Der Mond, ein Wachtposten!
B. Kokoschka.
Ach, ich seh dich gu-ten Mond schon wie-der
wan-dern! Mein Freund, war-um so bleich?
Sahst du mit ei-nem an-dern die Ge-
lieb-te?
Reich von dei-nen Wan-gen ihr
ei-nen Strahl ... Und sag’:
Sieh, wie mei-ne Wan-gen sind die
sei-nen fahl ...
Wiedererwacht aus einem Halbschlaf, der drei, vier Stunden gedauert hat, sieht er, wie sich graues Morgenlicht auf den Fußboden hinabräkelt, und er hört die treue Amsel singen ...
Fort fliegt sie; führt er die Hand an die Stirn, läßt sie daran herunter und über die Wange gleiten, und die Augen schlagen auf.
Sie blicken auf den weißen Polster unter der Wange, feucht noch von Tränen im Schlaf. — — — — — —
Hat es nur einmal mit diesem elenden Regen sein Ende, ging er auf und ab im Zimmer.
Am Fenster stehend sieht er nach des Kaufmanns Markus Vieldbich altem Haus, es bekommt einen neuen Anstrich. Meergrüner Lack.
Gestern war erst das oberste Drittel meergrün. Heute standen die Anstreicher bereits auf dem Pflaster. Die Arbeit ging unaufhaltsam von statten. Das Gerüste wirkte wie übereinandergestellte Dächer und der Regen konnte die Arbeit nicht behindern.
Er wandte sich vom Fenster weg, da erschreckt er im Spiegel: Die Augen lagen tief in den Höhlen und die Lider waren grau. Und jetzt merkte er erst, daß es ihm zur Gewohnheit geworden war, sie nicht ganz offen zu halten, sah er genau hin, waren tausend Fältchen da. Auch war das Gesicht nicht ganz rein.
Ja, mit ihm war es abwärts gegangen. Er war wie ein winziges Insekt, das an dem heißen Lampenzylinder herabfällt.
Luise? Nein. Seitdem sie von ihm gesagt hatte, mangelnde Galanterie seinerseits hätte sie beide auseinandergebracht, schien sie ihm ein gewöhnliches Wesen. Sie hieß auch gar nicht Luise, wie die Gattin Napoleons, und Mutter des Königs von Rom. Sie hieß Aloisia, nach dem braven Großvater, und spielte falsch auf dem Klavier.
Was war es dann, das ihn nicht ruhen, ihn mit zuckenden Nasenflügeln in tollste Lustigkeit ausarten und plötzlich wieder in heller Verzweiflung in einen Stuhl zusammenbrechen ließ?
Abends bei der Lampe, und dem trauten Gespräch im Familienkreis, ihm Sehnsucht die Brust durchgreift und er aufspringt mit dem heißen Wunsch: Ach! Laßt mich eine Gewalttat verüben!
*
Der Abschied vom neunzehnten Lebensjahr
22. November 19..
Ich richte mich im Bette auf, und denke: 22. November ...!
Ein zu Tode ermatteter Luftzug streicht zum Fenster herein! Neben meinem Bette, wo zwei Asternstöcke stehen. ... „Weißaster und Astern in anderen Farben, ihr seid Totenblumen, und euer ist der einsame Friedhofgarten!
Euer Hauch ist der der Grüfte, und das Licht der Sonne liebt ihr, kommt es, getrübt, durch ein Kapellenfensterchen ...
Wohlan!“
*
Kärntnerstraße
Lichtreklamebilder, Passanten, Lungerer.
Laternenträger: Maxim, Süßes Mädel, Moulin rouge, Bajadere, Maison de danse, Fledermaus ...
Schöne Frauen, mit ihren in kostbare Pelze gezwängten Dickbauchmännern, Freunden, Freundinnen ...
„Auto bitte.“
Winternacht ...
Mizzi, Antschi, Viki, Lu-Lukretia ...
Lukretia wandte plötzlich den Kopf nach mir. „Bubi ...“, sagte sie.
Eine Goldplombe hatte sie im linken Mundwinkel.
*
Lukretia
Bei des Himmels Morgenkerzen
Hüll’ ich mich in meine Decken,
Von dem vielen Drücken, Herzen
Kann ich kaum die Glieder recken.
Wie der Wind am Sparren zieht
Pfeift zu der Arbeit sich ein Lied.
Ich bin so matt ...
Vorüber geht die Nacht,
Und schlafen will ich jetzt
Eh’ noch erwacht
Das Geheul der Stadt!
*
„Die Küche wollen Sie auch sehen“, lächelte sie. Vier Uhr, Winternachmittag.
„Also dann kommen Sie, Wettl ist nicht da, wir können also ruhig eindringen in ihr Reich.“
Sie wendet den Kopf zurück und lacht.
