Amilie Juliane die Liederdichterin 1637–1706

Zu den wertvollsten geistigen Schätzen der evangelischen Kirche gehört das Lied: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!« Besucher unseres Fürstenschlosses fragen nach der Dichterin, die in den Gesangbüchern als Reichsgräfin von Schwarzburg-Rudolstadt bezeichnet ist, und Fachgelehrte erkundigen sich nach Einzelheiten ihres Lebens.

Albrecht Friedrich, Graf von Barby und Mühlingen, war bekümmert, denn die Kriegsfurie tobte um die Elblande, und seine Gemahlin Sophie Ursula erwartete ihre schwere Stunde. In den Thüringer Bergen lebte sein Oheim, Ludwig Günther von Schwarzburg, der wohnte allein auf seinem Hause Rudolstadt, denn er war trotz seiner 56 Jahre noch unvermählt. Bei ihm fand das Grafenpaar aus Barby Zuflucht, und hier wurde ihnen am 19. August 1637 eine Tochter geboren. Die Schwester der jungen Mutter, Amilie Antonie von Oldenburg und Delmenhorst, eilte aus dem Stift Quedlinburg herbei, unbekümmert um Kriegslärm, und hob ihre Nichte Amilie Juliane aus der Taufe. Das Schicksal fügte es, daß die Oldenburgerin Schloßherrin auf der Heidecksburg wurde und ihrem verwaisten Patenkind eine Heimat bieten konnte.

In Rudolstadt und Leutenberg verlebte Amilie Juliane nun Kindheit und Jugendjahre. Dem Alter nach standen ihr von den vier Pflegeschwestern zwei besonders nahe, Sophie Juliane und Ludämilia Elisabeth. Als Lehrer wurde ihnen der Magister Johannes Hedwig bestellt, eine treue Seele, ein Meister der lateinischen Sprache und ein Erzieher zu peinlicher Ordnung und sauberer Arbeit. Die tiefgründige Lebensauffassung der mütterlichen Führerin ging auf Amilie Juliane über, und der Pflegebruder Albert Anton wählte sie zur Gattin. Am 7. Juli 1665 wurde die Heidecksburg ihr Heim auf Lebenszeit.

Mit tüchtigem, nüchternem, wirtschaftlichem Sinn ergriff sie die Aufgaben ihres neuen Berufs. Mit reger Teilnahme und stets hilfsbereit begleitete sie die Geschicke ihrer Mitmenschen in Stadt und Land. Not gab es überall, im Grafenschloß wie in der Bauernhütte, denn es war wunden- und seuchenreiche Zeit.

Mutterleid und -freud war der Gräfin beschieden, ein Töchterchen starb früh, aber ein Sohn, der spätere Fürst Ludwig Friedrich, wuchs kräftig heran. Ihre eigene starke Natur erlag schließlich, erschüttert durch ein Steinleiden, am 3. Dezember 1706. In dem Turmgewölbe der Stadtkirche bereitete ihr der Gemahl eine würdige Grabstätte, in der er selbst vier Jahre danach beigesetzt wurde.

Aus der Kindheit Amilie Julianes ist ein Andachtsbuch erhalten, das sich die Vierzehnjährige zusammengestellt hat, in handlichem Oktav, mit kräftiger Schrift. Neben kleinen Schulgebeten treten reifere Gedanken auf. Insgesamt entspricht der Inhalt etwa dem, was sich eine ernste Konfirmandin auswählt an Gebeten, Sprüchen und Liedern. Eine gewisse Bekanntschaft mit der Literatur ist festzustellen. Auch das Geistliche Farbenlied: »In schwarz will ich mich kleiden!«, einem volkstümlichen Liebeslied nachgebildet, ist vorhanden. Es durchläuft mit 15 Strophen eine ganze Farbenskala der Symbolik. Die Auswahl für dieses Andachtsbuch wird, wenn nicht ganz und gar getroffen, so doch wenigstens stark beeinflußt worden sein durch die mütterliche Erzieherin oder durch den Magister Hedwig.

