Das Kilimandscharo-Gebiet.
Allgemeine Gestaltung und Flußsystem.
Das Kilimandscharo-Gebirge bildet mit den unmittelbar vorliegenden Landschaften ein abgeschlossenes geographisches Gebiet, im Süden begrenzt von den Sogonoi- und Ugono-Bergen und der Steinebene des Pangani-Thales (südlich von Klein-Aruscha), im Westen und Norden von dem allmählich in Steppe übergehenden Weideland der Masai und im Osten von der wasserlosen Wüste jenseit des Lumi.
Das ganze Gebiet ist demnach eine Oase, 250 km vom Meere entfernt, ungefähr 100 km lang in nord-südlicher, 80 km breit in west-östlicher Richtung.
Die Fläche, aus der das Gebirge sich erhebt, ist eine von Norden nach Süden, von 1180 m auf 730 m sich senkende und von West nach Ost, von 1000 m auf 716 m geneigte Hochebene.
Das Massiv des Gebirgsstockes ist noch ungenügend erforscht, an der Süd- und Ostseite einigermaßen, im Westen und Norden gar nicht. Wir besitzen deshalb nur eine lückenhafte Kenntniß von der Orographie desselben. Für die charakteristische Allgemeingestaltung stehen aber folgende Thatsachen fest. Ein über 5 km breites Plateau (4800 m über dem Meere), auf welchem die zwei höchsten, schneebedeckten Gipfel ruhen, theilt gleich einer gigantischen Mauer mit zwei Eckthürmen das Gebirge in eine größere südliche Hälfte, die in Terrassen von zunehmender Breite langsam sich abstuft, und in eine kürzere nördliche, welche, nicht durch Vorberge gegliedert, in einem Zuge nach abwärts strebt. Einschneidende Thäler, ausgenommen an der Südseite und an deren nach Norden gerichteten Ecken, führen nicht in das Innere.
Die Feuchtigkeitsmengen, welche die tropische Sonne den östlichen und nordöstlichen Luftströmungen entzieht und als Schleier von Wolken, Schnee und Regen auf die höchsten Erhebungen herabfallen läßt, fließen zum weitaus größten Theil an der Südseite herab; im Nordosten liefern sie die Quellbäche für den Tsavo, der mit dem Adi vereint als Sabaki bei Malindi in den Indischen Ocean sich ergießt; im Westen nähren sie allein den kleinen und eiskalten Bach Ngare N’Erobi.
Der Kilimandscharo schließt die beiden Reihen vulkanischer Erhebungen ab, welche vom Baringo-See nach Süden sich erstrecken und die große Masai-Ebene umgeben. Er ist selbst ein ausgestorbener Vulkan. Als er noch thätig war, wurden seine Lavaströme vermuthlich von dem obersten Plateau aufgenommen und von dem Erguß nach Norden zurückgehalten, am Südabhang aber durch breite Terrassenstufen in der Vorwärtsbewegung derart geschwächt, daß sie nur an wenigen Stellen den Fuß des Gebirges erreichten.
Aus diesem Grunde ist die Fruchtbarkeit des südlichen und namentlich des ebenen Kilimandscharo-Gebiets nicht sowol durch verwitterte vulkanische Erde, sondern vielmehr durch unausgesetzte und reichliche Bewässerung verursacht.
Alle nach Süden abfließenden Gewässer sammeln sich im Flußbett des Pangani bei Klein-Aruscha. Ihr Lauf und ihre Benennungen wechseln nach den jeweiligen Aufzeichnungen der Reisenden. Das Uebereinstimmende dürfte die folgende Zusammenstellung sein.
Der Pangani oder vielmehr Ruvu, wie er hier genannt wird, entsteht aus zwei Hauptzuflüssen, aus dem von Osten kommenden Jipe und dem von Nordwest herabfließenden Weriweri.
Der Jipe fließt aus dem Jipe-See, dessen Einfluß der am Kimawensi entspringende Lumi ist.
In den Jipe-Fluß münden, von Ost nach West gezählt:
1) Der Nabali mit dem Mamba.
2) Der Kilema. Der Kilema wird gebildet aus dem Goni, Kirua, Dschora, Mnanga und Rau.
In den Weriweri (Kikavo) münden:
1) Der Naruma.
2) Der Sonja-Ndalata.
Alle Flüsse haben eine starke Strömung und noch im mittlern Laufe eine erfrischende niedrige Temperatur. Ihre Thäler im Gebirge und am Fuße desselben sind bis zu 75 m tief und steil eingeschnitten und 9–21 m breit. Das Bett der Flüsse ist meist felsig, doch sind die Uferränder schlammig und mit dichtem Schilf oder Busch bewachsen.
Das Vorland und die Niederung.
Das Vorland an der Ost- und Nordseite (1180 m über dem Meere) ist unbewohnte Steppenwildniß. Jenes im Westen, von 1000–1200 m südnördlich ansteigend, zieht sich hinüber zum Berg Meru als gutes Weideland, Sigirari genannt, wird aber gegen den Longido allmählich unfruchtbare Savanne.
Die südliche Niederung im Netz der Gebirgswässer bis zum Zusammenfluß im Bett des Pangani bei Klein-Aruscha besteht zonenweise aus Culturland, Savanne und Sumpfwald.
Die Culturzone.
Sie beginnt im Westen in der Umgebung von Klein-Aruscha und reicht zusammenhängend bis in die Landschaft Kahe, jenseit der Mündung des Kilema in den Jipe-Fluß. Nach einer Unterbrechung durch eine etwa 30 km lange Strecke einförmiger Steppe tritt sie mit üppigster Entfaltung wieder in der Bodensenkung von Taveta am untern Lumi auf.
Klein-Aruscha (730 m über dem Meere) am Weriweri (hier Ronga genannt) im Westen von den 1500 m hohen Litaema-Bergen begrenzt, die gegen das rechte Ufer des Pangani als Sogonoi-Gebirge sich abflachen, liegt mit seinen Hüttengruppen versteckt in den über die äußerst fruchtbare Ebene zerstreuten Waldgebüschen. Die hier angesiedelten Wakuafi bauen Bananen, Mais, Bohnen, Erbsen, auch Zuckerrohr; Rinder halten sie wenige, aus Furcht vor den Masai. Die vom Pangani kommenden Karavanen lagern in Klein-Aruscha wochen-, ja monatelang, um entweder Handel mit den Masai zu treiben oder Streifzüge nach Norden zu unternehmen. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft hatte hier eine Station eingerichtet, mit Rücksicht auf den lebhaften Handelsverkehr und auf den ungeheuern Wildreichthum der nächsten Umgebung.
