Mein durchgebrannter Kerkerschlüssel
Von Stund an war Strindberg verwandelt. Seine Augen lächelten kindlich, heimische Weisen trällerte er vor sich hin, seine mürrische Schweigsamkeit war einer verbindlichen Plauderei gewichen. Nun ließ er auch in sein Ideenreich blicken. Zur Begründung seiner Lehre von der Goldbereitung führte er an, Gold sei kein Element, es gebe im Naturreiche kein starres Gefängnis, alles entwickele sich, lasse sich umwandeln. Silber in Gold.
Auf Norskeborgs Zureden holte Strindberg, der sich Veranlagung zur Malerei zutraute, ein Ölgemälde, mit dem er der unverstandenen Genialität der Stoffe seine Huldigung darbringen wollte. Eine Stranddistel wuchs auf bleicher Düne. Silbergrün glomm sie durch die Nacht, als lodere hier ein mystisches Sehnen des geringen Sandes, zum milden Silber des Mondes umgewandelt zu werden. Strindberg war befriedigt, als ich den Cherubinischen Wandersmann zitierte:
„Mensch, was du liebst, in das
Wirst du verwandelt werden:
Gott wirst du, liebst du Gott,
Und Erde, liebst du Erden ...“
„Oh jö-hö, gewiß“, versicherte Strindberg, „wenn der Mensch sich transmutiert zu Gott, das ist oberste Alchymie.“ Mir war noch ein ähnlicher Spruch desselben Mystikers eingefallen:
„Die Goldheit machet Gold,
Die Gottheit machet Gott —
Wirst du nicht eins mit ihr,
So bleibst du Blei und Kot!“ —
Strindberg wurde wieder tiefsinnig und meinte fast düster: „Blei und Kot! Jö, das sind wir — wollen aber nicht bleiben so! Und die einsame Silberdistel — wissen Sie, was die ist? Unsere Sehnsucht.“ Seufzend fügte er hinzu: „Und ist meine Dornenkrone — jö-hö!“
Was nun den Polen betrifft, so schien er die Transmutation seines Wesens mehr auf flüssigem Wege erreichen zu wollen, und Olaf vertraute mir die Hypothese an, nach dem Rezepte des Cherubinischen Wandersmanns werde dieser Kognakfreund im Himmelreiche ein Destillierkolben sein. Indessen bewährte sich rührend der musische Adel, der die Söhne Apolls — und Przscki gehörte ja zu ihnen — auch in ihrer Bezechtheit irgendwie an das Schöne gefesselt hält. Przscki behauptete, er müsse jetzt unbedingt ein Klavier haben, um die mystische Stranddistel in Tönen zu feiern. Übrigens sei es an der Zeit, daß man sich in Pilsener abkühle, und ich solle die Gesellschaft in eine Kneipe führen.
Da selbst die Dame des Hauses geneigt war mitzutun, so zogen wir allesamt ins Waldhaus, wo unter der hingebenden Obhut des dicken Wirtes ein tadelloser Urquell verzapft wurde und selbst zu vorgerückter Stunde ein fideler Kreis willkommen war. Diese Nachsitzung erquickte auch insofern, als der musikalische Pole dem Klavier seltsame Welten wühlender Töne entlockte, Schöpfungen Chopins. Von der dionysischen Nachtfeier erwähne ich nur noch, daß Strindberg mit Przscki Schmollis trank, weil beide den Russen haßten, der die Finnen wie die Polen tyrannisiert. Nun sollte Strindberg ein deutsches Lied nach der Melodie des Chopinschen Trauermarsches verfassen. Nachdem er seine Notizen gemacht, sang er zu den schleppenden Akkorden mit dem Ausdruck heißer Empörung — die Scheltworte wurden durch Stampfen hervorgehoben —:
„Jetzt woll’n wir legen einen Schuft zu seinem Grab —
Speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab!
Der Tyrann ist mausetot
Und zu Ende unsre Not.
Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“
Wär’s Sommerzeit gewesen, so hätte in der Tat das Morgenrot zu unsrer Freiheit geleuchtet; doch mit ihrer langen Finsternis hielt die Winternacht unsre Schwärmerei nachsichtig verhüllt.
