Fußnoten

[1] Astronomisch gebildete Leser werden sofort wissen, um welchen Kometen es sich handelt, wenn wir ihnen nachstehende Elemente nennen:

Als beinahe überflüssig könnten wir noch hinzufügen, daß die Entfernung des Kometen im Aphelium 421.02, seine halbe große Achse 208, seine Exzentrizität 0.9951 beträgt und daß seine Bewegung rückläufig ist.


Erstes Kapitel.
Erste Begegnung des Kometen mit der Erde.

Es mag im Jahre Sechshundertelftausendundneunundachtzig vor Christi Geburt gewesen sein, als der große Komet, der von den Bewohnern des Saturn schon fast seit hundertundvierzigtausend Jahren beobachtet worden war, einen winzigen Planeten entdeckte, der gegen achthundertmal kleiner war als der, den wir soeben genannt haben. Der neue Planet machte einen recht armseligen Eindruck: eine kleine Kugel, die sich ziemlich unbeholfen um sich selbst drehte, und die in dicke Rauchwolken eingehüllt war, welche von furchtbaren geologischen und atmosphärischen Umwälzungen, die sich in ihrem Inneren vollzogen, Kunde gaben. Für Menschen war sie gänzlich unbewohnbar.

Der Komet, dessen Schweif nicht weniger als vierzig Millionen Meilen Länge besaß, dessen noch nicht fester Kern fünftausendvierhundert Meilen im Durchmesser maß und dessen Strahlen sich auf vierhundertsechsundachtzigtausend Meilen Ausdehnung in der Breite erstreckten – heutzutage sind seine Dimensionen nur halb so groß, als sie damals waren –, der Komet, der sich bisher höchstens mit den Monden des Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun befaßt hatte und der immer nur unter der vornehmsten Gesellschaft des Firmaments umhergestreift war, sah sich beim Anblick unseres kleinen irdischen Gestirns seltsam und fast unangenehm überrascht.

Wenn sich auch unser Held der unendlichen Mannigfaltigkeit der Schöpfung bewußt war, so hatte er sich doch niemals vorstellen können, daß es auch solch kleine Weltkörper geben könnte. Er mußte unsere Erde mehrmals ansehen, bevor er seinen Augen glauben wollte, und erst, als er sich überzeugt hatte, daß jede Täuschung ausgeschlossen sei, ließ er sich herab, von dem Dasein der neuen Weltkugel Kenntnis zu nehmen. Die niedrige Stellung, die diese unter den Gestirnen des Himmels einnahm, erschien in den Augen des Kometen noch geringer. Indem er sich in seine kometarische Majestät hüllte, flog er stolz an dem kleinen neuen Sprößling der Schöpfung vorüber, wobei er den Kopf abwandte. Seinen strahlenden Schweif aufrichtend, nahm er dann seinen alten Weg wieder auf, um stolz seinen glänzenden Flug durch die Tiefen des Weltalls fortzusetzen.

So gehen – leider nur zu oft in der Welt – die Großen an den Kleinen, die Mächtigen an den Schwachen vorüber. In ihrem Hochmut erkennen sie den Wert des Kleinen nicht und ihre Verblendung macht sie ungerecht. Als ob Geschöpfe, denen Schönheit und Anmut abgeht, nicht auch Kinder derselben Natur wie sie und Glieder derselben großen Familie wären!

Man muß indessen zugeben, daß unsere Erde für diejenigen, die sich über ihre Bedeutung in keiner Täuschung befinden, wie wir, eine recht kleine Welt ist. Unser Patriotismus für unsere »Mutter Erde«, so berechtigt er auch an sich sein mag, läßt sie uns größer und bedeutender erscheinen, als sie es in der Tat ist, und die Wanderer, die den Himmelsraum durchfliegen, mögen es durchaus nicht begreifen können, daß wir davon so viel Wesens machen.

Der Komet, einer der schönsten, wenn nicht überhaupt der schönste unseres gesamten Sonnensystems, kommt nicht näher an die Sonne als die Erde heran: Zwanzig Millionen Meilen. In seiner Bahn beschreibt er eine Ellipse, und sobald er in die Gegend kommt, in der wir uns befinden, kehrt er in einem großen Halbkreise wieder um. Mit einer Schnelligkeit von vierhundert Meilen in der Minute eilt der himmlische Wanderer zu den Grenzen des Sonnensystems und kreuzt dabei die Bahnen sämtlicher darin kreisender Welten. Als ob es ihm leid tue, sich von der Sonne mit ihrer leuchtenden Krone entfernen zu müssen, verlangsamt er seinen Flug, je weiter er sich von ihr entfernt. Bis auf acht Milliarden dreihundertundsiebzehn Millionen Meilen Entfernung von der Sonne führt ihn seine Wanderung; soviel beträgt sein Aphelium, seine Sonnenferne. In diesen unfaßbaren Tiefen des Weltenraumes hat sich seine Schnelligkeit sehr verringert, und sie ist nicht mehr größer als die des Windes, das heißt, einige Meter in der Sekunde. Seine Kurve schließt sich jetzt von neuem, und er kehrt zu dem leuchtenden Tagesgestirn zurück, dessen Scheibe in dieser ungeheuren Entfernung allmählich so an Größe abgenommen hat, daß sie nur noch als ein kleiner Stern zu erkennen ist. Aus dieser erschreckenden Entfernung noch ruft ihn die Sonne, und der Komet hört ihre Stimme. Er wendet sich um und von seinen Polhöhen aus stürzt er sich auf die Sonnenbahn, wobei er es sorgfältig vermeidet, zu nahe an Jupiter und Saturn heranzukommen. Seine Schnelligkeit vergrößert sich zusehends, sie wächst und wird ungeheuer, heiß und gewaltig wie das Verlangen, und von neuem fliegt er der Sonne zu, die auf alle Planeten solch wunderbare Anziehung ausübt. Nach einer Reise von fünfzehnhundert Jahren erreicht er wieder sein Perihelium, seine Sonnennähe. Sein leuchtender Schweif, der immer blasser geworden war, je weiter sich der Komet von der Sonne entfernte, und der schließlich vollständig verschwunden war, kommt wieder zum Vorschein und wächst in dem Maße, in dem sich der Komet dem Mittelpunkt der Sphäre nähert. Seine Gestalt nimmt an Umfang zu, ebenso sein Schweif an Pracht und Glanz. Es ist gleichsam so, als ob ein hoher irdischer Würdenträger vor seinen Herrscher treten soll und zu diesem Behufe seine mit Gold und Edelsteinen reich geschmückten Festkleider anlegt. Der Komet hat das Gebiet der Königin des Lichtes betreten, und vor den erstaunten Augen entfaltet er majestätisch die Reize seiner Schönheit und seiner prächtigen Gewandung.

