Verhaftet

Dies neue Religionsgespräch war eine der letzten Amtshandlungen des Rates Hegel. Mochte er nun dem Aufschwunge des Ortes und den immer verwickelteren Geschäften nicht gewachsen sein, oder mochten die Fritzenwalder die Wichtigtuerei dieses jungen Fritzen peinlich empfinden — genug, am ersten Juli trat er als durchgefallener Kandidat schmollend wieder in den Stand der Ruhe. In seinem Boote saß er nun mit der Angelrute, abends in einem Tanzlokal, wo er seinen Lieblingen zulächelte, gelegentlich sogar das berühmte Tanzbein schwang.

Im Amte war an seine Stelle nicht etwa der Klempnermeister Kuhlicke getreten, sondern Herr Kloß, dessen ganze Art durchaus anders war, als die des Vorgängers. Suchte dieser seinem großen Friedrich gleichzukommen, so schwärmte Kloß für Bismarck — und an Gestalt war er ihm nicht unähnlich. Eins freilich hatte Kloß an Bismarck auszusetzen — zu barsch sei er immer aufgetreten, während der Diplomat schmiegsam sein müsse, um sich keine Feinde zu machen.

Mich hat der Amtsvorsteher Kloß stets nach diesem Grundsatze behandelt. Es fiel ihm nicht ein, mir mit Scherereien zu kommen, und so ließ er der Interventionsklage meiner Frau ihren glatten Verlauf, ohne irgendwelche Einrede zu tun. Nicht einmal, daß meine Frau nach Cöpenick zitiert wurde — den Schwur besorgte Freund Bartels; er konnte bestätigen, sie habe das Mobiliar in die Ehe eingebracht. So mußten die Siegel des Amtes Friedrichshagen wieder abgenommen werden. Begegnete ich nun auf der Straße Herrn Amtsvorsteher Kloß, so zog er tief den Hut und blinzelte augurenhaft mit dem grauen Auge, als wolle er anerkennend sagen: „Bist ein Filou!“

Nun war’s wieder mal Herbst, und es zogen die Wildgänse. Vor einbrechender Dunkelheit kamen sie in keilförmigen Geschwadern über den weiten Kiefernforst. Auf den mit Wintersaat bestellten Äckern nördlich der Wuhlheide hatten sie tagsüber gegrast und kehrten abends zum Müggelsee zurück, um darauf zu übernachten. Da sie zu Hunderten dort schwammen und nicht viel Schlaf bedurften, so war in stillen Nächten ihr Geschnatter weithin vernehmbar. Im Morgengrauen ging es mit Geschrei wieder fliegend zur Weide. Beim Kommen und Gehen der Wandervögel hörte man das Gewehr des Försters knallen.

„Heute früh haben sie wieder arg auf Wildgänse gefeuert,“ sagte ich zu meiner Frau, als sie den Morgentee einschenkte. „Ja, nicht wahr?“ antwortete sie — „bei jedem Schuß gibt es mir einen Stich, und am liebsten möchte ich den Gänsen zurufen: Fliegt doch höher — daß euch die Schrotkörner nicht erreichen!“ — „So ist das Leben! Einer gönnts dem andern nicht. Haustier muß man sein, um geduldet zu werden. Eine zahme, dumme Watschelgans, die dem Herrn des Hofes ihre Federn ins Bett legt — ihre Jungen in die Bratpfanne. So was nennt sich Kultur! Regt sich aber irgendwo eine freie Schwinge, gleich geht’s piff paff.“ — „Ach, laß doch!“ wiederholte meine Frau — „der Morgen ist so unschuldig!“

„Das ist er eben nicht!“ entgegnete ich — und in diesem Moment, gleichsam wie gerufen, kam das Unheil — schrill ging die Flurklingel, und Schuftel, unser Terrier, der in der Küche war, begann ein grimmes Gekläff. „Der Briefträger!“ sagte meine Frau; Schuftel konnte ja keinen Uniform-Menschen leiden — eine Ausnahme machte nur der Geldbriefträger — und da behaupte einer, Tiere hätten keinen Verstand!

