Fußnoten

[2] Laplace.

[3] Gregory.

[4] Maupertuis.

[5] Es scheint fast so, als ob M. de Maupertuis hier in das Gebiet des reinen Romans geraten sei, denn wer erinnert sich dabei nicht an das seltsamste Phantasiegemälde dieser Art, an die »Unterhaltung von Eiros mit Charmion«, eines der originellsten Gebilde jenes originellen transatlantischen Erzählers? Die Begegnung des Kometen mit der Erde hatte zum Glück keinen so schrecklichen Verlauf. Unser Komet war huldvoll genug, ihre Bewohner nicht zu vergiften, dagegen hätte der von Edgar Poe ihr Dasein vollständig vernichtet, wie er auch, wenn wir dem phantastischen Dichter folgen, an jener seltsamen Agonie die Schuld trägt, in welche die Erde versank.

»Der gefürchtete Komet kam immer näher, seine rote Scheibe wurde zusehends größer und nahm auch an Glanz zu. Bei seinem Herannahen erblaßte der Geist der Menschheit und alles menschliche Tun und Treiben hatte sein Ende erreicht.

Auch dem Tapfersten unseres Geschlechtes schlug das Herz heftig in der Brust. Dieses neue Meteor war keine astronomische Erscheinung mehr, sondern es war vielmehr ein Alp, der allen auf der Brust lag, ein Schatten, der das Gehirn verfinsterte. Mit einer Schnelligkeit, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigt, hatte er das Aussehen eines ungeheuren leuchtenden Flammenmantels angenommen, der in seiner ganzen Länge am Himmel ausgespannt war.

Noch einen Tag – und die Menschheit atmete viel freier. Es war zweifellos, sagt der Augenzeuge, daß wir bereits unter dem Einflusse des Kometen standen, und doch lebten wir immer noch. Ja, wir erfreuten uns sogar einer viel größeren Elastizität der Glieder und einer ganz außergewöhnlichen geistigen Spannkraft. Aber auch die Vegetation hatte sich zur selben Zeit ganz merkwürdig verändert. Alle Pflanzen entfalteten wie durch einen Zauberspruch eine so wunderbare Blüten- und Blätterpracht, wie sie vorher noch nie gesehen worden war.

Aber auch noch eine andere, höchst seltsame Erscheinung griff bei allen Menschen Platz: die erste Empfindung des Schmerzes gab das Zeichen zu allgemeinem Wehklagen und Schrecken. Dieser Schmerz äußerte sich in einer heftigen Zusammenziehung der Brust und der Lungen und in einer fast unerträglichen Trockenheit der Haut. Es ließ sich nicht mehr leugnen, daß die Luft ganz und gar infiziert war. Als die wissenschaftliche Forschung dies bestätigte, ging mit Blitzesschnelle ein Schaudern, das sich bald in furchtbarsten Schreck verwandelte, durch das Herz jedes fühlenden Menschen.

Die Luft verlor ihren Gehalt an Stickstoff … Dagegen vermehrte sich in ganz auffallender Weise ihr Gehalt an Sauerstoff, dem Haupterfordernis zum Atmen und zum Leben. Der Komet war da und das war seine Wirkung. Die Überreizung der Lebensgeister und die Pracht, die die Pflanzenwelt entfaltete, waren die ersten Symptome. Wenn aller Stickstoff der Luft entzogen war, dann mußte eine unabänderliche, alles sofort vernichtende Verbrennung aller Dinge auf Erden stattfinden, der auf keine Weise zu entrinnen war.

Der letzte Tag des Lebens … Wir atmen eine Luft, die sich zusehends ändert. Das Blut strömt ungestüm in seinen engen Gefäßen. Eine wahnsinnige Wut bemächtigt sich aller Lebenden, die geballte Faust strecken sie dem zürnenden Himmel entgegen und vor Angst zittern sie und schreien heftig … Einen Augenblick lang erscheint plötzlich ein seltsames, unheimliches Licht, das überallhin dringt und alles beleuchtet … Dann läßt sich ein schriller, durchdringender Donner vernehmen, als ob der Herr selbst gesprochen hätte – und die ganze gewaltige Menge der Luft, die uns umgibt, in der wir lebten, hatte sich mit einem Schlage in ein furchtbares Feuermeer verwandelt …«

So Edgar Poe. Schon die bloße Erzählung einer derartigen Katastrophe macht uns schaudern. Aber unser Komet ist nicht so gefährlich. Er ist ein ehrsamer Reisender, der nur Land und Leute sehen will und der uns in seiner Begleitung eine wirkliche »Reise um die Welt« machen läßt, gegen die eine Reise um die irdische Welt ein wahres Kinderspiel ist.