Als im Jahre Sechshundertachttausend­einhundertvierundzwanzig vor Christi Geburt das leuchtende Gestirn auf seiner Wanderung wiederum in die Gegend kam, in der sich unsere Erde bewegt, wurde seine Aufmerksamkeit von neuem auf diesen kleinen meergrünen Ball gelenkt, und es gewann es nicht mehr über sich, ihn unbeachtet zu lassen. Große Personen interessieren sich ja oft für Kinder, und auch der Komet hielt es nicht unter seiner Würde, Beobachtungen über die Erde anzustellen; er wollte gern wissen, bis zu welchem Grade sich auf solch unscheinbarer Kugel wohl das Leben entwickeln könnte.

Es traf sich insofern recht gut, als gerade damals der Komet ein volles Jahr lang in Sicht der Erde blieb und eine vorteilhafte Stellung für ihre Beobachtung einnahm; aber dies vermochte ihn doch nicht von der entgegengesetzten Richtung seines Umlaufs abwendig zu machen, die ihn wieder fortführte.

Anstatt wie alle Planeten und fast alle Begleitsterne unseres Sonnensystems sich von Osten nach Westen zu bewegen, bewegt sich unser Komet von Westen nach Osten, also gerade entgegengesetzt. Diese konträre Bewegung machte die Beobachtung zwar schwieriger, aber gerade dadurch wurde sein Forschungseifer noch mehr angespornt, und während der zwölf Monate, während deren die Erde in seinem Gesichtsfelde blieb, ließ er keinen Tag und keine Nacht unbenutzt für seine Beobachtungen vorübergehen.

Was er bereits vorher geahnt hatte, fand er jetzt bestätigt, nämlich, daß dieser kleine Sproß von einer Welt für vernunftbegabte Wesen noch unbewohnbar war. Langsam drehte sich der Weltkörper um sich selbst; der Wechsel von Tag und Nacht brachte auf ihm keine Wirkung hervor, denn die ungeheure Hitze, die er aus seinem Innern ausstrahlte, war um vieles größer als die, die er von der Sonne empfing. Übrigens würden auch die Nebel, die Gase und die Rauchwolken, die ihn einhüllten, den Sonnenstrahlen gar keinen Zutritt gewährt haben. Je mehr sich der Komet der irdischen Welt näherte, desto größere Mühe gab er sich, die Beschaffenheit ihrer Oberfläche zu erkennen; aber da er eine solch armselige Welt noch nie gesehen hatte und sich darüber nicht klar zu werden vermochte, welchem Zwecke ein solch dürftig ausgestatteter Planet wohl dienen könnte, wartete er, bis ein lichter Punkt in der Atmosphäre den Sonnenstrahlen erlauben würde, hindurchzudringen, um den Schauplatz einigermaßen zu beleuchten. Das traf endlich zur Zeit der Sonnenwende ein. War es aber die Winter- oder die Sommersonnenwende? Die Geschichte berichtet hierüber um so weniger, als es in jenen entlegenen Zeiträumen noch keine Jahreszeiten auf der Erde gab, und als es infolge der großen Eigenhitze der Erde sozusagen im tiefsten Winter ebenso heiß war wie im vollsten Sommer. Gleichviel an welchem Tage es gewesen sein mag, der Komet mußte vor Erstaunen fast aufschreien, als er endlich die Oberfläche der Erde deutlich unterscheiden konnte.

»Eine Welt von Muscheln!« rief er.

Er hatte sich nicht getäuscht. Die Erde befand sich damals in dem Stadium ihrer Entwicklung, das man als Sekundärzeit bezeichnet; die Triasformen bildeten sich, und es war die Zeit der Muschelkalkformation. –

Einige Millionen Jahre vorher hatte sich die Erde, die damals eine noch ganz flüssige Kugel war, allmählich abgekühlt, und große Wasserbäche waren auf sie herniedergestürzt; der Rauch, die Gase, die Wolken, die von der Erde aufstiegen, gingen die verschiedenartigsten Verbindungen miteinander ein und hinterließen ihre Spuren auf der noch glühenden und unfesten Kugel. Gewaltige Umwälzungen erschütterten die in stetem Aufruhr befindlichen Fundamente der neugeschaffenen Welt, und furchtbares Toben und Brausen ließen das aufgeregte feurige Erdinnere nicht zur Ruhe kommen. Der Gewalt des in unausgesetzter Tätigkeit befindlichen Feuerherdes fiel die ganze Erdkugel zum Opfer. In diesem riesigen Laboratorium hat die Natur die chemischen Gemische vorbereitet, aus denen die feuerspeienden Berge, die Lava-Eruptionen, die aus der Erde aufsteigenden heißen Quellen usw. hervorgegangen sind. In derselben Weise, wie man im Schmelztiegel auf geschmolzenem Blei, das im Begriff ist, zu erkalten, sich ein Häutchen bilden sieht, bildete sich um den Erdball eine Kruste, und die beständigen Zuckungen ließen allmählich nach.

Auf diese Entwicklungsperiode – die Primärzeit – während der es auf der Erde noch kein lebendes Wesen, weder Tier noch Pflanze, gab, folgte eine Übergangszeit, die so weit zurück liegt und so ungeheuer lange dauerte, daß kein menschlicher Geist sich von ihr eine Vorstellung machen kann. In dieser Periode war es, daß sich die ersten Keime zur Bildung lebender Wesen gestalteten, und unter unablässigen Wallungen und Änderungen der immer noch nicht erstarrten Erdoberfläche erschienen die ersten Pflanzen: Algen und Seetang, und auch auf dem Grunde des Meeres zeigten sich die ersten lebenden Gebilde: Korallen und Polypen.

Noch später überzogen sich die Sümpfe der Urzeit mit einer endlosen Pflanzendecke, und mit ihr hatte das Reich der Pflanzen seine glänzende und prächtige Herrschaft angetreten. Als erster Regent des Erdballs entfaltete es all seine Reichtümer und Schätze, und die Erde sah keine Zeit mehr wiederkehren, in der sie eine solche Fülle pflanzlicher Formen und Gestalten bevölkerte. Es waren Pflanzen von höchst einfachem Bau und kunstlosen Formen, solche, die weder Blüten noch Früchte trugen, aber von gewaltiger Stärke und kolossaler Höhe waren. Mit ihrem Grün überdeckten sie jede Lagune, jede Bank, jede Landzunge, auf welche das weite Meer nicht seine Herrschaft ausgedehnt hatte. Die Erde sah aus wie ein einziger Ozean, der mit grünen Inseln durchsetzt war. Baumartige Farne, Kalamiten, Sigillarien und zahlreiche andere Arten stritten sich um den Vorrang auf den Inseln. Aus jener Epoche rührt die Bildung unserer Steinkohlen her, mit der wir heute unsere Zimmer heizen, jener ungeheuren, in längst entschwundenen Zeiten abgelagerten Pflanzenschichten, die wir jetzt ans Tageslicht bringen. Ihre Bildung geschah etwa eine Million Jahre vor der Zeit, in der unsere Geschichte anfängt. Von da an hat sich die Entwicklung des irdischen Lebens fort und fort vervollkommnet, und niemand vermag zu sagen, ob es schon seinen Gipfel erreicht hat.

