8
Einige Wochen später an einem frühen Morgen machten sich sämtliche Bewohner von Solbakken zum Kirchgang fertig; es war Konfirmation, die in diesem Jahre etwas früher fiel als gewöhnlich, und bei einer solchen Gelegenheit wurden alle Häuser abgeschlossen; denn dann mußten alle mit. Fahren wollten sie nicht, da das Wetter klar war, wenn auch ein wenig kalt und scharf in der frühen Morgenstunde; der Tag versprach schön zu werden. Der Weg führte durch das Kirchspiel, an Granliden vorbei, bog dann rechts ab, und eine gute Viertelstunde weiter lag die Kirche. Das Korn war an den meisten Stellen gemäht und in Hocken gesetzt, die Kühe waren fast überall aus den Bergen heruntergeholt und weideten angepflöckt, die Wiesen waren entweder zum zweitenmal grün oder auf magerm Boden grauweiß; ringsumher stand der vielfarbige Wald, die Birke schon müde, die Espe ganz blaßgelb, die Eberesche mit trocknen, zusammengeschrumpften Blättern und vielen Beeren. Es hatte mehrere Tage stark geregnet, das niedrige Gestrüpp, das am Wege entlang wuchs und sonst im Staube der Landstraße dastand und nieste, war jetzt reingewaschen und frisch. Die Felswände aber begannen sich schwer auf das Tal zu legen, jetzt, wo der plündernde Herbst sie entkleidete und ihnen ein ernsthaftes Angesicht gab, während sich die Felsenbäche, die im Sommer nur hin und wieder Leben gezeigt hatten, jetzt übermütig aufbäumten und mit lautem Lärm hinunterschäumten. Der Granlider Gießbach nahm einen schwerern, ruhigern Gang an, namentlich bis er an den Granlider Steingrund hinabkam, wo der Fels ihn auf einmal nicht weiter begleiten wollte, sondern sich von ihm zurückzog. Da machte er einen Sprung über die Steine und brauste brüllend dahin, so daß der Fels erbebte. Ihm wurde für seine Verräterei gründlich der Kopf gewaschen, denn der Gießbach sandte ihm höhnisch einen Spritzstrahl gerade ins Gesicht. Einige neugierige Erlenbüsche, die sich der Schlucht genähert hatten, wären beinahe von der Flut mit fortgeschwemmt worden; sie standen nun da und schnauften in dem Wasserbade, denn der Gießbach war heute nicht geizig.
Thorbjörn, seine beiden Eltern und seine beiden Geschwister sowie die übrigen Hausbewohner kamen gerade vorüber und beobachteten dies alles. Thorbjörn war jetzt wieder gesund, er zog kräftig wie ehemals seinen Strang bei der Arbeit des Vaters. Die beiden gingen jetzt immer zusammen, so auch hier. – »Ich glaube fast, wir haben die Leute von Solbakken gerade hinter uns,« sagte der Vater. Thorbjörn sah nicht zurück, die Mutter aber sagte: »Ja, so ist es; aber ich sehe nicht – ach ja, da ist sie – ganz hinten.« – Entweder gingen die Granlider jetzt schneller, oder die Leute von Solbakken hatten ihren Schritt gemäßigt, aber der Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, schließlich sah man einander kaum noch. Es schien, daß heute viel Volk bei der Kirche zusammenkommen würde; der lange Weg war schwarz von gehenden, fahrenden, reitenden Menschen; die Pferde waren jetzt in der Erntezeit übermütig und wenig daran gewöhnt, mit andern zusammen zu sein, deswegen war ein Gewiehere und eine Unruhe unter ihnen, die die Fahrt gefahrvoll, aber sehr lebhaft machten.
Je näher man an die Kirche herankam, desto größern Lärm machten die Pferde, denn jedes, das kam, schrie zu denen hinüber, die schon angebunden dastanden, und diese zerrten an den Leinen, stampften mit den Hinterfüßen und wieherten den Ankömmlingen einen Gruß zu. Alle Hunde des Kirchspiels, die die ganze Woche zu Hause gesessen, einander angehört, sich gegenseitig angeknurrt und herausgefordert hatten, trafen sich jetzt hier bei der Kirche, stürzten sich in die großartigste Beißerei, paarweise und in ganzen Rudeln, weit über die Felder hin. Die Leute standen still an den Häusern und an der Kirchenmauer; sie führten eine flüsternde Unterhaltung und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg, der an der Mauer vorbeiführte, war nicht breit, und auf der andern Seite lagen die Häuser dicht nebeneinander; und nun standen die Frauen gewöhnlich an der Mauer, die Männer ihnen gegenüber an den Häusern. Erst später wagten sie es, zueinander hinüberzugehn; auch wenn sich Bekannte von weitem sahen, taten sie, als kennten sie sich nicht, bis dieser Augenblick gekommen war; manchmal geschah es, daß sie sich so nahe gegenüberstanden, wenn der eine Teil kam, daß sie einen Gruß nicht vermeiden konnten; dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und in kurzen Worten, worauf sich jeder wieder an seinen Platz zurückzog.
