Vom Löweneckerchen
Mit Entzücken lauschte ich — zurückgelehnt in den molligen Ufersand, so daß mir Halme die Schläfen umschmeichelten. Ich lausche der Lerche, die bei ihrem Taumeln durch den Äther vom Ostwind herübergetrieben wurde. Nicht mehr über dem Forsthaus-Acker stand sie, sondern senkrecht über mir. Deutlich sah ich ihre Flügelchen den Takt wirbeln zum Trillern der kleinen Kehle; die sprudelte wie ein singender Quell.
Einen schönen Namen, Lerche, haben dir die Lateiner gegeben: Alauda — das heißt: „Lobe aufwärts!“ Dieselbe Bedeutung hat wohl auch dein deutscher Name. Meine niedersächsischen Landsleute nennen dich Lewerken, Löwarke oder Lauberchen, und ich denke, das soll heißen: „Loberchen“. In Hessen sagt man „Löweneckerchen“.
Dies Wort hat nichts zu tun mit dem König der Wüste. Allerdings erzählt das hessische Märchen von einem Löweneckerchen, das, auf der Spitze eines Baumes trillernd, von einem Löwen bewacht wird; indessen ist hier der Löwe kein Raubtier, sondern ein verzauberter Königssohn ...
Doch zunächst wäre ja wohl der Anfang der Geschichte zu berichten. Also: es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor, und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. Da begehrte die Älteste Perlen, die Zweite Diamanten, die Jüngste aber sprach: „Ach lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes, springendes Löweneckerchen!“
Mit dieser Tochter nun bin ich, der Chronist, von Herzen einverstanden, wie ich es überhaupt in den Märchen alleweil mit der dritten Tochter halte, ebenso mit dem jüngsten Königssohne — die Jüngsten sind des Märchens Lieblinge (wohl weil sie noch ihre Kindlichkeit haben). Auch ich bin von Kindesbeinen an dem singenden, springenden Löweneckerchen überaus hold gewesen.
Vom Löwen, wenn es nicht gerade ein verwunschener Königssohn ist, halt’ ich nicht viel und gebe mich lieber der Vermutung hin: das Löweneckerchen hat seinen Namen von: Loben Äckerchen — weil es lobt sein Äckerchen. Das Äckerchen, dem solch trillerndes Loben behagt, läßt dafür seine Pflanzenkinder hübsch gedeihen: Zum Mittsommerfeste wimmeln die blonden Ähren im Reigen, und Junker Mohn im roten Staatsrock führt zum Tanze Jungfer Kornblum mit dem Krinolinenkleid aus blauer Seide. Während dann Löweneckerchen droben trillert, lauscht von der Ackerscholle sein Weibchen empor. Im Halmenneste brütet es; da platzen die graugesprenkelten Hüllen, und aus jeder schlüpft ein neues Löweneckerchen — wenn es auch nicht gleich so singen und springen kann wie Väterchen in blauer Himmelsaue.
Nun soll ich wohl noch mehr verraten vom Märchen, das so spannend anhebt? Aber haltet euch lieber an die Brüder Grimm, die so manche schöne Heimlichkeit dem Volksmunde abgelauscht haben; dort kann man die Geschichte lesen.
Meinerseits habe ich vom Löweneckerchen nur aus dem Grunde angefangen, weil es sozusagen in meinem Herzen ein Nest hat, also zu den Wunderlichkeiten des Mannes gehört, der dies Gedenkbuch schreibt und dabei von seinem Vogel ähnlich beeinflußt wird, wie der Acker vom Lerchenliede.
Nach allem, was ich berichtet habe, wird es nicht wunder nehmen, daß der fliegende Sänger, der am Seegestade über mir trillerte, allmählich niedersank, bis er kurz über meinem Kopfe verstummte und sich fallen ließ. Gerade in meinen offenen Mund hinein. Das war ja nun keine Taube, wie sie den Bewohnern des Schlaraffenlandes gebraten ins Maul fliegt, kam mir aber nicht minder alltäglich und selbstverständlich vor. In mich hinein gehörte ja mein Vogel. Ich fühlte denn auch, daß er sofort in mein Herz geschlüpft war und nun ruhig brütend da saß ...