Als sich der Komet der Erde näherte, hatte er nur Muscheln wahrnehmen können. Trotzdem die schaffende Welt es an gutem Willen nicht hatte fehlen lassen, war es ihm doch nicht möglich gewesen, etwas anderes zu erkennen. Das Meer nahm noch die gesamte Oberfläche der Erde ein, wie es ja heutzutage noch drei Viertel von ihr bedeckt. Damals gab es noch kein Festland, sondern nur Inseln und Sümpfe. König der Schöpfung war damals eine Art Seeschnecke, ein Kopffüßler, ein ganz harmloses Tier.

Dieses unschuldige Geschöpf, das wohl kaum ahnen mochte, daß es eines Tages nach Jupiter Ammon getauft werden würde, herrschte also als unumschränkter Souverän im Königreich des Neptun: »Der Dreizack des Neptun ist das Zepter der Welt«, sagt Lemierre. Kein Engländer könnte dieses Zepter mit größerem Rechte in Anspruch nehmen, als diese kleinen Tiere, von denen wir sprechen. Wie heutzutage jene Molluskenart, die unter dem Namen »Nautilus« bekannt ist, sah man sie in ihrem weißen oder vielfarbigen Nachen auf der Oberfläche des Meeres dahintreiben; große und kleine, in allen Gestalten; ganze Flotten von ihnen schwammen auf den Wassern, ihrer Beute nachstellend. Man sah sie rasch und zierlich dahinschießen, sich kreuzen, sich ausweichen, sich überholen, ganz so, als ob sie eine Regatta aufführten. »Man« sah sie; dieses »man« bedeutet den Kometen, denn außer ihm gab es keinen Zuschauer, der sich an diesem urweltlichen Schauspiel hätte ergötzen können. Überall Einsamkeit und Schweigen …

Unser Komet, der nicht wenig überrascht war, nur Muscheln zu sehen, Muscheln im Meer, Muscheln auf der Erde und überall nur Muscheln, erging sich in Mutmaßungen, wozu denn überhaupt die Erde eigentlich geschaffen sein mochte. »Es ist und bleibt ein großes Geheimnis,« sagte er sich, »daß man für derartige Wesen eigens eine Welt geformt hat.« Er versuchte sich vorzustellen, über welche geistige Kraft diese Geschöpfe wohl verfügen mochten, wie weit ihre Fähigkeiten gingen, ob sie wohl denken konnten usw. Trotz der Geringfügigkeit und Unansehnlichkeit des Erdballs konnte sich sein Geist doch nicht zu dem Glauben aufschwingen, daß dieser kleine Weltkörper nur dazu geschaffen sein sollte, um Mollusken zur Wohnung zu dienen. Er sah sich die verschiedenen Lebewesen genauer an, und es fielen ihm die Geselligkeit der Miesmuscheln und die Geschicklichkeit der Schildkröten, deren erste Exemplare gerade zum Leben erwachten, wohl auf. Er ließ die verschiedenen Arten der Mollusken: die Kopffüßler, die Bauchfüßler, die Blattkiemer, und wie sie alle heißen mögen, vor seinen Augen vorbeimarschieren; auch die Rankenfüßler (Cirripediae), die weder Kopf noch Füße noch Arme haben, übersah er nicht. Aber in dieser ganzen Gesellschaft fand er niemand, dem er die heilige Gabe der Vernunft zutrauen konnte.

Seiner fruchtlosen Nachforschungen müde geworden, kehrte der Komet um, und ebenso wie in unendlich späterer Zukunft der ewige Jude, so dachte er, während er weiterging, und er ging weiter, während er dachte, bis plötzlich ein furchtbarer Schrei die Luft erzittern machte. »O,« rief der Komet aus, »da ist er wahrscheinlich, der König der neuen Welt. Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich ihn noch vor meiner Abreise hat sehen lassen.« Er wandte sich um, und in der Tat – er war da!

Ein mißgestaltetes Ungeheuer von schwärzlicher Farbe, kolossalem Bau, höckrichter Haut, mit einem sehr langen Krokodilsrachen, der am Halse eines Nilpferdes befestigt zu sein schien, ein Ungetüm, dessen Vorderbeine anscheinend verkürzt waren, während seine Hinterbeine ebenso lang wie die eines Kamels waren, schleppte sich unbeholfen zu dem Rande eines Sumpfes hin.

»Schön ist er zwar nicht,« sagte der Komet zu sich, »aber Schönheit ist ja nur Geschmackssache, ein bedingter Begriff, der nichts Absolutes an sich hat. Das also soll der Herr der Erde sein – im Reiche der Blinden ist ja der Einäugige König – und die Ammoniten sind dann die Fürstinnen des Meeres. Er scheint im allgemeinen auf dem Lande zu leben und auf gute Sitten nicht viel Wert zu legen. Er ist einfältig, bescheiden und häßlich, mit einem Wort, für die Welt, in der er lebt, vollkommen passend. Gleichviel, ich hätte es mir niemals träumen lassen mögen, daß es auch solche Schöpfungen geben kann, aber es nutzt nichts, es noch weiter leugnen zu wollen. Das Labyrinthodon ist das einzige Tier, welches die Macht hat, auf dieser Welt das Zepter zu führen, also ist es auch ihr König. Das also ist das erste Auftreten der Majestät! Macht geht vor Recht!« Er erging sich in seinem Selbstgespräch noch des weiteren in Betrachtungen im Sinne etwa der Darwinschen Lehre von der geschlechtlichen Zuchtwahl, aus der folgert, daß der Beweisgrund des Stärkeren auch immer der bessere ist.

Durch das Erscheinen dieses irdischen Ungeheuers war unser Komet doch einigermaßen aus seiner gewohnten Ruhe gebracht worden, und noch immer träumend setzte er seine Rückreise fort, die ihn bis an die Grenzen des Sonnensystems führte. Weder bemerkte er hierbei, mit welcher Schnelligkeit er selber dahinschoß, noch auch, wie rasch sich die Weltkörper, die er unterwegs traf, fortbewegten. Erst als er sich in der Nähe des Saturn befand, kam er wieder recht zum Bewußtsein.

