7.

Die Sonne ist schon fort. Ein hochrotes Wolkenband brückt über den Himmel weg. Unter ihm fährt der Abendzug weg. Eine weiße Säule, schräg in den Himmel, über sich ...

Das Kinn an den Hals gedrückt, stand er da. An seinem Leib konnte man die Rippen zählen, durch das dünne Sommergewand.

*

Ich wandere, beschließe ich. Bleibt ihr alle da, wollt ihr nicht mit mir!

Ich habe Mond und Sterne auf meiner Seite, sie gehen mit mir. Das ganze Firmament!

Ich laufe auf dem Schienenweg und probiere die Sterne aus.

*

Die Reise

Ich bin reisefertig.

Corra ging noch einmal hinauf in ihr Zimmer, um die Jacke; die Abende werden jetzt schon kühl. Ich stehe an den Pfosten der Türe zum Vorhaus gelehnt und warte. Und das macht mir Freude, daß ich hier so stehen darf, gelehnt an den Pfosten und warten ...

Und sie lassen mir ihn, den Pfosten, die hier heroben sind und hausen. Menschen voll Güte ...!

Ich stehe an den Pfosten gelehnt und überschaue von da aus die große weite Welt.

Corra kommt. Sie hat ihre Jacke, im Gehen ruft sie dem Küchenmädchen zu, ob sie die Levkojen hineingenommen habe. Marie?

... Ja, tönt es zurück.

Levkojen? frage ich.

Ja, sagt sie und lächelt. Und so kommt es, daß meine Augen noch einmal über das Haus gleiten müssen ... Und heimlich verabschiede ich mich von den großen, weißgetünchten Schornsteinen und von dem Himmel, der gleich hinter dem Dachfirst anfängt. Die paar Wölkchen, die ganz rot dahergesegelt kommen, inbegriffen. Und dann vom Dache extra. Das hat seine helle, ziegelrote Farbe schon ein wenig eingebüßt.

— Liebe Corra, laß mich deine Jacke tragen.

— Nein, ich habe meine neue Jacke mitgenommen, du verdrückst sie mir.

Und ich lasse ab, von diesem meinem Wunsche und denke bei mir: Corra hat eine neue Jacke mitgenommen und im Geiste lege ich den Finger auf die Stirne: Die neue Jacke ...

Jetzt vergesse ich, mich noch einmal umzusehen! Nach dem Pfosten der Türe zum Vorhaus zu schauen ... Und die weißgetünchten Schornsteine? Aber alles ist schon untergetaucht und verschwunden ... Ja und das mit der Jacke war unser ganzes Gespräch. Corra geht zwei Schritte weit neben mir, dann drei ... Und jetzt geht sie gar lächerlich nahe neben mir ... Corra?

Ich werde grob und sage zu mir: Halts Maul! Und jetzt erinnere ich mich, daß sie tralala machte.

Wer nun war daran schuld, wie ich, daß sie nun wieder weit von mir in der Herbstsaat herumstieg!

Eine ganze Straßenbreite weg stiefelt (...) sie in der Ackererde.

Corra kommt zu mir herüber, legt ihren Arm auf den meinen, schaut mir ins Gesicht (...) und sagt: du, du kannst meine Jacke tragen ...

... Und sie gibt ihre Jacke ...

Die neue Jacke ...

Und sie tut das ganz offen, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Meine Arme waren lahm ... Meine Füße gingen mechanisch. Corra hängt sich sogar in mich ein.

Und sie gehen fort, eine geschlagene Stunde, miteinander ... Und, du, du kannst meine Jacke tragen, bleibt unser ganzes Gespräch ...

*

Istrianische Kalklandschaft

Aus roter Erde,

Sparsam windgestreut in Kalkfelsenspalten,

Hängen Büsche Salzkristalle.

Und in dunkle Meeresfalten

Rollen Steine.