Als die Granlider herankamen, wurde es fast noch stiller als zuvor; Sämund hatte nicht viele zu begrüßen, weswegen es mit ihm schnell die Reihe entlang ging; die Frauen dagegen blieben gleich hängen und blieben bei den ersten stehn. Daher mußten die Männer, als man zur Kirche gehn wollte, wieder zu den Frauen zurückkehren. In diesem Augenblick kamen drei Wagen in einer Reihe ungestümer als alle die andern herangefahren und hielten nicht eher an, als bis sie mitten unter den Leuten waren. Sämund und Thorbjörn, die beinahe überfahren worden waren, sahen zu gleicher Zeit auf; im ersten Wagen saßen Knud Nordhaug und ein alter Mann, im zweiten seine Schwester mit ihrem Manne, im dritten die Altenteiler. Vater und Sohn sahn sich gegenseitig an; Sämund verzog keine Miene, Thorbjörn war sehr bleich. Als ihre Blicke sich trennten, schweiften sie weiter und fielen auf die Leute von Solbakken, die gerade ihnen gegenüber stehngeblieben waren, um Ingebjörg und Ingrid Granliden zu begrüßen. Die Wagen waren zwischen ihnen durchgefahren, die Unterhaltung war unterbrochen worden, die Augen hingen noch an den Dahinfahrenden, und es währte eine ganze Zeit, ehe sie sich davon losreißen konnten. Als sie dann nach dieser Überraschung wieder zu sich gekommen waren und die Augen umherschweifen ließen, um einen Übergang zu suchen, gewahrten sie Thorbjörn und Sämund, die dastanden und starrten. Guttorm Solbakken wandte sich ab, seine Frau aber sah sofort nach Thorbjörns Augen; Synnöve, die einen Blick von ihm erhascht hatte, wandte sich zu Ingrid Granliden und ergriff ihre Hand, wie um sie zu begrüßen, obwohl sie das schon einmal getan hatte. Aber alle fühlten sie auf einmal, daß ihr Gesinde und ihre Bekannten, einer wie alle, sie beobachteten, und nun kam Sämund selber geradeswegs hinüber und reichte Guttorm mit abgewandtem Gesicht die Hand: »Hab Dank für das letztemal.« – »Hab selber Dank für das letztemal.« – Dann reichte er der Frau die Hand: »Hab Dank für das letztemal!« – »Hab selber Dank für das letztemal,« erwiderte sie, ebenfalls ohne aufzusehn. Thorbjörn ging hinterdrein und tat wie der Vater; dieser kam nun zu Synnöve, und sie war die erste, die er ansah. Auch sie sah ihn an und vergaß »Hab Dank für das letztemal« zu sagen. In demselben Augenblick kam Thorbjörn; er sagte nichts, sie sagte nichts, sie reichten einander die Hand, aber nur lose, keins schlug die Augen auf, keins vermochte einen Fuß zu rühren. – »Es wird heute sicher ein gesegnetes Wetter,« sagte Karen Solbakken und ließ den Blick schnell von Synnöve zu Thorbjörn hinüberschweifen. Sämund antwortete ihr: »Ach ja, dieser Wind treibt die Wolken weg.« – »Gut für das Korn, das noch steht und der Trockenheit bedarf,« sagte Ingebjörg Granliden und fing an, Sämund hinten an die Jacke zu klopfen, vermutlich weil sie glaubte, daß er voll Staub sei. – »Gott hat uns ein gutes Jahr beschert, aber es ist noch unsicher, ob alles unter Dach und Fach kommt,« sagte Karen wieder und sah nach den beiden hinüber, die sich seit vorhin noch nicht vom Fleck gerührt hatten. – »Das kommt auf die Zahl der Leute an,« sagte Sämund und wandte sich zu ihr, so daß sie nicht gut dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte. – »Ich habe oft gedacht, wenn nur ein paar Höfe ihre Kräfte zusammenlegen wollten, da würde es besser gehn.