Die glänzende Pracht und der Reichtum einer Zivilisation, die Jahrhunderte voller Arbeit hervorgerufen hatten, umgaben dieses strahlende Gestirn. Auf ihm wohnten die Fruchtbarkeit und der Friede. Schon wenn man näher an diese Welt herankam, fühlte man, daß hier das Leben wogte. Es war schon unendlich lange her, daß der Saturn aus den Finsternissen des Chaos emporgestiegen war und allmählich sich immer mehr vervollkommnet hatte. Wie einige jener glücklichen Sterblichen, die es wohl verdienten, daß sie den Geist der Natur begriffen und in ihre erhabenen Geheimnisse eindrangen, gelehrt haben, steht die Entfernung der Planeten von der Sonne mit ihrem Alter in einem ursächlichen Zusammenhange. Die entferntesten sind gleichzeitig die ältesten und die in ihrer Entwicklung am weitesten vorgeschrittenen.

Neptun, der sechshundertundfünf Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist, ist vor Milliarden von Jahrhunderten zuerst aus dem Sonnennebel hervorgegangen – Uranus, der sich in einer Entfernung von dreihundertsechsundachtzig Millionen Meilen um den gemeinsamen Mittelpunkt aller Planeten bewegt, zählt ein Alter von mehreren hundert Millionen von Jahrhunderten – Saturn, dessen Entfernung von der Sonne hundertzweiundneunzig Millionen Meilen beträgt, hat an seinem ehrwürdigen Haupte auch schon mehr als hundert Millionen von Jahrhunderten vorbeiziehen sehen – Jupiter, dessen ungeheure Masse in einer Entfernung von hundertundfünf Millionen Meilen um die Sonne ihre Bahnen zieht, ist siebzig Millionen von Jahrhunderten alt. Mars zählt tausend Millionen von Jahren; von der Sonne ist er dreißig und eine halbe Million Meilen entfernt. Unsere Erde wandert in einem Abstand von zwanzig Millionen Meilen um die Sonne und ist aus ihrem glühenden Schoß vor hundert Millionen Jahren hervorgegangen. – Erst fünfzig Millionen Jahre mögen es her sein, daß Venus sich von der Sonne getrennt hat; in einem Kreise von vierzehn und einer halben Million Meilen bewegt sie sich um die Sonne. Nur ein Alter von zehn Millionen Jahren zählt Merkur, dessen Entfernung von der Sonne gegen acht Millionen Meilen beträgt. Auch er hat in der Sonne seinen Ursprung genommen, dagegen ist der Mond ein Kind der Erde.

Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen Schöpfungen zugegen gewesen, und besser als jeder andere kannte es die himmlische Genealogie, aber wie es ja Personen von großem Wissen immer tun, suchte auch es stets, seine Kenntnisse zu vermehren, und sein ganzes Leben verbrachte es damit, Beobachtungen anzustellen. Saturn also, dessen Bahn der Komet jetzt entlang fuhr, befand sich in voller Blüte. Der Segen, den eine unter begünstigenden Umständen vorgenommene Arbeit gewährte, machte sich überall bemerkbar. Da sah man Binnenmeere, die mit zahlreichen Fahrzeugen bedeckt waren, die, in keiner Weise durch das flüssige Element behindert, rasch dahinfuhren; da gab es Häfen, in denen die Schätze aller Länder zur Schau gestellt waren. Kleinere Schiffe bevölkerten die Flüsse, und das Land war von einem engen Netz von Straßen durchzogen, auf denen hohe, prächtige Gefährte dahinrollten. In den blauen Lüften sah man eine ganze Flotte segeln, und hoch oben von Türmen stiegen weitere Luftschiffe empor, um ihren Weg nach den Gipfeln steil abfallender Berge zu nehmen. Hier hatte in der Tat der Geist die Materie überwunden, und das Reich der Saturnbewohner erstreckte sich von tief unten, vom Boden der Abgründe, bis hoch hinauf auf die Gipfel der Berge. Wie in einem unsichtbaren Gewebe vereinigten sich die Fäden dieses Organismus an einer einzigen Stelle. Betrachtete man diesen Weltkörper von seinen Polen aus, so bemerkte man ein ungeheuer großes System von Ringen, die über ihm in unermeßlicher Höhe ausgespannt waren, und bis zu denen doch die Luftschiffe emporstiegen. Außer der »inneren« Welt auf dem Saturn, wie wir sie nennen wollen, gab es noch eine andere, eine »äußere« Welt, die von der ersten vierundeinhalbtausend Meilen entfernt war und sich fünfundvierzigtausend Meilen weit erstreckte. Nur durch die Luft, die Atmosphäre, stand sie mit der »inneren« Welt in Verbindung. Jenseits dieser zweiten Welt, die einem Ringe gleich Saturn umschloß, konnte man noch acht andere Ringe erkennen, die Kreisen von orange oder grünlicher Farbe glichen und sich umeinander drehten. Der Geist und Scharfsinn der Saturnbewohner hatte diesen Weltkörper vollständig unter seine Herrschaft gebracht, und von seiner »inneren« Welt aus strahlte ihre Macht aus, um sich auf ihre »äußeren« Welten zu verbreiten.

Wenn man, unter dem Schatten einer Palme gelagert, die üppige, in Farbenpracht erglühende Landschaft Afrikas betrachtet, mag es wohl vorkommen, daß man einschlummert und dann plötzlich aus einem düstern Traum aufschreckt, um sich inmitten der fruchtbarsten Landschaft zu sehen. Ganz ebenso erging es unserem Kometen, als er nach dem Abschied von der unansehnlichen Erde von Träumen umfangen, erst in der Nähe des prächtigen Saturn erwachte. Er verlangsamte seinen Weg und mit größerer Aufmerksamkeit als je vorher betrachtete er diese wunderbare Welt – die dadurch entstandene Verzögerung in seiner Umlaufszeit verzeichnen die Astronomen des Neptun als »saturnale Störung« –. Und als er an diesem großen und schönen Weltkörper vorbeifuhr, da glaubte er wirklich aus einem bösen Alpdrücken erwacht zu sein.

Was war die Erde neben diesem prächtigen Stern? Die Erde! Eine winzige, unscheinbare Kugel, auf der das Leben sich gerade zu regen begann und sich in Formen kleidete, von denen zu reden kaum erfreulich war; eine chaotische Masse, deren verschiedene Elemente untereinander vermischt blieben, kurz – ein reines Nichts. Denn als der Komet sich umwandte, konnte er bei der ungeheuer großen Entfernung die Erde nur noch als einen schwarzen Fleck vor der Sonne erkennen. Das mag es auch entschuldigen, daß die Erde bei dem Kometen ins Vergessen geriet und daß ihm eine geringfügige Schöpfung, wie es unser Planet damals noch war, gleichgültig blieb.


Zweites Kapitel.
Umwälzungen auf der Erde.