Weit,

Ein einzig Fleckchen Erde,

Gott behielt es sich zu seinem Acker.

Sonst alles tot und leer ...

Wär nicht ein flüchtig Rad

Zweier Delphine,

Enteilt es übers Meer,

Stille stünd’ die Zeit ...

*

Wien, 30. September 19..

Plötzlich waren Sie wieder da, bei Vater, Mutter und Schwester.

Ein Wagen stand vor dem Tor, unter der Laterne.

Den Wagenschlag öffnet eine Frau, im Tor hat sie gewartet und lange dagestanden und die Straße hinauf und hinunter geblickt, ein weißes Taschentuch an den Mund gedrückt.

Jetzt war der Wagen da und sie eilt zum Wagenschlag und öffnet ihn.

Und da ist es eine junge Dame im Reisekleid, die aus dem Wagen steigt, langsam und bleich. Ihre Hände in grauen Handschuhen ringen sich um den Hals der Frau und so bleiben sie, Mutter und Tochter ...

Zugleich schlägt oben in den Stockwerken ein Fenster zu und ein Schrei, der, an den geschlossenen Fenstern der stillen Gasse noch fortflatternd, sich zerstört ... Und die den Schrei tat, ein junges Mädchen, Leonarda, die Schwester der Dame im Reisekleid, kommt aus dem dunklen Tor hervor, sie weint laut, stürmisch faßt sie die Angekommene unter dem Arm, die Schwester, die noch immer und wortlos an dem Hals der leise schluchzenden Mutter hängt.

Der Kutscher schaut vom Kutschbock herab auf die drei; eine Gruppe vor einem dunklen Tor in stiller abgelegener Gasse, bei dem gelben Schein einer Laterne, verweilen drei Frauen, leise schluchzend die eine, während das junge Mädchen seinen Gefühlen freien Lauf läßt, laut weint, zu allen Fenstern hinauf, in der stillen Gassennacht ...

Und das Gesicht der Dritten liegt bleich, auf dem Hals der Mutter, ohne Träne, unbeweglich, mit zugefallenen Lidern wie ein Marmorgesicht ...

Und dann in dem dunklen Hausflur, sehe ich, wie sie nun langsam den Fuß vom Boden abhebt und vor den andern setzt.

Das Marmorgesicht liegt auf der linken Achsel der Mutter und an derselben Seite geht Leonarda mit kleinen Schritten und stützt mit beiden Händen die Schwester.

Und ich habe sie erkannt, Frau Farweller ...

Und Ade sagten Sie, Frau Farweller, und blickten zur Erde hinab, flogen auf mit zwei Flüglein ins Himmelreich ... Angemeldet, abgemeldet ...

Und da stand ich, bei dem Tor, drehte mich, stieg vor dem Tor auf dem Trottoir herum, und ging an der Häuserreihe, an den Wänden, wieder zurück ...

Und da fällt es mir ein, wie ich diesen Weg auch oft mit Ihnen gegangen bin, als Sie noch Schulmädchen waren, damals.

In respektierter Entfernung natürlich.

So sagen wir eine Straßenbreite, bis zu Ihrem Hause. ... Sie sprachen noch eine Weile mit der Freundin, einem Vize-Adelinenwesen. Es war ein heißer, weißer Sommer, der die Menschen matt macht, und Blässe lag auch auf Ihrem und Ihrer Freundin Gesicht. Dann gebt Ihr Euch die Hand ... Sie gehen durch den Hausflur und bei der Stiege bleiben Sie stehen, Ihre Füße kommen gerade da zusammen und so bleiben Sie stehen ...

Mit der linken Hand halten Sie die Schultasche und die rechte ist darauf gelegt ...

Ihre Gestalt sehe ich im Profil ... Ein weißes Alltagssommerkleid sagten Sie ... Und Ihr Kopf wendet sich mir zu und nickt. Und ganz allein mir galt es ...

