Frühgeschichte der Burg
Im Jahre 640 gründete der Herzog Rudolf von Thüringen auf einem felsigen Berge das Haus Rudolstadt. So behauptet die Sage.
Eine Urkunde aus dem Anfang des neunten Jahrhunderts verzeichnet unter den Gütern des Klosters Hersfeld den Ort Rudolstadt und meldet, daß dort auch Slawen wohnen.
Den unstet wandernden Viehzüchtern der sorbischen Stämme war an der Saale Halt geboten worden. Einzelnen von ihnen, die sich zu seßhaftem Leben entschlossen, räumten die deutschen Ackerbauer Wohnplätze neben ihren eigenen Gütern ein, wo sie als Viehknechte gute Dienste leisteten.
Eine lange Burgenkette von Eichicht bis Naumburg sicherte die Grenze, Burgvögte sorgten für Ordnung ringsum und erweiterten ihre Gebiete allmählich ostwärts über die Saale. Das feste Haus Rudolstadt lag dem Waldland der Heide gegenüber und mag davon seinen Namen empfangen haben.
In der Zeit um 900 vermachte ein Rudolstädter namens Bikko dem Kloster Fulda eine Schenkung, vermutlich das Fischerstal im Norden des Hains, das noch im achtzehnten Jahrhundert das Fuldental heißt.
Urkunden des dreizehnten Jahrhunderts nennen als Zeugen für Verträge drei Pfarrer, Bruno, Heinrich und Hermann, von Radolvestat. Die Umgegend war bereits reich besiedelt, wie die vielen Dorfnamen im Tal und auf den Nachbarhöhen beweisen.
Aus Burgvögten, die ihren Amtssitz auf den festen Häusern hatten, wurden allmählich erbliche Burgherren als Lehensleute höherer Machthaber, der Thüringer Landgrafen. Da Geldverkehr im Mittelalter spärlich war, traten bei Unternehmungen, die größere Summen erforderten, Verpfändungen oder Verkäufe auf Wiederkauf von Landbesitz ein, und so hören wir, daß auch Haus und Stadt Rudolstadt wiederholt aus einer Hand in die andere gingen.
Am 29. November 1264 überließ der Graf Hermann von Orlamünde dem Erzbischof Ruprecht von Magdeburg sein gesamtes Eigentum, dabei auch Rudolstadt mit zwei Schlössern. Diese, das »niedere« und das »hohe« Haus, wechselten nach der Zeit mehrfach ihre Besitzer aus den Reihen der Orlamünder und der Schwarzburger Grafen, die benachbart und untereinander verschwägert waren.
Die Schwarzburger Günther und Heinrich gaben am 20. Februar 1306 Rudolstadt, das niedere Haus und alles, was dazu gehörte, für neuntehalbhundert Mark dem Orlamünder Otto in Zahlung. Aber schon am 21. Januar 1334 gingen das obere und das untere Haus samt den damit verbundenen Stadtteilen in die Verwaltung Heinrichs X. von Schwarzburg über, und nach dessen Tode fiel 1340 Rudolstadt mit dem orlamündischen Erbe an seine Söhne, die Grafen Heinrich XII. und Günther XXV. Seitdem ist es schwarzburgisch geblieben.
Während der Fastenzeit 1345 drang im Thüringischen Grafenkrieg ein Heereshaufe Landgraf Friedrich des Ernsthaften in Rudolstadt ein, plünderte und brannte es nieder, dabei gingen auch das Rathaus und die beiden Schlösser in Flammen auf.
Wo das niedere Haus, die untere Burg, gestanden hat, läßt sich erschließen. Die Grenzen der Grundstücke und der alte Schloßweg geben den Hinweis dazu. Dieser, der heutige Schloßaufgang VI, in mehreren Jahrhunderten wiederholt erweitert, trägt die Merkmale eines mittelalterlichen Burgwegs und hat vor der Stelle, wo heute das Torgebäude steht, scharf nach rechts umgebogen, um über den Felsen die spitze Bergecke zu erreichen, die jetzt vom Schloßgarten verdeckt wird.
Hier, von dieser schmalen Felsrippe aus, konnte die Burg über die weite Saalaue und das enge Tal des Wüstenbaches die Wache halten. Als ihre Zeit vorüber war, lagen die Trümmer noch lange umher. Graf Wolrad von Waldeck besuchte sie 1548 als Sehenswürdigkeit, und nachdem sie bereits in den gewaltigen Mauern der Schloßgartenterrassen aufgegangen waren, hieß eine Stelle am Südabhang 1669 noch »unter der alten Burg«.
Unmittelbar am Fuße der steilen Höhe schob sich der Pfaffenhügel flach gegen die Talsohle vor. Er trug die Kapelle Sankt Andreas, den Mittelpunkt der deutsch-sorbischen Altstadt. Diese lief am Ufer des Wüstenbaches entlang und dehnte sich um drei Gutshöfe schließlich bis zur heutigen Brückengasse aus.
Das obere Haus stand eine Felsstufe höher, am Ostende des heutigen Schloßhofes. Der Fahrweg zu dieser Burg zweigte an der Krümmung des älteren Burgwegs ab, lief dann noch ein Stück am Südabhang des Berges weiter und bog schließlich scharf und steil nach rechts um. Seine letzte Strecke im heutigen Schloßtunnel erinnert noch an mittelalterliche Wegeführung und an die Leistungen, die man früher, namentlich mit schwerem Fuhrwerk, Menschen und Tieren zumutete. Die Baustelle dieser oberen Burg hat wiederholt tiefgreifende Veränderungen erfahren, zuletzt im Jahre 1823 durch Anlage der Terrassenbauten, die mit Treppen und Reitwegen zum Schloßgarten hinunterführen.