« – »Aber es kann ja so sein, daß sie beide das trockne Wetter gleichzeitig benutzen wollen,« sagte Karen Solbakken und machte einen Schritt zur Seite. – »Freilich,« meinte Ingebjörg und stellte sich dicht neben ihren Mann, so daß Karen auch jetzt nicht dahinsehn konnte, wohin sie sehn wollte; – »aber an manchen Stellen reift es früher als an andern; Solbakken ist uns oft um vierzehn Tage voraus.« – »Ja, da könnten wir einander ja gut helfen,« sagte Guttorm und trat einen Schritt näher heran. Karen sah ihn hastig an. – »Aber es gibt immer so manche Umstände, die einem in den Weg kommen,« setzte er hinzu. – »Das ist so,« sagte Karen und trat einen Schritt auf die eine Seite und einen auf die andre, und noch einen, aber dann wieder zurück. – »Ach ja, es kommt einem oft mancherlei in den Weg,« sagte Sämund und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. – »Freilich ist es so,« sagte Guttorm, seine Frau aber fiel ihm ins Wort: »Menschenmacht reicht nicht weit, Gottes Macht ist die größte, und auf ihn allein kommt es an.« – »Er würde doch wohl nichts Wesentliches dagegen einzuwenden haben, daß wir einander bei der Ernte auf Granliden und Solbakken behilflich wären?« – »Nein,« meinte Guttorm, »dagegen kann er wohl nichts einzuwenden haben,« und er sah seine Frau ernsthaft an. Diese gab dem Gespräch eine andre Wendung: »Es sind viele Leute heute zur Kirche gekommen,« sagte sie; »es tut einem wohl, zu sehn, wie die das Haus Gottes aufsuchen.« – Niemand schien hierauf etwas erwidern zu wollen; da sagte Guttorm: »Ich glaube wirklich, es nimmt zu mit der Gottesfurcht, es gehn jetzt mehr Leute zur Kirche als in meiner Jugend.« – »Ach ja – die Menschen vermehren sich,« sagte Sämund. – »Es sind wohl viele unter ihnen, vielleicht der größte Teil, die nur aus Gewohnheit kommen,« meinte Karen Solbakken. – »Vielleicht die Jüngern,« entgegnete Ingebjörg. – »Die Jüngern wollen einander gern treffen,« sagte Sämund. – »Habt ihr gehört, daß der Pfarrer von hier fort will?« fragte Karen und gab dem Gespräch zum zweitenmal eine andre Wendung. – »Das tut mir leid,« sagte Ingebjörg; »er hat alle meine Kinder getauft und auch konfirmiert.« – »Und nun möchtest du wohl, daß er sie auch traute?« sagte Sämund und kaute auf einem Stück Holz, das er aufgenommen hatte. – »Es wundert mich, daß die Kirche immer noch nicht beginnt,« sagte Karen und sah nach dem Eingang hinüber. – »Ja, es ist heute heiß hier draußen,« bemerkte Sämund und lächelte abermals. – »Komm jetzt, Synnöve, wir wollen hineingehn.« – Synnöve fuhr zusammen und wandte sich um, denn sie hatte mit Thorbjörn geredet. – »Willst du nicht warten, bis es geläutet hat?« sagte Ingrid Granliden und sah zu Synnöve hinüber. – »Dann gehn wir alle miteinander,« fügte Ingebjörg hinzu. Synnöve wußte nicht, was sie antworten sollte.
Sämund sah über den Rücken zu ihr hinüber: »Wenn du nur warten willst, dann läutet es bald – für dich,« sagte er. Synnöve wurde dunkelrot, die Mutter sah ihn ärgerlich an. Er aber lächelte ihr zu: »Es kommt alles so, wie Gott es will, sagtest du das nicht vorhin selber?« Und er schritt allen voran auf die Kirche zu, die andern folgten ihm.