Pronti!

Ich gehe augenblicklich über Felder, springe über Gräben. Einen großen tiefen Graben habe ich auch zu überschreiten gehabt. Ein incredibile langes Brett! Es stammte gewiß aus Nordamerika, eine Conifere!? Brett aus den Felsen-Waldbergen, Grizzlys Heimat ...!

Friedliche Tiere habe ich aufgescheucht, aus ihrem Schlaf, aber es war nicht Absicht, junge Frau, Sternennacht ...

Warum weine ich?

*

Oh Cinema ...

(Kein Auge blieb trocken). —

Da kommt sie, das Unglückswesen, sagt eine weibliche Stimme hinter mir.

Und wirklich! Immer bist du es, die ich heute zum drittenmal sehe, Hermia, dieselbe.

Jedesmal behielt ich dieses Bild im Herzen:

Das Bukett Rosen mit dem Brieflein: Graf ... In den Handschuhmacherladen hinein ...

Nein, der „Graf“ war dir nichts. Nur ihn, ihn küßtest du, als du seinen Brief küßtest, und die Rosen küßtest und an Mund und Augen und Wange drücktest ... Hermia ..., daheim, in deiner Kammer ...

Eines Abends, nach Geschäftsschluß: ob ein Wiedersehen möglich wäre ...? Nein, nein, nein, Hermia schüttelt den Kopf, und wie sie die Rosen lieb anblickt. (Nein, gewiß, nimmer würde sie von euch ihre Hand lassen ...)

Dann, hinter dem Haustor blickt sie noch durch das Torfensterchen und macht mit der Hand Pa...

Und oben in deinem Kämmerlein, Hermia:

Gleich Wasser, für die Blumen, o, wenn man all den Duft mit einemmal einsaugen könnte ...!

Arme Hermia, dann war es wohl die erste im Reigen der unruhigen Nächte ...

Nächsten Tages. —

... Welche Freude es für ihn wäre, sie Sonntag nachmittag am Jägerweg erwarten zu dürfen, zu einer Automobilfahrt! —

„Vielleicht um vier Uhr, wenn es Ihnen recht ist?“

Graf Udo Ferdinand N. —

Ein weißer Mädchenschirm, der im Wegsand stochert; Wind, alter Lebemann, vermag nicht abzulassen von eines jungen Mädchens weißem Kleide!

Weiß, der Sommer prallt daran ab.

Das Automobil schwankt heran.

Hermia kehrt dem plötzlich den Rücken und geht drei Schritte:

Nein, es kann nicht wahr sein, nicht wahr sein! Hermia, es ist das Glück ... Es lächelt dich an ...

So denkt Hermia, und neigt den Kopf, denn sie sieht da die Steinchen im Wegsand nicht mehr. Feuchte Augen trüben den Blick ...

Eine Stunde später: Die Bank am Waldespfade ... Beide setzen sich ...

Einstweilen nimmt er das Blatt weg, das auf ihr Knie gefallen war ...

Auf das himmlische Knie unter dem weißen Kleide ...

Horch, was ist das? —

Nichts, Waldesrauschen. —

Das Automobil wartet. Auf der breiten Straße mit den Kilometersteinen. Der Chauffeur trinkt sein Bier und liest die Zeitung: Die parlamentarische Kommission der konservativen Rechten ...

Er legt die Hand um ihre Taille. Sie erbebt, erhebt sich, wächst empor, und wie die Lilie im Zauberwald ..., streift langsam seine Hand ab ... behält ... sie ... in ihrer Hand ...

Vielleicht strömt ihr bisheriges, stilles Leben an ihr vorbei?

Vielleicht eine Szene hinter dem Ladentisch? Wie sie gerade mit der Schere ein widerspenstiges Haarlöckchen abschnitt, sorgenfrei ...

Sie wendet langsam ihr Gesicht ihm zu: die Augen blicken ernst, der Mund ist halb offen.

