Schwedische Schüssel mit Konfusionen

Strindberg — so ging es mir durch den Sinn — kann hoffentlich deutsch. Diese Skandinavier sind zurzeit Mode. Ob sie wirklich so viel Talent haben? Bei den Tannen und Birken der Mitternachtssonne gedeiht künstlerische Urwüchsigkeit allerdings besser als im Nachtcafé von Berlin-W. Auch ist der nordische Naturalismus insofern gangbar, als der deutsche Verleger ihm nur geringe Honorare zahlt — oh, ein wichtiger Punkt! Denn hat ein Journal einen Roman von Bjarne Knudsen für ganze dreihundert Mark erworben, so erfordert es natürlich des Verlegers Geschäftsinteresse, daß besagter Bjarne Knudsen der gläubigen Lesewelt als neuster Stern der Weltliteratur angepriesen wird. Übrigens liebt unser Michel grundsätzlich das Ausländische — und heißt einer Runeholm oder Sigurdson, so stellt sich das deutsche Publikum darunter gleich einen ollen Skalden vor.

Unter solchem Sinnieren war ich zu dem Häuschen gelangt, das Olaf Norskeborg gemietet hatte. Da er sich in Schweden nicht hinreichend anerkannt fühlte, so hatte ihn seine lebenskluge Frau nach Berlin gebracht, wo das Skandinavische gerade Trumpf war. Durch Bölsche, der die Zeitschrift „Freie Bühne“ herausgab, war Norskeborg für Friedrichshagen interessiert und Mitglied der „Kolonie“ geworden, um sich, was ihm keiner übel nimmt, in Deutschland entdecken zu lassen, wo schon mancher Prophet, der bei den eigenen Landsleuten wenig galt, den Grundstein zu seinem Ruhmesmonument gefunden hat. War nun Strindberg in solcher Absicht gekommen? Nicht doch! Das wäre zu klein gedacht von diesem Wickinger, den man naiv, nicht raffiniert nennen mag. Übrigens war er nur vorübergehend hier, wie meine Frau sagte — sonst in Paris ansässig.

Als ich bei Norskeborg die Türklingel gezogen, öffnete mir die Haushälterin Fröken Ingrid, eine stattliche Bauerntochter aus Schonen. Von dort stammte auch Olaf Norskeborg, der Sprosse eines alten Bauerngeschlechts. Eben trat er zu mir auf den Flur, wo ich den Mantel ablegte. Ein schlanker Dreißiger, blauäugig, mit blondem Schnurrbart, etwas nervös. Die Röte seiner durchsichtigen Wangen ließ merken, daß er animiert war — sonst bewahrt das Angesicht dieser Skandinavier frostige Unbeweglichkeit. Seine Augen drückten Staunen aus: „Ssie ßind nicht im Gefängnis? Ihre Frau ßagte doch, wie?“ — „Ich gehöre allerdings hinein — doch es behielt mich nicht — hat mich ausgespieen wie der Walfisch den Propheten Jonas — und, was komisch ist, momentan kann ich nicht zurück — der Kerkerschlüssel ist verlegt.“ — „Ssonderbare Ssasche,“ lächelte Norskeborg — „aber famos! Kommen Sie! Strindberg ist da — auch Przscki — Sie kennen doch den Polen?“ — „Aus der Freien Bühne, ja! Und wie steht es mit meiner Frau? Ist sie da?“ — „Noch nicht — hat aber zugeßagt.“ — „Immer noch nicht? Welche Verwicklung! Doch spaßhaft, sich treiben zu lassen von diesem krausen Wellenspiel!“

Norskeborg führte mich ins Speisezimmer, es war eng, wie das ganze Häuschen. Mit lärmender Heiterkeit empfing mich Frau Lina Norskeborg. An dem Ehepaar war ersichtlich, wie sich die Extreme anziehen und verbinden. Jedenfalls ergänzte sie seine Mädchenhaftigkeit durch männliche Massivität, seine sanfte Stimme und Wortkargheit durch eine derbe Beredsamkeit.