Gleich darauf trat Frau Pape zu uns ein, die haushälterische Stütze meiner Frau — sie meldete, der Amtsdiener Bolle wünsche mich zu sprechen. „Halten Sie den Hund in der Küche, machen Sie ihm zur Sicherheit den Maulkorb an — Herrn Bolle lassen Sie eintreten.“

Seinen Namen führte Bolle insofern mit Recht, als seine Statur, übrigens auch seine Nase, in die Breite geschwollen war wie jenes Knollengewächs. Gutmütig hätte man sein rundes Gesicht nennen können, wenn nicht das Mißtrauen des Philisters darin gezwinkert hätte. Als der Amtsdiener mit seiner schwarzen Aktenmappe eintrat, ließ seine verdrossene Miene erraten, daß er etwas Peinliches bringe. „Herr Dokta un Frau Doktan, nu is die Sache doch mies — Se wissen ja, von wejen den freireljeesen Unterricht — wo man die ville Strafe von Sie verlangt. Dadermit wird’s nu Ernst — un nu schickt mir der Herr Amtsvorsteha — un Se mechten so jut sind — un wenichstens mal wat zahlen. Ick soll zweedausend Märker infordern — wie det hier anjeordnet is. Aber der Herr Amtsvorsteher saacht: wenn’s ooch bloß hundert Märker wären, un Se zahlten die wenigstens — denn wäre doch der jute Wille erwiesen, un det jenüjte. Denn wissen Se, die Herren wollen bloß ihren Kopp durchsetzen — bloß ihren Kopp!“ — „Glaub’s schon,“ gab ich zur Antwort. „Ich habe aber auch einen Kopp — und Geld gibt’s keins — das habe ich doch schon längst mit aller Deutlichkeit erklärt.“

„Ja aber um Jottes Willen — denn soll ’ck Ihnen ja verhaften — saacht der Herr Amtsvorsteha — Jeld soll ’ck bringen oder Ihnen persönlich — saacht der Herr Amtsvorsteha.“ — „Ach so! Die Börse oder das Leben! Na also die Börse kriegen Se nich!“ — „Aber Herr Dokta, nee, nee! Kränken Se mir doch nich mit Ihre Ausdrucksweise. Ick bin doch keen Schinderhannes!“ — „Sie persönlich meine ich nicht, Herr Bolle, und natürlich auch nicht den Amtsvorsteher und die Herren Geheimräte vom Provinzial-Schulkollegium; das ganze System meine ich. Na, machen Se keine Leichenbittermiene, Bolle! Es handelt sich um keinen Beinbruch. Wenn Sie mich verhaften sollen, ich stehe zu Diensten. Aber erst lassen Sie mich in Ruhe meinen Tee trinken. Sie nehmen schon so lange Platz — wie? und frühstücken ein bißchen mit, Herr Bolle!“

Sein Gesicht wurde sonnig, da die Sache eine so gemütliche Wendung nahm. Meine Frau, die anfangs verdutzt dagestanden, zeigte Fassung. Und wie nun Frau Pape das Gedeck für den Amtsdiener aufgetragen hatte und jeder sich Tee mit Buttersemmel munden ließ, hatte die Szene bei aller Seltsamkeit etwas Anmutendes — zumal jetzt draußen das Kastanienlaub in der Morgensonne herbstgolden leuchtete. Zum Abschied küßte ich meine Frau und meinte zuversichtlich: „Ich werde mal mit dem Amtsvorsteher sprechen — vielleicht bin ich schon in einer Stunde wieder zurück.“

Tat also meinen Mantel um und ging mit Bolle aufs Amt. Der kluge Amtsvorsteher Kloß begrüßte mich mit seiner gewinnenden Höflichkeit. „Und nicht wahr, verehrter Herr Doktor? Sie schaffen den peinlichen Fall aus der Welt — und beweisen Ihren guten Willen .... Sollte Ihnen aber für heute oder morgen die Zahlung nicht passen — na gut, das macht nichts — ich berichte einfach an die Behörde, daß Sie willig sind — und wer weiß, ob sich damit nicht die ganze Geschichte in Wohlgefallen auflöst.“ Und die väterliche Güte, die aus dem Antlitz dieses Amtsvorstehers strahlte, war so verführerisch, daß ich an die Fabel vom Wanderer dachte, der sich seinen Mantel nicht vom Sturmwind abtrotzen, aber von der warmen Sonne abschmeicheln ließ.

Indessen bedeutete ich Herrn Kloß: „Sie meinen’s ja freundlich. Aber Sie könnten sich eigentlich selbst sagen, daß ich die Geschichte nicht angefangen habe, um bei der Entscheidung umzukippen. I bewahre! hier ist keine Spur von freiwilliger Unterwerfung. Nichts zahle ich, bin ganz und gar nicht willig.“ Mit einem Ausdruck von Fassungslosigkeit starrte er mich an, als zweifle er sacht an meinem Verstande. Nach einem Seufzer lächelte er süß, legte die Hand auf’s Herz und verbeugte sich: „Aber mein Verehrtester! Sie bringen mich in die peinlichste Verlegenheit — ich müßte Sie ja — bedenken Sie doch — verhaften müßte ich Sie! Tun Sie mir so was nicht an! Bedenken Sie auch, was Sie Ihrem Stande schuldig sind! Es geht doch nicht, daß Sie ins Gefängnis spazieren! So was macht man doch mit Geld ab! Und Sie haben ja nicht mal Kosten davon — die freireligiöse Gemeinde wird Sie schadlos halten, selbstverständlich! Also nicht wahr? machen wir’s so! Sie wollen nicht? wie? ab-so-lut — nicht? Ja, dann kann ich nicht helfen! nicht helfen!“ Und aufseufzend berührte er den Knopf der elektrischen Klingel.