Die Landschaft Kahe, von größerm Umfang als Taveta, schmücken hochstämmige Waldungen, Palmengruppen, Anpflanzungen von Bananen und Wiesengründe von weichem Gras. Eine Besonderheit ist der Salzgehalt des Bodens. Die Einheimischen füllen die Erde in große, unten mit Löchern versehene Gefäße; die nach einem Wasseraufguß abrinnende Flüssigkeit wird über Feuer abgedampft und das so gewonnene Salz in den Handel gebracht.
Taveta (730 m über dem Meere), ist keine Ortschaft, sondern eine Landschaft von 11 km Länge und 1½ km Breite, welche der Lumi in einem Netz von Kanälen und stellenweise unterirdisch mit auffallend kühlem Wasser durchströmt. Sie wird von einem dichten Dschungelzaun umgeben, durch welchen nur wenige Thorgänge wie Tunnels führen, und welcher Waldparcellen von Banianen, Bambusa und Phönixpalmen, dann Bananenhaine und Getreidefelder und die gruppenweise zerstreuten Hütten der Eingeborenen schützend umschließt. Taveta ist das Paradies der Karavanen; hier können sie sich verpflegen mit Bananen, Zuckerrohr, Maniok, Bataten, Erbsen und Bohnen, mit Milch und Honig, mit Schafen, Hühnern und Fischen.
Südlich von Taveta breitet sich in geringer Entfernung in einem mächtigen Schilfkranz der seichte Jipe-See aus (716 m über dem Meere; 16 km lang und 5 km breit). Sein Wasser ist wohlschmeckend und von ockergelber Färbung. Am Ostufer erheben sich einige Hügelreihen; die daranstoßende weite Grasebene geht in der Richtung auf Teita in eine wasserlose Wüste über. Die Westseite bedeckt kahler, rother Lehmboden, auf welchen der See eine Unzahl von weißen Muscheln gespült hat. Das Nordende biegt gegen Westen in einen breiten Sumpf von außergewöhnlich, bis zu 4½ m hohen Papyrusstauden um.
Nördlich von Taveta liegt in einem isolirten Bergring eingebettet der Dschalla-See, 10 km im Umfang; Steilwände umschließen ihn. Er wird als das jüngste Product der frühern vulkanischen Thätigkeit des Kilimandscharo betrachtet. Die Eingeborenen haben eine heilige Scheu vor ihm und begleiten den Europäer ungern, der zu ihm hinabklettert. Eine blühende Landschaft soll da begraben sein mit Menschen und Vieh, deren Stimmen man nachts zu vernehmen glaubt. Sein Wasser ist süß und wohlschmeckend, ähnlich wie Regenwasser.
Die Savannen- und Sumpfwaldzone.
Die Savannenzone dehnt sich als 10–30 km breiter Gürtel von Komboko im Westen, oberhalb des fruchtbaren Landstriches von Klein-Aruscha und Kahe, dann den Kilema, Jipe und Nabali aufwärts, bis dicht nach Taveta und dem Flusse Lumi aus. Sie ist eine Steppe hohen, harten Grases, deren Monotonie von Baobabs, durch Gebüsche von Fettpflanzen, Armleuchter-Euphorbien und Wolfsmilchbäumen, und durch die Galeriewälder an den Ufern der zahlreichen Flüsse unterbrochen wird. Sie ist der Tummelplatz für Antilopen, Gazellen, Giraffen, Strauße, Büffel und Nashörner.
Die Sumpfwaldzone drängt sich nördlich der Steppe theilweise bis hart an den Aufstieg des Gebirges heran. Es ist ein düsterer, hochstämmiger Wald, stellenweise ganz aus Baobabs bestehend, die 25–30 m voneinander entfernt emporstreben, voll von Schilfmorästen, deren größter südlich von Moschi bis an die Savanne reicht. Das Unterholz wird von so dichtem und zähem Gestrüpp gebildet, daß man nur mit der Axt sich Bahn brechen kann. Als Wege dienen die von Rhinocerossen, Elefanten oder Büffeln getretenen Pfade, ein Wirrsal, aus dem allein Eingeborene sich herausfinden können. Eine Menge von 4 m tiefen, wohlverdeckten Wildgruben steigert die Unwegsamkeit. Die Gebirgsbäche und Flüsse stürzen in bis 4 m tiefen schilfbewachsenen oder felsigen Schluchten dahin, einige mit einer Breite von 6–8 m.
Da der Wald die Ufer des Sonja und des obern Nabali nicht überschreitet, so kann man, ohne ihn durchkreuzen zu müssen, das Dschaggaland erreichen, entweder von Aruscha über Komboko nach Madschama oder von Taveta nach Marangu.
Das Kilimandscharo-Gebirge[6] mit dem Dschaggaland.
Das über 6000 m hohe Gebirge steigt an der Südseite aus der Hochebene, die im Westen 1230 m und im Osten 780 m über dem Meere liegt, ganz allmählich in drei großen Terrassen empor; die unterste, breiteste Terrasse ist zwischen 1000 und 1800 m Höhe, die zweite in der Höhe von 4300 m und die letzte in der Höhe von 4800 m gelagert.
Zwischen der Sumpfwaldzone der Niederung und der untersten Erhebung zieht sich stückweise ein Savannenstreifen hin, bedeckt theils mit scharfkantigem Gras, Dornengebüsch und leichtem Gehölz, theils mit Lavaasche und trachitischem Gestein, durchfurcht von den steilen, schwierig überschreitbaren Rinnsalen der Bäche und Flüsse, unterbrochen von vulkanischen Kegeln und Höhenzügen. Dadurch ist die Gangbarkeit längs des Fußes des Gebirges ungemein erschwert; die Eingeborenen benutzen deshalb die hoch am Berg gelegenen Verbindungswege, die von Ost nach West in die einzelnen Gebiete führen.