Die Gleichgültigkeit, die der Komet der Erde gegenüber bewahrte, war so stark und andauernd, daß er dreiundzwanzigmal in seine Sonnennähe kam, ohne daß er es sich einfallen ließ, auch nur einen einzigen Blick auf den kleinen Erdball zu werfen. Und wäre nicht ein ganz merkwürdiges Ereignis eingetreten, das ihn ganz ohne seine Absicht zwang, der Erde ein wenig Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde er sie wohl noch länger unbeachtet gelassen haben.

Als der Komet zum vierundzwanzigsten Male in ihre Nähe kam – es war dies gegen das Jahr Fünfhundertvierunddreißigtausend­fünfhundertundvierundsechzig vor Christi Geburt – führte ihn sein Weg sehr dicht an der Erde vorbei, denn die beiden Gestirne kreuzten sich auf ihren Wegen, und zwar so nahe, daß die Erde während fünf Tagen und fünf Nächten in dem neblichten Schweife des Kometen blieb. Der Schweif gab dem Kometen eine Ausdehnung von achtunddreißig Millionen Meilen, vom Kopfe bis zur äußersten Spitze gemessen, und er bildete eine ungeheure Nebelfläche, die einige hunderttausend Meilen in der Breite maß. Im allgemeinen ist dies die Gestalt des Schweifes der Kometen; die Fläche ist mehr oder weniger ausgeweitet und nähert sich bisweilen auch der Fächerform. Infolge der großen Abstoßungskraft des Sonnenlichtes ist die Atmosphäre von einer außerordentlichen Dünne. Die Hitze löst alle Teile des Kometen, die dafür empfänglich sind, und was sich während der langen Entfernung des Kometen von dem Feuerherde der Sonne verdichtet hatte, verflüchtigt sich. Diese verflüchtigten Teile, die von nur sehr geringem Gewichte sind, nehmen aber sehr viel Raum ein und suchen sich vom Kern des Kometen, der auf sie eine nur schwache Anziehung ausübt, zu entfernen. Wie groß auch ihre Ausdehnung sein mag, ihr Gewicht beträgt nicht viel, und man könnte ganz gut ein Stück von der Größe der Notre-Dame-Kirche oder der Pariser Sternwarte aus ihnen herausschneiden und es wie eine Luftblase verschlucken.

Wir sagten, daß die Erde fünf Tage und fünf Nächte lang in dieser Dunsthülle blieb. Man wird vielleicht erstaunt sein, daß nach einer solchen Begegnung unser Planet noch existiert, aber noch mehr wird man wohl erstaunen, wenn wir erwähnen, daß die zu jener Zeit lebenden Wesen von dieser Begegnung gar nichts merkten. Es hätte also wenig Zweck, bei diesem Kapitel von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen lange zu verweilen; wir wollen indessen hören, welcher Meinung namhafte Astronomen hierüber sind.

Einer der bedeutendsten[2] unter ihnen glaubte, daß die Kometen viel schwerer seien, als man auf Grund früherer Hypothesen bis dahin anzunehmen wagte. »Die Meere ergießen sich aus ihren bisherigen Becken,« sagte er, »um auf einen neuen Äquator zuzuströmen. Eine große Zahl von Menschen und Tieren wird in dieser neuen allgemeinen Sintflut ertrinken oder infolge des heftigen Stoßes, dem der Erdball ausgesetzt ist, umkommen. Ganze Arten von Tieren werden vollständig vernichtet werden. Alle Denkmäler menschlichen Fleißes werden zugrunde gehen. Solche unheilvolle Folgen müßte der Zusammenstoß mit einem Kometen nach sich ziehen.« – »Wenn der Schweif eines Kometen mit der Erde zusammenträfe«, urteilt ein anderer,[3] »oder wenn ein Teil des Stoffes, aus dem sich dieser zusammensetzt, in den Tiefen des Weltalls auseinanderginge und infolge seiner Schwerkraft auf die Erde herniederfiele, dann würden die damit verbundenen Ausdünstungen bei Tieren und Pflanzen recht empfindliche Wirkungen hervorbringen. Denn es ist sehr wahrscheinlich, daß Gase, die aus so weit entfernten und so seltsam beschaffenen Welten zu uns kommen, die überdies noch im höchsten Grade erhitzt sind, für alles, was sich auf der Erde befindet, verhängnisvoll werden und dort die größten Verheerungen anrichten müßten«. Und ein Dritter[4] meint: »Schon bei der gegenseitigen Annäherung zweier solcher Körper müßten sich ohne Zweifel große Änderungen in ihrem Laufe vollziehen, sei es, daß diese Änderungen durch die gegenseitige Anziehung herbeigeführt würden, sei es, daß die Gase, die sich zwischen ihnen befänden, unter zu hohen Druck kämen. Das mindeste, was eine derartige Annäherung zuwege bringen müßte, wäre eine Verschiebung der Achse und der Pole der Erde. – Ohne Zweifel stellen die Schweife der Kometen ungeheure Ströme von Ausdünstungen und Gasen dar, die infolge der Wirkung der Sonnenhitze aus dem festen Kern des Kometen entwichen sind. Ein Komet könnte mit seinem Schweif so nahe an der Erde vorbeigehen, daß wir in dem feurigen Strom, den er mit sich schleppt, ertrinken, oder in der Atmosphäre, die ihn umgibt und die von derselben Beschaffenheit ist, umkommen müßten. Bei ihrem Herannahen an die Sonne haben einige Kometen einen so hohen Hitzegrad erreicht, daß sie erst in fünfzigtausend Jahren sich abkühlen können. Welche Wirkung würde diese Hitze nun auf die Erde ausüben? Sie würde in Asche zerfallen oder in eine glasige Masse verwandelt werden. Der Schweif allein würde die Erde mit einem feurigen Strom überschwemmen und ihre sämtlichen Bewohner vernichten, genau so wie ein Haufen Ameisen in kochendem Wasser umkommt, das man über ihn gießt.«[5]

Der Engländer Whiston war der erste, der den verschiedenen Kometen bestimmte verhängnisvolle Einwirkungen auf unsere Erde zugeschrieben hat. Den Kometen von 1680 sah er als die Ursache der Sintflut an und er behauptet, daß dieser Komet auf seinem Rückweg von der Sonne eines schönen Tages die Erde mit seinen feurigen und todbringenden Ausdünstungen überschütten werde und so ihren Bewohnern all das Unheil bringen würde, das ihnen für den Jüngsten Tag prophezeit ist; zu guter Letzt würde er den allgemeinen Weltenbrand entzünden, der unseren Planeten aufzehren müßte.

Anderseits versichert uns Newton, daß ein Komet ohne Kern, wenn er auch so groß wäre, daß er von der Erde bis zum Saturn reichte, doch in einem Würfel von fünfundzwanzig Millimeter Seitenlänge Platz finden könnte, wenn er auf denselben Grad verdichtet würde wie die atmosphärische Luft, die wir atmen. Neuere Forschungen über die Masse der Kometen haben ein Resultat ergeben, das auch die geringste Beunruhigung schwinden läßt. Wenn der größte Komet auf unsere Erde stürzen würde, könnte er keine andere Wirkung hervorrufen als etwa eine Mücke, die eine Lokomotive aufhalten will, und auch seine Gase können unsere Atmosphäre in keiner Weise beeinflussen.