Aus den Jahren 1656 und 1657 ist ein Schulheft wertvoll, starker Quartband, treffliches Büttenpapier, in Leder gebunden, für Freunde der Schriftkunst und der Barockformen eine Augenweide, mit spitzer, spitzer Feder geführt. Als Sinnspruch setzt die Neunzehnjährige voran: Duce deo, comite pietate, Gott soll ihr Führer und fromme Liebe ihre Begleiterin sein. Zunächst treten schulgerechte Briefübungen auf über die einzelnen Artikel der Augsburgischen Konfession, in deutscher und lateinischer Sprache abgefaßt. Zwischen den gelehrten Erörterungen laufen Bestandteile eines Briefwechsels, der zum Teil wohl auf wirklichen Ereignissen beruht, zum Teil auch der sprachlichen Gewandtheit zuliebe erdichtet sein mag. Als Empfängerin ist die älteste Pflegeschwester, Sophie Juliane, gedacht. Verkehr zwischen Rudolstadt und Leutenberg, Reisen nach Altenburg und Leipzig, auch die Barbysche Heimat, finden Erwähnung.

Als Bekenntnisse der eigenen Seele klingen wie eine Vorahnung des heutigen Pazifismus ihre Äußerungen: »O wollte Gott, daß Er aller Soldaten blutgierige Herzen dermaßen lenkte, daß sie sämtlich eine Abscheu ob solcher Kriegerei gewinnen und dem Frieden sich ergeben, damit auch nicht Deutschland wieder mit Krieg beleget und angefüllet werden möchte. Nun, wir müssen hierin uns des göttlichen Willens ergeben mit gefaßter Hoffnung, Er, als der aller Potentaten Herzen in seinen Händen hat, werde die Kriegesanfänger also regieren, daß kein Fünklein Unfried in Deutschland kommen möge!«

Gleichberechtigung der Frauen vertritt sie, indem sie die Pflegeschwestern ermahnt, sie möchten »ihren Studiis mit mehrerem Fleiß obliegen, damit alle diejenigen, deren gefaßte Meinung, ob vermöchten die Weibsbilder zum Studieren keineswegs tüchtig sein, überwiesen und dero ungegründetes Vorgeben könnte verworfen werden«.

Ein zweiter Teil dieses Heftes enthält Briefe an die vier Pflegeschwestern, ebenfalls sowohl deutsch wie lateinisch, zum Teil aus Rudolstadt, zum Teil aus Leutenberg datiert. Sie behandeln die Tugenden, erwähnen aber auch wieder Reisen und Pläne. Echtes Menschentum geht der Verfasserin über äußere Formen, denn sie rät einer jüngeren Verwandten, die vor einer Entscheidung steht: »Besser in einem Winkel oder einsamen Ort, als bei Hofe!« Der Briefwechsel Amilie Julianes hat sich nur aus einer kurzen Reihe von Jahren erhalten, spiegelt aber ihr Alltagsleben und ihre Umgebung bis in kleinste Züge wider, eine Fundgrube für Heimatgeschichte und Kulturgeschichte überhaupt.

Über all ihre Briefe setzt die Liederdichterin, einem Gelübde gemäß, J. N. J., das heißt im Namen Jesu, oder J. H. S., das heißt Jesus, Heiland, Seligmacher. Im übrigen ist von ihrem innersten persönlichen Leben, ihren Glaubensangelegenheiten, wenig die Rede. Treue Gesinnung kommt zum Ausdruck, wenn sie von quäkerischer Schwärmerei zu berichten hat, oder wenn der Fürst von Hanau seine Brüder enterben und einen katholischen Landgrafen als Erben einsetzen will: Gott regiere ihn, daß er nicht gar zum Narren wird! Über ihr körperliches Befinden verliert sie selten ein Wort und gebraucht dann keinen zimperlichen Ausdruck. Sie bedauert höchstens, daß sie herzoglichen Besuch nicht gebührend begleiten kann, weil ihr die Beine steif sind wie Ochsengebratenes.