Die erste, unterste Terrasse (1000–1800 m über dem Meere), welche sich durch mächtige Laubbäume, zierliche Palmen und blumengeschmückte Wiesen ankündigt, bildet den bewohnten Theil des Gebirges und ist das vielgepriesene Dschaggaland. Als ein bis zu 16 km breiter Gürtel umfaßt es die Bezirke von Madschama, Uru, Moschi und Marangu; es setzt sich im Osten oberhalb Rombo zu einem nicht cultivirten, aber culturfähigen, 2500 m hochgelegenen Plateau fort.
Die von Norden nach Süden herabfließenden Gewässer zertheilen die Terrasse in tiefe, enge Thäler. Die Wohnstätten und Felder der Bewohner liegen auf scharfgetrennten Bergrippen. Die Unzugänglichkeit des Geländes haben die Eingeborenen zum Schutz gegen feindliche Ueberfälle ausgenutzt und künstlich verstärkt, indem sie die Schluchten, welche ihre Staaten begrenzen, mit dreifachen Palissadenreihen krönten und die Breitseiten mit Schanzgräben überquerten.
Der Zugang wird im friedlichen Verkehr durch breterschmale Brücken ermöglicht; Lastthiere müssen an einzelnen weniger abschüssigen Stellen hinabgeschleift und hinaufgezogen werden. Innerhalb der Befestigungen wohnt die Bevölkerung in Hüttengruppen. Die Fruchtbarkeit ist allenthalben die üppigste; zwischen Wiesen von zartem Gras und buntfarbigem Blumenflor und zwischen Hainen der vorzüglichsten Bananen erstrecken sich die Felder mit Bohnen, Hirse, Mais, Bataten und Yams. Rinder, langhaarige Schafe und Ziegen werden in Menge gehalten. Kleine Kanäle, welche aus den höhergelegenen niedrigen Bachbetten den Bergrücken hinabgeleitet oder durch Röhren von Abschnitt zu Abschnitt geführt werden, bewässern die Culturen.
Vom Dschaggaland steigt in der weiten Entfernung eines Tagemarsches die mit Urwald bekleidete zweite Terrasse empor.
Das ist das Landschaftsbild der, sozusagen, inneren Dschaggastaaten, von Uru, Moschi[7] und Marangu. Einen veränderten Anblick bieten Madschama im Westen, sowie Rombo und Kimangelia im Osten.
Der Bezirk Madschama mit dem Lagerplatz Komboko (1230 m über dem Meere) liegt dicht am Fuße des hier jäh emporsteigenden Gebirges. Kibo und Kimawensi, wie der die Westflanke bildende Schira[8], sind in ihrer ganzen Gestaltung sichtbar. Der Urwald tritt im Süden unmittelbar heran; das 45 m tiefe Thal des Weriweri bildet die östliche, das seichte Bett des Sonja die westliche Grenze. Die Fruchtbarkeit der leicht gewellten Ebene ist dieselbe wie im übrigen Dschaggaland; zu allen Jahreszeiten können die Karavanen sich reichlich mit Vegetabilien verproviantiren. In Komboko werden aus Furcht vor den Masai nur wenige Rinder und gar keine Hühner gehalten.
Rombo, an der Südostecke, zieht sich von der Ebene an den Ufern des krystallklaren und fischreichen Lumi als freundliches Wiesenthal in die Berge hinein und mit seinen Feldern die Hänge hinauf. Lebensmittel aller Art sind im Ueberfluß und billig zu haben: Bananen, Getreide, Yams, Schafe, Milch und Butter. Oberhalb Rombo, 2500 m über dem Meere, befindet sich ein von den Eingeborenen unangetastetes, drei Stunden langes Plateau (die östliche Erhebung und Fortsetzung der Dschaggalandterrasse), ein mit Hügelreihen durchzogenes, von frischem Wasser durchfeuchtetes, mit Blumen übersäetes Wiesenland, geschaffen zu paradiesischer Wohnstätte, wie der Engländer Johnston behauptet.
Bei Kimangelia (1200 m über dem Meere), nordwestlich von Rombo, kommt man in die letzte von Menschen bewohnte Gegend der östlichen Abdachung des Kilimandscharo. Hier ist die Bebauung gering, da Wasser spärlich fließt; nur zur Weide dienen die mageren Triften.
Das Gebirge oberhalb Dschagga.
Da der Kilimandscharo nur an der Südseite, von der verhältnißmäßig kurzen Basis Moschi-Rombo aus, von Forschern durchwandert worden ist, so kann unser Wissen von seiner Bewachsung und Bodengestaltung im ganzen nur ein bedingt richtiges und wenig vollständiges sein.
Den klimatischen Gesetzen folgend müssen sich die einzelnen Vegetationszonen bis zur Stein- und Schneegrenze hinauf gürtelartig um den ganzen Gebirgsstock legen. Die mehr der Sonne und den feuchten Luftströmungen ausgesetzten Ost- und Nordseiten sind die wärmern, die Süd- und Westseiten die kühlern. Es läßt sich daher annehmen, daß die Vegetationszone, wo es die Gebirgsformation erlaubt, im Osten und Norden weiter hinaufrückt als im Süden und Westen. Für die Höhen oberhalb Rombo ist dies wenigstens festgestellt.
Aus den Bananenhainen und Wiesengründen des Dschaggalandes tritt man in einer Höhe von 1800 m in eine parkartige, langsam ansteigende Landschaft, deren oberer Rand von dichtem, niedrigem Buschwald und Brombeergestrüpp begrenzt wird.
Von 2000 m an beginnt im allgemeinen (von 1500 m oberhalb Moschi und von 2500 m oberhalb Rombo) die Urwaldregion und endet bei 3000 und 3500 m. Der Böschungswinkel wird steiler (25–30°). Auf dem weichen, theilweis morastigen und schlüpfrigen Boden ragen ungeheuere Wollbäume und Banianen empor; Massen von Moos und Flechten überziehen die Aeste und Stämme und machen sie morsch durch ihre erstickende Last; Schmarotzer- und Schlingpflanzen bilden mit riesigen Farrnkräutern ein fast undurchdringliches Unterholz. Die hier hausenden Elefanten haben die Bahn für den Menschen gebrochen; doch gerade auf ihr liegen gutverdeckt die dem Fremden gefährlichen Wildgruben.
