Flämische Klöppelspitzen.

Vermutlich ist es eine Gedankenassoziation, die viele befällt, daß man sich ein altes niederländisches Interieur gar nicht ohne einen Klöppelpolster vorstellen kann; man sieht so viele Spitzen auf allen Porträts und die holländischen Maler sind jedenfalls diejenigen, welche am häufigsten die Spitzenklöpplerinnen in ihren Genre-Bildern dargestellt haben. Und doch will man dafür Beweise erbringen, so erscheint es fast wie ein Trugschluß, man weiß wenig über die holländische Spitzenerzeugung und zur Geschichte der Luxusspitzen haben sie jedenfalls nichts beigetragen; betrachtet man aber die holländischen Pottenkant, denkt man an die Individualität dieses Volkes, an ihre verhältnismäßig ruhige Geschichte, so meint man ohne es völlig beweisen zu können, daß doch früher die Klöppelindustrie sehr stark ausgebreitet war, aber aus irgend welcher Ursache früher versiegte, als die große Blüte-Zeit für die Spitzen anbrach; daß es also bei einfachen Erzeugnissen blieb, die zwar allgemein im Gebrauch waren, aber schon in der dritten oder vierten Generation zugrunde gegangen sein mögen, denn man muß bedenken, daß Spitzen, die älter wie 150 Jahre sind, zu den großen, geschätzten Seltenheiten gehören. Daher erklärt es sich, daß man von den einfacheren alten Spitzen sehr wenig weiß, weil sie zu sehr durch den täglichen Hausgebrauch abgenutzt wurden und viel schneller zugrunde gingen, wie die sehr großen und kostbaren Luxusspitzen. Dies ist zu bedauern, da man gerade an den einfacheren Klöppelspitzen gut die Entwickelungsgeschichte studieren könnte.

Auch der feinste, zarteste holländische Flachs, besonders berühmt von Harlem, der allen nordischen Spitzen ein gewisses Übergewicht an Eleganz gegen die gröberen italienischen Gespinste gab, trägt dazu bei, in Holland Spitzen zu suchen – um – keine zu finden.

Die Klöppelspitzen haben ihre Heimat in Flandern, Brabant, kurzum in ganz Belgien und mit belgischen Klöppelspitzen kann kein Land der Welt in Wettbewerb treten, auch Italien und Frankreich nicht. Belgien hat vor allem sämtliche existierenden Gattungen Klöppelspitzen gepflegt, es hat den réseau erfunden und mit wenigen Ausnahmen wie Frankreich mit Chantilly und Italien mit Mailänder réseauspitzen, auch allein ausgenutzt. Die einheimischen Klöppelspitzen der anderen Länder haben meistens nur brides in allen möglichen Ausführungen oder sind getreue Nachahmungen von flämischen Spitzen. Der réseau wurde aber nirgends so eingebürgert, daß er neue nationale Abarten im Laufe der Jahrzehnte gebildet hätte, und selbst die Imitationen wurden meistens gröber und bäuerlicher wie die Originale des Stammlandes gemacht.

Es erscheint daher unnötig und schwer, wie schon einmal erwähnt, die Spitzen durchwegs nach Nationalitäten zu differenzieren, insbesondere wenn sie kein besonders abweichendes Gepräge zeigen. Ist es nicht logischer, die Valenciennes unter die flämischen Spitzen zu gliedern, als wie unter die französischen zu reihen? Valenciennes gehörte bis zum Jahre 1677, als es durch den Frieden von Nymwegen zu Frankreich kam, zu den Niederlanden. Die vielerlei kleinen Spitzen, die in der Normandie und der Bretagne gemacht wurden, tragen alle Valenciennes oder malineartigen Typus, ebenso die Spitzen des Erzgebirges und nirgends wurden sie vervollkommnet noch liefen sie denen des Mutterlandes irgendwie den Rang ab; sie blieben Epigonen.