Drittes Kapitel.
Morgenröte der Erde.

Wie klein der Erdball auch immer war und welch bescheidene Stellung er auch in der unendlichen Schöpfung einnehmen mochte, so zeigte er sich doch recht wohl der Beachtung würdig, mit der ihn unser Komet beehrte. Nicht immer machen Gestalt und Größe den Wert eines Geschöpfes aus, sondern das Geschöpf selbst als Erzeugnis einer unendlichen Macht trägt an der Stirn das Siegel seines göttlichen Urhebers. Der kleinste Gegenstand, den die Natur geschaffen hat, ist so wunderbar wie der größte; die Allmacht, die ihn ins Leben gerufen, hat ihn für immer gezeichnet, und so sehen wir auch, daß sich in einem Wassertropfen das Sonnenlicht ebenso leuchtend spiegelt wie in dem großen Ozean. Auf seinen langen Wanderungen hatte sich unserem Weltreisenden diese Beobachtung schon längst aufgedrängt, und wenn er sich seinen Gedanken überließ und die auf seiner Reise gewonnenen Eindrücke geistig verarbeitete, dann konnte er nicht umhin, auch der Erde den Platz anzuweisen, der ihr durch den Adel ihrer Geburt zukam.

Was die Erde betrifft, so zeigte auch sie allmählich, von welch vornehmer Herkunft sie war. Ganz unmerklich zog sie ihre Kinderschuhe aus und entledigte sich ihrer ungestalteten Formen, um schönere dafür einzutauschen. Sie strebte nach Zierlichkeit der Erscheinung. Früher zeigten Pflanzen und Tiere ein rohes, unförmliches Aussehen und boten dem Auge wenig Reiz; die Bäume, von schwermütigem Charakter, hatten weder Blüten noch Blätter, die Tiere mußten des wärmenden Pelzes, der schützenden Wolle, des Federkleides entbehren, und auch sie hatten noch keinen Schmuck angelegt. Aber zu der Zeit, die wir jetzt erreicht haben, konnte man bei den Pflanzen bereits Blüten und Blätter, bei den Tieren schon prächtig gefärbte Bekleidungen erkennen. Die Familie der Proteazeen wies in den verschiedenen Banksia-Arten bereits großartige Pflanzen mit schöngestalteten fruchttragenden Zweigen auf.

Unter den Mimosoideen gab es schon Akazien und andere Pflanzen, die man heute nur noch im fernen Australien findet, dessen Pflanzen- und Tierwelt ja noch vielfach an die der Urwelt erinnert. Birken, Buchen, Nußbäume, Erlen erhoben sich neben Palmen, Tannen, Zypressen und Eibenbäumen, und die Arten waren nicht wie heutzutage durch die Schranken geographischer Verbreitung voneinander getrennt. In den Sümpfen, auf den Teichen und in den Flüssen sah man noch Schachtelhalme und Wasserkastanien; aber die riesigen Blumen aus der Familie der Nymphäazeen bedeckten bereits die Oberfläche der stehenden Gewässer mit ihren schönen Blüten.

Für welches Auge waren diese Schönheiten der Erde in ihrer Jugendblüte geschaffen? Für welche Ohren war der Wohlklang, der die Natur im Brausen der Wellen und im Rauschen der Blätter erfüllte, bestimmt? Für wen boten die schattigen Wälder lauschige Schlupfwinkel, für wen eröffneten sich die herrlichen Ausblicke, für wen breiteten sich diese Pflanzenteppiche, die ein wechselvolles Licht mit schönen Mustern verzierte, aus? Wer erfreute sich an der Sternenpracht der stillen Nächte, die der Mond mit seinem ruhigen, silbernen Schein erleuchtete? Für wen diese erhabene Pracht? Für wen dieser strahlende Himmel, diese grünenden Ebenen, das Flüstern des sich zu natürlichen Lauben verdichtenden Blätterwerkes, diese prächtigen Schauspiele, die Wasser und Land unausgesetzt boten? Für wen die Sonne am Tage und die Sterne in der Nacht, der blaue Himmel, die vielfarbigen Wetterwolken, die goldene Pracht der Dämmerung, das Hervorbrechen des Regenbogens und der Fall der Meteore? … Für wen schuf die Natur diese ungeheure Arbeit? … Verständige oder mit Vernunft begabte Wesen waren auf der Erde noch nicht erschienen.

