Herbstnachtigall

Die Farbe rosa kennzeichnet eine Gemeinde von Gläubigen: Mädchen gehören ihr an, die gern eine seidene Schleife im Haar tragen; Jünglinge, die beim Buchbinder unter Erröten zartbuntes Briefpapier kaufen; Matronen, die bei einer Trauung an der Kirchenpforte harren, um die Braut im Schleier zu sehen. Diese Rosagläubigen möchten natürlich vernehmen, was des weiteren aus dem Grillenroman geworden. Zwar sind sie davon überzeugt, daß die Hauptfrage zweier Herzen bereits gelöst ist, sobald sie einander kriegen. Indessen hat man es gern, wenn der Roman auch noch einen Ausblick eröffnet auf das Familienglück, das selbstverständlich nun anhebt. Auch meinerseits ein wenig befangen von solcher „Selbstverständlichkeit“, hatte ich meinen Grillen die Namen gegeben „Philemon und Baucis“. Wie dies weltberühmte Paar in seiner Hütte, sollten meine Grillen in glücklicher Gemeinschaft zirpen bis ins äußerste Alter.

Auf das Rosapapier dieser Erwartung fiel freilich am Tage nach der Grillentrauung ein dicker, schwarzer Klecks. Ich sah, wie Baucis stumpfsinnig am Gittergewebe saß, während Philemon zum Fressen aufgelegt schien. Schließlich hatte Philemon der geschabten Mohrrübe in einer Weise zugesprochen, daß sie ihm nicht bloß Embonpoint verlieh, sondern auch noch durch sein Eingeweide hindurchschimmerte. Wo war nun der Grüne Donnerstag geblieben? Ziegelrot sah er aus. Baucis wie eine vertrocknete Jungfrau, dabei so mürrisch und geistlos, daß ich den Futterexzeß ihres Verlobten verständlich fand. Der Exzeß sollte ihn dafür entschädigen, daß er mit der Braut reingefallen. Was aber das Elendeste an diesem Conjugium war: das Singen hatte aufgehört; weder Philemon noch Baucis brachte auch nur ein einziges „Zirp“ heraus. „Das geht zu weit! Zur Lästerung wider Apoll und seine Musen darf eure Ehe nicht ausarten. Laßt euch scheiden!“ Und ich machte kurzen Prozeß: Durch Anton Bolle ließ ich die vertrocknete Jungfer Baucis zurück auf den Akazienbaum bringen. Meinen entarteten Donnerstag sollte eine Fastenkur wieder schlank, grün und poetisch machen. Und sieh, das half! Nicht bloß, daß er am nächsten Tage schon etwas vergeistigt aussah, er kroch auch lebhaft umher und hüpfte ein paar Mal. Und wie mittags die Sonne durch den Herbstnebel drang, legte er mit seiner silberhellen Geige wieder los. Da horch, vom Akazienbaum antwortete Baucis. Bravo! Unermüdlich schmetterte das Duett. Ich sah nun ein, daß die Grillen nicht mit Philemon und Baucis zu vergleichen seien, sondern mit Pyramus und Thisbe, rührenden Vertretern einer „Distanceliebe“, wie Bölsche so was nennt: ohne einen Kuß oder auch nur einen Händedruck liebt man einander und wispert zärtlich durch den Spalt der trennenden Wand. Sankt Plato, wie fein hast du das Wesen der Liebe gedeutet! Vom göttlichen Eros lässest du deine Diotima sagen, er sei der Sohn des Reichtums und der Armut, schwärme daher immer für etwas, das ihm fehlt. Nicht, wo man hat und satt ist, nein, wo man darbt, sich nach Entferntem sehnt, nur da zittert das Beten der Liebe zur Ätherwelt empor. Es ist üblich, für den Mai zu schwärmen, und ich will blühende Syringen, Nachtigallenflöten und verzückte Pärchen im Mondschein nicht verachten. Doch der erfahrene Feinschmecker des Lebens schwelgt in den letzten Sommertagen, im Vergilben und Erröten des Laubes.

Noch immer Sonnengold und Milde haben diese Novembertage. Der wilde Wein über der Kegelbahn hat blutrote Blätter. Von den schneeweißen Seidengespinsten schwebt noch eins durch die stille Luft zur vergilbenden Akazie. In deren Krone sitzen zu Dutzenden die Stare, versammelt zur Wanderschaft südwärts. Sie schwatzten, daß es wie Blech rasselt. In hoher Luft aber raunt es, schnarrt und krächzt; keilförmige Geschwader, Schulter hinter Schulter, rudern Wildgänse mit surrenden Fittichen durch mattblauen Äther.

Horch, nur noch wie ein Säuseln singt meine Herbstnachtigall. War ihre Weise ehedem dionysischer Taumel, jetzt ist sie seraphisches Schweben. Und überhaupt eine andere ist sie geworden. Keine Nahrung nimmt sie mehr, ihr Körper ist verschrumpft und verfällt vor Altersschwäche; ein Bein ging bereits verloren und ein halbes Fühlhorn. In der Ekstase fühlt sie sich erhaben über Körpergebreste. Die Außenwelt ist ihr versunken, ihr Zirpen ist alles — sie geigt pianissimo, mit abgewetzten Flügeln. Als summe eine Greisin mit heiserer Stimme. Auch an jenen Derwisch muß ich denken, dem ich in Kleinasien begegnete — in mystischer Hingabe neigte sich der Alte unaufhörlich wie ein wankender Halm und lallte immerfort: „Allah! Allah!“ — Verglommen das Abendrot, kühl bricht die Nacht herein. In den Gefängnishof lugen erglimmende Sterne. Verstummt ist die gute Grille Baucis; wer weiß, ob sie nicht morgen erfroren unter der Akazie liegt, während Rauhreif an den Blättern hängt.