An der Kirchentür war großes Gedränge, und als sie näher zusahn, war sie noch nicht geöffnet. Gerade als sie näher herangingen, um nach der Ursache zu fragen, wurde sie geöffnet, und die Leute gingen hinein; einige aber kamen auch wieder zurück, wodurch die Ankommenden voneinander getrennt wurden. An die Wand gelehnt standen zwei Männer und sprachen miteinander; der eine groß und stark mit blondem, ein wenig struppigem Haar und einer Stulpnase, und das war Knud Nordhaug. Als er die Leute von Granliden kommen sah, hörte er auf zu sprechen, wurde ein wenig verlegen, blieb aber trotzdem stehn. Sämund mußte nun gerade an ihm vorüber, er sah ihn scharf an, Knud schlug aber seine Augen nicht zu Boden, wenn auch sein Blick nicht ganz sicher war. Nun kam Synnöve, und als sie Knud so unerwartet erblickte, wurde sie leichenblaß. Da schlug Knud die Augen nieder und richtete sich von der Wand auf, um zu gehn. Er hatte nur ein paar Schritte gemacht, da sah er vier Gesichter auf sich gerichtet, Guttorms, Karens, Ingrids und Thorbjörns. Verwirrt wie er war, ging er gerade auf sie zu, so daß er, ohne es selber zu wissen, bald von Angesicht zu Angesicht mit Thorbjörn selber stand; es schien, als wolle er sich sofort zurückziehn, aber es waren mehr Leute herzugekommen, und es ließ sich nicht so leicht bewerkstelligen. Dies trug sich gerade auf der Fliesenplatte zu, die vor der Fagerlidkirche liegt; oben auf der Schwelle zum Waffenhause war Synnöve stehngeblieben, während Sämund etwas weiter hinein stand; sie konnten, da sie höher standen, deutlich von allen draußen gesehn werden, wie auch sie alle sehn konnten. Synnöve hatte alles um sich her vergessen und stand da und starrte Thorbjörn an; dasselbe taten Sämund, seine Frau, die Leute aus Solbakken und Ingrid. Thorbjörn fühlte das und stand wie festgenagelt; Knud aber fühlte, daß er hier etwas tun müsse, und so streckte er denn die eine Hand ein wenig vor, sagte aber nichts. Thorbjörn streckte die seine ebenfalls ein wenig vor, jedoch nicht weit genug, daß sie einander hätten berühren können. »Hab Dank für –«, begann Knud, besann sich jedoch, daß das hier kein richtiger Gruß sei, und wich einen Schritt zurück. Thorbjörn sah auf, und sein Auge traf Synnöve, die weiß wie Schnee war. Er tat einen langen Schritt vorwärts, faßte Knuds Hand mit einem kräftigen Griff und sagte so laut, daß die Zunächststehenden es hören konnten: »Hab Dank für das letztemal, Knud! Vielleicht ist es für uns beide – gut gewesen.«
Knud gab einen Laut von sich, der ungefähr wie ein Schlucken klang, und es sah aus, als nähme er mehrmals einen Anlauf zum Sprechen, aber es kam nicht dazu. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen, er wartete – sah nicht auf, sondern wartete nur. Es fiel indes kein Wort, und als nun Thorbjörn dastand und sein Gesangbuch in der Hand hin und her drehte, ließ er es unversehens fallen. Sofort beugte sich Knud hinab, nahm es auf und reichte es ihm. »Danke,« sagte Thorbjörn, der sich selbst hinabgebeugt hatte; er sah auf, da aber Knud wieder niedersah, dachte Thorbjörn, es ist wohl am besten, wenn ich gehe. Und so ging er denn.