Durch ein dämmeriges, kleines Zimmer: „das gehört Wettl.“ Sie drückt eine weiße Tür auf und bleibt an ihr stehen: „Das ist die Küche.“
Weiß in Weiß, ach, wer da ein Fisch sein könnte!
Unter diesem bis ins Gelbweiß gewaschenen Beil, welche Wonne zu sterben ...! Oder der Hase, dessen Herzblut hier abrinnen durfte ...
„Kochen Sie auch hie und da, Fanny?“
(Stefanie! Stefanie!) Ich durfte „Fanny“ sagen ...
„Selten, für meinen Mann des Abends, dann und wann, eine Kleinigkeit. Wenn Wettl sich fortbettelt.“
Sie spielt mit den Fingern hinter dem Rücken an der Tür und lächelt.
Ach, der es sein durfte, für den diese Hand mit dem Kochlöffel in der Pfanne umrührt!
„Bitte, Fanny, nehmen sie da diesen Löffel. Diese Pfanne stelle ich auf den Rechaud.“
Sie lachte und steht bei dem Rechaud, plötzlich sagt sie: „Ich hab eine Idee.“
Sie nimmt meinen Kopf in beide Hände: „Ich hab eine Idee!“
Sie dreht den Gashahn auf. Ich muß mich setzen. Da setz dich, sagte sie ...
Sie machte die Kredenztüre auf.
Butter, Honig und Milchbrot.
Sie kocht Kaffee ...
Fanny kocht für mich und sich Kaffee ... Ich darf hier schon „mich“ zuerst sagen; Fanny und ich wissen ja den Grund: Poesie, Poesie ...
In der Küche Weiß in Weiß.
Und sie trinken dann beide den Kaffee ...
*
Der Seufzer
Wind, Waldraser, Wasserschlinger, Abstürzler, Hochtourist,
Und was du noch alles bist,
Möchtest sein; — —
Plagst dich viel,
Ich spann einen Seufzer dir vor
Und rascher bist du am Ziel!
*
An meine Mutter
Mein Herz schlägt warm,
Von deinem Blute,
Mutter, hast du zu viel mir drein getan
Von deines Herzens Gute?
Ich fühl’s voll der Unmäßigkeit!
In deine lieb verschlungenen Hände
Möcht ich’s legen heut
Und sagen:
Es gellt
Ins Ohr die Welt
Mir, sieh, ich kann nicht leben!
Und möcht mein Leben, leise, daß du’s nicht merkst
Zurück dir geben ...
*
Heute geh ich an dem Laden des Herrn Markus Vieldbich vorbei.
Ein Plakat hing an seinem Ladentisch herunter, das habe ich im Vorbeigehen gesehen. Und ich konnte es dort entdecken, weil ich langsam vorbei ging.
Und als ich zum viertenmal vorbeigehe, steht Herr Markus Vieldbich in der Ladentüre. Da machte ich eine kleine Schwenkung, geradewegs in den Laden hinein. Herr Markus trat höflich zurück. Und ich kaufe.
Ja, einmal schickte meine Mutter Mandeln und Rosinen weg in eine andere Stadt. Es war eine ganze, kleine Kiste. Aber noch andere süße Sachen waren darin, insgesamt war alles an ein arges Leckermaul.
Eine Schnur brauchte sie, Nägel und Siegellack, sie meine liebe Mutter.
Also ich kaufe Mandeln, Rosinen, eine Schnur, Nägel und Siegellack.
„Bitte, ach, nehmen Sie doch dieses Plakat zum einpacken: ‚Marke Odalisk‘ ist die beste. Zu haben in allen Wein- und Mineralwasserhandlungen.“
Und er packt mit Odalisk Mandeln und Rosinen. Ach, keinen Grund hatte ich, bange zu sein!
Jetzt wird bezahlt.
Herr Markus macht eine Reihe Zahlen vom oberen Rand des Papiers bis zum unteren; dann fährt sein Bleistift vom unteren Rand mit immenser Schnelligkeit zweimal nach dem oberen, ein Strich, fertig, Punkt.
„Bitte sehr, bitte schön.“
Ich lege das Geld auf den Tisch. Ob es seine Richtigkeit habe?
Herr Markus streicht mit der Hand darüber hinweg.
„Stimmt, haargenau.“
„Das Papier, mit dem Sie mein Paket gemacht haben?“ O, das koste nichts. Das wäre ihm noch schöner. —
In der Finsternis habe ich das Plakat geglättet.
An der Wand taste ich nach einem Nagel.
Jetzt werden die Fenster geschlossen; Gardine herunter!
Ist auch die Tür abgesperrt? Ja. —
(Mein Herz ... Mein Herz ...!)
Licht!!!
„Marke Odalisk ist ...“ Ich suche nach einen geeigneten An- Anredewort.
„Od... Odalisk ... hiemit mache ich Sie zur Königin in meinem Reich!“
Erschöpft sinke ich auf einen Stuhl.
Ja, sie hat die schönsten Augen der Welt ...!
*
Ende