Die Bewohner unserer vorsintflutlichen Welt brauchten aber die Begegnung, die ihnen drohte, um so weniger zu fürchten, als sie damals noch vollkommen im Wasser lebten und dort ihr Dasein fristeten. Die nur unter dem Mikroskop wahrnehmbaren Infusorien, die Fische und Amphibien merkten nichts von dem Vorgang.

Für unsere Erde war das Ereignis vielmehr von Vorteil, insofern als die Begegnung unseren erhabenen Reisenden aus seiner jahrtausendelang dauernden Gleichgültigkeit gegen sie riß. Der Durchgang des Erdballs, der nicht weit von seinem Kopfe erfolgte, übte auf seinen Geist, wenigstens vom irdischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einen recht günstigen Einfluß aus. Er geruhte von der Kugel Kenntnis zu nehmen, die durch seinen Schweif hindurchpassierte. Man wird es gewiß glauben, daß die Erde, der ihre lange Einsamkeit wohl nicht kurzweilig gewesen sein mochte, den Augenblick des Durchgangs nicht verschlafen hat; und ein seltsameres Schauspiel als jetzt hatte sich dem Auge des Kometen noch nie geboten. Zwei steil abfallende Felsen schützten die Einfahrt zu einer Halbinsel, und auf diesen, hoch in die Wolken ragenden Felsen saßen als bizarre Gruppe zwei wunderlich aussehende, ungewöhnlich gebaute Geschöpfe, die sich, ohne eine Miene zu verziehen, unausgesetzt scharf ansahen.

Es waren dies der Pterodaktylus und der Ramphorynchus, zwei Arten von Fledermäusen in der ungefähren Größe eines Hammels, zwei lebende Sphinxe, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln Bäumen mit lang herabhängenden Blättern glichen. Von diesem Anblick betroffen, rief der Komet seine Erinnerungen wach, und es fiel ihm ein, daß er schon vor dreiundsiebzigtausend­fünfhundertundsechzig Jahren Gelegenheit gehabt hatte, diese kleine Kugel und ihre höchst sonderbare Bevölkerung wahrzunehmen.

Und er ging nun ernstlich ans Werk, sich die Erde recht genau anzusehen. Auf den ersten Blick erkannte er, daß die äußere Gestaltung der Oberfläche sich ganz auffallend verändert hatte, daß sich in dem großen Ozean, der vorher die ganze Erde bedeckte, nunmehr bereits kleine Kontinente gebildet hatten, und daß eine noch immer sehr üppige Vegetation ihre Herrschaft über den Erdball jetzt mit einem schon ziemlich bedeutenden Tierreich zu teilen hatte. Auch die Gestalt, die diesem Tierreich eigentümlich war, fiel ihm sofort auf, und er war darüber in nicht geringem Grade erstaunt. Bei seinem letzten Besuche hatte er in der Hauptsache nur Muscheln entdecken können, und jetzt erregten seine Aufmerksamkeit – Krokodile, aber Krokodile von jeder Gestalt, von jeder Farbe, von jeder Größe. Auf dem Festlande, im Meere, hoch in den Lüften, waren Krokodile, Eidechsen und andere Reptilien zu sehen, hier solche mit Flossen, dort andere mit Flügeln, kurz, eine Unmasse von Krokodilen.

Er ließ seinen Blick forschend auf die Ebene und das Gebirge schweifen und die ungeheure Menge der riesenhaften Saurier an seinem Auge vorbeiziehen. Da waren die verschiedenen Ichthyosaurusarten, der I. communis, der I. intermedius, der I. platyodon, der I. tenuirostris usw. usw. Einige maßen dreißig Fuß in der Länge. Ganze Herden dieser Reptilien schwammen im offenen Meer wie heutzutage die Walfische; oben, an ihrem Kopfe, und zwar wagerecht liegend, trugen sie Augen, die einen Fuß lang und so gebaut waren, daß sie nach Belieben entweder als Fernrohr oder als Mikroskop benutzt werden konnten. Bewaffnet waren sie mit einem vorzüglichen Gebiß, und wenn sich das Maul auftat, maß die Öffnung des Rachens mehr als drei Fuß, und es zeigten sich zwei Reihen von hundertundachtzig Zähnen. Die Wirbelsäule setzte sich bei ihnen aus hundert Wirbeln zusammen und ermöglichte ihnen die gelenkigsten und biegsamsten Gliederbewegungen. Er sah ganze Scharen von Plesiosauriern sich vom Ufer ins Meer stürzen. Es waren dies mit den geschilderten Arten verwandte Reptilien, die aber zu gleicher Zeit von der Schlange den unverhältnismäßig langgestreckten, dünnen Hals, von den Vierfüßlern den Rumpf und von den Walfischen die Flossen hatten. Er sah in gefährlichen Zusammenrottungen die furchtbaren Poekilopleurusarten mit ihren gewaltigen Krallen und ihren spitzen Zähnen, ferner die Hyleosaurier, die Cetiosaurier, die Stenosaurier und die Streptospondylen. Auch die Teleosaurier, jene Freibeuter der vorsintflutlichen Meere, bemerkte er. Er sah ganze Scharen von Pterodaktylen in die Lüfte aufsteigen, jener riesigen Fledermäuse, deren entsetzlicher Rachen sechzig drohende Zähne zeigte, und die ihr Leben damit verbrachten, daß sie von einem Baum zum anderen, von einem Felsen zum anderen flogen. Auch die mit Pflanzen bewachsenen Höhen setzten durch ihr düster-ernstes Aussehen den Kometen in recht große Verwunderung. Da waren dicke Stämme von großen Schachtelhalmen, langes Schilfrohr, riesenhafte Farnkräuter, Nadelhölzer, die unserer Tanne ziemlich ähnlich waren, und schlanke Pandangen (Pandanus) mit ihren hoch über den Boden aufragenden Luftwurzeln.