Nördlich des Urwaldes breitet sich in gelinder Steigung eine Wiesenzone mit Busch von 3000–4000 m aus. Die Pflanzendecke ist auf das mannichfaltigste zusammengesetzt: aus Papyrus ähnlichen Riedgräsern, Ginstergebüsch, krautartigen Stauden, violetten Glockenblumen und Orchideen, aus rosarothem Gladiolus und stiellosen, 1½ m im Umfang betragenden Disteln, sowie aus einem 6–9 m hohen Staudengewächs (Senecio Johnstonii), mit einem schwärzlichen, sehr weichen Stamm und einer mächtigen Krone von breiten Blättern und gelben Blütenbündeln.
Mit 4000 m ist der letzte Vegetationsstreifen, ein buschloses Mattenland, erreicht; es geht bei 4500 m in ein quellenloses, graufarbiges Lava- und Steintrümmerfeld über. Die beiden letztgenannten Zonen bedecken die zweite, 4300 m, und die dritte, 4800 m hochgelegene Terrassenstufe. Auf der letztern, einem 5 km nach Norden und 7 km von West nach Ost ausgedehnten Plateau ruhen der Eisdom des Kibo und die niedrigere, zerklüftete Felsenspitze des Kimawensi, beide Gipfel getrennt durch einen Sattel von sechs vulkanischen Kegeln.
Die untere Schneegrenze ist verschieden bestimmt worden, zwischen 4600 und 4900 m. An der Ostseite liegt sie höher als im Westen und im Norden schneidet sie nach Dr. Hans Meyer schon bei 5500 m ab.
Die höchste Kuppe des Kibo ist vergletschert und von einer 50 m hohen überhängenden Eiswand gekrönt, welche eine leicht gewellte Schneefläche ringförmig umschließt. Von der Decken berechnete ihre Höhe auf 5694 m, Dr. Hans Meyer auf ca. 5700 m und Otto Ehlers, der letzte Besteiger auf mehr als 6000 m.
Klima.
Alle Reiseberichte sprechen von den günstigen Gesundheitsverhältnissen nicht nur auf der Culturzone des Kilimandscharo, sondern auch in den Wohnbezirken der Ebene. Selbst Taveta wird trotz der Nähe des großen Sumpfes am Nordende des Jipe-Sees als fieberfrei gerühmt. Es gibt keine andauernden Perioden von Trocken- und Regenzeit; die Höhe des Gebirges bewirkt Regen in allen Monaten. Nach allgemeiner Schätzung regnet es im April und Mai am stärksten, im Januar fast nie. Nach v. d. Decken, welcher Aufzeichnungen vom Juli bis September 1861 und vom October bis December 1862 niedergeschrieben hat, erscheint der December als der trockenste und der August als der feuchteste Monat.
Temperaturbeobachtungen von längerer Dauer und gleichzeitig an verschiedenen Orten wurden noch nicht gemacht. Die umstehende Tabelle gibt nur eine allgemeine Vorstellung von den Wärmeverhältnissen.
Temperaturen im Kilimandscharo-Gebiet verglichen mit den Temperaturen von Sansibar.
| Ort. | Dauer der Beobachtung. | Höhe in Metern. | Monat. | Mittel-Temp. in R.° | R.° | |||
| morgens | mittags | nachts | Max. | Min. | ||||
| Taveta | — | 730 | Juni | 16 | — | — | 25 | 12 |
| Moschi (durch Johnston) | Längere | 1300 | „ | 11,5 | 17 | 12 | 21 | 10 |
| Moschi (durch Lt. Weiß) | Mehrmalige | „ | „ | 12,8 | 18 | 14,7 | 18,4 | 13 |
| Aruscha | Einmalige | 730 | Juli | — | — | — | 23 | 15,2 |
| Useri | „ | ? | „ | — | — | — | 16,8 | 12,8 |
| Marangu | „ | 1300 | „ | — | — | — | — | 10 |
| Kimangelia | „ | ? | August | — | — | — | 14,4 | 8 |
| Moschi | Mehrmal. | 1300 | „ | — | — | — | 23 | 12 |
| Jipe-See | „ | 737 | Oct. | 16,5 | 24,2 | 16,4 | 24,2 | 14 |
| Kl.-Aruscha | „ | 730 | Nov. | 16,3 | 24 | 17 | 24,1 | 14,6 |
| Moschi | „ | 1300 | „ | 13 | 22 | 16,9 | 22,5 | 13,2 |
| Im hohen Gebirge | Einmalige | 2100 | Oct. | — | — | — | 16,5 | 5 |
| „ | 3300 | Sept. | — | — | — | 14,6 | -1,3 | |
| „ | 4900 | „ | — | — | — | 1,2 | -8 | |
| Sansibar | Während eines Jahres | — | Juni | 18,9 | 20,8 | 19,4 | 22,4 | 17,7 |
| Juli | 18,0 | 20,3 | 18,6 | 21,5 | 16,8 | |||
| August | 17,8 | 20,6 | 18,4 | 21,8 | 16,8 | |||
| Sept. | 18,3 | 21,2 | 19,1 | 22,8 | 17,5 | |||
| Oct. | 18,3 | 21,3 | 18,9 | 23,2 | 16,7 | |||
| Nov. | 19,7 | 22 | 20,5 | 24,4 | 19 | |||
Unverkennbar weht am Kilimandscharo und auf der daran anstoßenden Ebene selbst in den heißern Monaten eine frischere Luft als in Sansibar. Aber das Gefühl der Erfrischung wird wesentlich durch die stärkere Abkühlung während der Nacht hervorgerufen; denn die Mittagstemperaturen bleiben sich nicht nur fast gleich, sondern sind sogar im October und November um einige Grade gesteigert. An deutsches Klima ist nicht zu denken; das verbietet schon an und für sich die Existenz einer tropischen Pflanzenwelt und die doch sonst unmögliche Gewohnheit der Eingeborenen, beinahe nackt zu gehen.
Thierwelt.