Charakteristisch gesondert erscheinen hingegen die Chantilly und Blonden für Frankreich, wenn sie auch heute vielfach nur mehr in Grammont erzeugt werden, so bleiben sie doch ein wesentlich französisches Produkt. Und Spitzen ohne réseau kann man einige anführen, die ganz nationales Aussehen haben, so die russischen und skandinavischen mit ihrem monotonen Muschelornament, das an die versteinerten Ammoniten erinnert, und viele andere.

Klöppelspitzen kann man jedoch in zwei der Technik nach höchst verschiedene Gattungen einteilen, welche beide in Italien, Belgien und Frankreich gepflegt wurden. Es sind erstens die Spitzen, die in einem Zuge fortlaufend gearbeitet wurden, zweitens Spitzen, die in ihren einzelnen Teilen separat angefertigt und dann mittelst Häkelnadel[10] und Klöppel zu einem Ganzen vereinigt wurden.

Die ersteren werden in Belgien auf einem viereckigen, leicht geneigten Polster gemacht, in anderen Ländern besonders für schmale Spitzen, auf einem muffartigen, dem die Vorlagzeichnung ringartig angepaßt wird, und auf dem die Spitzen ins Unendliche fortgearbeitet werden können. Man findet in allen Ländern eine Art Spitzen, die man häufig auch Kirchenspitzen nennt, und die untereinander, sei es der point d'Anvers, oder deutsche oder italienische, ein und denselben Ursprung haben und sehr alt sind, es sind Spitzen, die keinen eigentlichen Grund noch Leinwandschlag aufweisen; sie sind locker und die Formen lösen sich auf und gehen ineinander über, kaum bildet sich in dem Gewirre der Klöppel eine kleine Insel als Leinwandschlag, gleich wird sie gelöst und verteilt sich in geflochtenen Stäben (Ganzschlag und Halbschlag) etc. Es sind dies die einfachen Flechtspitzen.

Diese Spitzen bilden die Ahnen für die ganze Gruppe der in Einem gemachten Spitzen. Italien und Deutschland haben sie verhältnismäßig am wenigsten umgebildet und sie blieben Spitzen für Haus- und Kirchengebrauch. In Frankreich entwickelten sich aus ihnen die torchons, die heute noch in der Auvergne tausenden und abertausenden Händen Beschäftigung geben. Am meisten hat aber Belgien diese Spitzen umgestaltet, so sehr, daß man in der primitiven verwischten dentelle d'Auvers kaum mehr die Verwandtschaft mit den réseauspitzen erkennen kann.

In Italien gehören hieher alle bäuerlichen und die Dekorationsspitzen (guipure d'ameublement) wie sie in ganz Oberitalien von den genuesischen Litorale bis zur Adria gemacht werden. Spitzen in spagatgrober, ungebleichter Leinwand sind heute überall in allen Industriebezirken zu finden. In Frankreich wurden sie in der Auvergne gemacht und bilden die torchons und dentelles d'ameublement (guipure d'art). In diese Gruppe gehören für Frankreich noch alle Valenciennes, Lilleartigen, Chantilly und Blonden, aber diese wurden nicht in Frankreich aus den torchons systematisch entwickelt, sondern sie übernahmen die Früchte der belgischen Künste und arbeiteten später erst an der weiteren Entwicklung. In Belgien entstanden aus dentelle d'Anvers, point de Flandre, Trollkant, Pottenkant, point de Paris die primitivsten Valenciennes, moderne Valenciennes, Malines, Binche, Lille. Aus dem aufgelösten Maschengewirr der Antwerpenerspitzen bildete sich vorerst die maille à cinq troux und der fond de neige, später der regelmäßige Maschengrund der Malines, Valenciennes und Lille, die die schönsten, dauerhaftesten und kostbarsten réseauspitzen sind und deren réseau man verschiedene Namen gibt, fond clair ou simple für Lille, Chantilly, Blonden (aus bloß gedrehten Fäden), fond double oder fond chant, aus paarweise laufenden Fäden, wie Pottenkant, point de Paris, Chantilly, torchons und auch Blonden – geflochtenen Masche, wie Malines, Valencienne und maille à cinq troux, Binche, Trollkant. Zur zweiten Gruppe gehören alle Klöppelspitzen, deren Formenschlag getrennt gemacht ist, sie haben mit Ausnahme der point d'Angleterre und point de Milan keinen réseaugrund.

