich geworden und der Wohlstand war in allen Klassen verteilt, es hatte einen angesehenen Bürgerstand und Patricier, wie die Niederländer und West- und Mittel-Deutschen, die Menschen waren energisch, fleißig und aufwärts strebend. Zur Zeit als in Frankreich schon die groben Mißwirtschaften des französischen Hofes und Adels das Volk und den Bürgerstand in seiner Entwicklung hinderten.

Von keinem Volke hatten die Engländer so viel gelernt, wie von den Niederländern. Wenn es heute noch in Wolle, Tuch und Leinweberei an erster Stelle steht, verdankt es dies den Lehren der Niederländer, das Praktische machte es sich zu eigen und überholte die Niederländer darin; das Schöne aber entlieh es und wußte es zu zahlen. Ein Holbein, ein Van Dyk wurden in England gefeiert und ihre Leistungen wurden mit Gold aufgewogen; so wußten sie die Spitzen der nahen Niederlande auch zu schätzen und sie bildeten einen bedeutenden Ausfuhr-Artikel von Belgien nach England. Dieses war damals nicht selbständig in Mode und Geschmack, wenn es aber nicht alles aus Frankreich bezog, was Luxus anbelangt, so mag das seinen Grund darin gehabt haben, daß Frankreich alle Höfe und alle Moden des Kontinentes zu versorgen hatte und der regen Nachfrage entsprechend, hohe Preise machte; mit den Niederlanden und Belgien stand England von jeher in steter Verbindung, es waren verwandte Volksstämme, Schiffervolk und Kaufleute und wenn sie nicht direkt Ware tauschten, so geschah dies doch indirekt, durch Gesetze und Bestimmungen für Zölle, Begünstigungen und Verbote von Warenausfuhr, die sich in beiden Ländern für einander regelten. Erließ England ein zu großes Einfuhrsverbot gegen Spitzen, antworteten die Niederlande mit dem Boykott der englischen Wolle, bis das erstere Verbot widerrufen wurde. Es ist selbstverständlich, daß ein reicher und angesehener Kunde stets Rücksicht und Entgegenkommen von Seite des Verkäufers finden wird und so wurden auch die oben geschilderten Brüsseler Klöppelspitzen in zusammengesetzter Ausfertigung für den englischen Markt points d'Angleterre genannt, daß dieselben Spitzen unter dem gleichen Namen in Frankreich Furore machten ist nicht zu verwundern. Viele Spitzen mögen von Belgien über den Kanal nach England und wieder über das Wasser nach Frankreich gewandert sein. Dieses kleine Manöver verlohnte sich der Mühe, denn Frankreich hatte sich gegen belgische und Venetianer Spitzen-Einfuhr mit enormen Zöllen geschützt, und für das nicht Spitzen produzierende England war kein Zoll vorgesehen. Außerdem war damals die Herzogin Henriette von Orleans, eine englische Prinzessin, vielleicht angesehener und tonangebender wie die Königin, welche ein Scheinleben der Etikette führte, während die englische Prinzessin, elegant und liebenswürdig, sogar eine Zeitlang als der Flirt ihres königlichen Schwagers galt.

In neuerer Zeit versuchten einige Autoren, es sei betont, nicht englische, zu beweisen, daß der point d'Angleterre nichts anderes als wie der schöne Vorgänger der Honitons sei, aber wie beweisen sie es? Durch nichts. Überall in den Dokumenten der damaligen Zeiten liest man, wenn von Spitzen die Rede ist, vom point d'Angleterre, er war ganz ungemein verbreitet und es wäre kaum zu begreifen, daß diese massenhaften Erzeugnisse der englischen Industrie ganz unnachweisbar verschwunden sein sollten. Es soll das kostbare Geheimnis des schönen Brüsseler oder Droschelfonds, den kein anderes Spitzenland je zu verfertigen wußte, besessen haben und doch nirgends erwähnt werden? Dagegen sollen die authentischen Erwägungen und Berichte über den schwunghaften Schmuggel der belgischen Spitzen nach England kein Beweis sein, daß England enorme Summen dafür ausgab, obwohl es zu Hause die herrlichen und hochmodernen points d'Angleterre hätte kaufen können. Einmal, wird erzählt, wurde eine ganze Schiffsladung belgischer Spitzen konfisziert – wie viele Tausende von Metern müssen das gewesen sein! point d'Angleterre war eine neue Schöpfung und um diese zu lancieren, mußte man einen Namen erst erfinden, denn sie mußte als etwas Neues hervorgehoben werden. So war der Name point d'Angleterre in mannigfacher Art opportun.

Duval bringt ein Dokument zum Abdruck:

»Un arrêt de Conseil d'Etat du 12 mars 1691.

Les ouvriers qui travaillent aux dentelles de fil ont depuis quelques années inventé une façon de dentelles faites par morceaux ou pièces de rapport qui sont ensuite rassemblées au fuseau appelées communément dentelles d'Angleterre ou dentelles de Bruxelles dont la fabrique est très mauvaise et l'usage de peu de durée. Cette nouvelle façon de dentelles pourrait insensiblement diminuer la qualité et valeur des autres bonnes dentelles etc.