Der Amtsdiener trat in strammer Haltung ein: „Bolle, der Herr ist Ihr Arrestant!“ Noch einen wehleidigen Blick gab mir der Amtsvorsteher mit auf den Weg und wimmerte: „Daß mir so was passieren muß — ausgerechnet mir!“ Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren: „Sie tun ja, als wären Sie der Arrestant!“ — „Oh! Lachen Sie nicht! oh!“ stöhnte der Amtsvorsteher. „Kennen Sie unser Gefängnis? Zu meinem Leidwesen sei’s gestanden, das ist verflucht unbequem!“

Ich wehrte mit der Hand ab: „Als ich Militärsoldat war, hab ich auf der Wachtstube eine harte Holzpritsche zum Schlummern gehabt — hab auf Manöver in Scheunen und Ställen gepennt — und beim nächtlichen Biwakieren war’s kalt und naß, war auch verflucht unangenehm. Und doch hab ich’s mit guter Laune hingenommen. Jetzt bin ich abermals Soldat und auf dem Manöver — es handelt sich gar um einen Dienst, den ich mir selbst, meinem Gewissen leiste — also los, Herr Bolle!“

„Noch eins, Herr Doktor! Sie können jederzeit wieder raus — sobald Sie mir erklären, daß Sie Zahlung leisten ... Nicht wahr, Sie kommen recht bald!“ Mich verbeugend, begegnete ich noch einmal seinem flehenden Blick; dann sagte er achselzuckend, verdrossen kalt: „Also, Bolle! Der Herr Doktor ist Ihr Arrestant — führen Sie ihn ab!“

Als ich mit dem Amtsdiener an der Kirche vorbeiging — damals war sie noch das altmodische Dorfkirchlein — und als wir in die Müggelstraße einbogen, war mir leicht zu Sinn. Die Sache war ja nun endlich entschieden und im reinen. Ich empfand etwas von der Neugierde eines Kindes, das vor dem Theatervorhang sitzt und sich ausmalt, was jetzt für seltsame Bilder und Geschicke kommen sollen. Als ich halblaut vor mich hinlachte, warf mir Bolle von der Seite einen verdutzten Blick zu. „Nu sagen Se bloß, Herr Dokta, wat soll nu werden! Ick muß Ihnen int Hotel inhaftieren. Wenn’t wenijstens int Vordahaus jinge, bei Onkel Pofken — aber nee, daderzu will der Herr Amtsvorsteha keene Erlaubnis nich erteilen — det kennte man ihn iebel nehmen.“ — „Was für ein Hotel und Vorderhaus meinen Sie denn?“ — „Na aber! Sie haben Ihnen noch nicht mal informiert über det Lokal, wo wir Ihnen unterbringen duhn? Nee so wat!“ — „Keine Ahnung!“ — „Und kennen woll noch nich mal den Preißischen Adler? Ach du meine Jiete! Det is doch der Jasthof von Onkel Pofken. Int Vordahaus is de Kneipe un der Jasthof jarnie — wenn mal Loschierjäste kommen. Ick un Onkel, wir wohnen selbstmurmelnd ooch int Vordahaus. Wat nu aber der Hof is, da ha’ mer so’n kleenen Bau — erst war et Waschkiche un Heiboden — aus die Waschkiche hat man die drei Arrestzellen jemacht — un det nennen se nu spaßhaft det Hotel. Oben uf’n Heiboden is de Herberje — wissen Se, fier reisende Sonnenbrieder un wat sonst keene bessere Penne berappen kann.“

„Ich komme also in eine der Arrestzellen? Und wer haust in den andern?“ — „Momentan keene Katze! Iberhaupt ha’ mer selten Arrestanten — meist bloß so’n Fechtbruda oder ne Tippelschickse, wo sich von den Schandarm hat fischen lassen.“ — „So! hm! Aber ich — Sie wissen doch, daß ich Anspruch auf Selbstbeköstigung habe?“ — „Aber feste! Mein Onkel, der Hoteljeh, liefert Sie, wat Küche un Keller halten.“ — „À la bonheur! Das Essen wird mir natürlich von meiner Frau geliefert — die gewohnte Hausmannskost, wissen Sie, ist immer das Bekömmlichste. Tee und Kaffee bereite ich mir auf dem Spirituskocher — na, und wenn ich dann erst gemütlich bei meinen Büchern sitze ...“ — „Sie wollen sich also richtig heislich inrichten?“ Und er schüttelte sorgenvoll sein Haupt mit der Amtsdienermütze.