Sie werden auf einem wie eine Scheibe drehbaren Polster gemacht, so daß die Arbeit jeweilig in die für die arbeitende Person bequemste Lage gedreht werden kann, sie haben stets wenig Klöppelpaare in Verwendung und dies vereinfacht die Arbeit in vieler Beziehung insbesondere, da sie die geeignete Technik vorstellen, um größere Stücke, wie sie unter Louis XIV. zweiter Regierungshälfte modern wurden, anzufertigen. Sieht man also einen breiten Volant oder Schleier oder tablier mit Réseaugrund, kann man sicher sein, daß es Spitzen sind, die in der zweiten Gattung Technik gemacht werden mit Ausnahme der Blonden und Chantilly, die in schmalen Streifen einerlei ob fond oder Dessin angefertigt und dann zusammengenäht werden.

Diese Technik wurde von den Mailänder Réseauspitzen übernommen und die älteste Ausführungsart dürfte wohl die eben geschilderte sein: daß man die Motive von Fall zu Fall rund arbeitete und sie gleich mit den brides oder réseaus zusammenfügte. Man legte die Klöppel dann jeweilig beiseite und führte sie auf der Rückseite quer über das Dessin. Diese Art wurde so lange ausgeführt, als die Zeichnung des Toilé noch eine streifenweise war, sobald ganz freie, inselartige Motive gemacht wurden, knüpfte man den réseau nachträglich in den Rand und die Motive wurden auf runden Polster oft von mehreren Arbeiterinnen gleichzeitig hergestellt; so entstanden point d'Angleterre, duchesse, Bruges, applikations etc.

Es ist ferner stets sehr wichtig, die Spitzen darauf hin zu betrachten, ob sie flach gearbeitet sind, also ganz dem Klöppelstil treu bleiben oder ob sie mit Zufügung des Cardonet andere Wirkung ähnlicher textiler Erzeugnisse anstreben, wie der Stickerei, oder der Nadelspitzen oder eigentlichen Guipuren, wie man es an Malines, Trollkant, Lille, Pottenkant, Brabanten etc. findet.

Trollkant sind ganz eigentümliche, flandrische Spitzen, die sich sehr in der Zeichnung an jene Spitzen, genannt points de Flandre, anlehnen; ihre Eigenart ist, daß sie gleich einer Musterkarte alle möglichen (points-)Schläge und Variationen aufweisen. Troll heißt auf Flämisch Kobold (wie im Skandinavischen), aber Trolly bedeutet auch einen groben Faden, etwa dem Sinne nach den französischen »la brode« gleichbedeutend. So mag man sich um den Ursprung dieses Wortes Trollkant streiten, erklärt und gedeutet konnte es nach beiden werden. Kobold und Fee haben dem gewöhnlichen Sterblichen überlegene Phantasie; das Muster ist stets wechselnd, nicht kontinuierlich, sei es nun in der Zeichnung, oder in der technischen Interpretation, doch haben Trollkant immer einen Konturfaden und dies, und die nicht einheitliche Ausführung der Zeichnung, unterscheiden sie hauptsächlich von den points de Flandre; es sind dichte Spitzen mit meistens guten, alten Zeichnungen, in nicht sehr feinem, aber regelmäßigem Faden ausgeführt; jedenfalls sind sie eine Spiel- oder Eigenart Flanderns und gehören zu den Varianten der vielen Stämmlinge der points d'Anvers, points de neige, maille à cinque troux, der einfache Formenschlag, fond chant oder fond double finden sich vereint, aber bilden noch keinen eigentlichen von den Motiven getrennten Grund.


Valenciennes.