Wie sah das Heim der Dichterin aus? Der Hauptbau des Schlosses war dreiflügelig, annähernd so in der Hauptfront wie er heute noch besteht. Nur dürfen wir uns die Umgebung des Gebäudes nicht wie die eines neuzeitlichen Schlosses vorstellen. In der gräflichen Wohnung selbst waren die Räume sehr beschränkt. Wurde eine Stube neu hergerichtet, wie das zitronfarbene Gemach mit Alkoven, so erkaufte die Hausherrin sich die Freude daran mit viel Mühe und Sorgfalt und bestickte die Wandbekleidung mit großen Flammen und Blumen. Die Wohnung von zwei höheren Hofbeamten befand sich auch im Haupthaus, ein Burgvogt mit Familie wohnte im Torgebäude, und viel Gesinde sonst noch hantierte und hauste in Nebenräumen des Schlosses. Zimmer für Gäste waren wohl vorgesehen, wenn diese aber unangemeldet mit großem Troß eintrafen, so entstand Verlegenheit und Spannung bei der Hausfrau. Und wenn zu besonderer Arbeit, zum Beispiel um Hirschhornwasser zu brennen, ein ungestörter Raum nötig war, so diente das Zimmer eines gerade verreisten Familiengliedes dazu. Sollte aber Festkonfekt gegen vorzeitige Zugriffe gesichert sein, dann war der Schrank in der Kleiderkammer das sicherste Versteck.

Eine Terrasse diente als Reitbahn, und die Gartenanlagen waren bebaut mit Laubengängen aus schweren Holzbalken, zwischen denen die Beete für einheimische Pflanzen und die Gewächshäuser für Südfrüchte, Pomeranzen, Zitronen und Melonen, sich erstreckten. Der Schloßhof war eng. Unmittelbar an die herrschaftliche Wohnung reihten sich die Pferdeställe an, und auf der Nordseite standen die Kuh- und Schweineställe. Dazwischen waren für Fleischerei und für den Kellerbetrieb die nötigen Schuppen eingebaut. Ausgiebige Düngerstätten nahmen einen großen Teil des Hofes ein.

Wenn auch Geldverkehr im siebzehnten Jahrhundert bereits sehr rege war, so brachten es doch die Nachkriegszeiten mit, daß der gräfliche Haushalt auf den Ertrag seiner Landwirtschaft angewiesen blieb. Ein Lieblingseigentum der Gräfin bildeten ihre Gutshöfe in Cumbach und in Schaala, aber auch an der Landwirtschaft um Schwarzburg und Leutenberg hatte sie Anteil, und sie betätigte ihn durch eigene Fürsorge und Arbeit. Wenn sie für drei gemästete Schweine und Branntwein 20 Gulden einnimmt, will sie Bettdrillich dafür kaufen. Wenn ihre Leute Flachs ausraufen, welcher gar schön wird, so verfügt sie umsichtig darüber, und die Hopfenernte will sie nicht zu früh losschlagen, da die Preise noch steigen werden. Von Kirschen und Nelken und Honiggewinn aus Cumbach, von allen Erstlingen der Ernte erhalten Pflegemutter und Schwestern in Leutenberg eine Probe. Im März besorgt sie junge »Gänsigen« und schickt die Zuchtgans mit, damit die Kleinen nicht »verfrieren«.

Amilie Juliane

Ein großer Schwarm von Gesinde gehörte zum Haushalt und zehrte mit aus Küche und Keller. Wer auf dem Schloßberg nicht unterzubringen war, dem wurden Baustellen oder Häuser am Fuße desselben angewiesen. Von da konnten die Getreuen für ihre Alltagsgeschäfte oder als galonierte Diener für Festgelegenheiten oder endlich als Bewaffnete bei Not und Gefahr leicht zur Stelle sein. Diese Ansiedlungen mit ihrem Kleinleben sind noch heute die Freude kunstsinniger Fremder und ähneln den Söldnergassen reicherer Städte, wie Nürnberg. Mit allem, was darin sann und spann und lebte und webte, war die Gräfin vertraut. Auch sonst hielt sie in der Stadt mit Beamtenfamilien und eingeborenen Bürgern getreue Nachbarschaft, was namentlich bei Patenschaften, Verlobungsplänen, Hochzeiten, Krankheiten und Sterbefällen tagtäglich zum Ausdruck kam.