Es war mir nun doch lästig, ins Gefängnis zurück zu sollen, und ich entwickelte meiner Frau rebellische Ideen. Sie aber wies auf Gesetzlichkeit und Ordnung hin. Bei der Ankunft vor unsrer Wohnung wollte ich mir das Treppensteigen ersparen, meine Frau sollte den Kerkerschlüssel auf die Straße werfen. Harrend blickte ich zum Balkon — die kahlen Äste der Kastanienallee zeichneten sich vom Wolkenflor ab, den matt der Mond durchleuchtete. Nun ging die Balkontür, meine Frau sagte: „Hier ist der Schlüssel! In ein Taschentuch gewickelt! Achtung!“ Und fliegen sah ich das schimmernde Tuch. Verdächtig war es, daß es flatternd niederschwebte, ohne daß etwas Schweres gefallen war. „Da ist nur das Taschentuch! Wo bleibt der Schlüssel?“ „Ich habe ihn doch eingewickelt!“ — „Dann ist er unterwegs rausgefallen.“ — „Na, das fehlte noch! Warte, ich komme mit der Lampe!“ Sie tat es; aber die Lampe wurde vom Wind verlöscht — und wie wir auch suchten, kein Schlüssel zu finden! Als habe er beim Fluge durch die Luft einem Freiheitsgelüst nachgegeben und sich wie ein Vogel davongemacht. Vergnügt brummte ich: „Auch das eine Transmutation! Jö, begießen wir die Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!“ — „Es klingt doch kaum glaublich, daß der Schlüssel abhanden gekommen ist; für eine faule Ausrede wird man das halten. Hilft nichts, Bruno — du mußt zurück — mußt Bolle rausklingeln. Wenn er’s erlaubt, kannst du ja zurückkommen und hier schlafen.“
Mir blieb nichts andres übrig, und ich trollte mich. Traulich, begehrenswert kam mir jetzt mein Gefängnis vor, wie es mondbedämmert mich grüßte mit seinen Gitterfenstern, und wie ich mir die mollige Robinsonklause ausmalte. Und jetzt sollte ich nicht hinein können? Sollte frieren wie ein Obdachloser? Ich zog die Glocke, gleich darauf wurde es hell bei Bolles, und aus dem geöffneten Fenster fragte der Amtsdiener scharf: „Sinn Sie det? Na, endlich!“ Als ich mein Mißgeschick gebeichtet hatte, meinte er: „Det fehlte noch! Die Schlissel fort! Is det ne Zucht!“ Dann klappte er das Fenster zu, redete unwirsch mit seiner Frau und kam mit einer Laterne herunter: „Bleibt nischt iebrig, Herr Dokta, Se missen int Vorderhaus kampia’n un det Hotel jarnie bei Onkeln berappen. Verrickt und drei macht neune!“
Er führte mich eine Treppe hoch, öffnete ein Zimmerchen und zündete die Kerze an. Vergebens suchte ich ein Gespräch über die Müggelpiraten in Gang zu bringen, er blieb einsilbig und verließ mich murrend. Na ja, du geplagter Ordnungshüter, die Böcke deiner Herde haben dir heute arg zu schaffen gemacht. Bis in die späteste Nacht haben sie dich herumgehetzt, all diese frechen Rebellen, jö-hö ... Wir begießen unsre Freiheit bis ins Morgen-Morgenrot!
Aber nun ist ja alles ziemlich wieder in der Reihe. Strindbergs Koffer mit dem Goldrezept, das uns vielleicht das Goldene Zeitalter zurückzaubert, hat sich eingefunden; gerührt durch dies Tugendmuster bin ich zu meinem Kerkermeister heimgekehrt; dieser endlich, den Gefahren des dustern Räuberwaldes entronnen, ruht bei der getrösteten Ehehälfte ... Bloß der Kerkerschlüssel, der verflixte! Böse Beispiele verderben gute Sitten. Ich habe den Schlüssel zur Durchbrennerei verleitet! Und jetzt kichere ich noch über meine Schandtat?
Ich pustete das Licht aus und bettete mich in die Federn: „Jetzt woll’n wir legen einen Schuft zu seinem Grab! speit ihm eure Flüche in den Höllenschlund hinab.“ — „Jö-hö!“ krähten die Hähne — „jöhöhö höhö!“