Die südlich und westlich vor dem Kilimandscharo liegende Ebene bis an den Jipe und den Pangani unterhalb von Aruscha ist das herrlichste jungfräuliche Jagdgebiet. Nicht einzeln oder in kleinen Trupps, nein, in Scharen von Hunderten galopirt das Hochwild über die weiten Flächen.
Hier begegnet man Antilopen, Gazellen, Zebras, Giraffen, Büffeln und in geringerer Menge auch Straußen; dann paarweise überall dem Nashorn und dem Panther und am Ostufer des Jipe-Sees dem Löwen. Das Warzenschwein ist in größerer Menge am obern Sonja zu Hause; Flußpferde und einige Krokodile steht man im Jipe-See.
Der Elefant treibt sich im Sumpfwald und besonders in der Urwaldzone in 2–3000 m Höhe herum. Er klettert weit aufwärts; Johnston sah ihn bei 4000 m und Ehlers entdeckte seine Spuren sogar noch bei 5000 m.
Die Wälder in der Niederung werden von Affen, im Norden und Nordosten von dem weißschwänzigen Stummelaffen (Colobus), von Hornvögeln, Trappen und Kiebitzen belebt.
Die gefürchtete Tsetsefliege zeigt sich nirgends.
Eine besondere Erwähnung und Beachtung verdienen die zahllosen Bienenschwärme, denn sie überfallen unversehens die Karavanen zum größten Schrecken der Neger. Wehrt man sich mit Hand und Stock gegen sie, so wird man auf das entsetzlichste zerstochen. Gegen sie gibt es nur zwei Mittel: entweder ruhiges Verhalten oder Anzünden von Feuern, um durch Rauch sie zu vertreiben.
Bevölkerung.
Zu den Bewohnern des Kilimandscharo-Gebietes gehören: die Wadschagga, Wataveta, Wakuafi und Wandorobbo. Auch von den Masai muß eingehend gesprochen werden, da sie als nächster und wichtigster Nachbarstamm bestimmend in das Leben und den Verkehr der übrigen Bevölkerung eingreifen.
Die Wadschagga haben ihre Wohnsitze auf der ersten Terrasse des Südabfalls des Gebirges; am Fuße, im Westen und Osten, treten sie in Komboko und Rombo mit wenigen Ansiedelungen in die Ebene hinaus.
Die politisch abgeschlossenen größern Bezirke, welche die im Verhältniß zu der außerordentlichen Fruchtbarkeit geringe Bevölkerung umfassen, heißen von West nach Ost gezählt: Madschama, Uru, Moschi, Marangu, Rombo. Früher wurden noch Kindi, Lambungu, Kirua, Mamba genannt und mit Kilema als Sammelname der südöstliche Theil von Moschi bis Rombo bezeichnet. Wir haben keine Kenntniß, ob diese kleinern Landschaften noch selbständig existiren; wir wissen nur, daß Lambungu durch Raubzüge der Nachbarn ganz entvölkert worden ist und entvölkert blieb.
Die Wadschagga treiben Ackerbau und Viehzucht; sie gewinnen Honig in großen Quantitäten, indem sie Bienenkörbe aus ausgehöhlten Holzstücken herstellen und deren funfzehn bis zwanzig an den Waldbäumen aufhängen. Die Männer überlassen den Weibern hauptsächlich die schweren Arbeiten und verlegen sich selbst mit Vorliebe auf Jagd, Krieg und Raub, wozu sie schon als Knaben, abgesondert von der Familie, erzogen werden. Sie werden sich in keiner europäischen Ansiedelung als Feldarbeiter verdingen; nur um hohen Lohn schlossen sie sich bisjetzt den Gebirgsexcursionen der Weißen als Führer an.
Eine besondere Stellung nehmen die Wadschame ein; sie sind Schmiede und verfertigen mit ungewöhnlicher Geschicklichkeit feine Eisenkettchen (Mikusu von den Händlern genannt und Elbissia von den Masai); dieselben dienen als Schmuck und hauptsächlich als Tauschwaare in den westlichen und nördlichen Ländern.
Die Wadschagga sind ein kräftiger, hochgewachsener Menschenschlag, von etwas hellerer Hautfarbe als die Küstenneger, vom schönsten bis zum häßlichsten Typus. Häufig gewahrt man scharfmarkirte Gesichtszüge, schmale Lippen und stark hervortretende Backenknochen. Von der Anmuth des Wuchses und den vollen Formen der bronzefarbenen jungen Mädchen entwerfen alle Reisenden begeisterte Schilderungen. Die Sprache ist dem Kisuaheli verwandt; einzelne Herrscher, wie Mandara, der Häuptling von Moschi, sprechen es geläufig.
Die Tracht der in zerstreuten Hütten wohnenden Bevölkerung ist sehr dürftig; die jungen Männer gehen ganz nackt, die Mädchen begnügen sich mit einem Bananenblatt um die Lenden oder mit einer handgroßen Schürze von Drahtkettchen. Die ältern Männer tragen ein Fell, das mit der größern Hälfte auf den Rücken herabfällt, oder Stücke von Baumwollzeug, das mit fußlangen Fransen verziert und mit röthlicher Erde beschmiert ist. Ihre Waffen sind fast ausschließlich Schild und Speer; Feuergewehre besitzen sie in sehr geringer Anzahl. Die Frauen schmücken sich einfach mit Gehängen von kleinen rothen Perlen und bedecken ihre untern Blößen mit einem Lederschurz; vornehmere verschleiern mit grünen und rothen Perlenschnüren das Gesicht.
Die beliebtesten Tauschwaaren sind: Baumwollstoffe, Glasperlen und Metallwaaren. Von Kahe wird in großer Menge eine als Salz verwendbare Erde, Emballa, eingeführt.
Bei der Begrüßung von Fremden wird zum Zeichen des Friedens ein Büschel Gras in die Hand genommen und unter dem Ruf „Jambo” emporgehoben. Thut der Fremdling dasselbe, so beginnt die Berathung, das Schauri. Dazu dient ein bestimmter geheiligter Platz, Maschingo genannt, mit Steinen im Kreisrund abgegrenzt, in dessen Mitte eine Hütte und zwischen drei Bäumchen ein Felsblock steht.