Die andern gingen auch, und als Thorbjörn sich gesetzt hatte und nach einer Weile nach dem Frauenstuhl hinübersah, begegnete er Ingebjörgs Gesicht, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken hatte offenbar erwartet, daß er hinübersehn würde, denn in demselben Augenblick, als er das tat, nickte sie ihm dreimal zu, und als er darüber staunte, nickte sie noch dreimal, und zwar noch freundlicher als vorhin. Sämund, sein Vater, flüsterte ihm ins Ohr: »Das hatte ich mir gedacht.« – Sie hatten das Einleitungsgebet gehört und einen Gesang gesungen, jetzt stellten sich schon die Konfirmanden auf, als er ihm nochmals zuflüsterte: »Aber Knud wird es schwer, gut zu sein; laß es immer weit von Granliden bis Nordhaug sein.«
Die Konfirmation nahm ihren Anfang, der Geistliche trat vor, und die Kinder stimmten das Konfirmationslied von Kingo an. Sie alle auf einmal und allein so zuversichtlich singen zu hören – das pflegt die Leute zu ergreifen, namentlich die noch nicht so weit gekommen sind, daß sie sich ihres eignen Konfirmationstages nicht mehr erinnern. Wenn dann eine tiefe Stille folgt und der Geistliche, seit mehr als zwanzig Jahren ist es derselbe, derselbe, der wohl in einer stillen Stunde jedem einzelnen von ihnen einmal zum Guten geredet hat – wenn er nun die Hände über der Brust faltet und zu reden beginnt, so ist die Bewegung am höchsten. Die Kinder aber fangen an zu weinen, wenn der Pfarrer sich zu den Eltern wendet und sie auffordert, zu Gott für ihre Kinder zu beten. Thorbjörn, der noch vor kurzem dem Tode nahe gewesen war, und der dann später geglaubt hatte, er würde zeitlebens ein Krüppel bleiben, weinte viel, besonders aber als die Kinder ihr Gelöbnis ablegten und alle so fest überzeugt waren, daß sie es halten würden. Er sah nicht ein einziges Mal zum Frauenstuhl hinüber; aber nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid, seiner Schwester, hinüber und flüsterte ihr etwas zu, worauf er sich schnell durch die Menge und hinausdrängte – einige wollten wissen, er sei, statt die Landstraße einzuschlagen, am Bergesabhang entlang in den Wald hinaufgegangen; aber sie waren sich dessen nicht sicher. Sämund suchte nach ihm, gab es aber auf, als er sah, daß auch Ingrid verschwunden war. Er sah sich dann nach den Leuten von Solbakken um; diese liefen über den ganzen Friedhof und fragten nach Synnöve, von der niemand etwas gesehn hatte. Da zogen sie heim – jedes Paar für sich, und ohne ihre Kinder.
Weit voran auf dem Wege aber waren Synnöve und Ingrid. »Ich bereue es fast, daß ich mitgekommen bin,« sagte die erste. – »Es ist jetzt nichts Unrechtes mehr, seit der Vater darum weiß,« entgegnete die andre. – »Aber er ist doch nicht mein Vater,« sagte Synnöve. – »Wer weiß?« erwiderte Ingrid, und dann wurde über die Sache nicht mehr gesprochen. – »Ich glaube, es war hier, wo wir warten sollten,« sagte Ingrid, als der Weg eine große Biegung gemacht hatte und sie in einem dichten Walde standen. – »Er hat einen langen Umweg,« sagte Synnöve. – »Aber er ist schon da!« fiel Thorbjörn ein, der sich hinter einem großen Stein aufrichtete.
Er hatte sich im Kopfe alles zurechtgelegt, was er sagen wollte, und das war nicht wenig. Aber heute sollte es flott damit gehn, denn sein Vater wußte darum und wollte es, dessen glaubte er sicher zu sein nach dem, was vor der Kirche geschehn war. Und dann hatte er sich den ganzen Sommer so schrecklich gesehnt, da mußte es ihm doch jetzt leichter werden, mit ihr zu reden, als es bisher gewesen war. »Es ist am besten, wenn wir den Waldweg einschlagen,« sagte er, »der führt schneller vorwärts.« Die Mädchen sagten nichts, folgten ihm aber. Thorbjörn wollte mit Synnöve reden, meinte aber, es sei besser, zu warten, bis sie den Hügel erklommen hatten, und dann, bis sie an dem Sumpfe vorbei wären; als das alles aber glücklich überstanden war, meinte er, es sei das richtigste, anzufangen, sobald sie etwas weiter in den Wald hineingekommen wären. Ingrid, die offenbar der Ansicht war, daß es reichlich langsam mit ihnen ging, begann ihren Gang zu hemmen und blieb mehr und mehr zurück, bis sie fast nicht mehr zu sehn war. Synnöve tat, als merke sie es nicht, sondern begann hie und da eine Beere zu pflücken, die am Wegesrande stand.
›Es wäre doch merkwürdig, wenn ich nicht mit der Sprache herauskäme,‹ dachte Thorbjörn, und dann begann er: »Es ist doch heute noch schönes Wetter geworden.« – »Ja, das ist es geworden,« antwortete Synnöve. Und dann ging es wieder eine Strecke weiter; sie pflückte Beeren, und er ging neben ihr. – »Es war hübsch von dir, daß du mitkamst,« sagte er; darauf erwiderte sie aber nichts. – »Das ist ein langer Sommer gewesen,« sagte er, aber auch darauf erwiderte sie nichts. – ›Nein, solange wir gehn, kommen wir doch nicht zur Aussprache,‹ dachte Thorbjörn. »Ich glaube, wir tun am besten, wenn wir ein wenig auf Ingrid warten,« sagte er. – »Ja, laß uns das tun,« sagte Synnöve und blieb stehn; hier waren keine Beeren, nach denen sie sich hätte bücken können, das hatte Thorbjörn sehr wohl gesehn; Synnöve aber hatte sich einen langen Grashalm gepflückt und stand nun da und zog die Beeren auf den Halm.