„Gasthof zum Preußischen Adler“ stand an einem Häuschen, das im Erdgeschoß Kneipe war und darüber noch ein Stockwerk hatte. Vorn hinein gingen wir nicht, sondern durch die Tür eines Bretterzauns unmittelbar in den Hof. Zur Linken befand sich eine Kegelbahn, das Hinterhaus war offenbar besagtes „Hotel“, denn die drei Fenster des Erdgeschosses hatten Kerkersprossen. Davor lag ein ländlicher Düngerhaufen in einer Senkgrube, wo Hühner scharrten.

Bolle rasselte mit Schlüsseln, die er aus seiner Uniform geholt hatte, und öffnete die Gefängnistür. Wir traten in den schmalen Flur; rechter Hand lagen die drei Zellen, die mittelste schloß Bolle auf. Da war nun mein Heim: Ein weißgetünchter Raum, sehr unfreundlich, dumpfig und dunkel, dazu von ungewöhnlicher Enge — neben dem Backsteinofen hatte eine Pritsche nebst einem Stuhle noch eben Platz. Bolle sah die Unzufriedenheit in meiner Miene. „Ha’ck Ihnen nich jesaacht? Wat dise drei Zellen sin, uf die war nich det Bibelwort jeminzt: Hier is jut sind, hier laßt uns Hütten baun. Un ick bleibe dabei, Herr Dokta — duhn Se, wat der Herr Amtsvorsteha Sie jeraten hat — zahlen Se den Schwindel, fort mit Schaden! un wir sin die faule Jeschichte los. Sonst nimmt die keen jutet Ende nich.“ — „Wieso?“ fragte ich verdutzt. — „Aber, Herr Dokter, selbstmurmelnd! Die Politik liecht doch nah — uf so ne Sache sin mir doch nich injericht — dafier is doch unser Hotel nich komfortabel! Det liecht ebens dadran, det wir hier ne andre Art von Vapackung haben!“ — „Das sehe ich,“ bemerkte ich unwirsch — „aber diese Verpackung lasse ich mir nicht zumuten!“

Nun sah Bolle vollends ratlos aus: „Na da ha’ mer ja de Bescherung! Nu wird’s Tach in de Bodenluke! Aber, Herr Dokta, duhn Se mich bloß den eenzichsten Jefallen un — un — schlagen Se keenen Lärm nich von wejen de Lokalletät! Schließlich kommt et noch dahin, det unser Jemeindeamt een neiet Jefängnis bauen muß.“ — „Muß es auch!“ trotzte ich — „hier fehlt ja jede sanitäre Fürsorge!“ — Bolle’s Mienenspiel drückte hilflosen Mißmut aus: „Ja Sie, det sagen Sie! Aber ick jebe Sie den juten Rat: wenn Se sich hier durchaus heislich niederlassen wollen, jut! Wir werden Sie die Haft so behaachlich wie meechlich machen. Aber man bloß keenen effentlichen Lärm nich schlagen — bloß nischt in de Presse bringen! saacht der Amtsvorsteha! — Ick muß Ihnen jetzt einsam lassen, Herr Dokta! Aber nu vasprechen Se mich det — nehmen Se Rücksicht, un so weiter!“

Seine Eröffnungen kamen mir gelegen, diese Verhältnisse ließen sich dazu benutzen, meine Haft zu erleichtern. „Will mir’s überlegen,“ antwortete ich. — „Ja, duhn Se det! ick vertraue uf Ihre Bildung! Na, un wenn Se wat winschen — oder wenn Se in Freiheit jelangen mechten — denn rufen Se man aus et Fenster — int Vordahaus is immer wer, wo Ihnen heert.“ — „Gibt es hier keine Klingel?“ Er lächelte über meine Naivetät. — „Aber wenn nu bei Nacht ... wenn zum Beispiel Feuer ausbricht ...“ — „Hier bricht keen Feia aus! Zu Ihre Sicherheit aber bleibt Ihre Türe nach’n Korridor uff — un draußen steht ’n Emmer — un fier det Feia ’n jroßer Kruch mit Wassa ... Haben Se man keene Bange! Ma sin’ ja nich in Rußland! Aber nu muß ’ck fiers erste jehn — adchee also, Herr Dokta, adchee!“

Er ging, klappte die Tür zum Korridor zu — dann hörte ich, wie die rasselnden Schlüssel die Haupttür verschlossen. Ich war allein — nachdenklich saß ich auf meiner Pritsche.