Sa Majesté desirant empêcher un abus si préjudiciable au commerce defend etc. etc.«

Freilich stammte aus jener Zeit die Einführung und Gründung der Honitons, die aber als Spitzengattung nicht im geringsten den Vergleich mit alten point d'Angleterre aushalten. Honitons sind Spitzen, die große Ähnlichkeit mit den duchesses haben, sie sind im Grunde nichts anderes. Niemals aber erreichen sie den Reichtum, die Abwechslung an Füllungen und jours, diesen Stil der Zeichnung im Einklang mit der geistreichen Interpretation wie die points d'Angleterre; wer darüber sprechen will und dies behauptet, hat eben noch nie wirklich schöne alte points d'Angleterre gesehen, die tatsächlich sehr selten und kostbar sind. Points Honiton sind eben Duchesse mit meistens recht minderen Zeichnungen und einer sehr handwerksmäßigen Interpretation.


Chantilly.

Chantilly sind Spitzen, die unter Louis XIV. Regierungszeit in der französischen Stadt dieses Namens aufgekommen sind. Es sind Spitzen, die aus Seide und zwar aus der besten verfertigt wurden; meistens versteht man darunter schwarze Spitzen, aber sie wurden auch in Weiß ausgeführt. Es sind Spitzen, die in großen Volants und Tüchern hergestellt wurden und eine Zeitlang auf hellem Seidengrund vielfach bei Hof getragen wurden. Die Mode fällt in die Zeit, als überhaupt die breiten Volants für Toiletten begehrt wurden, es sind die Spitzen, die als erste in dieser Größe und Ausdehnung gemacht wurden. Als réseau kam der fond de Lille und fond chant (de Paris) in Anwendung. Sie wurden unendlich fein und zart gearbeitet und geklöppelt und der Dessin ist mit einem stärkeren Faden gebildet. Später unter Louis XV. wurden die Zeichnungen stark stilisiert und spärlich. Chantilly waren stets von der Fluktuation der Mode sehr beeinflußt, naturgemäß kamen sie zu Zeiten von Hof- und Landes-Trauer immer wieder in Mode. So kann man großen Bedarf unter Louis XV. – Louis XVI., dann unter Josefine und Kaiserin Eugenie konstatieren. Im Anfang des XIX. Jahrhunderts brachten sie eine Neuerung, das dreieckige Tuch; diese Form wurde den damals alles beherrschenden indischen Schals entliehen und vertrat diese im Sommer.

Es sind Spitzen, die sehr unter der decadence der Zeichnung um die Mitte des XIX. Jahrhunderts litten. Doch war die Ausführung eine zarte, sorgfältige und kostbare.

Sie haben in der Fabrikation die einzige Eigenart, daß sie in Streifen, gleichgiltig ob réseau oder Dessin, gleichmäßig hergestellt und dann durch unsichtbare Zusammenfügung zu großen Stücken gestaltet wurden.

Es war durch mehr wie ein Jahrhundert gebräuchlich, daß Chantilly wenigstens durch ein Stück in einem eleganten Trousseau vertreten war. In modernen Zeiten wurden sie in gröberer Ausführung in Grammont und Belgien hergestellt, doch da an dem Rohmaterial, einer stark und schwerfällig gefärbten Seide gespart wurde, erreichten sie nicht den Glanz und die Elegance der ursprünglichen Chantilly-Fabrikation. Außer der europäischen Mode hatten sie eine große Bedeutung in der spanischen Nationalkleidung, wo sie neben den schwarzen Blonden in Spanien und in dessen Kolonien ungemeine Verbreitung hatten.

Doch keine von allen Spitzengattungen wurde so schnell und gleich vorzüglich wie sie von der Maschine imitiert. Dies und die immer mehr abnehmende Nationaltracht der Spanierinnen hatte zur Folge, daß ihre Erzeugnisse stark erschütternde Krisen durchzumachen hatten. Grammont machte eine solche in der traurigsten Weise durch.

Schöne alte Chantilly besitzen aber heute noch einen großen Wert und werden als Erbstücke in Ehren gehalten.

Außer diesen feinen aristokratischen Seidenspitzen drängte sich im Wechsel der Mode ein bürgerliches Surrogat der schweren Wollspitzen ein, die zu verschiedenen Zeiten unter gewechselten Namen zum Beispiel als Lama auftauchen und eine mehr oder minder langlebige Modeerscheinung waren; künstlerisch haben diese nicht viel Bedeutung. Sie wurden größtenteils in der Auvergne, in Puy und Umgebung fabriziert und tragen den gröberen torchon-Charakter dieser Spitzen-Zentren zur Schau. Doch immer wieder werden diese Spitzen, von Modelaunen abhängig, auftauchen und verschwinden, wie es der Caprice der Mode oder dem Unternehmungsgeist einzelner großer Fabrikanten entspricht. Die soziale Tendenz ist aber diese, daß die Arbeiterinnen immer weniger gerne schwarze Spitzen erzeugen, da dieses den Augen ungleich schädlicher wie die weiße Spitzenfabrikation ist. –


Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.