Um den Grafen Albert Anton, den sie stets peinlich streng mit Nennung der Titulatur umschreibt, war sie ängstlich besorgt. Wenn ihr gnädiger Herr »kleine Liesichen« im Gesicht hat, muß ihm der Leibarzt zur Ader lassen. Ist er auf Reisen im Lande unterwegs, so bangt sie, bis er ihr gesund zurückkehrt. Seine Jagdbeute aus Paulinzelle an Wildschwein und Auerhahn ist ihr willkommen für die Küche, aber übermütige Jagdgesellschaften mit Zechgelagen sind ihr ein Greuel. Sie stellt dann gern fest, daß Albert Anton nicht daran teilnimmt, und verbietet auch ihrer Jungfer, bei ausgelassenen Tänzen mitzutun. Als eine Jagd morgens bis in die Nähe des Schlosses getrieben wird, muß die Hausfrau ihre Andacht abbrechen, sich Hals über Kopf antun und den hungrigen Weidmännern Würste und Schafkäse hinausschicken.

Die Freude der jungen Mutter an ihrem »Lützigen« ist groß. Großmutter und Tanten erhalten Kunde von jedem Zähnchen, das sich zeigt, und von dem Unglück mit der Kinderklapper, an der er bald erstickt wäre, weil er sie ins »Maul« gesteckt hat. Als er der üblen Gewohnheit huldigt, an den Fingern zu saugen, bringt ihm der gute Doktor Mack ein klein Säcklein mit gefeiltem Hirschhorn, an dem er kauen muß. Auch Spiel und geistige Entwicklung des Kleinen müssen die Leutenberger Damen miterleben, und sie freuen sich, daß der Enkel und Neffe seine »Weihnachtsgebeterigen« schön aufsagt und die Melodie In dulci jubilo richtig singt. Als vernünftige Mutter stellt Amilie Juliane schließlich fest, Lützigen bedarf manchmal »eines kleinen Rütigens, denn er mir oft auf den Hals störret«. Zur Belohnung seiner Unarten bekommt der Fünfjährige dann eine eigene Stube.

Besuch muß es unheimlich viel auf der Heidecksburg gegeben haben. Als fürstliche Nachbarn stellten sich die Reußen von Burgk, von Lobenstein, von Schleiz, von Gerau und von Gräiz ein. Auch sonst stiegen schwarzburgische Verwandte aus Arnstadt und Sondershausen und weitere Angehörige aus Norddeutschland auf der Heidecksburg ab. Adelige Beamte der Nachbarschaft, Herren und Damen aus der Stadt, alle waren willkommen, verursachten jedoch auch manche Geduldsprobe. Dann gehen Seufzer durch die Briefe der Vielgeplagten: »Gott gebe nur allezeit hübsche Fremde, nur nicht alles durcheinander. Es ist so ein Schwarm von Leuten da, daß ich es nicht sagen kann.« Wenn die Gräfin eine Reise vorhat, stellen sich die Pflügin, die Heidenreichin, die Vitztumin, die Conrektorin usw. ein: »Es sind ein Haufen Leute dagewesen, als ob ich aus der Welt reisen wollte.« Und wenn sie zurückkehrt: »Mutter Kathrein hat mich beneventiert.«

Alle Sorgen ihrer Handwerker erlebt sie mit. Der Maler Daniel kann keinen Firnis auftreiben, sie schreibt darum, der »Tischner« Gabriel Fleck hat die Rahmen für die Kirchenbilder zu groß gemacht, sie weiß Rat dafür.