Valenciennes, die Wäschespitzen par excellence, sind leicht erkennbar, toilé und réseau werden gleichzeitig gearbeitet und womöglich mit der gleichen Anzahl Klöppel. Sie gelten mit Recht als die dauerhaftesten Spitzen, das toilé ist das dichteste, welches überhaupt vorkommt, und sieht wie feiner Batist aus. Die Klöppel werden kunstvoll verteilt und in dem réseau fortgeführt, welcher aus einer der Valenciennes charakteristischen Masche besteht; jede Seite derselben ist ein aus vier Fäden geflochtenes Zöpfchen, je dichter dieses ist, desto dauerhafter ist sie.

Das toilé ist von keinem Cordonet-Faden eingefaßt, und ist ganz flach, was ihm beim Waschen und Bügeln sehr zum Vorteil gereicht. Daher hatte sie den Beinamen eternelles Valenciennes. Der Faden des toilé läuft wie bei Leinwand vertikal und horizontal, bei alten Stücken kann man beobachten, daß das toilé und réseau aus derselben Klöppelanzahl bestand, es wurde also nichts geschnitten. Man kann die Valenciennes in dreierlei Gattungen einteilen:

1. Die ganz alten, welche sehr große Ähnlichkeit mit den flandrischen Spitzen zeigen, haben die maille à cinque troux (welche auch geflochten ist). Die Zeichnung bildet nicht den Rand, sondern schlängelt sich durch die ganze Breite in einem großzügigen Muster, Blumen und Ranken, mit Vorliebe Nelken und Tulpen, welches darauf schließen läßt, daß wirklich die flämischen Arbeiterinnen, die unter Louis XIV. in Valenciennes angesiedelt wurden, diese Art eingeführt haben. Der réseau geht bis zum Rand, welcher nur durch ein doppelt breites Zöpfchen (acht Fäden) und picots abgeschlossen ist; sie haben häufig jours mit point de neige.

2. Die Valenciennes wie sie noch heute ist, mit der runden oder fast runden Masche und die Valenciennes mit der viereckigen Masche.

Die Valenciennes mit der runden Masche ist die ältere von den beiden letzteren Gattungen. Ihr réseau wurde in Valenciennes erfunden, weshalb diese les vraies Valenciennes genannt wurde; sie waren schön und fein gearbeitet, das toilé bildet bei beiden Gattungen den Rand, kleine verstreute Blümchen bilden häufig die Zeichnung und im Beginne mögen die Spitzen, in Valenciennes selbst verfertigt, sich durch größere Schönheit ausgezeichnet haben, so daß die in Lille, Aras und so weiter angefertigten Imitationen als fausses Valenciennes oder bâtardes benannt wurden, doch mit dem XVIII. Jahrhundert ging dieser Industriezweig in Valenciennes nieder.

Im belgischen Flandern blühte dafür diese Gattung auf, die Revolution hatte in Frankreich die verderblichsten Folgen für die Spitzenindustrie im allgemeinen.

Auch wurden später in Lille und Aras weniger kostspielige Lille Spitzen gemacht, die unter dem Namen dentelle de Lille den Valenciennes Konkurrenz machten. Um sich ein Bild von dem Unterschiede in der Anfertigung zu machen, sei nur erwähnt: während eine Arbeiterin der Lillespitzen zwei bis drei Meter im Tage fertig stellen konnte, vermochte eine Valenciennes-Klöpplerin höchstens fünf Centimeter bei zwölfstündiger Arbeitszeit zustande zu bringen, man kann also dadurch den bedeutenden Preisunterschied verstehen.

Mme. Paliser erzählt: auf der Weltausstellung im Jahre 1851 waren Valenciennes von Ypres zu 2000 Franks per Meter ausgestellt. Die Arbeiterin konnte in zwölf Stunden täglich nur acht Millimeter anfertigen.

Valenciennes in der Breite von fünf Centimeter benötigen zwei bis dreihundert Klöppel. Jetzt werden in Valenciennes gar keine Spitzen in der Art und dieses Namens gemacht. Fast der ganze Bedarf wird in Belgien gemacht und zwar ist Ypres das Zentrum davon. Im Jahre 1830 wurde dann die viereckige, sehr klare Masche gemacht. Die Zeichnung wurde reformiert, sogar jours mit point d'aiguilles, mit barettes, und point de neige gemacht.