Ein Volk, das sich fast ausschließlich dem Krieg und der Jagd ergeben, müßte auch wild und rauh in seinem Benehmen sein. Allein die Kriegs- und Jagdzüge der Wadschagga bestehen häufiger in schlau vorbereiteten Ueberfällen der Wehrlosen und im Fangen des Wildes in Fallgruben, als im offenen Angriff; und so hat sich in ihrem Charakter mehr List und Feigheit ausgebildet, als wirklich mannhafter Sinn. Sich selbst gegen plötzlichen Einbruch von Feinden zu schützen, verstehen sie vortrefflich. Vorposten sind an den die Wohnbezirke umlaufenden Schanzgräben aufgestellt; bei ausgezeichneter Wachsamkeit entgeht ihnen nicht das leiseste Geräusch. Schleicht sich ein Feind heran, so rufen sie sofort die gesammte kriegsfähige Mannschaft zu den Waffen.
Die Wataveta, die nur den Bezirk Taveta bewohnen, scheinen von demselben Stamm zu sein, wie die Wadschagga. Ihr äußerer Typus ist nahezu derselbe, auch ihre Wohnweise. Dagegen haben das üppige Leben in der paradiesischen Ebene und der unausgesetzte Verkehr mit den Karavanen, die hier monatelang lagern, ihren Sitten und Gemüthern den Ausdruck der Friedfertigkeit verliehen, der Bekleidung und dem Schmuck den Stempel der Wohlhabenheit aufgedrückt.
Sie sind Ackerbauer, Fischer, Hirten von Rindern und Schafen und eifrige Bienenzüchter. Trotz des Wildreichthums in der Gegend des nahegelegenen Jipe-Sees ziehen sie selten zur Jagd aus. Zur Vertheidigung ihres von Dschungeln eingefesteten Gebietes gegen die stets verheerenden Masai-Horden sind sie auf sich selbst angewiesen und nur mit Rücksicht auf diese üben sie sich im Handwerke des Kriegers. Niemals treten sie aus ihrem Heim heraus, um Beute aus andern Ansiedelungen zu holen.
Männer und Weiber schmieren den Körper mit gefetteter rother Erde ein. Die Kleidung der Männer besteht entweder aus einem Stück röthlich gefärbten Baumwollzeugs, das um den Hals gebunden wird, oder aus einem über die rechte Schulter hängenden Fell. Zum Schmuck werden verwendet: ein Halsband von Eisen- und Messingdrahtkettchen, darüber eines von Perlen; Holzstäbchen und Scheibchen oder kleine Flaschenkürbisse in den durchlöcherten und unförmlich erweiterten Ohrläppchen; Spangen von Holz, von Eisen- und Messingdraht um Arme und Beine; metallene Schellen um die Knöchel. Meterhohe Schilde von Büffelhaut, Keulen, Schwerter und Speere, auch Messer sind ihre Waffen; selten Bogen und Pfeil.
Der Schmuck der jungen Mädchen zeigt sich in etwas Perlengehäng an den Ohren; sie begnügen sich, allein durch den Reiz ihrer ebenmäßigen Gestalt und vollendet schöner Büsten zu wirken. Die verheiratheten Frauen belasten das Ende ihrer Ohrmuscheln wie die Männer; zur Abwechselung stecken sie eine Schnecke von Eisendraht durch die Läppchen. Mit schweren Messingringen umschließen sie Hals und Beine.
Die Wataveta gelten als friedlich, gastfrei und ehrlich.
Die Art, wie sie Blutsbrüderschaft schließen, schreckt die Europäer vor der persönlichen Ausführung zurück: man spuckt auf ein Stück gebratenen Fleisches und steckt es sich gegenseitig in den Mund.
Die Masai gehören zum Stamme der Galla; ihr Verbreitungsbezirk läßt sich bei ihrem fortwährenden Wanderleben von Land zu Land nur annähernd bestimmt angeben; doch kann man als Grenzen, die sie bisjetzt dauernd nicht überschritten, bezeichnen: den Naiwascha-See, Ukamba, den Lauf des Sabaki, die Gebirge von Pare, Nguru, Usagara, Uhehe, das Hochplateau von Unjamwesi und der östlichen Ufer des Victoria-Nyanza.
Sie sind ein Krieger- und Hirtenvolk, ohne feste Wohnsitze immer bereit zum Kampf. Die jungen Leute (Elmuran) bilden die Kriegerkaste; sie nähren sich ausschließlich von Fleisch und Milch. Die verheiratheten ältern und wohlhabendern Männer (Elmorua) und die Weiber nehmen nicht theil an den Kriegszügen, sondern bleiben im Kreise ihrer ungeheuern, oft bis zu 10000 Stück zählenden Heerden, von einem Lagerplatz zum andern ziehend; ihr Wandertrieb drängt und treibt nach Veränderung, wenn auch Futter und Wasser reichlich vorhanden sind. Da nur der Besitzende heirathen kann und nur Rinder als werthvoller Besitz gelten, so ist die Veranlassung zu Raubzügen immer gegeben; im großen Stile werden diese meistens im August, September und October unternommen; sie führen die kriegslustigen Horden bis an die Küste zwischen Mombas und Tanga. Stets wird die Jugend von einigen Männern, reich an Erfahrung und älter an Jahren, begleitet.
Die Männer sind groß, kräftig und schlank, die Gesichtszüge sehr verschieden, vom Angenehmen bis herab zum Thierischen; die jungen tragen wie Stutzer alle möglichen Haarfrisuren, die verheiratheten rasiren den Schädel. Für gewöhnlich werden als Bekleidung benutzt größere oder kleinere Felle, die über die Schulter geworfen werden, oder förmliche Ledermäntel. Zum Kriegsanzug gehört vor allem ein lang herabwallender Mantel (Neiwera) von 2 m Baumwollenstoff, mit einem 2 cm breiten bunten Streifen besetzt (er wird um den Hals gebunden) und ein Ziegenfell um die Hüften; als Schmuck Ohrringe von Perlenschnüren, Eisenkettchen und Messingdraht, Armbänder von Elfenbein, langhaarige Affenfelle um die Knie und Schellen um die Knöchel. Das Gesicht wird durch einen mächtigen Kranz von schwarzen und weißen Straußenfedern eingerahmt. Als Waffen verachten sie Bogen und Pfeile wie auch Feuergewehre; sie tragen nur enorm lange Speere mit breitem Blatt, ein kurzes Schwert, Keule und Schild.