August Strindberg, dem ich nun vorgestellt wurde, war mittelgroß und kräftig, schlank und elastisch, obwohl er hoch in den Vierzigern war. Hinter seiner felsenhaften Stirn lauerte finstres Grübeln. Die Locken verrieten rebellische Wühlerei. Das graublaue Auge schien nicht nach außen gerichtet, sondern mit verstecktem Innenleben beschäftigt; wenn es aber die Außenwelt fixierte, fehlte selten ein Zug des Mißtrauens. Die kartoffelförmige, oben etwas platt gedrückte Nase ließ auf lappländisches Blut schließen. Eine Mischung von Trotz und Geziertheit sprach aus dem kleinen, dicklippigem Munde. Nach oben spreizte sich ein kurzes Schwedenbärtchen, eins aus dem Dreißigjährigen Kriege, während über dem zurückliegenden Kinn, das winzig wie ein Knopf war, eine sogenannte Fliege saß.

Darf man Persönlichkeiten mit Getränken vergleichen — und in mancher Gesellschaft liegt dieser Vergleich gewiß nicht fern — so hätte für Strindberg das schwere und zähe, dunkle, bittere Porterbier gepaßt. Was ferner den Polen Przscki betrifft, so würde ihm moussierender Schnaps entsprechen, wenn es welchen gäbe. Ich meine etwas brennend Prickelndes und Aufrüttelndes. Wenn er zu mir sprach, kitzelte es in meiner Nase wie Kohlensäure oder Schnupftabak. Schon sein Name wirkte so — sieben zischende Konsonanten mit dem Fistelgezwitscher des einen Vokals — in echter Aussprache klang es fast wie „pschih!“ Als ich ihm zum erstenmal begegnet war und er sich mir vorstellte, meinte ich, dieser Herr, der sich vor mir verneigte und dabei „pschih“ sagte, wäre von einem Nies-Kobold überfallen, und so hatte ich mit lächelnder Höflichkeit erwidert: „Pröstchen!“ Übrigens tränten die mattblassen Augen des Polen, als habe er Schnupfen. Paßte das Schlagwort Decadence nicht im mindesten auf Strindberg, so desto besser auf Przscki. Seine schmächtige Gestalt hatte etwas Zusammengesunkenes. In den bleichen Zügen des schmalen Blondkopfes verschmolzen slawische Sinnlichkeit und romantische Träumerei mit dem ironischen Aufbegehren eines geknechteten Edelvolkes, und es war, als müsse dieser polackische Byron seine schwermütige Schlaffheit immer von neuem aufpeitschen durch einen Ruck seines Motors — will sagen durch einen Schluck aus dem Weinglas, das er hin und wieder mit Kognak füllte. Überhaupt hatte an Norskeborgs Tafel die Abstinenz nichts zu schaffen, zumal sie auch sonst in jener guten alten Zeit fast bedeutungslos war.

Da ich die Tafel erwähnt habe, so interessiert es vielleicht, daß sie schwedisch hergerichtet war — als Buffet, wo bei einem Rondell von Tellern, einem Wall von Messern und Gabeln pikante Konserven und allerlei kalte Schüsseln den Appetit herausforderten. Der Fisch spielte die Hauptrolle; es gab Ölsardinen, Sylt und Geleefisch, geräucherten Lachs und sogar ein Kleckschen Kaviar, dann natürlich Hering, viel Hering — Hering in verschiedener Bereitung: salzig, sauer, geräuchert, gebraten, auch als Salat. Neben all diesem zarten Fleisch der See war auch solches von Land- und Lufttieren vertreten: Bratenreste, Schinken, kaltes Huhn ... Obwohl es Winter war, hatte Frau Flora eine Deputation gesandt: Sellerie als Salat, rote Rüben, Salzgurken, sogar etliche Scheibchen Gurkensalat, dazu Petersilie als garnierende Augenweide. Den Haupteffekt dieser Schlemmertafel bildete ein warmer Gang, den plötzlich die Walküre Ingrid auftrug; ihre Wangen glühten vor Stolz über ihre Leistung. Für Gulasch hielt ich dies geschmorte Fleisch, doch sonderbar, nicht pfeffrig war’s, sondern süß — und Strindberg liebte es noch süßer, er tat aus einer Streubüchse Zucker darüber. Vollends wie in Schweden fühlte er sich, als Ingrid gezuckerten Käse und selbstgebackenes Anisroggenbrot anbot. Fleißig ging die Aquavitflasche herum; für den massiveren Durst sorgte eine Bierbatterie.