In Bruges, Courtrois, Bailleul und so weiter macht man Valenciennes mit kleinen Abweichungen, zum Beispiel in der Brugher Gegend wird die runde oder fast runde Masche gemacht, anderswo wird das toilé sehr fein geklöppelt und während des Arbeitens werden Nadeln hineingestochen, die dann kleine Löcher bilden. Im Ganzen und Großen gehören aber die Valenciennes zu jenen Spitzengattungen, die in stetiger Abnahme begriffen sind; einerseits ist die Herstellung eine außerordentlich mühsame und langwierige, anderseits werden sie durch die Maschine in stetig besserer Ausführung imitiert, so zwar, daß die feinen Sorten der Maschinenspitzen oft schwer von den echten zu unterscheiden sind. Das toilé und réseau ist schon recht ähnlich, nur an dem Rande und den picots kann man die falschen besonders nach dem Waschen leicht erkennen. Die picots der echten sind aus zwei Paar Fäden geschlungen (vier Fäden), die falschen nur aus zwei einfachen Fadenmaschen, die nebeneinander liegen. Die picots und Ränder bei allen Maschinenspitzen sind der schwächste Teil und der Rand zieht ein und zerreißt zuerst.

Die Zahl der Arbeiterinnen vermindert sich jedes Jahr und die jungen Arbeiterinnen können überhaupt nur mehr die schmalen billigen und gröberen Waren (meistens für den Hausierhandel) machen. Die Valenciennes wurden auch noch im Erzgebirge, der Schweiz und in England und so weiter gemacht, sind aber niemals so fein und schön gearbeitet wie die belgischen. Jahrelang, von Kindesbeinen auf erworbene Übung ist die Grundbedingung der Technik dieser Spitzen.


Malines.

Wenn die Valenciennes den Beinamen »les eternelles« verdienen, gebührt den Malines hingegen das Prädikat »la reine de dentelles«. Tatsächlich kann mit ihr an Zartheit, Kleidsamkeit und Eleganz nur noch die Binches konkurrieren.

In der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts wurde der Name Malines im allgemeinen für die verschiedenen flandrischen Spitzen gebraucht und zirka von 1665 an knüpft sich der Name genauer an diese Spitzengattung an, obwohl sie damals noch nicht das Aussehen unserer heute bekannten Malines hatte. Es war auch nach dieser Zeit gegen das XVIII. Jahrhundert, daß sich nach den Versuchen und dem Gebrauche der verschiedenen fonds, in Malines die den Spitzen dieses Namens einzig eigentümliche Masche herauskristallisierte, welche den sogenannten Droschelgrund oder Eisgrund bilden, jene reizende, klare und dabei doch zarte sechsseitige Masche. An vier Seiten ist sie aus doppelten Fäden gewunden, während sie an den zwei Seiten, an welchen die zwei Fadenpaare zusammenlaufen, mehrfach geflochten ist.

Der Leinengrund (toilé) wird gleichzeitig mit dem Grund (réseau) gearbeitet und der Fadenschlag läuft wie bei den Valenciennes vertikal und horizontal. Ein stärkerer Faden (cordonet) umgibt die Contour und akzentuiert die Zeichnung des toilé, welches schütterer, wie bei den Valenciennes, geschlagen wird. Es wird dadurch dieses wolkige und flaumige Gepräge der Spitze hervorgerufen und steht im reizenden Kontrast zu dem Grund der reinen und regelmäßigen Maschen.

Die ältesten Malines haben wie alle älteren Spitzen ein sehr breites Dessin, so daß für den eigentlichen réseau nur wenig Raum bleibt. Sie haben in der Zeichnung große Ähnlichkeit mit den alten Brüsselerspitzen, die Technik der Ausführung ist grundverschieden und bei näherem Betrachten wird sie leicht zu unterscheiden sein. Der Faden des toilé der Brüsselerspitzen läuft stets parallel mit der Zeichnung und paßt und schmiegt sich ihren Rundungen an.