Er sieht ihre eingefallenen Wangen und wie die Brust atmet. Und Hermiens Augen werden groß und matt, wie es die Sonne jetzt tut im Westen.

Hermia steht auf dem Felsgrat. Und in blauen Tiefen sieht sie die Sphären schwingen. Wird Hermia schwindelfrei sein, und die Tiefe unter ihr nicht ihren weißen Nacken lähmen?

Wird sie es vermögen, den blauen Tiefen noch rechtzeitig ihr nicht weniger tiefes Blauauge zu entreißen, hinter sich zu blicken und einem schwachen Mädchenfuß alte Kraft und Sicherheit wiedergewinnen zu lassen, froh und befreit niederzuwandern zwischen Bergblumen?

Siehe, aber sie vermochte es nicht, Hermia, als sie hinaustrat auf den Felsgrat ihres Lebens. —

Hermia hatte nicht gelernt auf Felsgraten zu tanzen.

Die schwingenden Sphären nahmen sie an sich, komm zu uns, komm zu uns, riefen sie und Hermia fühlt, wie sie aufgehoben wird, abgehoben von dem Fels unter ihren Füßen, und hinabgleitet: — Sie fällt ihm um den Hals, Hermia, Graf Udo Ferdinand N., und birgt ihr Gesicht an seiner starken Brust.

Sein ist Hermia und die Seele blickt auf ...

Harmonium solo.

Und dann wird es das alte Lied: Hermia liegt zu Bett. Das hat an Kopf und Fußende ein kaltes, eisernes Gestänge. Und da sind noch viele Betten, und eines sieht dem anderen ähnlich auf ein Haar ... Neben dem großen Bett steht ein kleines Bettchen. Es ist nicht die Himmelswiege, es ist das große Bett aber en miniature.

Darin bewegt sich das Würmchen ...

Hermia aber liegt stumm, dann und wann tun sich die großen Augen auf und schauen die Zimmerdecke an ...

Neben Hermiens Bette sitzt die alte Wärterin, sie stickt.

Sie hat zeitlebens nur Anna geheißen und Kranke gepflegt, an Peppo gewürgt, und Peppo ist es in den Geschichtchen der Hermien, die hier im Spitale liegen und mit großen Augen der Wöchnerin zur leeren weißen Saaldecke schauen, nach den Bildern ihrer Erinnerung.

Und jetzt war Peppo sogar Graf, Graf Udo Ferdinand N., erzählt Hermia ...

Vielleicht könnte sie sich ein wenig im Bette aufsetzen? Anna ist ihr behilflich.

Nein, sie kann es nicht, Hermia, sie ist noch zu schwach und sie sinkt wieder zurück.

Die schönen schmalen Hände liegen wieder neben dem Körper, bleich auf der Decke ...

In den ersten Nachmittagstunden, das Krankenzimmer liegt an der Sonne. Ein Sperling singt auf dem Fenstersims Frühlingslieder. Hoch oben unter der Saaldecke ist das Fenster, und es ist offen. Unter ihm schläft das Kleine in seinem Bettchen. Es hat sich mit den Ärmchen müde gespielt.

Hermia erzählt. Sie erzählte so gern ...

Sie wünscht, daß Anna ihr das Etui mit dem Medaillon herüberreiche. Anna tut es und mit einem mitleidsvollen Blick (der von Hermia nicht gesehen werden darf). —

Hermia nimmt das Medaillon heraus. Wie sind die Hände so langsam und die Finger spitz ...!

Sie schaut das Medaillon an und ihr Hals macht dabei unter dem Kinn eine Falte. Er muß den Kopf ein wenig heben, der Hals, daß die großen Augen das Medaillon sehen können und da macht er die Falte. Können denn die Hände das Medaillon nicht höher halten? Nein, sie sind zu schwach.

