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Eine ganze Weile nach alle diesem saßen Guttorm Solbakken und Karen zusammen in der großen, hellen Stube auf Solbakken und lasen einander aus einigen neuen Büchern vor, die sie aus der Stadt erhalten hatten. Sie waren am Vormittag in der Kirche gewesen, denn es war Sonntag; dann hatten sie einen kleinen Gang durch die Felder gemacht, um zu sehn, wie die Saat stehe, und um zu überlegen, welche Äcker im nächsten Jahre brachliegen und welche bebaut werden sollten. Sie waren von einem Brachfelde und Acker zum andern gegangen, und es schien ihnen, als sei ihr Besitztum gut vorwärts gekommen, seit sie es bewirtschafteten. »Gott weiß, wie es aussehn wird, wenn wir einmal fort sind,« harte Karen gesagt. Da hatte Guttorm sie gebeten, mit hineinzukommen und in den neuen Büchern zu lesen; denn man tut am besten, wenn man sich solche Gedanken aus dem Sinne schlägt.
Nun waren aber die Bücher durchgesehn, und Karen meinte, die alten wären besser: »Die Leute schreiben nur wieder daraus ab!« – »Daran mag etwas Wahres sein; Sämund sagte heute in der Kirche zu mir, die Kinder wären auch nur die Eltern noch einmal wieder.« – »Ja, du und Sämund, ihr habt heute viel miteinander gesprochen.« – »Sämund ist ein verständiger Mann.« – »Er hält sich aber wenig zu seinem Herrn und Heiland, fürchte ich.« – Hierauf erwiderte Guttorm nichts. – – »Wo ist denn nur Synnöve geblieben?« fragte die Mutter. – »Die ist oben auf dem Boden,« antwortete er. – »Du saßest ja vorhin bei ihr, wie war sie gestimmt?« – »Ach – – du hättest sie dort nicht allein sitzen lassen sollen.« – Es kam jemand. – Die Frau schwieg eine Weile. – »Wer war denn das?« – »Ingrid Granliden.«
»Ich glaubte, sie sei noch auf der Alm.« – »Sie ist heute nach Hause gekommen, daß die Mutter zur Kirche gehn konnte.« – »Ja, wir haben sie ja auch wirklich einmal da gesehn.« – »Sie hat viel zu schaffen.« – »Das haben andre auch; aber man kommt schon dahin, wohin das Herz steht.« – Guttorm erwiderte nichts hierauf. – Nach einer Weile sagte Karen: »Heute waren alle Leute aus Granliden da, Ingrid ausgenommen.« – »Ja, das war wohl, um Thorbjörn das erstemal das Geleite zu geben.« – »Er sah elend aus.« – »Das war nicht anders zu erwarten; ich wunderte mich, daß er noch so gut aussah.« – »Ja, er hat für seine Torheit büßen müssen.« – Guttorm sah ein wenig vor sich nieder: »Er ist ja noch die pure Jugend!« – »Es ist kein guter Grund in ihm, man kann sich niemals auf ihn verlassen.«
Guttorm, der die Ellenbogen auf den Tisch gestützt hatte und ein Buch in der Hand hin und her drehte, öffnete dieses, und indem er scheinbar anfing, leise darin zu lesen, ließ er die Worte fallen: »Man meint, daß er ganz sicher seine Gesundheit wiedererlangen wird.« – Auch die Mutter nahm jetzt ein Buch: »Das wäre ein großes Glück für einen so schönen Burschen,« sagte sie. »Der liebe Gott lehre ihn in Zukunft bessern Gebrauch davon machen.« – Sie lasen beide; dann sagte Guttorm, indem er ein Blatt umwandte: »Er hat heute nicht ein einziges Mal zu ihr hinübergesehn.« – »Nein, ich bemerkte auch, daß er ruhig in seinem Stuhle sitzen blieb, bis sie gegangen war.« – Nach ein er Weile sagte Guttorm: »Glaubst du, daß er sie vergessen wird?« – »Das wäre auf alle Fälle das beste.«