Solange der Handels- und Marktverkehr sich in Rudolstadt abspielt, lassen sich die Botengänge leicht erledigen. Nun ist aber Schmuck und Silbergeschirr in Nürnberg zu bestellen oder zu holen, da muß der Trompeter Kaspar reiten. Einkäufe auf der Messe in Leipzig besorgt in schwierigen Fällen Hans Heinrich, der Maler, derselbe, der uns die Emporen der Stadtkirche mit Bildern geschmückt hat. Er hat Geschmack, das Rechte auszuwählen an Gewand und Tand, und vervollständigt bei dieser Gelegenheit gern feine Vorräte an guten Farben. Als außerordentlicher Gesandter für Vertrauensangelegenheiten erbietet sich auch der gute Doktor Mack.

Ein lieber Winkel in der Grafschaft, ein Stück Jugendheimat der Gräfin, ist ihr Leutenberg mit seiner Umgebung. Hier kennt sie sich in allem aus. Als die Papiermühle dort eingerichtet wird, wünscht sie »gute und fröhliche Zeitung« auf das Leutenberger Papier schreiben zu können.

Regelmäßig im Herbst wird Schwarzburg aufgesucht und von da dann die Waldreise angetreten auf die »Glashütte« und das »Neue Haus«. Darauf freuen sich die Teilnehmer, sie werden sich mit Glasmachen erlustieren und etwas von ihren Künsten in die Welt hinaussenden. Die Schmalenbuch und das Herrenhaus bedenkt sie aus »sonderbarer Liebe« mit einem Legat von 150 Gulden.

Aus Frankenhausen schickt sie Silvesterbirnen heim und erzählt, wie sie die Salzkunst besehen hat und von den Salzherren mit Kuchen bewirtet worden ist.

Aus Blankenburg am Harz schickt sie als duftenden Gruß einen Käse und setzt voraus, daß ihn die gnädige Frau Mutter in ein Tuch mit Wein schlagen wird.

Dauert die Reise längere Zeit, oder erstreckt sie sich gar nach Norddeutschland zu den leiblichen Schwestern, dann stellt sich eine gesunde Sehnsucht ein nach dem Sohne, den die Tanten in Leutenberg einstweilen versorgen, und nach einer ruhigen Stunde daheim auf der Heidecksburg.

Von ihrer Schwiegermutter und ihren Schwägerinnen hat Amilie Juliane Niederschriften über Landwirtschaft, Haushaltung und Küchenarbeiten geerbt und sich in einem stattlichen Quartband gesammelt. Goldene Regeln dabei: Ein Hausvater darf nichts verschieben, darf nicht erst morgen verrichten, was er heute tun soll. Jeden Abend trägt er seinem Gesinde auf, was am folgenden Morgen zu arbeiten ist, steht selbst früh auf und spricht seinen Leuten freundlich zu! Alte und neue Zeit stießen hart aufeinander. Einheimische Kräuter, Salbei, Wegbreit und Zichorienwurzeln, sammelte die Hausfrau noch, aber der Handelsverkehr brachte ihr schon reichlich Südfrüchte, Reis und Gewürze ins Haus. Zwischen den Küchenrezepten schrieb sie sich Heilmittel auf, so: »Ein gesundes Magenpulver durch den mannhaften Doktor Steffen von Venedig Römisch Kaiserlicher Majestät Maximiliano zum Gedächtnis verordnet«. Sterndeutung für Menschenleben war noch im Schwang, auch an die Wirkungen abenteuerlicher Operationen für verhextes Vieh glaubte man noch, aber das Dispensatorium Noricum in folio, das große Nürnberger Arzeneibuch, war schon der wissenschaftliche Ratgeber der Hofapotheken in Rudolstadt und Leutenberg, die die Gräfinnen selbst führten samt Laboratorium und Kräuterboden.

Zwei Gesangbücher, von der Hand Amilie Julianes geschrieben und für ihre täglichen Andachten bestimmt, liegen im Staatsarchiv auf der Heidecksburg. Das erste, aus dem Jahr 1652, ist mit zierlichen jugendlichen Zügen geschrieben, in dem zweiten führt eine kräftige Frauenhand die Feder. Die beiden Bücher gehören mit ihrem Inhalt dem persönlichsten Leben der Gräfin an und waren nicht bestimmt für das Auge und das Urteil anderer. Das zweite ist in der Auswahl bedeutender und reifer und beruht auf einem größeren Umblick in der Literatur. Die bekanntesten Lieder des siebzehnten Jahrhunderts kommen darin vor. Dichter mit Namen anzuführen, kam als allgemeine Sitte erst später auf. Es ist in keinem der beiden Bücher hier geschehen.