Das weibliche Geschlecht ist nichts weniger als anmuthig; hagere Körper, etwas schwulstige Lippen mit vorstehenden oberen Schneidezähnen, glattrasirte Köpfe. Diese Gestalten hüllen sich in einen weiten, rothbeschmierten Ledermantel und beschweren panzerartig den Hals mit Ringen von dickem Eisendraht und Arme und Beine mit dichten Metallspiralen, die Ohren mit Gehängen von Perlen und Messingschnecken.
Die Masai scheinen einen wirklichen Nationalstolz zu besitzen; sie verachten die sie umgebenden ackerbautreibenden Völker. Sie haben weder Sklaven noch Sklavinnen. Das Rind ist ihnen alles; sie hegen und pflegen dasselbe fast mit Zärtlichkeit, dafür kämpfen und sterben sie.
Das ganze Masai-Volk besitzt eine Art von gemeinschaftlichem Oberhaupt, einen Hohenpriester, Mbatian genannt, der sich meistens im Gebiet Kisongo bei dem Berge Meru aufhält. Er bezeichnet Richtung und Zeitpunkt der großen kriegerischen Unternehmungen und verleiht durch besondere Zaubermittel die sichere Aussicht auf Erfolg; sein Rath wird von allen gesucht und ist entscheidend.
Sonst leben die Masai in patriarchalischer Verfassung sippenweise beisammen. Jede Sippe hat ihren eigenen Zauberer oder Priester, Leibon, der die bösen Geister beschwört und Regen erwirkt. Hat er Miserfolg, so wird er abgesetzt oder in schwerern Fällen sogar ermordet.
Von Bedeutung für den auswärtigen Verkehr ist, daß jede der drei Klassen der Elmorua einen Sprecher, Leigwenan, besitzt.
Er leitet mit großer Beredsamkeit die Unterhandlungen und hält auf parlamentarische Ordnung. Nur wer es versteht, ihm richtig zu antworten und kluge Gegenvorstellungen zu machen, ist ein brauchbarer Dolmetscher im Masai-Lande. Man begrüßt sich durch Händeschütteln. Der ausgespuckte Speichel gilt als Zeichen der Weihe. Der Leibon spuckt dem ihn Besuchenden auf die Hand; ebenso verlangen die Masai, daß der Europäer, wenn er als Zauberer geachtet wird, allen, soviel sie auch sein mögen, in die Hand spucke. Ein verkaufter oder verschenkter Gegenstand muß angespuckt werden, zum Zeichen, daß man endgültig auf seinen Besitz verzichtet.
Die Sprache ist ganz verschieden von dem Bantu-Dialekt; gezählt wird nur bis funfzig entweder mit Worten oder mit einer eigenthümlichen Fingersprache.
Da das unausgesetzte Wanderleben das Anlegen von Dorfschaften unmöglich macht, so erbauen die Masai ihre Hütten auf die einfachste und flüchtigste Weise: über einige in den Boden gesteckte und zusammengebogene Stangen werden Häute gelegt und diese mit Kuhmist eingedeckt. In dem durch Dornhecken geschützten Kreis von Hütten lagert nachts die Heerde. Das Weib verrichtet alle häuslichen Arbeiten, erhält zur Nahrung Eingeweide und Gehirn der geschlachteten Rinder, Ziegenfleisch und Ziegenmilch und darf sich Pflanzenkost bei benachbarten Ackerbauern erhandeln. Es genießt im Verkehr außerhalb des Stammes große Freiheiten. Die Frauen können unbelästigt selbst diejenigen besuchen, die mit ihren Männern und Brüdern in Fehde stehen; sie bringen den Karavanen Nahrungsmittel und oftmals heimliche Botschaft von drohenden Ueberfällen. Bei den Wanderungen haben sie einen Theil der Lasten zu tragen; das schwere Gepäck wird auf Ochsen und Eseln verladen. Letztere sind wahrscheinlich von Norden eingeführt und gelten als das charakteristische Lastthier der Masai.
Die Wakuafi gehören auch zum Stamm der Galla; ob zu dem der Masai, erscheint sehr fraglich. Denn sie werden von den letztern verachtet oder auf das feindseligste verfolgt. Der Hang zur Seßhaftigkeit ist ihnen, im directen Gegensatz zu den Masai, eigenthümlich und damit die Neigung zu mildern Sitten. Es dürfte demnach die Annahme richtig sein, daß sie, ein gesonderter Stamm, aus den frühern Wohnsitzen zwischen Kilimandscharo und Naiwascha-See von den Masai theilweise versprengt wurden und ihre Niederlassungen da gegründet haben, wo ihre Feinde sie duldeten oder wo sie vor denselben Schutz fanden. Derartige selbständige Wakuafi-Ansiedelungen befinden sich im Kilimandscharo-Gebiet in Klein-Aruscha und Kahe, wahrscheinlich auch in Komboko. In Taveta leben sie vermischt unter den Einheimischen.
Im äußern Habitus und in vielerlei Sitten gleichen sie den Masai. Statt der Viehzucht, welche die räuberischen Horden anlocken würde, treiben sie Ackerbau. Ihr Benehmen ist friedliebend, treu und zuverlässig. Die Pangani-Karavanen lassen sich bei ihnen in Aruscha nieder, deponiren hier vertrauensvoll einen Theil ihrer Waaren, während sie ihre Streifhandelszüge in das eigentliche Masai-Land unternehmen.
Die Wandorobbo zählen zur Gruppe der Völkersplitter. Niemand weiß, woher sie kamen und zu welchem Stamm sie gehören. Sie sind ausschließlich nomadisirende Jäger; in dringender Noth vermiethen sie sich als Rinderknechte an die Masai, die sie verächtlich behandeln. Man trifft ihre im Dickicht versteckten Hütten in größerer Anzahl bei Useri an der Ostseite des Gebirges. Ihre Sprache wird nur von den Stammesangehörigen verstanden. So furchtsam und mistrauisch ihr Benehmen gegen die Nachbarstämme ist, so tapfer und schlau zeigen sie sich bei der Jagd auf Elefanten. An sie wenden sich gelegentlich die Karavanen beim Einkauf von Elfenbein.