Guttorm las weiter, seine Frau blätterte in ihrem Buch. – »Es gefällt mir gar nicht, daß Ingrid hier so lange sitzen bleibt,« sagte sie. – »Synnöve hat kaum jemand, mit dem sie reden könnte.« – »Sie hat uns.« – Jetzt sah der Vater zu ihr hinüber: »Wir dürfen nicht zu strenge sein.« – Die Frau schwieg; nach einer Weile sagte sie: »Ich habe es ihr auch niemals verboten.« – Der Vater klappte das Buch zu, stand auf und sah zum Fenster hinaus. »Da geht Ingrid,« sagte er. – Kaum hatte die Mutter das gehört, als sie schnell hinausging. Der Vater stand noch lange am Fenster, dann wandte er sich ab und ging auf und nieder; die Frau kam wieder herein, er blieb stehn. – »Ja, es war so, wie ich dachte,« sagte sie; »Synnöve sitzt da oben und weint, wühlt aber in ihrer Lade herum, sobald ich hereinkomme.« Und dann fuhr sie fort, indem sie den Kopf schüttelte: »Nein, es ist nicht gut, daß Ingrid hierherkommt.« – Sie machte sich mit dem Abendbrot zu schaffen und ging oft aus und ein. Einmal, während sie draußen war, kam Synnöve still mit rotgeweinten Augen herein; sie glitt an dem Vater vorüber, sah ihm ins Gesicht, setzte sich dann an den Tisch und nahm ein Buch. Nach einer Weile machte sie es wieder zu, ging zur Mutter und fragte, ob sie ihr helfen sollte. – »Ja, tu das nur!« sagte diese; »Arbeit ist für alles gut.«
Sie mußte den Tisch decken, der am Fenster stand. Der Vater, der bisher auf und nieder gegangen war, trat jetzt ans Fenster und sah hinaus. – »Ich glaube, der Gerstenacker, den der Regen niedergeschlagen hat, richtet sich wieder auf,« sagte er; sie stellte sich neben ihn und schaute auch hinaus. Er wandte sich um, die Mutter war im Zimmer, so streichelte er nur sanft Synnöves Hinterkopf und begann dann wieder auf und nieder zu gehn. Sie aßen, aber es war eine sehr schweigsame Mahlzeit. Die Mutter sprach heute das Tischgebet, vor wie nach dem Essen, und als sie aufgestanden waren, schlug sie vor, zu lesen und zu singen, was sie auch taten. – »Gottes Wort gibt Frieden; das ist doch der größte Segen im Hause.« – Die Mutter sah dabei zu Synnöve hinüber, die die Augen niedergeschlagen hatte. – »Jetzt will ich eine Geschichte erzählen,« sagte die Mutter, »jedes Wort davon ist wahr, und dem, der darüber nachdenken will, wird es nicht zum Schaden sein.«
Und dann erzählte sie: »Es lebte in meiner Jugend ein Mädchen auf Haug, das war die Enkelin eines alten, gelehrten Schulzen. Er nahm sie früh zu sich, um in seinen alten Tagen Freude an ihr zu haben, und lehrte sie natürlich Gottes Wort und gute Sitten. Sie lernte leicht und gern, so daß sie uns in kurzer Zeit weit hinter sich ließ; sie schrieb und rechnete, wußte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel aus der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich dessen, als wäre es gestern gewesen. Sie mochte lieber lesen als tanzen, so sah man sie nur selten dort, wo Lustbarkeit war, desto häufiger aber in des Großvaters Bodenstube, wo seine vielen Bücher standen. So kam es, daß sie jedesmal, wenn wir mit ihr zusammen waren, so dastand, als wären ihre Gedanken anderswo, und wir sagten zueinander: ›Wären wir bloß so klug wie Karen Haugen!‹ Sie sollte den Alten beerben, und viele brave Burschen erboten sich, halbpart mit ihr zu machen; sie erhielten sämtlich einen Korb. Um diese Zeit kehrte der Sohn des Pfarrers von seiner Priesterlehre zurück; es war nicht gut mit ihm gegangen, denn er hatte mehr Sinn für ein wildes Leben und für alles Böse gehabt als für das Gute; jetzt trank er. ›Hüte dich vor ihm!‹ sagte der alte Schulze; ›ich bin viel mit den Vornehmen zusammen gewesen, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie unser Vertrauen weit weniger verdienen als die Bauern.