Um lyrische Dichtung legt die Sage gern einen epischen Mantel. Das widerfuhr auch dem Sterbelied Amilie Julianes. Als am 19. September 1686 Herzog Johann Georg von Eisenach auf der Jagd vom Schlage getroffen tot zusammengesunken war, brachte man das Lied mit diesem Ereignis in Verbindung und nannte einen Geistlichen in Gräfentonna als Verfasser. Ein Konzept der Gräfin in der Kirchenbibliothek von Gera trug die Überschrift: Neuhaus, den 17. September 1686. Danach erzählte der Volksmund von einem Jagdunfall in Neuhaus. Die neuere Forschung hat aus den Gedanken und Wendungen des Liedes die innere Verwandtschaft mit den übrigen Gesängen der Dichterin nachgewiesen. Eines besonderen Ereignisses als Anlaß zu Todesgedanken bedurfte es in Kriegs- und Seuchenzeit nicht. Der Lebensweg der Gräfin war eingefaßt von Totenkreuzen, sie blieb schließlich die Letztüberlebende ihrer Barbyschen Familie, und in Rudolstadt starben drei ihrer Pflegeschwestern und Schwägerinnen erschütternd kurz nacheinander, darunter die ihr geistig nächstverwandte Ludämilie Elisabeth, die Dichterin jungfräulich zarter Glaubenslieder. Unter dem Eindruck solcher Erlebnisse wird auch ihr Lied entstanden sein:

Werde munter, mein Gemüte,

Und schau diesen Zustand an,

Wie des Höchsten Wundergüte

Großes hat an mir getan:

Es geschieht, was er gebeut;

Alles ja hat seine Zeit,

Sterben und geboren werden

Bleibt ein Wechsel dieser Erden.

Ein Geschlechte muß vergehen,

Und ein anders kömmt empor;

Was vor Fälle oft geschehen,

Stellt mein eigen Beispiel vor:

Vater, Mutter, Brüder, Kind,

Schwestern, die gestorben sind,

Und wer sonst noch mußt erblassen,

Haben alle mich verlassen.

Ach! ich bin alleine blieben,

Und mein ganz Geschlecht ist hin!

Sollte mich das nicht betrüben,

Die ich nun die Letzte bin?

Ach! daß diesen bittern Schluß

Die Erfahrung gründen muß,

Und, daß eben an den Meinen

Dieser Wechsel soll erscheinen!

Hymnologische Studien von heute beschäftigen sich wieder mit der gräflichen Dichterin und könnten auf die Trauerreden hingewiesen werden, die nach ihrem Tode im Lande Schwarzburg gehalten wurden: drei Geistliche führen das Lied als Gedankenerbe der Gräfin an. Und wenn nach dem Neuhaus gefragt wird, wo die Gräfin verkehrte, so wäre der Pfarrer Johann Gottfried Holzhey von Mellenbach zu vernehmen. Er erinnert den trauernden Grafen Albert Anton daran, wie er fast einviertel Jahrhundert hindurch dem Grafenpaar zur Frühlings- und Herbstzeit auf dem tannenumrauschten Herrenhaus das Wort Gottes verkündet hat.

Auch äußere sprachliche Form vermittelt Stimmung, darum sei das Lied hier buchstäblich so wiedergegeben, wie es von Seite 23 ab in dem Andachtsbuch der Gräfin steht:

1.

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende,

Hin geht die Zeit, her kömbt der Tod,

Ach! wie geschwinde und behende

Kan kommen meine Sterbens Noth,

Mein Gott! ich bitt durch Christi Blut,

Machs nur mit meinem Ende gut.

2.

Es kan vor Nachts leicht anders werden,

Als es am frühen Morgen war,

Denn weil ich leb auff dieser Erden,

Leb ich in steter Todts Gefahr,

Mein Gott! ich bitt etc.