Das Land, das heute von der Zivilisation beherrscht wird, die Gegend, in der Frankreichs glänzende Hauptstadt sich erhebt, war damals noch mit Wasser bedeckt. Noch nichts ließ die Gestalt erkennen, in der sich Frankreich heute unserem Auge darbietet. Nur große Seen und Halbinseln nahmen seine Stelle ein. Das Meer erstreckte sich über Paris hinaus, bis nach Bourges; von Valenciennes bis nach Saint-Lô konnte man an seinen Ufern entlang die unregelmäßige Kette der Kreideformation verfolgen. Während der Juraformation hatte sich bereits die Hochebene von Langres gebildet und beherrschte das eben genannte Meer. Die Berge, die sich mit ihren schwarzen Zinnen über Langres erheben, dieselben, auf denen Cäsar seine Wachtfeuer entzündete, die Bergeshöhlen, in denen sich Sabinus vor dem Zorn des römischen Adlers verbarg, diese ehrwürdigen Gipfel wachten schon über den Wogen des vorsintflutlichen Meeres. Die alte Auvergne und Bretagne zur Linken und die Alpen zur Rechten sind in den fernen Jahrhunderten der Primärzeit aus den Wassern entstanden. Dagegen schlief zu der Zeit, von der wir sprechen, die Gegend von Lyon, Tours, Dünkirchen noch auf dem Grunde des Meeres, und erst während der Tertiärzeit erhob sich das Land, auf dem die genannten Städte stehen, wenn auch nicht zu ewiger, so doch wohl zu einer recht langen Dauer.

Nach der Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Erde traten die Vorfahren der verschiedenen Arten unserer heutigen Tierwelt in deutlich zu erkennenden Entwicklungsstufen hervor. Auf die ausschließlich im Wasser lebenden Tiere waren die im Wasser und auf dem Lande lebenden Amphibien gefolgt, nach diesen kamen Geschöpfe, die nur für das feste Land bestimmt waren; wieder ein Hinweis darauf, daß es in der Natur keinen Zufall gibt, und daß die Reihenfolge und Entwicklung der Arten durch ewige, unabänderliche Gesetze bestimmt wird. Von den vierfüßigen Säugetieren erschienen zuerst die Dickhäuter: das Palaeotherium, das Anoplotherium, das Xiphodon, Geschöpfe, die ihrer Gestalt nach eine Zwischenstufe zwischen dem Rhinozeros, dem Pferde und dem Tapir einnahmen. Das erstgenannte, das etwa so groß wie ein Pferd sein mochte, hatte vom Tapir den Kopf, der in einen fleischigen Rüssel auslief, kleine, ausdruckslose Augen und kurze, plumpe Beine. Im Gegensatz zum Palaeotherium hatte das Anoplotherium lange Beine und dazu noch einen mehr als einen Meter langen Schwanz, der ihm beim Durchschwimmen von Seen oder Flüssen als Ruder diente. Das Xiphodon endlich ähnelte mehr unserer heutigen Gemse und war, wie diese, zierlich gebaut, furchtsam und schnellfüßig. Neben ihnen tummelten sich noch andere Arten, so das Lophiodon, das in seinen verschiedenen Abarten auch die verschiedensten Formen zeigte und in seinen Maßen von der Größe des Kaninchens bis zu der des Rhinozeros variierte, der Chiropotamus, der die Flüsse bewohnte. Das Meer, über dessen Wellen von Zeit zu Zeit der Mosasaurus sein furchtbares, drei Fuß langes Gebiß fletschte, bevölkerten friedliche Wale, die Delphine waren seine Könige.

Wenn wir uns in die damalige Zeit zu versetzen suchen, so wird uns die eigenartige Formenwelt wundernehmen, die unsere Erde in jener Epoche noch zeigte; sie bewahrte noch viel von dem fremdartigen Charakter, der uns bei der Betrachtung der früheren Perioden so sehr in Staunen gesetzt hat.