‹ – Karen hörte stets mehr auf seine Stimme als auf die aller andern, und als sie später zufällig mit dem Sohne des Pfarrers zusammentraf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er trachtete ihr nach. Seither konnte sie nirgends gehn, ohne ihm zu begegnen. – ›Geh!‹ sagte sie, ›es nützt dir doch nichts!‹ – Er aber ging ihr nach, und so kam es, daß sie doch endlich stehnbleiben und ihn anhören mußte. Er war sehr schön, als er aber sagte, er könne nicht ohne sie leben, da lief sie erschreckt davon. Er trieb sich um ihren Hof herum, aber sie kam nicht heraus; er stand des Nachts vor ihrem Fenster, aber sie kam nicht zum Vorschein; er sagte, er wolle seinem Leben ein Ende machen, Karen aber wußte, was sie davon zu denken hatte. Da fing er wieder an zu trinken. – ›Sei auf deiner Hut! Das sind alles nur Teufelskünste,‹ sagte der alte Großvater. Da stand der Bursche eines Tages plötzlich mitten in ihrem Zimmer, niemand wußte, wie er dahingelommen war. ›Jetzt will ich dich ermorden!‹ sagte er. – ›Ja, tu du das nur,‹ sagte sie. Da aber weinte er und sagte, es stünde in ihrer Macht, ihn zu einem braven Menschen zu machen. – ›Könntest du dich nur ein halbes Jahr des Trinkens enthalten!‹ sagte sie. Und da enthielt er sich ein halbes Jahr des Trinkens. – ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er. – ›Nicht ehe du ein halbes Jahr von allen Festlichkeiten und Gelagen ferngeblieben bist.‹ – Das tat er. – ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er. – ›Nicht ehe du hingehst und deine geistlichen Studien beendest.‹ – Auch das tat er, und im folgenden Jahre kehrte er als ausgelernter Pfarrer zurück. – ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er und hatte obendrein Talar und Halskrause um. – ›Jetzt will ich dich ein paarmal Gottes Wort verkünden hören,‹ sagte Karen. Und das tat er wahr und lauter, wie es sich für einen Geistlichen geziemt; er sprach von seiner eignen Sündhaftigkeit, und wie leicht es sei zu siegen, wenn man nur erst den Anfang gemacht habe, und wie schön Gottes Wort sei, wenn man es nur erst gefunden habe. Darauf begab er sich abermals zu Karen. – ›Ja, nun glaube ich, daß du nach dem leben wirst, was du selber weißt,‹ sagte Karen, ›und nun will ich dir auch erzählen, daß ich seit drei Jahren mit meinem Vetter, Anders Haugen, verlobt bin; du sollst uns am nächsten Sonntag aufbieten.‹« – –
Hier schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs nur geringe Teilnahme für die Erzählung bezeugt, dann aber war ihre Interesse erwacht, und nun folgte sie mit Spannung jedem Wort. – »Kommt nicht noch mehr?« fragte sie ganz erschrocken. – »Nein,« sagte die Mutter. Der Vater sah die Mutter an, da glitt ihr Blick unsicher zur Seite, und nachdem sie sich einen Augenblick besonnen hatte, fuhr sie fort, indem sie mit dem Finger über die Tischplatte hinstrich: »Vielleicht könnte noch etwas kommen – aber das tut nichts zur Sache.« – »Ist da noch mehr?« wandte sich Synnöve nun an den Vater, der es zu wissen schien. – »Hm – ja! Aber es verhält sich so, wie die Mutter sagt – es tut nichts zur Sache.« – »Wie erging es ihm denn?« fragte Synnöve. – »Ja, das ist es eben,« sagte der Vater und sah zu der Mutter hinüber. Diese hatte sich an die Wand gelehnt und sah sie beide an. – »Wurde er unglücklich?« fragte Synnöve leise. – »Wir müssen schließen, wo der Schluß sein soll,« sagte die Mutter und stand auf. Der Vater tat ebenso, und Synnöve stand dann auch auf.