Eine Zeitlang verwendete man in den Malines auch vielfach den »fond de neige« und damals sahen sie den Trollkanten sehr ähnlich, doch kam der fond de neige wieder ab und mit dem geübteren Gebrauch des Droschelgrundes bildete sich auch die Zeichnung zu einem den Malines charakteristischen Stile aus. Es waren kleine Blumen, zarte Ranken und Blätter, Rosen und Margueriten, häufig waren in den Blumen jours ausgespart, welche mit brides und anderen fonds gefüllt waren, meistens bildete die Zeichnung eine ausgeprägte Bordure und der réseau war nur mit kleinen Blümchen, point d'ésprit und so weiter geziert.

Daher nannte man sie Malines à brides, Malines à fond de neige, malines à points d'esprit. In dieser letzten Entwicklung wurden sie ungemein geschätzt und sie waren durch mehr als wie ein Jahrhundert hohe Mode an den Höfen von England und Frankreich. Der feinste Faden, der stets aus Leinen war, gab ihr diesen weichen, milchigen Schimmer, der, wie ein Autor sagte, die Blondinen, welche damals an den Höfen regierten, gut und vornehm kleidete.

Die Ausführung war sehr kostspielig; es erforderte sechs Jahre Lehrzeit, um die Masche des Yisgrondes regelmäßig und zart ausführen zu können. So waren es die Spitzen der Höchsten und Reichsten.

Während der régence unter Louis XV. und Marie Antoinette wurden sie für Ruchen, Jabots, Krawatten und fichus, für Hauben und Kopfputz verwendet. Die Etikette schrieb sie für Sommerfestlichkeiten vor. Die Zeichnung folgte der Mode, für Ruchen brauchte man barbenartige Spitzen, die an beiden Seiten mit picots versehen waren, und diese borduren wurden noch kampaniert, das heißt mit schmalen leichten Spitzen (mignonettes) besetzt, was ihnen, zu Ruchen gelegt, ein ungemein duftiges Aussehen gab.

Maria Antoinette lancierte die Mode der leichten Stoffe, Linon, indischer Mouseline, gestickter Batist wurden für Kleider und fichus verwendet und mit ihnen triumphierten zum letzten Male die Malines.

In England waren sie schon früher aus der Mode gekommen und da die Stadt Malines ihr Absatzgebiet besonders in England hatte, verfiel dieser Industriezweig in ihr am ersten. Die französische Revolution vernichtete sie gänzlich und heute gibt es in Malines gar keine Spitzen dieser Art und an anderen Orten hat sie gleichfalls ganz aufgehört zu existieren. Turnhout mit achthundert Arbeitern fabriziert hauptsächlich nur schmale billige Ware.

Napoleon war ein eifriger Bewunderer der Malines und er wollte diese niedergegangene Industrie wieder beleben, aber es gelang ihm nicht; es war kein Nachwuchs an Arbeiterinnen herangebildet worden, sie verstanden nicht mehr, den Droschelgrund zu formen. Wenige alte Frauen vegetieren noch, die sich mit Anfertigung der Malines beschäftigen.

Und so leben die Malines meist nur mehr in alten Familiensammlungen weiter und nur hie und da sieht man auf einer Ausstellung noch ein schönes Stück moderner Erzeugung.


Points de Lille.