Politische Verhältnisse.
Muini Mkoma soll vor 150 Jahren aus dem Pangani-Thal gekommen sein und am Fuß des Kilimandscharo das Fürstenthum Kilema gegründet haben. Sein Urenkel Masaki war noch 1848 der mächtigste Herrscher in Dschagga; nach dieser Zeit galt als solcher Mamkinga von Madschama und blieb es mindestens bis zu Anfang der sechziger Jahre.
Gegenwärtig genießt Makindara oder (auf Kisuaheli) Mandara in Moschi den Ruf, die umfangreichste Gewalt zu besitzen, aber doch nur insofern mit Recht, als er die größten Raubzüge im Verein mit den Masai gegen Useri oder Ugono unternimmt; denn unterthan sind ihm keine andern Häuptlinge.
Mandara war zu den Zeiten Rebmann’s ein Knabe, zur Zeit von der Decken’s ein Jüngling, bei Thomson, Johnston und Dr. Hans Meyer ein Mann. Er hat immer Nutzen aus dem Besuch von europäischen Gästen gezogen und ist so klug, ihren dauernden Aufenthalt zu wünschen, denn sie müssen sich seinen freundschaftlichen Erpressungen fügen und vermehren auf diese Weise ständig seine Einkünfte. Von ähnlich zuvorkommender Gesinnung ist Mareale, der Beherrscher von Marangu.
Wieviele selbständige Fürstenthümer am Kilimandscharo andauernd existirt haben oder noch existiren, läßt sich aus den verschiedenen Reiseberichten nicht sicher entnehmen. Mit einiger Bestimmtheit kann man gegenwärtig vier unabhängige Staaten nennen: Madschama, Moschi, Marangu und Rombo. Jeder Staat hat seinen König, Mangi; er ist unumschränkter Herr des Landes und des Volkes; selbst über die Ehen verfügt er. Er ruft alle Jünglinge und Männer, die waffenfähig sind, zusammen und überfällt bei günstiger Gelegenheit die Nachbarn. Doch ist er durch die Sitte gezwungen, bei kriegerischen Unternehmungen den Rath der Aeltesten anzuhören, die Siegesbeute und auch den Tribut der Karavanen mit seinem Volke zu theilen.
Die Gemeinden von Taveta, Kahe und Klein-Aruscha besitzen eigene Häuptlinge und sind voneinander und von den Nachbarstämmen politisch unabhängig.
Schlußbetrachtung.
Das Kilimandscharo-Gebiet liefert alle Nahrungsbedürfnisse in reichlichster Fülle: Getreide, Gemüse und Bananen von ganz besonderer Güte; Milch, Honig; Rinder, Schafe, Fische; in geringerer Menge Zuckerrohr und Taback.
Da das Land schwach bevölkert ist, so kann durch vermehrten Ackerbau die Production gesteigert werden.
Exportirt werden hauptsächlich Elfenbein, auch Straußenfedern. Der Wildreichthum bietet in Bezug auf Erwerb werthvoller Häute die lohnendsten Aussichten.
Als Importwaaren werden gesucht: Baumwollzeuge, Messing- und Eisendraht; weiße, rothe und blaue Perlen.
Zu europäischen Niederlassungen mit Negerarbeit eignen sich Klein-Aruscha, Kahe, Taveta, Rombo und die von der offenen Ebene direct erreichbaren Dschagga-Landschaften Marangu, Moschi und Madschama. Der Verkehr längs oder am Fuße der Gebirgsterrasse ist wegen der tiefeingerissenen Flußthäler und des Sumpfwaldes sehr erschwert.
Die Production über den Localbedarf und zum Zwecke des Exports findet zur Zeit zwei wesentliche Hindernisse: die Entfernung von der Küste und den Mangel an Arbeitern. Der Weg von Taveta nach Mombas, durch eine wasserlose Steppe führend, beträgt 250 km oder 14–18 Tagemärsche der Karavanen; die mit Wasser und Lebensmitteln besser versorgte Route von Taveta längs der Berge von Pare und Usambara nach Pangani beträgt über 300 km oder 21–24 Tagemärsche; zur Regenzeit ist sie streckenweise wegen der Ueberschwemmungen ungangbar. Den Fluß Pangani als Wasserstraße zu benutzen, ist wegen der Stromschnellen unmöglich.
Der Mangel an Arbeitern beruht auf der Unlust der Wadschagga, auch nur kurze Zeit ihrem kriegerischen Faulenzerleben zu entsagen. Daß die zum Ackerbau geneigteren Wakuafi bei der Aussicht auf Erwerb und bei zunehmender Sicherheit von Person und Eigenthum zur Einwanderung in größerer Menge sich bewegen ließen, ist nicht unwahrscheinlich, doch eine bisjetzt noch nicht praktisch erprobte Lösung der Arbeiterfrage.
Jedenfalls, das dürfte unbedingt feststehen, erheischt die Colonisirung des Kilimandscharo-Gebietes im großen Stil in erster Linie den Bau einer Eisenbahn zur Verbindung mit dem Meere. Die kürzeste und billigste Verbindung wäre die von Taveta nach Mombas in der englischen Interessensphäre. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Eisenbahnbaues hängt ab von kaufmännischen und colonisatorischen Unternehmungen der Engländer in der Richtung gegen den Victoria-Nyanza und in dem Aufblühen deutscher Niederlassungen am Kilimandscharo. Beides dürfte noch in ferner Zukunft liegen.
Zur Zeit können in dem fraglichen Gebiete mit der Aussicht auf baldigen Ertrag nur Stationen errichtet werden, welche bezwecken, das Wild zu erlegen und die gewonnenen Häute als Handelsartikel zu verwerthen. Der Transport nach der Küste ließe sich durch Verwendung der Masai-Esel und Ochsen erleichtern. Den Elfenbeinhandel hier an der Quelle auf eigene Kosten zu betreiben, erscheint verlockend; die Erfahrung in andern ebenso günstig gelegenen Plätzen hat aber gelehrt, daß kein Europäer im Stande ist, so billig und geschickt Elefantenzähne zu kaufen, wie der mit den Verhältnissen auf das genaueste vertraute Araber und Suaheli.