Während dieser Schlemmerei blieb die Unterhaltung einsilbig auf Seiten der Herren, die sich ans Materielle hielten. Unermüdlich haspelte Frau Lina allerhand Geistreichigkeit herunter. Von nordischen Literaturgrößen plauderte sie. Vom apothekerhaften Analytiker Ibsen mit der beobachtend scharfen Brille und den verkniffenen Satirikerlippen. Vom deklamierenden Freiheitsprotzen Björnson. Vom dänischen Literaturdiktator Brandes und seinem Lieblings-Café in Kopenhagen. Nun sprang Frau Lina auf die Geschichte der deutschen Dichtung über. Ich hatte den Hainbund erwähnt, da orakelte sie von der „Pariser Matratzengruft“, wo es nicht so viel Rückenmark gebe, wie in den „Barden-Konventikeln von Göttingen“. Als ich um Deutung dieses Tiefsinns bat, stellte sich heraus, daß sie Heine für den Gründer des Hainbundes hielt. In seiner Pariser Matratzengruft habe er immer noch Esprit genug besessen, um dem Barden Klopstock, der sich von abgefallenen Eicheln deutscher Urwälder gemästet habe, endlich den verdienten Genickfang zu versetzen. Przscki, der genug von deutscher Literatur verstand, prustete in diesem Momente, daß wir glaubten, Aquavit sei ihm in die unrechte Kehle gekommen. Dann faßte sich der edle Pole aus der Polackei und wollte der Dame des Hauses seine jubelnde Huldigung zu Füßen legen. Olaf Norskeborg, wie ein junges Mädchen errötet, berichtigte die phantasievolle Gattin dahin, daß der Hainbund ja bereits dreißig Jahre vor Heines Geburt, in einem Haine bei Göttingen, gegründet worden — und so weiter. Frau Lina machte große Augen und meinte in ihrer ostsee-russischen Mundart: „Näin, werklich? Ech dachte ümmä, der Häinbund wäre von Häine jejründet ... Abä Olaf, was starrst de mech an wie Jrillparzers Ahnfrou? Schräib lieber äin Feuilleton über däine phänomenalen Kanntnisse!“ Verlegen zuckte Olafs Schnurrbart über der schmollenden Oberlippe.