Es war gerade zur Zeit des Beginnes der letztgeschilderten Periode, der Eozän-Zeit, als der Komet wieder die Erde erreicht hatte, und es bot sich ihm jetzt Gelegenheit, die irdische Landschaft in der Fülle ihrer Entwicklung und ihrer Fortschritte zu betrachten. In diesem Schauspiel offenbarte sich ihm das Gesetz der Bestimmung, und er mutmaßte, daß ein höherer, unbekannter Wille die Bildung dieser kleinen Welt leite und sie zum Aufenthalt für irgendein neues Wesen, das würdig sei, das Zepter einer Welt zu führen, vorbereite.

Die reine Luft erlaubte es der Sonne, ihre fruchtspendenden Strahlen mit vollen Händen über die Erde auszuschütten; aus den stillen und friedlichen Gewässern leuchtete der blaue Himmel; Tausende von Pflanzen schaukelten ihren grünenden Stengel in den Lüften und die ersten Blumen, die am Rande der Gewässer standen, spiegelten sich in ihren Wellen wieder. Zahlreiche Herden weideten auf dem Lande und die fröhlichen Bewohner der Luft nahmen zu höheren Regionen ihren Aufschwung. Überall lachte das Leben. Schon traten die Unterschiede der verschiedenen Jahreszeiten deutlich hervor, und der Komet erkannte bereits, daß die Einrichtungen der Erde sich allmählich denen höher organisierter Welten näherten. Wie alle Kometen hatte auch er in seiner Bahn die größtmöglichste Hitze und die alleräußerste Kälte zu ertragen. Kam er in seinem glühenden Sommer ganz nahe an die Sonne heran, so entfernte er sich in seinem Winter so weit von ihr, daß dieser tausendmal kälter war als der Winter auf der Erde. In seiner Selbstlosigkeit war er daher stets erfreut, wenn er Welten begegnete, die es in dieser Beziehung besser als er hatten.[6] Die Erde befand sich in der glücklichen Lage der Planeten. Das war ein Umstand, der sie in den Augen des Kometen an die andern, höher organisierten Welten näher heranrückte, und mit einem gewissen freudigen Gefühl merkte er, daß sein Interesse für die Erde noch immer wuchs. Die Stellung, die er in seinem Geiste ihr einzuräumen hatte, wurde ihm immer deutlicher.

Die zwar langsamen, aber doch recht merklichen Fortschritte, welche die Erde in ihrer Entwicklung machte, gewährten unserem reisenden Gestirn Freuden, die ihm bis dahin unbekannt geblieben waren. Als der Komet einmal auf seinem Fluge durch die Welt wieder der Sonne sehr nahegekommen war, entdeckte er, daß zwischen Erde und Sonne noch zwei andere Planeten schwebten, nämlich Venus und Merkur. Er wollte seine Aufmerksamkeit nicht durch diese neuen Welten ablenken lassen und sich lieber das Vergnügen, das die Beobachtung der ersten Stufen ihrer Entwicklung ohne Zweifel gewähren mußte, versagen, als ihretwegen die ihm liebgewordene Erde vergessen; er zog es vor, die neuen Welten ganz zu übersehen, wie sie ja auch früher für ihn nicht vorhanden waren. Als er ein anderes Mal nahe an Mars vorbeizog, fiel ihm auf dieser Weltkugel eine ganz ähnliche Schöpfung, wie er sie auf der Erde gesehen hatte, auf, was einem Touristen eigentlich denselben Grund zur Neugier hätte bieten müssen. Aber wie er es mit Venus und Merkur gemacht hatte, so hielt er es auch mit Mars: er ließ ihn unbeachtet einsam seines Weges ziehen. Nur mit dem Erdball beschäftigte er sich, wenn ihn seine Bahn in die Gegenden führte, in denen sich unsere Erde bewegt. Aus dieser beiläufigen Bemerkung mag man erkennen, wie sehr er von seiner früheren Gleichgültigkeit gegen uns zurückgekommen war, und daß er in Zukunft alles sehr aufmerksam verfolgte, was die Erde betraf.

Es war zur Zeit seiner hundertsten Reise – wenn man die, die wir zu Beginn unserer Erzählung erwähnt haben, als erste zählt – das heißt um das Jahr Dreihundertundviertausend­sechshundertneunundachtzig, als er Zeuge des Vorspiels war, mit dem sich die große geologische Epoche einführte, die derjenigen, in der wir uns befinden, vorangegangen ist. Fünfzigtausend Jahre später konnte er sehen, wie jener Abschnitt in der Entwicklungsgeschichte der Erde – die Eozänformation – sein Ende erreichte. Zweihunderttausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung nahm dann die Periode, der man den Namen Miozänformation beigelegt hat, ihren Anfang.