»Heute mußte ich so viel an die Zeit denken, als wir zusammen zum Konfirmationsunterricht gingen,« sagte er. – »Ich mußte auch daran denken,« erwiderte sie. – »Es hat sich vielerlei seitdem ereignet« – und als sie nichts sagte, fuhr er fort: »Das meiste ist aber so gekommen, wie wir es nicht erwartet hatten!« – Synnöve zog ihre Beeren noch immer fleißig auf den Halm und hielt den Kopf bei der Arbeit geneigt; er rückte ein wenig beiseite, um ihr ins Gesicht zu sehn; aber als ob sie seine Absicht bemerkt hätte, wußte sie es so zu machen, daß sie sich nach der andern Seite wenden mußte. Da überkam ihn fast die Angst, daß er nichts herausbringen würde. – »Synnöve, du hast mir doch auch wohl ein wenig zu sagen?« Da sah sie auf und lachte: »Was soll ich sagen?« fragte sie. Da kehrte ihm der Mut zurück, er wollte sie um die Taille fassen, aber als er ganz nahe an sie herangekommen war, wagte er es nicht recht, sondern fragte nur ganz kleinmütig: »Ingrid hat wohl mit dir gesprochen?« – »Ja,« antwortete sie. – »Dann weißt du also etwas,« sagte er. – Sie schwieg. – »Dann weißt du also etwas,« wiederholte er noch einmal und kam ihr noch einen Schritt näher. – »Du weißt wohl auch etwas?« erwiderte sie – das Gesicht konnte er nicht sehn. – »Ja!« sagte er und wollte eine ihrer Hände ergreifen; aber sie war jetzt fleißiger als die ganze Zeit zuvor. – »Es ist so unangenehm,« sagte er, »daß du mir allen Mut raubst.« – Er konnte nicht sehn, ob sie dazu lächelte, und deswegen wußte er nicht, was er weiter sagen sollte. – »Kurz und gut!« rief er plötzlich mit lauter, wenn auch ein wenig unsichrer Stimme, »was hast du mit dem Zettel gemacht?« Sie antwortete nicht, sondern wandte sich ab. Er ging ihr nach, legte die eine Hand auf ihre Schulter und beugte sich über sie. – »Antworte mir!« flüsterte er. – – »Ich habe ihn verbrannt!«
Rasch umfaßte er sie und wandte sie zu sich herum, da aber sah er, daß sie dem Weinen nahe war, und nun verlor er den Mut und ließ sie los. – ›Es ist doch auch schlimm, daß sie immer gleich anfängt zu weinen,‹ dachte er. Als sie noch so dastanden, sagte sie leise: »Weshalb hast du den Zettel geschrieben?« – »Das hat Ingrid dir ja gesagt!« – »Freilich, aber – es war grausam von dir.« – »Der Vater verlangte es –« – »Trotzdem –« – »Er glaubte, daß ich mein Leben lang ein Krüppel bleiben würde; von jetzt an werde ich für dich sorgen, sagte er.«
Ingrid wurde unten am Hügel sichtbar, und nun begannen sie sofort wieder zu gehn. – »Es war mir, als sähe ich dich am deutlichsten vor mir, als ich glaubte, daß ich dich nie mehr bekommen würde,« sagte er. – »Man prüft sich selber, wenn man allein ist,« sagte sie. – »Ja, da fühlt man deutlich, wer die größte Macht über uns hat,« sagte Thorbjörn mit klarer Stimme und schritt ernsthaft neben ihr her.
Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. – »Willst du sie haben?« fragte sie und reichte ihm den Grashalm. – »Danke!« sagte er und hielt die Hand fest, die ihm die Beeren reichte. – »Dann ist es wohl am besten, wenn alles beim alten bleibt,« sagte er mit leise bebender Stimme. – »Ja,« flüsterte sie kaum hörbar und wandte sich ab. Sie gingen weiter, und solange sie schwieg, wagte er nicht, sie zu berühren oder zu sprechen; aber es war ihm, als habe sein Körper alle Schwere verloren, und er war deswegen nahe daran, zu träumen. Es flimmerte ihm vor den Augen, und als sie jetzt an einen Hügel kamen, von wo aus man Solbakken deutlich sehn konnte, war es ihm, als habe er dort sein ganzes Leben lang gewohnt, als sehne er sich jetzt dahin zurück. – ›Ich will sie nur gleich hinüberbegleiten,‹ dachte er und schöpfte Mut aus dem Anblick, den er vor sich hatte, so daß er mit jedem Schritt in seinem Vorsatz fester wurde. – ›Der Vater hilft mir,‹ dachte er; ›ich halte dies nicht länger aus, ich muß hinüber – ich muß!‹ – Und er ging schneller und schneller, sah nur gerade vor sich hin. Das Tal und das Gehöft lagen sonnenüberflutet da. – ›Ja, heute! Nicht eine Stunde länger will ich warten‹ – und er fühlte sich so stark, daß er nicht wußte, wohin er sich wenden sollte.
»Du läufst mir ja ganz fort,« hörte er eine sanfte Stimme hinter sich; es war Synnöve, die ihm kaum folgen konnte und es nun aufgeben mußte. Er wandte sich beschämt um, kam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und dachte: ›Ich will sie hoch über meinen Kopf heben‹; als er aber nahe an sie herangekommen war, tat er es doch nicht. – »Ich gehe so schnell, ich,« sagte er. – »Ja, das tust du,« erwiderte sie.
Sie waren jetzt nahe an der Landstraße; Ingrid, die die ganze Zeit nicht zu sehn gewesen war, ging jetzt dicht hinter ihnen. – »Jetzt solltet ihr nicht länger zusammen gehn,« sagte sie. Thorbjörn zuckte zusammen, es kam ihm zu früh; auch Synnöve wurde es ganz wunderlich zumute. – »Ich hatte noch so viel, was ich dir sagen wollte,« flüsterte Thorbjörn. Sie mußte lächeln. – »Nun ja,« sagte er, »ein andermal.« Er nahm ihre Hand.
Sie sah mit einem klaren, innigen Blick zu ihm auf; es wurde ihm warm dabei, und es fuhr ihm durch den Kopf: Ich gehe sofort mit ihr! Da aber zog sie ihre Hand leise zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid und sagte ihr Lebewohl; dann ging sie langsam bergab, der Landstraße zu. Er blieb zurück.
Die beiden Geschwister gingen durch den Wald heim. »Habt ihr euch denn jetzt ausgesprochen?« fragte Ingrid. – »Nein, der Weg war zu kurz,« sagte er und beschleunigte seinen Schritt, als wolle er nicht mehr davon hören.
»Nun?« fragte Sämund und sah vom Tische auf, als die beiden Geschwister in die Stube traten. Thorbjörn erwiderte nichts, sondern ging zu der Bank auf der andern Seite, offenbar um seinen Rock auszuziehn; Ingrid folgte ihm und lächelte. Sämund fing wieder an zu essen; von Zeit zu Zeit sah er zu Thorbjörn hinüber, der sehr beschäftigt zu sein schien, lächelte und aß weiter. – »Komm und iß,« sagte er; »das Essen wird kalt.« – »Danke, ich will nicht essen,« sagte Thorbjörn und setzte sich. – »So?« – und Sämund aß weiter. Nach einer Weile sagte er: »Ihr hattet es ja heute nach der Kirche sehr eilig!« – »Da war jemand, mit dem wir noch reden wollten,« sagte Thorbjörn und hockte auf die Bank nieder. – »Nun – hast du denn mit ihm gesprochen?« – »Ich weiß nicht recht,« entgegnete Thorbjörn. – »Das ist doch des Teufels,« sagte Sämund und aß weiter. Bald darauf war er fertig und stand auf. Er trat an das Fenster, blieb dort eine Weile stehn und sah hinaus, dann wandte er sich um: »Du, wir wollen hinausgehn und uns nach der Ernte umsehn.« – Thorbjörn erhob sich. – »Nein, zieh nur lieber etwas an.« – Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dasaß, zog eine alte Jacke an, die über ihm an der Wand hing. – »Du siehst doch, daß ich die neue angezogen habe,« sagte Sämund. Thorbjörn tat desgleichen, und sie gingen hinaus, Sämund voran, Thorbjörn hinterdrein.