Doch ich wittere, daß meine Leser unruhig geworden. Auf natürliche Weise geht es nach ihrer Ansicht nicht zu, daß in einem Menschenherzen ein Vogel nistet. Drum muß ich wohl noch etliche Züge verraten aus der Naturgeschichte meines singenden, springenden Löweneckerchens.
Daß ich solch ein Ding beherberge, stellte sich zum ersten Male heraus, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Ich fand es noch nicht unter meiner Würde, auf einem hochbeinigen Stühlchen zu thronen, — vorn hatte es eine Schranke, um Kindchen vor dem Hinuntergleiten zu bewahren und zugleich als eine Art Tisch zu dienen für Spielzeug oder Blechbecherlein.
In diesem Käfigstühlchen also saß ich am Familientisch bei Vater, Mutter, Bruder. Neben der Kaffeekanne, über die eine gemütliche Wollmütze zum Warmhalten gestülpt war, lagen im Gebäckkorbe Martinihörnchen. So nannten wir Magdeburger ein Gebäck in Form eines Hornes oder richtiger Hufeisens, von alters her am Tage Martini gebacken, zu Ehren eines Heiligen, der — wie ich später erfuhr — nichts Geringeres ist als der höchste Gott der alten Deutschen; wegen seines martialischen Berufes ist er dann von den christlichen Priestern zum heiligen Martin umgedeutet worden, der ein Reitersmann gewesen wie Wotan und bis in unsre Zeit in Gestalt jener Martinihörnchen einen Bezug auf das Hufeisen des Wotanrosses bewahrt hat.
Während mir mein Martinihörnchen mundete, blickte mein Vater träumerisch durchs Fenster und sagte auf einmal lebhaft: „Da kommt Sankt Martin auf dem Schimmel geritten!“ Diese Redensart wandte der Volksmund an, wenn am Martinstage, der in den November fällt, Schneeflocken stöbern.
Hier regte sich auf einmal mein singendes, springendes Löweneckerchen: Ich sah nicht bloß die Flocken, die draußen vom grauen Himmel in den engen Hof des städtischen Mietshauses wirbelten, sondern sah in leibhaftiger Wahrheit ein weißes Roß und den rotbärtigen Reiter mit Schlapphut und Mantel, schwertumgürtet — so wie ich Sankt Martin aus einem Bilderbuche kannte. Gleich darauf war er vorübergesprengt, und nun war alles wieder wie sonst: eine bekalkte Wand, ein Ziegeldach, eine blecherne Dachrinne. „Hast du gesehen?“ fragte mein Vater geheimnisvoll, ich nickte sprachlos.
Noch ganz erfüllt von dem Abenteuer, tat ich in der Küche unserm Dienstmädchen Bericht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, und wie ich nunmehr behauptete, ganz deutlich hätte sich der Schimmel vor der Dachrinne gebäumt und hui, einen gewaltigen Satz übers Dach gemacht, da lachte mir Marie ins Gesicht und tippte mit dem Finger auf ihre Stirn: „Junge, du hast’n Vogel!“
Damals merkte ich, daß es eine Mißachtung sein soll, wenn gewöhnliche Leute so was von jemand sagen. Als ich in die Schule ging, wendeten meine Mitschüler des öfteren diese Unhöflichkeit an, und ich sprach sie gelegentlich wohl nach, obwohl mir die Ahnung schon dämmerte, daß solch ein Vogel manchmal eine Gottesgabe ist, die einer, so sich drauf versteht, lieber mag als Perlen und Diamanten.
Unser Hauswirt, der einen Ladenhandel mit Kolonialwaren hatte, vergnügte sich an einer Landwirtschaft im kleinen; auf seinem Hofe gab es Tauben, Hühner, sogar einen Ziegenstall, und die Ziege war meine Freundin. Einst las ich ihr aus meinem Märchenbuche vom Wolf und den sieben jungen Geißlein vor, während sie gemütlich aus ihrer Raufe knupperte — es war ihr Leckerbissen, grüne Erbsenstauden, daran hingen sogar noch etliche Schoten. Auf einmal hinter mir höhnisches Lachen, und August, der Sohn des Hauswirtes, machte die bekannte Gebärde: „Du hast’n Vogel!“ Damals war ich dumm genug, mich darob zu schämen. Es dauerte aber nicht lange, so ging mir ein Licht auf.