Eine Art Mittelstellung zwischen den Valenciennes und den Malines nehmen die Lillespitzen ein. In Lille wurde schon sehr früh geklöppelt, gegen 1600 wurden schwarze und weiße Spitzen erzeugt, dann imitierte man die Valenciennes, welche 16 000 Arbeiterinnen beschäftigt haben. Mit der großen Vogue der Malines und dem starken Bedarf derselben änderten die Lillespitzen ihre Art allmählich und anstatt der Valenciennes imitierte man die Malines. Die Lille sind die vulgären Malines, sozusagen eine billige Volksausgabe. Sie sehen in ihrer Zeichnung und der allgemeinen Wirkung ihren vornehmen Schwestern oft zum Verwechseln ähnlich, doch es genügt, sie näher zu betrachten, um zu bemerken, daß ihnen der den Malines eigene Charme fehlt; sie sind steifer und ungraziöser, doch ist ihre Ausführung eine ungemein billigere. Das toilé ist häufig sehr schmal, oft nur gleich so breit, wie der offene grobe Faden, der es umgibt. Die Spitzen haben meistens einen geraden Rand (doch nicht ausnahmslos). Es gibt zwei deutlich getrennte Arten Lilles, die eine, welche für Holland, die andere, die für Frankreich bestimmt sind; gemeinsam sind ihnen die oben erwähnten Merkmale und der stets aus einem fond clair bestehende Grund, das heißt es wird eine aus zwei Fäden mit Hilfe von Stecknadeln gewundene Masche hergestellt, und zwar ist diese für Frankreich stets sechseckig, für Holland häufiger viereckig, außerdem gilt für beide, daß die Maschen stets senkrecht zum Rande der Spitzen stehen, während bei den Malines parallel zu diesem.

Die Lilles, welche für den Handel nach Frankreich bestimmt sind, imitieren die Malines am stärksten; sie haben sehr ähnliche Muster, oft sind jours mit ovalen Medaillons mit verschiedenen fonds gefüllt in der Zeichnung der Bordüren, dann gibt es auch solche, die mehr den Valenciennes ähnlich sind, oder solche, deren Dessin sich um traubenartige Löcher oder Kreise bildet. Es gibt auch sehr feine, zarte Lilles, in welchen das Cordonet durch das toilé läuft, anstatt es einzufassen. Häufig werden die Lilles als Malines verkauft und der Käufer soll genau zusehen, daß er diese Spitzen nicht stark überzahlt.

Die zweite Gattung der holländischen Exportartikel wird als »Dutche« von den Arbeiterinnen benannt. Diese sind sehr volkstümliche ziemlich derbe Spitzen, mit hübschen großzügigen Rankenwerkzeichnungen und ihre Bestimmung ist meistens, für die holländische Nationalhaube verwendet zu werden.

Oft ist die Zeichnung so komponiert, daß sie einen Haubenflügel ausfüllt. Ihr réseau ist mit points d'esprits geziert, und in der ganzen Art liegt etwas Traditionelles, welches kaum von der Mode beeinflußt wird. Wer erinnert sich nicht gerne an jenen reizenden und kleidsamen Kopfputz, der die runden frischen Gesichter der Holländerinnen mit den blendend weißen Flügeln malerisch umgibt? Als Ersatz für die aus Lillespitzen verfertigten Hauben wird auch häufig der billigere gestickte Tüll verwendet.

Wie überhaupt in Frankreich mit dem XIX. Jahrhundert das Klöppeln vielfach abkam, war es wie in Valenciennes auch in Lille, daß diese Industrie ganz nach Belgien übersiedelte, wo sie heute noch einen recht blühenden Zweig der Spitzenindustrie ausmacht und zwar meistens an jenen Orten, wo einstens oder noch jetzt Malines oder points de France oder Valenciennes verfertigt wurden oder werden. Ein Hauptzentrum ist Turnhout im nördlichen Belgien.


Binches.

Binches sind den vieux points de flandre nahe verwandt, sie haben wie diese keinen eigentlichen réseau, sondern jenen verschwommenen, aufgelösten Maschengrund, der den alten belgischen Spitzen ihr Gepräge gibt. Es sind in ihrer Einfachheit reizende, phantastische Spitzen; es ist als ob ein dichter Schneefall, durch die Klöppelmalerei wiedergegeben würde, große, kleine und ganz kleine Flocken haben sich sachte um eine Ranke wie eine Eisblume festgesetzt, denn so natürlich und scheinbar kunstlos sieht der point de neige aus; die Zeichnung paßt sich dieser Zartheit an, wie ein Netz aus Fäden von gesponnenem Zucker, wie der Schatten eines gefiederten Baumes, der an einer weißen Wand hin- und hergleitet; wie ein Spinngewebe zwischen Zweigen in der Luft gespannt sieht sie sich an, es sind Elfenspitzen. Der Faden ist von außerordentlicher Feinheit.