3.

HErr! lehr mich stets mein End bedencken,

Und wenn ich einsten sterben muß,

Die Seel in Jesu Wunden sencken

Und ja nicht sparen meine Buß,

Mein Gott! ich bitt etc.

4.

Laß mich bey Zeit mein Hauß bestellen,

Daß ich bereit sey für und für,

Und sage frisch in allen Fällen:

HErr! wie du wilt, so schicks mit mir,

Mein Gott! ich bitt etc.

5.

Mach mir stets Zucker süß den Himmel,

Und Gallen bitter diese Welt,

Gib daß mir in den Welt getümmel

Die Ewigkeit sey vorgestellt,

Mein Gott! ich bitt etc.

6.

Ach! Vater deck all meine Sünde

Mit dem Verdienste Jesu zu,

Darein ich mich fest gläubig winde,

Das gibt mir recht erwünschte Ruh,

Mein Gott! ich bitt etc.

7.

Ich weiß, in Jesu Blut und Wunden

Hab ich mir recht und wohl gebett,

Da find ich Trost in Todes Stunden,

Und alles, waß ich gerne hett,

Mein Gott! ich bitt etc.

8.

Nichts ist, was mich von Jesu scheide,

Nichts, es sey Leben oder Todt,

Ich leg die Händ in seine Seite,

Und sage: mein HErr und mein Gott!

Mein Gott! ich bitt etc.

9.

Ich habe Jesum angezogen

Schon längst in meiner Heil. Tauff,

Du bist mir auch daher gewogen,

Hast mich zum Kind genommen auff,

Mein Gott! ich bitt etc.

10.

Ich habe Jesu Fleisch gegeßen,

Ich hab sein Blut getruncken hier,

Nun kanstu meiner nicht vergeßen,

Ich bleib in Ihm und Er in mir,

Mein Gott! ich bitt etc.

11.

Nun komm mein End heut oder morgen,

Ich weiß, daß mirs mit Jesu glückt,

Ich binn und bleib in deinen Sorgen

Mit Jesu Blut schön außgeschmückt,

Mein Gott! ich bitt etc.

12.

Ich leb indes in dir vergnüget,

Und sterb ohn alles Kümmerniß,

Mir gnüget, wie es mein Gott füget,

Und glaub und weiß es ganz gewiß,

Durch deine Gnad und Christi Blut

Machst du’s mit meinem Ende gut.

Ein Porträt Amilie Julianes nach dem Leben hat sich auf der Heidecksburg erhalten. Es stellt ihren Charakter glaubwürdig dar: feste geschlossene Züge, Gewand und Schmuck nicht weltfremd, klares Auge. Albert Antons Hofmaler war Seyfried Lammers aus Nordhausen. Unter seinem Namen wurde bisher alles zusammengefaßt, was uns jene Zeit an Bildern hinterlassen hat. Doch sind nach den Rentereirechnungen und Kirchenbüchern zwei Maler gleichen Namens auseinanderzuhalten als Vater und Sohn. Dem jüngeren von beiden werden zwei stark idealisierte Bilder Amilie Julianes zuzuschreiben sein. Sie zeigen die Dichterin als Freundin des Lammes und als Braut Jesu, mit viel Beiwerk von Sinnbildern und Sprüchen.

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Unter Ludwig Friedrich, dem Sohne der Dichterin, 1710–1718, bereitete sich neue Zeit vor. Er veröffentlichte die Erhebung der Rudolstädter Linie in den Fürstenstand. Im Geiste seiner Eltern sorgte er für das Waisen- und Armenwesen. Sein Fürstentum wurde Beamtenstaat, und seine Residenzstadt vergrößerte sich durch Wohngebäude, die, behäbig breit angelegt und mit weiter Torfahrt versehen, daran erinnerten, daß die Hausherren zugleich auch Gutsbesitzer auf dem Lande waren.

Wie die Heidecksburg als Barockschloß ausgesehen hat, zeigt ein Bild der Gräfin Ludämilie Elisabeth, wo der Blick auf Rudolstadt als Nebenszene dargestellt ist.