Beim Anblick dieses mehr unheimlich als schön wirkenden Panoramas wurde der Komet nachdenklich. Dreihundertfünfundsechzigmal sah er vor seinen Augen die Erde sich um sich selbst drehen, und dreihundertfünfundsechzigmal hatte er Gelegenheit, die gesamte Erdoberfläche zu überschauen. Da, plötzlich, ertönte ein furchtbares Krachen. Auf dem Grunde des Meeres hatte sich die Rinde der Erdoberfläche gespalten, und während aus den im Aufruhr befindlichen Eingeweiden der Erde wütende Flammen emporschossen, ergoß sich mit grauenhaftem Getöse das Meer in einen Abgrund, der sich plötzlich aufgetan hatte. Die oben geschilderten Ungetüme wurden von den Wogen der mit furchtbarer Gewalt daherströmenden Wasserfluten fortgerissen, und wütende Schreie ausstoßend, kamen sie darin um, während die geflügelten Reptilien mit unheilverkündendem Gekrächze so rasch als möglich durch die Luft zu entkommen suchten. Die Gestade entvölkerten sich, und die mit Elektrizität überladene Atmosphäre entlud sich in heftigen Blitzschlägen, die die Luft durchzuckten. Bald vermischte sich auch das dumpfe Rollen eines bisher noch nie gehörten Donners mit dem Toben und Brausen des Unwetters, und es schien, als ob eine ungeheure Umwälzung die gesamte Erdoberfläche zerrissen und gespalten hätte.

Unser Komet hatte leider seine Geringschätzung gegen unsere Erde noch immer nicht überwunden und er dachte gar nicht daran, unseren Planeten ernst zu nehmen. Seit Tausenden von Jahrhunderten war er gewohnt, an seinen Augen Welten vorbeiziehen zu sehen, die auf den Pfaden der Zivilisation schon weit vorgeschritten waren, wie das mit Neptun und Uranus der Fall war, andere, wie Saturn, waren eben auf der Höhe ihrer Entwicklung angelangt, und er konnte sie in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit überschauen; wieder andere – Jupiter gehörte zu diesen – bereiteten sich zu einer großartigen Entfaltung vor, und noch andere schließlich – zu diesen zählte Mars – befanden sich noch im Frühling ihres Lebens. Der Verkehr mit diesen der Erde überlegenen Planeten hinderte ihn vorläufig daran, dem Erdball eine gerechte Würdigung zuteil werden zu lassen, und so beharrte er in seinem Vorurteil und verfiel auch bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit.

Während er noch in seinen Träumereien befangen war, nahm die gewaltige Erdrevolution ihren Fortgang. Es erstand die Juraformation; bei ihrer Bildung wurden die Fundamente des Erdballs von Grund aus erschüttert, und die Erde bebte, als ob sie von einem heftigen Taumel befallen worden wäre. Die Meere ergossen sich in die brennenden Tiefen oder überströmten Gegenden, die durch die geologische Umwälzung eingesunken waren. Aus Quellen, die plötzlich im Schoße der Erde entsprangen, stiegen neue Meere auf, und Ebenen krümmten sich empor, ähnlich, wie man auf der Oberfläche des im Schmelzen befindlichen Metalls sich Luftblasen bilden sieht. Das flache Land machte neuen Gebirgen Platz, und dort, wo sich früher Berge und Hügel erhoben, dehnte sich jetzt eine kahle oder durch mannigfache Erhebungen unterbrochene Ebene aus. So hatte die Oberfläche des Erdballs sich ganz und gar geändert. Der Komet hatte auf seinem Fluge durch das Weltall die Erde noch nicht aus seiner Sehweite verloren, als ihm klar wurde, daß die Umwälzungen, deren Vorspiel für einen Augenblick seine Gedanken abgelenkt hatte, mit unvermindertem Ungestüm fortdauerten, und daß für die Erde eine neue Schöpfungsperiode begonnen hatte.

Mit einer Schnelligkeit von ungefähr vierzigtausend Meilen in der Stunde, oder neunhundertsechzigtausend Meilen an einem Tage, setzte der Komet seine Reise fort. Diese Schnelligkeit, mit der er seine Reise angetreten hatte, verminderte sich, je weiter er sich von seinem Ausgangspunkte entfernte, und drei Monate, nachdem er aus dem Bannkreise der Erde entschwunden war, bot sich dem himmlischen Wanderer eines der seltsamsten Schauspiele dar. Zu damaliger Zeit kreisten zwischen der Umlaufsbahn, die der Mars beschreibt, und derjenigen des Jupiter verschiedene Planeten, die ursprünglich einen Ring gebildet hatten, der sich in der Zwischenzeit, die zwischen dem Entstehen des Jupiter und dem des Mars liegt, von der gemeinschaftlichen Mutter aller Planeten, der Sonne, losgelöst hatte. Anstatt nun, wie es bei allen anderen Planeten der Fall gewesen war, sich in eine Weltkugel umzuwandeln, hatte dieser sonderbare Weltenring eine ganze Menge neuer Weltkörper aus sich heraus entstehen lassen, die sämtlich so eigenartig und zerbrechlich wie er selbst waren. Wie alle anderen Planeten drehten sich auch diese Weltkugeln um die Sonne, wie diese hatten auch sie ihre Jahre, ihre Jahreszeiten und ihren Wechsel von Tag und Nacht. Als nun der Komet, der über die gewaltsamen Veränderungen auf der Erde noch in Nachdenken versunken war und gerade darüber philosophierte, welches Geschick wohl einst dem ganzen Weltenall bevorstehen werde, sich der Bahn des größten unter diesen kleineren Planeten näherte, kam diese immerhin gewaltige Kugel, die sich mit einer Geschwindigkeit von neuntausend Meilen in der Stunde vorwärts bewegte, in gerader Linie auf ihn losgestürzt; sie mußte auf den Kometen an dem Punkte auftreffen, an welchem er ihre Bahn zu kreuzen im Begriffe stand. Ein Zusammenstoß schien ganz unvermeidlich – da, wenige Augenblicke vor der drohenden Katastrophe explodierte dieser Himmelskörper wie eine Bombe. Gase stiegen auf und verbanden sich mit den im Schweife des Kometen vorhandenen, und man konnte sehen, wie etwa zehn einzelne Teile sich loslösten und selbständig ihre Reise durch den Weltenraum fortsetzen. Es ereignete sich hier ein Weltuntergang, und zwar hatte der zerstörte Himmelskörper zweifellos ein frühzeitiges Ende gefunden, das schon lange Zeit in seinem Innern wirkende Kräfte mußten hervorgerufen haben. Die Katastrophe fand in einer Entfernung von achtundsechzig Millionen zweihundertundsechzehntausend Meilen von der Sonne statt. Vielleicht haben wir hier den Ursprung jener kleinen, nur durch den Refraktor wahrnehmbaren Planeten Ceres, Daphne, Thisbe, Sirona und Arduina zu suchen, welche sämtlich 2.77 von der Sonne entfernt sind, wenn man die Entfernung der Erde von der Sonne als Einheit nimmt. Es sieht fast so aus, als ob diese kleinen Gestirne Jahr für Jahr einmal den Ort wiedersehen müssen, an dem jenes furchtbare Naturereignis stattfand, das sie für immer trennen sollte.