August, dem ich mein Märchenbuch anpries, wurde neugierig, und ich lieh es ihm. Als ich etwas später fragte, wie ihm das Buch gefalle, meinte er gleichgültig, er habe bloß darin geblättert. Bald darauf brachte er mir das Buch zurück und sah mich mit einem Blicke an, kalt wie eine Hundeschnauze: „Is ja allens jelogen!“
Gelogen? Verdutzt war ich, ganz bestürzt. Meine lieben Märchen und gelogen? Lügen ist doch was Häßliches, Niedriges; meine Märchen aber sind schöne, edle Prinzessinnen! Ich fühlte, wie ich bei ihnen ordentlich was Besseres wurde. Nun aber August! Spürte er denn gar nichts von all der Herrlichkeit? Nein, wie dumm!
Aha! jetzt wußte ich auf einmal, was mir im Herzen nistete; und ich sprach zu August: „Du sagst immer, ich habe ’nen Vogel. Hab’ ich auch! Aber weißt du, was für einer das ist? Ein singendes, springendes Löweneckerchen! Dein Vogel — na ja, der muß wohl ganz was andres sein!“ — „Meiner?“ entgegnete August dummstolz — „ick habe keenen Vogel!“ — „Es hat jeder seinen!“ gab ich zurück.
Und an dieser Überzeugung hab’ ich festgehalten. Ich behaupte auch jetzt noch: jeder hat seinen! Nur freilich merkt es nicht jeder — oder ist nicht ehrlich genug, es einzugestehen. Schämt sich seines Vogels — und mag in diesem Gefühl nicht immer ganz unrecht haben.
„Aber was soll der Vogel?“ fragt ungeduldig, wenn nicht gar pikiert mancher Leser. „Was hat der Vogel mit der Chronik zu tun, um die es sich hier handelt? Von der seltsamen Gefangenschaft will ich hören!“ — Gemach! Eins nach dem andern! Ein gewissenhafter Chronist greift an die Wurzeln der Dinge und entwickelt daraus die ganze Geschichte. Um es rund herauszusagen: Der Vogel war’s, der mich in mein Gefängnis zum Preußischen Adler brachte; mit seinen Launen hat er alles heraufbeschworen. Ich meine freilich nicht bloß meinen Vogel, sondern zugleich den Vogel andrer Leute. Ich meine die Vogelhaftigkeit unsres guten Vaterlandes Schilda, — und ich meine letzten Endes die Vogelhaftigkeit des Weltalls. Weil also die Naturgeschichte des Vogels durchaus zur Sache gehört, so darf ich wohl noch ein bißchen davon plaudern. Aus dem Kapitel meiner Kindheit, das nun einmal aufgeblättert ist, teile ich zwei weitere Erlebnisse mit. Sie sollen dartun, was für ein launischer Kauz der Vogel des Verfassers ist. Man muß beizeiten wissen, was man von ihm zu erwarten hat.
Wenn ich an Sommersonntagen mit meinen Eltern nach dem Dörfchen Krakau spaziert war, wo man in einem Garten an der Elbe Kaffee trank, wenn wir dann bei Sonnenuntergang nach der Stadt heimkehrten, kamen wir vor Eintritt in den Festungsgürtel an einem Häuschen vorbei, das von der Landstraße zurückgezogen in einem Obst- und Blumengarten lag. An seiner Mauer blühten Rosen und Malven, zum traulichen Giebelfenster hinan rankte Wein mit richtigen Trauben. Was mich am allermeisten entzückte, war das rote Gleißen der Fensterscheiben. „Mit diesem Haus muß es eine abenteuerliche Bewandtnis haben, weil doch Gold und Purpur aus seinem Innern strahlt, und weil mir dann immer ein süßes Klingen im Herzen anhebt. Da muß eine Fee hausen!“ Diese Vermutung hatte ich dem August nicht verhohlen. Er trat an einem Ferientage zu mir: „Kommste mit? Vater hat jeschäftlich zu duhn — un weißte wo? Da, wo deine Fee haust!“ Natürlich war ich bereit und war höchst gespannt.