Das obere feste Haus, auch noch von den Orlamündern gebaut, schirmte die deutsche Stadt unmittelbar am Südfuße des Schloßberges. Ihre älteste Hauptstraße, die heutige Stiftsgasse und Kirchgasse, begann am Alten Tore vor dem Hause Stiftsgasse 44 und endete an der Stadtmauer bei der Kleinen Badergasse. Erst im Kampfe mit der Saale wuchs die Stadt nach Süden zu in die Breite. Ihr Gotteshaus war die Kapelle »Sente Elißabeth gelegin uff dem Martte«, an der Ecke der Ratsgasse.
Das Leben der Burggrafen spielte sich durchaus nicht immer in der engsten Heimat ab. Landespolizei auszuüben und Güter zu verwalten überließen sie daheim ihren Beamten, während sie selbst Einkünfte und Ehren im Dienste größerer Herren suchten.
Von Heinrich X. hören wir, er war Kriegsrat Kaiser Ludwigs des Bayern und erwarb sich Verdienste in den Kämpfen des Deutschen Ritterordens gegen die Polen. Einen Bau auf dem oberen Hause in Rudolstadt ließ er aufführen. Sein Bruder war Günther zu Blankenburg, der als Deutscher König 1349 in Frankfurt an Main starb.
Heinrich XII. begleitete den Gegner seines Oheims, Karl IV., auf dessen Krönungszuge nach Mailand und Rom. Sein eigentlicher Wohnsitz war Sondershausen, während sein Bruder Günther in Arnstadt residierte. Beide bezogen aber auch zeitweise die Heidecksburg.
Günther XXVIII. erbte zwar Rudolstadt, wohnte aber auf Ranis. Sein Amt als kaiserlicher Hofrichter führte ihn oft in die Ferne, so 1414–1417 auf das Konzil zu Konstanz, wo er starb.
Heinrich XXIV. hielt nur vorübergehend auf dem Hause Rudolstadt Hof. Er war, wie sein Bruder Günther, der Erzbischof von Magdeburg, zunächst Priester geworden, verließ aber den geistlichen Stand, um das schwarzburgische Erbe anzutreten, und zeigte dann erst seine wahre Natur als streitbarer Held. Sechs Feldzüge gegen die Hussiten führte er als Amtmann im Vogtland.
Heinrich XXVI. verschrieb seiner Gemahlin Elisabeth von Cleve Schloß und Stadt Rudolstadt als Witwensitz. Er ließ 1434–1448 ein neues Schloß mit drei Flügeln aufführen. Die Nordwand des heutigen Marstalles mit dem turmartigen runden Vorsprunge kann aus dieser Bauzeit stammen.
Vier Söhne Heinrichs XXVI., die den Namen Heinrich trugen, wurden Geistliche. Der älteste von ihnen starb als Erzbischof von Bremen in Münster, der zweite war Provisor des Eichsfeldes und endete als fehdelustiger Kämpe in Bremen. Der dritte liegt als Dompropst in der Stiftskirche von Hildesheim begraben, und der vierte starb als Subdiakonus in Straßburg. Drei andere Söhne erhielten den Namen Günther und führten das weltliche Regiment in der Heimat fort.
Der älteste von ihnen, Günther XXXVI., trat von Rudolstadt aus seine Palästinafahrt mit dem sächsischen Adel an, zog sich dann auf die Heidecksburg zurück und starb hier 1503.
Günther XXXVIII. war 1450 in Rudolstadt geboren, hielt sich jedoch bald von der Heimat fern. Der jüngste, Günther XXXIX., bekleidete das Amt eines Statthalters von Bremen, erbte dann aber die schwarzburgische Herrschaft und erhielt 1518 zu Augsburg von Kaiser Maximilian die Bestätigung seiner Würden und Rechte. Mit sächsischer Hilfe schlug er 1525 den Bauernaufstand bei Stadtilm nieder. Er wird als demütig und leutselig gerühmt im Verkehr mit seinen Untertanen. Zur Reformation konnte er sich nicht verstehen, da er jeder Neuerung abhold blieb.
Torhaus
Sein Sohn Heinrich XXXII. hatte die fromme und sanfte Natur des Vaters geerbt, doch erzeugte seine Neigung zur evangelischen Lehre ein tiefes Zerwürfnis zwischen beiden und wurde die Ursache, daß er in eine Art Verbannung von Arnstadt nach Rudolstadt ziehen mußte. Hier durfte er sich, ohne daß es der Öffentlichkeit auffiel, Privatgottesdienst nach der neuen Form in der Andreaskirche einrichten. Als sein Vater starb, zog er nach Arnstadt zurück und ließ der Reformation freien Lauf bis zu seinem Tode 1538. In dem Ehevertrag hatte er seiner Gemahlin die Ämter Rudolstadt und Blankenburg gesichert für den Witwenfall. Das Haus Blankenburg, der Greifenstein, war ganz baufällig, das Haus Rudolstadt hatte nur Umbauten nötig. Die Erinnerungen an drei gute Jahre ihrer jungen Ehe zogen nun die junge Witwe hierher.