Hermia legt das Medaillon in das Etui, gibt dieses der Anna zurück ... Sie möge es zu dem kleinen Ferdinand neben ihr ins Bettchen legen.

Will sie sich denn schon vorbereiten zum Sterben?

Ja, abends war sie tot. —

Sie starb an Schwäche. Ganz still, niemand hörte es ...

... Die Ärzte breiteten ein weißes Leintuch über sie.

Als der junge Graf endlich (zu spät!) auftauchte, geschah es, daß er sich über das sanfte Bild warf, das das weiße Leintuch behütete, und nur noch dieser heutige Tag seine Zeit lang von jener frühen Morgenstunde trennte, da das Zügenglöckchen ertönt — (Harmonium solo). Er weint. — Die Ärzte lassen ihn allein, und geben auch der Wärterin Anna einen Wink.

Darin küßt er das Händchen des kleinen Ferdinand. (Nach ihm so benannt ...)

Die achtzehnjährige Ninette hatte sich den kleinen Ferdinand, süß schlummert er, auf den Arm genommen. Neben ihm stand sie, dem großen Ferdinand, und da küßte der große Ferdinand das Händchen des kleinen Ferdinand. —

Sie, Ninette, herzte ihn noch eine Weile und legte ihn wieder in sein Bettchen zurück, das kein Himmelbett war. Dann bekam er eine andere Mutter ...

*

Waldelfe

„Oft wandelt die Liebe in Haß sich! —“

Doch wenn ich dich Blümchen anseh,

Nun schon vergilbt, kein Duft mehr

An dir, zwischen zwei weißen Blättern:

Kannst ärger du wüten, o Schmerz,

So wüte!

Nicht scheint mir begreiflich dein Spruch ...

Werther schlug die Zeit tot.

Plötzlich ging er ein Stück Weges zurück und kehrte wieder um ...

Der Wegsand war feucht vom Regen in letzter Nacht.

Einer lauen Sprühregennacht, die Schuhe drücken sich leicht im Sande ab.

Er ging und sah auf den Boden, die Hand plötzlich an der Wange ... Da war es das zweite Mal, daß er zurückging.

Die Sonne war im Untergehen und ihr ganzes Dekorationsinventar stellte sie zwischen den Bäumen auf, und zwischen den Bäumen wandelt plötzlich jemand daher.

Luise ...

Sie hatte wieder ihr neues Kleid an. Und so schön war sie, als er sie so ruhig dahergehen sah, mutterseelenallein.

Hinter ihr ging die Sonne unter ...

Ach, er blieb stehen und hielt den Atem ein. Wenn sie ihn nur noch eine kleine Minute lang nicht bemerkte! Und er blickte zum Himmel, daß ihm die Bitte erfüllt werde ...

In der Hand hatte sie eine einzige, kleine Blume, die mit der Hand hin und her, langsam durch die Luft strich. Luise neigte den Kopf ein wenig zur Seite, und wie gewöhnlich, blickte sie auf den Boden hin.

Sie sang leise ...

Da stehen sie sich gegenüber. Sie atmet schnell, kneift den Mund zusammen und heißrot steigt es in ihr Gesicht, und das ist nicht Luisens Farbe, und über der linken Braue steht eine kleine Falte.

Einige Minuten vorher konnte sie ein Lied singen ...

„Fräulein Luise, es war nicht Absicht“, er spricht’s in den Wald hinein.

Lodernde Fackeln stehen auf im Umkreise und das Feuer rauscht und knistert, und gelbe Flammen gehen nieder und erlöschend im Gleitflug vor Luisens Füßen.

Herbstwald ...

Sie sagt nichts; der Wald rauscht. Sie hält das Gesicht zur Seite gewendet und blickt weg. Das Weiße in ihren Augen glänzt.

Jetzt war sie wieder wie damals im Hamerlingpark, um sechs Uhr abends.

Als er das erste Gespräch mit ihr hatte ...