Hier fand unser Komet seinen Weg nach Damaskus und hier vollzog sich in seinem Geiste eine dauernde Wandlung. Hier war es, wo er für die Erde jene Sympathie faßte, von der er seitdem stets beseelt geblieben ist. Es ist wohl möglich, daß er ohne diese erschütternde Katastrophe noch lange in seiner Gleichgültigkeit gegen die Erde verharrt hätte. Aber auch bei ihm zeigte sich, was man schon so vielfach beobachtet hat: es bedarf nur eines plötzlichen Anlasses, um selbst starke Charaktere umzuwandeln. Das Gefühl wohlwollender Anteilnahme, wie es im allgemeinen die Mächtigen der Welt den Kleinen entgegenbringen, war es, das angesichts dieser Katastrophe schmerzliche Erinnerungen an die Erde in ihm wachrief. Einen Augenblick lang fürchtete er auch für das Dasein der Erde! Arme Erde! Wenn die furchtbare Umwälzung, die auf ihr vor kurzem begonnen hatte, ihr verhängnisvoll werden und sie daran zugrunde gehen sollte, bevor sie überhaupt noch geboren war! Wie würde sie sich in den schweren Kämpfen behaupten können, die sie noch zu bestehen hatte? Ob sie Kraft genug besaß, die Krisis zu überwinden und ihr Dasein zu verteidigen? Ob es ihr wirklich beschieden sein mochte, für immer solch wilden und grausamen Geschöpfen ungastlichen Aufenthalt zu gewähren?

Von diesem Tage an interessierte er sich für die Erde, und ihr Schicksal ging ihm um so mehr zu Herzen, je unvollkommener sie in ihrer Entwicklung noch war. Oft überraschte er sich dabei, wie sich ganz unwillkürlich seine Gedanken mit dieser bescheidenen Schöpfung befaßten, und oft zog er, in seinen Gedanken tief bekümmert, an den glänzendsten Welten vorbei, ohne diese auch nur eines Blickes zu würdigen. Ja, es kam so weit mit ihm, daß ihm seine Reise durch den Weltenraum zu lang wurde. Dreitausendunddreiundsechzig und ein halbes Jahr von der Erde entfernt zu bleiben und nur höchstens achtzehn Monate in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, schien ihm ganz außer Verhältnis zu stehen. Der kleine Erdball faßte schließlich in seinen Gedanken Platz und schien sich dort immer mehr befestigen zu wollen.

Mit Ungeduld erwartete der Komet das Herannahen des Sommers. Der Sommer-Sonnenstillstand bedeutet für die Kometen den Zeitabschnitt, in dem sie ihren Flug nach ihrem Perihelium richten, d. h. sich wieder der Sonne zuwenden und somit auch der Erde wieder nähern. Sobald er merkte, daß die Strahlen der Sonne immer wärmer wurden, und sehen konnte, wie ihre Scheibe sich mehr und mehr vergrößerte, wußte er auch, daß das Ende des Frühlings gekommen war. Kaum wurde er der Erde wieder ansichtig – und zwar sah er sie bald vor der Sonne in Gestalt eines schwarzen, runden Fleckes, in Form einer Mondsichel oder eines Halbmondes, bald auf der rechten, bald auf der linken Seite des leuchtenden Gestirns – als er auch mit Wohlbehagen merkte, wie seine Geschwindigkeit zunahm und er seinem sehnsüchtig erstrebten Ziele immer näher kam. In seinem schnellen Laufe erreichte er endlich die Erde, die er immer mehr liebgewinnen sollte, und schon am ersten Tage seiner Ankunft unterzog er seine kleine Welt einer genauen Betrachtung.

Er beobachtete das Erwachen der Tierwelt während der ganzen Sekundärzeit, von der Jura- und Liasperiode bis in die letzten Abschnitte der Kreidezeit. In einem Zwischenraume von dreitausend zu dreitausend Jahren konnte er verfolgen, wie die verschiedenen Arten, sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt, sich langsam aber stetig weiter entwickelten. Da der Komet sich allmählich an die Umwälzungen, unter denen sich neue Ereignisse zu vollziehen pflegten, gewöhnt hatte; da er Zeuge gewesen war, wie große Fluten von Grund aus einzelne Teile der Erdoberfläche umgewandelt hatten; da er gesehen hatte, wie Kämpfe im Innern der Erde sich in Vulkanausbrüchen Luft machten, und wahrgenommen hatte, wie Gebirgsketten sich aus der Ebene erhoben und die Erdoberfläche bereits anfing, die Gestalt zu erhalten, die ihr in Zukunft eigentümlich sein sollte, wurde er auch allmählich ruhiger und fürchtete für die Erde die Folgen dieser Naturereignisse nicht mehr. Er glaubte schließlich, daß sie nur Konsequenzen eines unbekannten Gesetzes wären, und gewissermaßen Prüfungen, die der Erdkugel nur zum Nutzen gereichen könnten. So verfolgte er von einem seiner Jahre zum andern, wie sich das kleine irdische Kind in seiner Wiege weiter entwickelte.

Die Wahrheit zwingt uns jedoch, nicht unerwähnt zu lassen, daß die liebende Sorgfalt des Kometen für die Erde doch noch einmal eine kleine Einbuße erlitt. Die Ursache davon war allgemeiner Art, und es lohnt sich wohl der Mühe, einen Augenblick dabei zu verweilen: Es war die Tatsache, daß der Umgang mit den Großen unsere Sympathien sehr leicht zum Nachteil der Kleinen beeinflussen kann. Den schöneren, oder sagen wir nur den größeren Teil seines Lebens verbrachte der Komet in der Gesellschaft der Patrizier des Sonnensystems, und ohne daß er es selber wußte, wurde er von ihrer Gesinnung angesteckt und selbst ein wenig hochmütig. Sein Interesse für die Erde hielt sich während ungefähr vierzigtausend Jahren auf derselben Höhe, dann aber geschah es, daß er, ganz unbewußt, die schöne Jahreszeit mit geringerer Sehnsucht erwartete. Er hatte sich an den Anblick, den ihm die Erde bot, gewöhnt, und er teilte seine Aufmerksamkeit jetzt zwischen ihr und den anderen Planeten. Wenn er an diesen vorüberflog, betrachtete er sie genau, und von neuem stellte er Vergleiche mit der Erde an, die für diese nicht vorteilhaft ausfielen. Zwanzigtausend Jahre lang blieb es so, und schon konnte man befürchten, daß die höheren Weltkörper wieder die vorherrschende Stellung in seinem Geiste erlangen würden, die sie früher darin eingenommen hatten. Aber die Erde schritt in ihrer Entwicklung rascher vor, als jene es taten, denn sie war noch jünger, und als zur Tertiärzeit die Oberfläche der Erde sich wieder vollkommen veränderte, wandte ihr der Komet wieder seine ungeteilte Gunst zu, an der er eine kurze Zeit die anderen planetarischen Welten hatte teilnehmen lassen.