Das Peinliche der Situation suchte ich wegzuscherzen: „Solche kleinen Verwechslungen sind oft lustig. Sie beruhen auf einer Ideen-Assoziation, die an Stelle einer Vorstellung eine ähnliche schiebt — was bei geistreichen Leuten vorkommt. Die Geschichte vom Oranienburger Bürgermeister gehört hierher — kennen Sie die?“ — „Ach bette, Dokterchen, scheeßen Se los!“ — „Na also! Es war zu den Zeiten, als Amadeus Hoffmann mit seinem Freunde Devrient nach dem Theater in der Weinstube von Luther und Wegener kneipte. Hier fanden sich allerlei Musenjünger zusammen, es kamen auch Neugierige aus der Provinz. In einer süffigen Sommernacht, als die Wellen der Unterhaltung gemütlich plätscherten, wandte sich ein Fremdling, ein Aktuarius, an seinen Nachbar: ‚Hären Se, mei Kudester! Wer is Sie tenn eechentlich der keistreiche Herr triebn, der son Kopp hat wie Alegsander von Humpoldt?‘ — ‚Ah, Sie meinen den Tieck!‘ — ‚Was saachen Se? Ter Dieck is tas? Ter beriehmde Ginstler? Ei Herrjemersch! Un ta pleibt alles meisjenstill? Keener, der sich uffschwingen duht zu eenem gleenen Doaste uff Diecken un die scheenen Ginste? Mer wärn uns toch nich lumben lassen!‘ Und entschlossen klingte er an sein Glas, erhob sich und sprach mit verzücktem Lächeln: ‚Wenn geener nich ne Lippe riehren duht, nähmen Se mersch nich iepel, ich pin so frei — un tie Kefiehle, die uns pei tiesem eenzichen Rendezvous erläsener Scheenkeister besälichen duhn, lassen Se mich tiese Kefiehle zusammenfassen in tas wunterscheene Schillerwort: Seid umschlungen Millichonen! Stoßen Se alle prieterlich an — un verstehn Se meine zarde Anspielung, wenn ich nu eenfach rufe: Fifat Oranichenburch!‘ Willig erhob sich alles — obwohl man nur stutzig in das rätselhafte Vivat einstimmte. Mit stolzer Begeisterung aber sprang unverzüglich ein dickes Männchen auf, das wie ein wohlhabender Ackerbürger aussah: ‚Meine Herren! Ihr Vivat ehrt un rührt mir. Ja doch, ick bin der Bürjermeester von Oranienburch, wo heite Jeburtstag feiert, un bin aus mein obskuret Städtken nach Berlin jereist — un wollte mal diesen illustren Kreis von Schenies sehn. Meine Herren, ermessen Se meine Freide, wie mir nu so unerwartet diese Ovation widerfährt! Meine Herren, ick lade Ihnen alle zu eene Punschbowle in, von die wir uns schließlich abkühlen wollen mit een Jläsken Schlampagnerwein.‘ Allerseits frohe Bewegung. Um den Aktuar, der mit seinem Toaste diesen Erfolg zustande gebracht, bildete sich eine raunende, staunende Gruppe, doch man hörte ihn protestieren: ‚Ich genne geenen Berchermeester von Oranichenpurch! Wie soll ich’n taderzu gommen, eene so elentichliche Gleenstadt läpen zu lassen? Ich meene toch nadierlich tas perihmde Oranichenburch!‘ Was er mit dem ‚berühmten‘ Oranienburg meinte, kam erst heraus, als sich bei dampfender Bowle der zierliche Kammergerichtsrat Hoffmann erhob, während seine Kateraugen funkelten und über sein nervöses Gesicht ein Wetterleuchter guter Laune zuckte: ‚Meine Herren! Wir kommen zu dieser Bowle wie die Magd zum Kinde. Doch weil sie nun einmal ihr lockendes Arom in unsre Nüstern haucht, wollen wir dankbar trinken auf das Wohl des Geburtstagskindes und seiner ehrenfesten Stadt. Aber das Vivat Oranienburg, das vorhin der Herr Aktuarius ausgebracht hat, beruht auf einer Kette von Verwechslungen. Anlaß dazu gab der an unserer Tafel sitzende Bildhauer Tieck. Als der Herr aus Leipzig diesen zwiefach berühmten Namen hörte, verwechselte er ihn mit dem Dichter Tieck, verwechselte diesen auch noch mit dem Dichter Tiedge, verwechselte Tiedges Dichtung ‚Urania‘, die heutzutage in aller Munde ist, mit Oranien — verwechselte dieses endlich mit dem reizenden Städtchen Oranienburg — dessen Bürgermeister zufällig — doch nein: der nach dem feinsinnigen Ratschluß der olympischen Tafelrunde heute seinen Geburtstag feiert, ausgesucht an dieser Stätte, und ...‘“

Hier unterbrach mich Frau Linas robustes Gelächter.