Aurora! Morgen des Lebens! Leuchtender Anfang! Später mögen die Formen des Erschaffenen wohl eine ausgesuchtere Eleganz, eine vollkommenere Schönheit angenommen haben, aber in dieser Frühlingszeit fühlt man es fast, wie in den Pflanzen der Saft aus der Wurzel emporsteigt und bis in die Spitze des Stengels dringt. Später wird der nie ruhende Fortschritt sein Werk vollenden: jetzt aber stehen alle Kräfte der Natur in ihrer größten Fülle und erwecken so viel frohe Hoffnungen für die Zukunft, wie dies keine spätere Zeit mehr tun kann.

Wenn man sich das Weltgebäude als eine riesenhafte Uhr vorstellt, auf der eine Sekunde ein Erden-Jahrhundert bedeutet, und wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein Tag der Erde, im astronomischen Sinne gedacht, Tausende von Jahrhunderten umfaßt, dann wird man nicht mehr erstaunen, daß die Morgenröte eines solchen Tages nach gleichem Maße zu messen ist und daß sie sich über eine lange Reihe von Jahrhunderten erstreckt haben muß. Die Zeiten, nach denen wir die einzelnen Abschnitte unseres geschichtlichen Lebens rechnen, sind im Leben der Natur ein reines Nichts. Ein Jahrhundert geht an ihrer ewigen Jugend spurlos vorüber, und zehn, auch hundert Jahrhunderte rufen auf ihrer Stirn noch keine Altersfalte hervor.

Wie die Kometen im allgemeinen, so befand sich auch unser Komet in einer viel günstigeren Lage, die ersten Jahre eines Weltkörpers, die nach Jahrtausenden zählen, zu messen, als es uns Erdenbewohnern vergönnt ist. Das Jahr unseres Kometen ist ja mehr als dreitausendmal so lang als eines von unseren Jahren, und dadurch hat er einen immerhin recht brauchbaren Anhalt, der ihm als Maßstab für die Dauer der verschiedenen Entwicklungsperioden der Erde dienen kann.

Trotz dieser langen Intervalle zwischen seinen Reisen, die zwar unseren Augen ungeheuer groß erscheinen, bei der unendlichen Dauer der himmlischen Körper aber recht klein sind, kam es doch vor, daß der Komet bei einem neuen Besuche die Änderungen, die sich auf der Erde seit seiner letzten Anwesenheit vollzogen hatten, nicht wahrnahm, denn die Umwälzungen auf der Erde gingen, wie gesagt, langsam vor sich; oft wollte es ihm scheinen, als sähe er dieselben Gegenden, dieselben Landschaften, dieselben Pflanzen und Tiere, die er schon vor dreitausend Jahren und früher gesehen hatte, ja er mochte sogar glauben, daß er dieselben Individuen, die er damals erblickt, noch in vollster Kraft und in demselben Alter vor sich habe. Wenn das schon bei der langen Dauer seines Jahres so war, wie würde es erst gewesen sein, wenn er eine kürzere Umlaufszeit gehabt hätte? Bei aller Anstrengung würde es ihm wohl niemals möglich geworden sein, sich ein genaues Bild von den verschiedenen Stadien der Schöpfung zu machen.

Zu diesen, der Natur des Kometen eigentümlichen Vorzügen traten aber für unseren Helden noch andere, nicht minder wichtige hinzu: nämlich die ihm gegebene Möglichkeit, fortwährende Vergleiche zwischen der Erde und den anderen Planeten anzustellen.

Die Entfernung der Planeten von der Sonne steht ja im Verhältnis zu ihrem Alter. Die älteste Welt unseres Systems ist Neptun, die jüngste Merkur. Als der Komet zum erstenmal in unserem Sonnensystem erschien, waren die älteren Planeten bereits bewohnt; es war ihm nicht vergönnt, Zeuge zu sein, wie sich auf ihnen das Leben bildete.

Neptun, der älteste und von uns am weitesten entfernte Planet, hatte bereits die Höhe seiner Entwicklung überschritten. In den entlegenen Gegenden des Weltenraumes, in denen er seine Bahn wandelt, würde unsere Erde rasch erstarren und zu Eis erkalten; nicht so Neptun, den, wie alle anderen Welten, die gütige Natur so geschaffen hat, daß seine Eigenschaften in vollster Harmonie mit seinen Daseinsbedingungen stehen. Er zieht seine Kreise um die Sonne in Jahren, von denen eines so groß ist wie hundertvierundsechzig Erdenjahre.