Sie gingen nach der Landstraße hinab. – »Wollen wir nicht nach der Gerste hingehn?« fragte Thorbjörn. – »Nein, wir wollen zu dem Weizen hinübergehn,« sagte Sämund. Gerade als sie auf die Landstraße einbogen, kam ein Wagen langsam dahergefahren. – »Das ist ein Nordhauger Fuhrwerk,« sagte Sämund. – »Das sind die jungen Leute aus Nordhaug,« versetzte Thorbjörn; die »jungen Leute« bedeutet aber soviel wie die Neuvermählten.
Der Wagen hielt, als er in die Nähe der Granlider gekommen war. – »Wirklich ein stolzes Frauenzimmer, diese Marit Nordhaug!« flüsterte Sämund und konnte den Blick nicht von ihr abwenden; sie saß ein wenig zurückgelehnt im Wagen, hatte ein Tuch lose über den Kopf gebunden und ein zweites um sich. Sie sah die beiden mit starrem Blick an; nichts bewegte sich in ihren reinen, kräftigen Zügen. Der Mann war sehr bleich und mager, er sah noch sanfter aus als sonst, wie jemand, der einen Kummer hat, über den er nicht reden kann. – »Ihr Leute wollt wohl das Korn ansehn?« fragte er. – »Wills glauben,« entgegnete Sämund. – »Es steht gut in diesem Jahr!« – »Ach ja – es hätte schlechter sein können.« – »Ihr kommt spät,« sagte Thorbjörn. – »Da waren so viele Frauenzimmer, von denen ich Abschied nehmen mußte,« sagte der Mann. – »Wie – willst du verreisen?« fragte Sämund. – »Ja, das will ich.« – »Geht die Reise weit?« – »Ach – ja!« – »Wohin willst du denn?« – »Nach Amerika!« – »Nach Amerika!« riefen beide Männer wie aus einem Munde – »ein jungvermählter Mann!« fügte Sämund hinzu. Der Mann lächelte: »Ich denke, ich bleibe der Nahrung wegen hier, sagte der Fuchs, da saß er im Fangeisen fest.« – Marit sah erst ihn und dann die andern an, eine leichte Röte huschte über ihr Antlitz, das aber sonst unverändert blieb. – »Deine Frau reist wohl mit?« fragte Sämund. – »Nein, das tut sie eben nicht.« – »Man sagt, es soll leicht sein, in Amerika zu Reichtum zu gelangen,« sagte Thorbjörn, er hatte das Gefühl, daß die Unterhaltung nicht ins Stocken geraten dürfe. – »Ach – ja,« erwiderte der Mann. – »Aber Nordhaug ist ein schönes Gut,« meinte Sämund. – »Es sind zu viele da,« erwiderte der Mann. Die Frau sah ihn abermals an. – »Der eine steht dem andern im Wege,« fügte er hinzu.
»Nun denn, glückliche Reise!« sagte Sämund und reichte ihm die Hand. »Gott gebe dir das, was du suchst!«
Thorbjörn sah seinem Schulkameraden scharf ins Auge: »Ich muß noch einmal mit dir sprechen,« sagte er. – »Es tut einem gut, wenn man mit jemand sprechen kann,« entgegnete der Mann und kratzte mit der Peitsche auf den Boden des Wagens.
»Komm zu uns herüber,« sagte Marit, und Thorbjörn wie auch Sämund sahn erstaunt auf: sie vergaßen immer, daß Marit eine so sanfte Stimme hatte.
Sie fuhren weiter; es ging langsam vorwärts, eine leichte Staubwolke wirbelte hinter ihnen auf, die Abendsonne fiel voll auf sie herab; gegen seine dunkeln Frieskleider hob sich ihr seidnes Tuch hell ab – dann kam ein Hügel, und sie verschwanden.
Vater und Sohn schritten lange schweigend dahin. – »Es ahnt mir, daß es lange währen wird, ehe er heimkehrt,« sagte Thorbjörn endlich. – »Es ist auch wohl so am besten,« meinte Sämund, »wenn man das Glück nicht im eignen Lande findet« – und dann schritten sie wieder schweigend dahin. – »Du gehst ja an dem Weizenacker vorüber,« sagte Thorbjörn. – »Wir können ihn auf dem Rückwege besehn!« – Und sie gingen weiter. Thorbjörn wollte nicht gern fragen, wohin es gehn sollte, denn jetzt hatten sie die Granlider Feldmark überschritten.