Aus meinem Sinnen weckte mich die Besucherglocke. Freund Eckehart war’s. In seinem bretternen Tuskulum war’s ihm zu kalt geworden, und so hatte er sich in Friedrichshagen ein Stübchen gemietet. Ich erriet, was ihm der Abschied vom Gute Rahnsdorf bedeute: Seine Diotima war ihm ferner gerückt. Ich erzählte ihm von Pyramus und Thisbe und der Distanceliebe. Er lächelte, als fühle er sein süßes Geheimnis durchschaut. Da ich ihm somit näher gekommen war, schien er mich belohnen zu wollen: „Ich wüßte eine Ablösung für Ihre beiden Grillen, die verstummt sind. Was meinen Sie, wenn nächstens ein paar andere Zirper dem Gefangenen eine Serenade brächten? Das heißt: der eine Musikant ist ein Flötist, der andere ...“ Da er verstummte, ergänzte ich: „Diotima?“ Seine Antwort war freudiges Erröten: „Ich sprach schon mal davon.“

Ich wollte danken und Näheres vereinbaren — indessen hatte es das geheimnisvolle Walten, in dem wir leben, weben und sind, ganz anders gefügt. Onkel Pofke war eingetreten, er sah verstört aus und stammelte: „Hier is — ob hier Herr Eckehart —? ’ne Dame fraacht nach Sie — hier is se.“ Indem er sich zurückzog, trat eine weibliche Gestalt ein, schlank, in Wintermantel und Pelzbarett. Es war Diotima — aufschluchzend warf sie sich an Eckeharts Brust. Er hielt sie umschlungen und blickte angstvoll. Das Taschentuch vor die Augen gepreßt, wimmerte sie: „Großmutter!“ — „Was ist mit Großmutter?“ Da kam ihr Aufschrei: „Tot!“

Krank war die gute Alte nicht gewesen — nur daß heute ihre Mattigkeit und Wortkargheit aufgefallen war. Als gegen Abend die Wildgänse geflogen kamen, hatte sie gewünscht, vors Haus geführt zu werden. Am Arm der Enkelin hatte sie emporgelauscht, wie das Keilgeschwader schattenhaft am Himmel dahinzog, Rufe der Sehnsucht raunte und schwirrend mit den Fittichen ruderte. Zufrieden war sie dann ins Stübchen zurückgekehrt und auf dem Lehnstuhl eingenickt. Als der lautlos starre Schlaf das Mädchen befremdete, war die Greisin ohne Atem und kalt. In ihrem ratlosen Weh war Diotima sofort nach Friedrichshagen geeilt und hatte in Eckeharts eben gemieteter Wohnung vernommen, er sei bei mir.

Jetzt drückte mir Eckehart schweigend die Hand zum Abschied — weinend hing ihm Diotima am Arm ...

Am dritten Tage ging ich zu Großmutters Begräbnis, begleitet von Onkel Pofke, der die Amtsmütze trug. Hinter der Rahnsdorfer Mühle brachen wir abgeblühtes Heidekraut und einen stattlichen Wacholderzweig. Als Leidtragende waren fast alle Bewohner des Dörfchens und der Rahnsdorfer Mühle erschienen. Die Männer trugen den Sarg über den Wiesenweg nach dem wacholderumhegten Friedhof. Diotima weinte an Eckeharts Arm. Der Prediger sprach von den Ähren, deren Bestimmung es sei, unter der Sichel zu fallen. Mag das zeitliche Gewand vergehen, die Ernte kommt, wohin sie gehört: zur Scheuer der Ewigkeit, zu den Schätzen, die nimmer schwinden. So zu herbsten, ist alles Lebendige berufen. Drum rette dich aus dem Taumeln des Novemberlaubes, fühle dich heim zum Frieden! — Als Abschiedsgruß warfen wir Heidekraut und Wacholder ins Grab. Eine Kindergruppe sang: „Es ist bestimmt in Gottes Rat ...“

Als ich mit Onkel Pofke heimging längs des Müggelsees, erblühten am klaren Himmel die Sterne. Onkel Pofke meinte weich: „Da liecht se nu in ihren helzernen Schlafrock — un det is unsre nobelste Uneform ...“

Die Herbstnachtigall schwieg ... Schlafe! Bist jetzt abgelöst von einer Genossin — einer himmlischen. Die singt wie Orgelsummen; droben aus dem Reigen der Funken singt sie — und ladet meine Seele zum Flug ins Grenzenlose. Und wie vor Wochen zu meiner Grille eine angelockte sich gesellte, so antwortet jener Friedensstimme, die vom Sternenhimmel flötet, als Echo noch eine andere. Hienieden in meinem Gemüte hat sie sich niedergelassen — gehört aber beiden Welten an, der Erde und dem Himmel. Eine Prophetin ist sie höchsten Menschentums; sie wohnte einst in einem schönen, beschaulichen Greise, der es verstand, aus seinen Lebenstagen Musik zu machen; und das feierliche Finale ist sein hohes Lied von der Lebensreife: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr.“ Ja Fruchtbarkeit — der Baum, der aus vergilbten Wipfeln köstliche Keime in den Schoß der treuen Erde wirft — das ist die Wahrheit im Wahn des Lebens, ist aller Wesen und aller Welten ewiger Sinn. Drum jubelt sieghaft die weise Herbstnachtigall:

„Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig —

Der Augenblick ist Ewigkeit!“