Uranus, der jüngeren Datums ist, befand sich gerade im Mittag seines Lebenstages. Dort herrschte ein anderes Leben unter anderen Formen und nach anderen Gesetzen – ein Leben, das mit dem auf dem Neptun vorhandenen gar keine Ähnlichkeit hatte und auch von dem auf den anderen Planeten grundverschieden war. Uns hiervon eine Vorstellung zu machen, ist ganz unmöglich, denn selbst unsere kühnste Phantasie ist nicht imstande, sich mit Vernunft begabte Wesen vorzustellen, die anders als wir organisiert sein sollen, sie vermag es nicht, sich unbekannte Formen vorzustellen. Um die Welt des Uranus kreisten in rückläufiger Bewegung vier Monde, die, gleich ihrem Regenten, ihre erste Jugend schon lange als vergangene Zeiten betrachten durften. Ein Jahr des Uranus umfaßt vierundachtzig Erdenjahre.

Wie wir früher bereits gesehen haben, stand Saturn in seiner schönsten Blüte und vervollkommnete sich immer mehr. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß seine Bewohner mit großen Schritten der Höhe entgegeneilten, auf der die Bewohner des Uranus bereits angekommen waren. Dies würde in keiner Weise das Richtige treffen; denn was für eine Welt die Vollendung darstellt, ist es noch keineswegs für eine andere, und in der langen Geschichte der Gestirne gibt es keine Epoche, in der man etwa die verschiedenen Welten in eine bestimmte Reihe gliedern und jeder Welt eine bestimmte Nummer in dieser Reihe anweisen könnte. Jede Welt hat ihre eigene Bestimmung und verfolgt ihr eigentümliche Mittel, um diese Bestimmung zu erreichen. Bei den Bewohnern des Saturn ist ein Jahr dreißigmal so lang als bei uns, und ihr Kalender hat die Umlaufszeit von zehn Monden mit zu berücksichtigen.

Jupiter befand sich noch in vollster Jugend und strotzte von Kraft und Leben. Man konnte ohne große Mühe erkennen, daß er das Stadium der Entwicklung, in dem sich die Erde gerade jetzt befand, schon seit langer Zeit durchgemacht hatte, daß aber seine Lebensäußerungen mit einer immer noch ziemlich beträchtlichen Langsamkeit vor sich gingen. Während die Erde zwölf Jahre zurücklegte, vollendete er erst ein Jahr, und noch immer herrschte auf ihm beständiger Frühling, obwohl die verschiedenen Jahreszeiten auf seiner Oberfläche bereits ihr Erscheinen zu erkennen gegeben hatten; acht Monde drehten sich rasch um ihn.

Schon bevor der Komet die Erde zum erstenmal gesehen hatte, hatte er diese Beobachtungen bereits gemacht, und es unterliegt keinem Zweifel, daß hierin der Grund für seine anfängliche Geringschätzung der Erde zu suchen ist. Was ihm aber bei seinen Wahrnehmungen am meisten aufgefallen war und wohl auch dazu beigetragen hatte, sein Vorurteil gegen die Erde immer mehr zu bestärken, das war die Kleinheit unseres Planeten im Verhältnis gerade zum Jupiter. Es wollte ihm scheinen, als sei die Erde nur ein vom Jupiter losgelöster Mond, und er war lange Zeit nicht geneigt, sich eines Besseren belehren zu lassen. In der Tat muß ihm ja zugegeben werden, daß der Kontrast zwischen den Größenverhältnissen des Jupiter und der Erde ungeheuer ist. Nicht weniger als elfmal ist der Durchmesser des Jupiter größer als der der Erde, und dementsprechend mißt seine Oberfläche hundertundzwanzigmal mehr und beträgt sein Körperinhalt dreizehnhundertmal mehr als der der Erde!

Mars befand sich um jene Zeit in einer ähnlichen Lage wie die Erde. Obgleich er ihr älterer Bruder ist, war er doch nicht rasch vorgeschritten, vielmehr war er in seiner Entwicklung aufgehalten worden. Als später der Komet die Erde zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht hatte, beschränkte er sich nur auf sie, und es wäre ihm schwer gefallen, seine Aufmerksamkeit zwischen der Erde und einem anderen Gegenstand zu teilen, wenn ihm dieser nicht etwas weit Interessanteres dargeboten hätte. Die Erde blieb das Objekt seiner Gedanken.