Diesmal aber machte das rätselhafte Haus einen völlig andern Eindruck — schon deshalb, weil wir keine Abendsonne, sondern nebeliges Herbstwetter hatten. Blätterlos hing das Gerank am Giebel, hinter trüben Fenstern lauerte es unheimlich. Der Besitzer des Hauses kam uns entgegen, ein hagerer, ältlicher Mann in Schlafrock und Wollmütze. Er hatte stechend schwarze Augen und einen pfeifenden Atem. Augusts Vater zog tief seinen Hut, und auch August benahm sich unterwürfig vor dem Mann. Es hieß, wir dürften uns im Garten umsehn, und Augusts Vater ging mit dem Manne ins Haus. Im Garten war ja nun diesmal nichts Hübsches — die Obstbäume standen kahl, welk lag unten das Laub, die Himbeersträucher häkelten mit ihren Dornen, auf den Beeten moderten die Strunke abgeschnittener Kohlhäupter. Ich fühlte mich erleichtert, als Augusts Vater wiederkam. Und dann gingen wir.
„Was ist das für einer?“ fragte ich scheu. Verächtlich lautete die Antwort: „Der Olle? Ein Halsabschneider!“ Es überlief mich kalt, und ich dachte zuerst an einen Menschenfresser, wie sie im Märchen vorkommen. Dann zog ich in Erwägung, daß August, der später die Handlung seines Vaters übernehmen wollte, den Ausdruck wohl im kaufmännischen Sinne meinte, und so viel wußte ich ja bereits, daß ein Halsabschneider ein böser Mensch war. „Aber warum habt ihr dann solche Bücklinge vor ihm gemacht?“ — August zuckte die Achsel: „Jeschäft is Jeschäft!“
Bedrückt schwieg ich, und damals in meiner ärgerlichen Enttäuschung war ich schlecht auf meinen Vogel zu sprechen, der mir vorgefaselt hatte, das Haus sei ein Feenschloß. Doch der Vogel verteidigte sich: „Kann etwa das Haus dafür, daß einer drin wohnt, dem sie Garstiges nachsagen? Jedenfalls sind die Blumen und Weinranken im Sommer wundervoll, und der Goldglanz, der zuweilen aus der Giebelstube strahlt, er ist und bleibt feenhaft, mögen auch die Leute sagen, es sei ja bloß die Abendsonne.“ Und wieder zufrieden war ich: „Schon recht, mein singendes, springendes Löweneckerchen!“
Voll ernster Bedenken schüttelte mancher den Kopf, als Löweneckerchen folgendes anstiftete: Unser Dienstmädchen hatte von meiner Mutter Urlaub bekommen, um ihrem bäuerlichen Vater bei der Getreideernte zu helfen, und da meine Sommerferien waren, durfte ich mit in das Ackerbürgerstädtchen. Bald war ich mit den Bauerjungen bekannt genug, um sie aufs Feld zu begleiten oder abends zur Pferdeschwemme. Einmal umschwärmten sie einen betrunkenen Mann und johlten:
„Allzuviel is unjesund,
Jakade is ’n Schweinehund!“
Etliche Tage später ging das Gerücht, Jakade, in ewigem Hader mit seiner Frau, habe sich aufgehängt — wo, wisse man freilich nicht. Mit einem Trupp Jungen kehrte ich von einem Nachbardorfe zurück, und da wir an einem Kiefernwäldchen vorbeikamen, das sie den Hankebusch nannten, streiften wir hinein, nach Pfefferlingen zu suchen. Es dämmerte schon und war lauschig still. Meine Aufmerksamkeit wurde durch eine dunkle Masse im Wipfel einer Kiefer gefesselt, und obwohl das nichts anderes war als ein sogenannter Hexenbesen, täuschte mich die Ähnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt, und ich platzte heraus: „Da hängt Jakade!“ Wie eine scheue Schafherde rannten auf einmal die Jungen aus dem unheimlichen Hankebusch, ich ihnen nach. Auf der Landstraße wollte jeder den Jakade deutlich erkannt haben, es hieß sogar, sein Gesicht sei ganz blau und gelb gewesen.