Sie legt die Finger ineinander und läßt sie so auf dem Schoße ruhn.

Nach einer Weile sagt er: „Fräulein Luise, so allein sollte ein junges Mädchen nicht gehen, im Wald, in der Nähe einer so großen Stadt!“

Sie blickte ihn an, aber sah wieder weg:

„Sie haben ja einmal gesagt, alle Mädchen sind Ihnen gleichgültig.“

Sie schaut auf einen Punkt und drückt die Lider zusammen, und die Kurzsichtigkeitsfältchen sind wieder da. Sie ging. Langsam setzt sie einen Fuß vor den andern ... Er ging unschlüssig ihr nach, da sah er die Spur, die zurückblieb, wenn sie den Fuß vom Boden abhob.

Er stand bei ihr, er zitterte; „Luise!“ er wendet das Gesicht ab. Es brandet über den Wipfeln und saust fort.

Werther: Augen schließen und Niagara übers Herz ... Ein leidvolles Lächeln.

Ach, wie er sich hielt mit fester Hand. An seinem Mundwinkel zog es. „Ich weiß nicht, was Ihnen so schwer fällt“, plötzlich sagte sie es, mezzavoce; sie steht wieder, ihre Fingerspitzen berühren seinen Arm und sie blickt ihn an ...

Welcher blinde Zufall wollte da unbedingt, daß er ausgeliefert werde?!

Und sollte sein selbstloser Plan nicht in Erfüllung gehen, nein? Er war doch hierher gekommen, um zu leiden, still, ohne einen Laut ...

Da kam sie daher und drohte mit einer Frage, ihm alles zu vernichten.

„Darf ich mit Ihnen gehen?“ fragt er plötzlich ganz ruhig. Es sah wirklich so aus.

„Ja, aber weil sie mir schon bange gemacht haben.“

Über der linken Braue stand wieder die kleine Falte. Sie war wieder hart. Luise war wieder hart.

Er ging mit.

Nein, er konnte es nicht begreifen, sie war es, die er hier traf? Und sie hatte sich jetzt gerade unter seinen Schutz gestellt.

Er sah dies Bild: Die Hände vor der Brust, blickt sie ängstlich zurück, während er dicht vor ihr stand und bei ihr ..., seine Hände über sie hielt und sie schützte ...

Ach, wie gern würde er Qualen erdulden!

Da, mich, seid einmal gütig in eurem Leben, würde er ausrufen. Nach peinvollen Minuten: Meine Wunden lassen mich noch eine halbe Stunde am Leben?

„Ja, eine knappe halbe Stunde“, sagen sie darauf.

So ist es gut, antwortet er.

Und zu Luise gewendet: Jetzt kann ich dich noch begleiten, und er lächelt glücklich. Bei der Tür zu dir erst werde ich stürzen, aber ich kann dann noch nachblicken, du ... Und da wendet er sich noch einmal zu jenen Männern und winkt ihnen mit der Hand: Ich bin Euch dankbar, gut waret Ihr, ich bin Euch dankbar ...

Da merkte er plötzlich, daß sie ihn die ganze Zeit von der Seite ansieht. Und da er sich zu ihr wendet und dies sieht, sagt sie: „Sie sehen leidend aus, waren Sie krank?“

Da wird in ihm all sein Leid wieder wach, lebhafter denn je, eine Garbe von weichen Gefühlen drängt es nach außen; da preßt er sie an sich, seine Hand zuckt, so wild reißt er sie an sich. Der linke Arm schlingt sich um ihren Kopf und die Hand drückt auf die Stirne; ganz sinnlos ist er und merkt nicht, daß er ihr mit dem Finger am Auge weh tut. Er bedeckt sie mit heißen Küssen, Mund, Wange, und benetzt sie mit Tränen ...