Flach, ohne Cordonet, mit einem sehr losen Leinwandgrund, nur mit point de neige und hie und da einer ganz kleinen Maschengruppe ähnlich den fond chant als jour verwendet, wirken sie durchaus nicht monoton; zart und duftig gehören sie dennoch in die Familie der haltbarsten, der geflochtenen Spitzen; wo nur irgendwo vier Fäden zusammenlaufen, vereinigen sie sich zu einem losen Zöpfchen.

Meistens haben sie einen geraden Rand, der nur durch die picots abgeschlossen ist, die Zeichnung ist auch größtenteils wie für ein entre-deux komponiert. Das toilé bildet nicht den Rand. Obwohl die größte Mode der Binches knapp vor die französische Revolution fiel, sind ihre Muster doch die der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts geblieben. Was heute an Binches gemacht und so genannt wird, verdient kaum den Namen, sie sind schwer und in derber Ausführung und sehen eher den point de Flandres ähnlich. Point de neige, wie sie auch genannt wurden, gehören leider, wie so vieles Schöne, der Vergangenheit an.

In der Stadt Binches wurden sie schon seit langem durch die Allerwelts-Brüsslerapplikations verdrängt. Die besseren Arbeiterinnen wanderten zur Zeit der Krisis nach Flandern aus und nahmen das Geheimnis ihrer Technik mit.

In Binches aber soll am Karnevalstag des Gilles mit einer mächtigen Ruche aus dentelles de Binche spazieren gehen, der letzte Rest einer verschwundenen Pracht. Sic transit gloria mundi.


Point de Paris.

Ursprünglich wurden in der Umgebung von Paris ganz gewöhnliche Klöppelspitzen gemacht, lisette, mignonette und gewöhnliche Guipuren. Gleichzeitig mit der Gründung der Industrie in Reims, Sedan, Alençon etc. wurde von Colbert auch eine Fabrik im Château de Madrid bei Paris eingerichtet und nun gestalteten sich die Spitzen aus. Als im XVIII. Jahrhundert die große Nachfrage in Malines war, und gerne von Minderbemittelten ähnliche aber billigere Spitzen gekauft wurden, kamen die Lilles und points de Paris auf und es wurden diese Spitzen, wie sie noch jetzt gemacht werden, erzeugt. Die points de Paris tragen zu sehr den flämischen Typus, sind nebstbei Epigonenspitzen, als daß man sie aus dieser Gruppe ausschalten könnte. Ihr fond chant oder fond de Paris, derselbe wie die Chantillyspitzen, scheint zwar absolut französisch zu sein, ist es aber nicht so sehr, als man meinen könnte, denn der fond double, wie er auch meistens genannt wird, wurde von jeher an dem urflämischen Pottenkant verwendet. Es ist ein sogenannter Spellegrund, ein Réseau, das mit Hilfe von Stecknadeln angefertigt wird, und zwar aus zwei diagonalen und einem horizontalen, sich kreuzenden Fadenpaare. Es sind Spitzen, die sich niemals durch allzugroßen Ideenreichtum in der Zeichnung hervortun. Meistens werden sie auch ziemlich gewöhnlich und in grober Ausführung gemacht. Ihr toilé ist wie das der Malines und Lille von einem Cordonette umgeben und oft haben sie jours in points de Lille.

Meistens sind die points de Paris gröber wie point de Lille. Diese Spitzen sind schon seit langem, wie die meisten Klöppelspitzen, von Frankreich ganz nach Belgien übersiedelt, sie werden in Turnhout und Cerfontaine und anderen Orten fabriziert. Man macht points de Paris außer in weißen Leinenfaden auch in schwarzer Seide.