Kaum waren wir im Ackerstädtchen angelangt, so flog auch unsere Botschaft hindurch: „Jakade hängt im Hankebusch!“ Als wir zu Mariens Vater kamen, der vorm Häuschen auf der Bank sein Pfeifchen schmauchte, hatte er schon gehört und fragte die Jungen, die bei mir waren: „Wer hät denn nu Jakaden jesiehn?“ — „Der da!“ antworteten sie und zeigten auf mich. — „Is dat woahr?“ fragte der Landmann, und sein blaues Auge spähte so durchdringend, daß ich meinte, er müsse in meinem Innern den Vogel entdecken, an dem ich litt. „Oder is et jelogen?“ fuhr er streng fort. Und nun fiel mir diese scharfe Unterscheidung aufs Herz: Wahr oder gelogen! — Ja, gab es denn nicht wenigstens ein Drittes? — Kleinlaut klang meine Antwort: „Ich weiß nicht! Ich dachte: da hängt einer! Und die andern haben ihn doch auch gesehen; sie sagten, er wäre ganz blau und gelb im Gesicht.“ — „War’s denn nu wirklich Jakade?“ Verlegen sah ich mich um und schwieg. Der Landmann sagte weiter nichts als „hm“ — und paffte seine Pfeife.
Als ich andern Tags durch das Städtchen ging, zeigte man auf mich, und ich hörte sagen: „Dä is dat — mit Jakaden!“ Und auf einmal kam der totgesagte Jakade, wieder angesäuselt, aus einem Hause auf mich losgetorkelt. Er drohte mit einem Stock: „Vafluchtijer Bengel, wat häst du jesacht?“ — Es traf sich gut, daß meine Ferien zu Ende waren, sonst hätte dieser Jakade mich noch erwischt und am Verleumder ein Strafgericht vollzogen. Da hatte ich nun den greifbaren Beweis, wie wenig Verlaß auf meinen Vogel war.
Merkwürdig freilich, daß ein Jahr darauf Marie aus einem Briefe vorlas: „Nu haben se den Jakade wirklich mit eenen Strick um den Hals dot jefunden.“ — „Na ja!“ wird der kritische Leser sagen, „Zufall, weiter nichts! Jedenfalls läßt sich nicht abstreiten, daß dieser Vogel, wenn er solche Geschichten macht, ein zweideutiges Viech ist.“
Zweideutig? Der Vogel hat allerdings manchmal seine Mucken. Ich glaube bemerkt zu haben, daß es nicht gleichgültig ist, an welcher Stelle meines Innern er sitzt.
Manchmal sitzt er mir auf den Lippen und schnarrt wie ein Starmatz — das kribbelt dann so, man muß lachen, muß rasch die Lippen bewegen, — und so gibt es zuweilen ein Geschwätz, aus dem man hinterher selber nicht mehr klug wird. Auf den Lippen saß er mir gewiß damals, als ich den Jakade hängen sah.
Des weiteren kann er auch im Kopfe sitzen, dann pfeift er hell und scharf wie ein geschulter Dompfaff. Dabei ist einem zumute, als hätte man eine Prise genommen und sich den Verstand so recht klar geniest.
Drittens nistet er, wie schon gesagt, im Herzen. Dann ist es voller Sonne, die ganze Welt möchte man lieb haben — wie damals, als ich der Ziege vorlas und das goldige Feenschloß erschaute.
So recht frei aber fühle ich mich, wenn mein Löweneckerchen das Allerschönste tut, wozu es der Himmel berufen: wenn es den blauen Äther durchdringt und durchklingt. Ganz hingegeben sind mir dann Ohr und Auge, Haupt und Herz; und was Menschenlippen nie singen und sagen, hier tönts wie fühlende Flöten und Geigen — als habe sich Korn und Blumenwiese, Wipfelwogen und Wellenspiel, als habe sich die ganze Sommerwelt mit all ihrer Sonnenliebe und Lebenstrunkenheit zusammengefunden in dem einen jauchzenden Seelchen, dem flatternden Punkte droben.