Dann läßt er sie los, wendet sich ab, und bedeckt sein Gesicht mit der Hand. Sie steht da, und in ihrer Ratlosigkeit streicht sie sich mit den Fingern über das Gesicht. Da eilt sie zu ihm hin, legt die rechte Hand auf seine Brust und die Linke zieht die seine vom Gesicht weg ...

„Wein’ nicht“, sagt sie. — — — — — — — —

Solchen Phantasien gab er sich hin, die seine Landregenstimmung vollends herunterbrachten. Das Rosa der durchschimmernden Augenlider war das Letzte, was ihm von dieser Welt im Bewußtsein zurückblieb, bis auch das weg war; sein Kopf sank matt zurück, er verfiel in traumlosen Schlaf.

Da lag er hinter dem Busch, hingefallen wie ein Selbstmörder.

Er lag so mehrere Stunden ...

*

Abend

Bauplätze, allerhand Graswuchs, um Tümpel im Lehmboden.

Eine Allee, ein Geländer lief mit, flog es in die Ferne wie telegraphiert, auf, ab, auf, ab, längs abschüssiger Wiesengründe.

Ein kleiner Hügel, der aus dem Tal herauf will, klammert sich an die Straße. Aber das kostet ihm den Kopf, auf seinem Rumpf stellt Stadtrat Sch.s Antrag Bänke auf: und alte Alleebäume müssen die Eindringlinge respektieren, und sie tun es mit einer in langem Leben erworbenen Gelassenheit, vollführen hinter den Bänken einen Halbkreis und gehen weiter, schweigend, einen schnurgeraden Trott.

Und hinter Hügel und Geländer der Brand von Rom!

Die Uhr ist sieben.

Zwei Männer stehen da, dem einen hängt die Pfeife aus tabakschwarzen Zähnen, der andere hält die Hände hinter dem Kopf verschränkt und gähnt, auf der Straße wird es finster.

Nach einer Weile sind die Bäume schwarz, das Geländer schwarz und die Grasspitzen Silhouetten, die in den Himmel stechen.

Ein Paar lustwandelt.

Er hat seinen Arm um ihre Taille geschlungen, so gehen sie und haben keine Eile.

Vielleicht lese ich in einigen Tagen in der N. F. P.: „Die Anna H. kam täglich in den Laden, wo Kropetz bedienstet war, um das Fleisch für den Mittagstisch ihrer Dienstherrschaft zu holen. Die jungen Leute fanden Gefallen aneinander und bald entwickelte sich zwischen ihnen ein Liebesverhältnis. Dies sollte aber bald getrübt werden.

Eines Tages mietete sich Johann W., der aus Mähren zugereist kam, im Nachbarhause der H. ein. Das Dienstmädchen erkannte in ihm einen Bekannten aus ihrem Heimatdorfe und sprach nun öfter mit diesem. Auch ließ sie sich von ihm zu einer Sonntagsunterhaltung führen, da sie ja Schulkameraden seien, wie er sagte. Kropetz stellte die H. tags darauf zur Rede. Sie erklärte ihm den Sachverhalt und sagte noch: „Dir bleib ich ja doch treu, wenn ich auch einmal mit ihm geh ...“ Kropetz glaubte seiner Geliebten.

Doch es war nur Schein. Als ...“

Heut Nacht regnet es, sagt sie. Ihre Stimme ist seltsam bewegt ...

Er blickt sie an mit seinen Rehaugen.

„Georg ...“ sagt sie ...

Der Polizist steht plötzlich wieder da, er hat den Helm in der Hand und wischt ihn mit dem Taschentuch trocken; es war tagsüber sehr heiß.

Es ist der, der vor Gericht dann aussagt: Die zwei wären ihm gleich nicht ganz richtig vorgekommen ...

Dann gerate ich auf einen Pfad. Der hat auch sein Geländer, das sich in die Baugründe hineinekelt, es aber bald aufgibt, wie es einsieht, daß es hier nichts mehr zu schützen gibt ...

*