Der Mond war damals von dem kleinen Volk der Seleniten bewohnt. Man wird es leicht glauben, daß diese Welt in der Tat zu klein war, um das Interesse des erhabenen Reisenden für längere Zeit in Anspruch zu nehmen.

Trotz der unserer Erde in so hohem Maße entgegengebrachten Neigung des Kometen, hätte doch beinahe ein Ereignis, wie es im Leben eines jeden eines Tages vorkommen kann, diesen seinen so beharrlichen und lehrreichen Beobachtungen ein Ende gemacht. Auch bei den Bewohnern des Weltenraumes gibt es gewisse Vorgänge, die man mit solchen bei den Erdenbewohnern in Parallele stellen kann. Wir müssen einen Augenblick bei einem derartigen Ereignis verweilen, denn es kommt ihm immerhin eine gewisse Bedeutung zu: wir sprechen nämlich von einer Art ehelicher Verbindung des Kometen.

Schon seit siebenundzwanzigtausend Jahren hatte ein prächtiges Meteor, das mit schönster Form einen Farbenglanz von reinstem Wasser verband, von weitem in den Gefilden des Himmelsraumes den Schweifstern daherziehen sehen. Die Einsamkeit macht nachdenklich, und man wird es daher glaubhaft finden, daß sich das Meteor in seiner Einsamkeit zu dem Gestirn mit den langen goldenen Haaren hingezogen fühlte. Siebenundzwanzigtausend Jahre lang näherte sich, infolge des Gesetzes der allgemeinen Schwerkraft, die Bahn dieses Meteorsteines, der zu den größten seiner Gattung gehörte, immer mehr der des Kometen. Bemerkt sei hierbei, daß diese großen Meteorsteine ganz ebenso wie die Kometen ihre Bahnen um die Sonne ziehen. Je näher er an den Kometen herankam, desto rascher flog er auf ihn zu, und zuletzt schoß er mit einer Geschwindigkeit von viertausend Meilen in weniger als einer Minute in die Sphäre des Kometen hinein, so daß er, von weitem gesehen, dessen Kern darzustellen schien. Ob dies vielleicht der Anfang zur Bildung neuer Kometen war? Darüber schweigt die Geschichte, und die Philosophen, die bei der Erklärung dieses Umstandes sich durch nicht passende Analogien haben bestimmen lassen, sind in lächerliche Übertreibungen verfallen. Auf welche Weise aber auch die Kometen sich bilden mögen, das eine steht fest, daß es am Himmel so viele gibt als Fische im Meere; wir berufen uns hierbei auf Kepler und fragen: Was müßte geschehen, wenn sich ihre Zahl willkürlich ins Ungeheure vermehrte? Es bedarf einer gewissen Entschlossenheit, um mit kaltem Blute die zahllose Masse jener Gestirne zu betrachten, die in raschem Fluge ihre Bahnen gegenseitig kreuzen, und man muß staunen, daß ihre vielfältigen Bahnen, welche die Bahn der Erde nach allen Richtungen hin kreuzen, nicht häufige Zusammenstöße zwischen den Planeten und Kometen herbeiführen.

Wir wollen uns jedoch hierbei nicht länger aufhalten. Für uns bleibt der Komet, was er war, die handelnde Person unserer Erzählung. Das Meteor ist in ihm aufgegangen und seine Persönlichkeit existiert nicht mehr.

Inzwischen war das Meer von jener Ebene, auf der sich Paris erheben sollte, zurückgetreten; ein gewaltiger Strom, weit größer als die heutige Seine, nahm deren Flußbett ein, sowie einen breiten Saum längs desselben, und warf sich nicht weit von ihrer heutigen berühmten Mündung bei Havre, aber etwas oberhalb derselben, in der Gegend von Caudebec, ins Meer; dagegen war das Cap de la Hève weiter in den Ozean vorgeschoben. Bekanntlich rücken die Ufer eines Flusses infolge des Sandes, den das Wasser mit sich führt, einander immer näher, und auch die Mündung versandet allmählich, während das Meer hingegen die vorspringenden felsigen Gestade nach und nach abrundet. So ist die Gestalt der Küste in fortwährender Umwandlung begriffen.

Die Natur ging ihrem jetzigen Aussehen entgegen. Vögel sangen bereits in den Wäldern, die wohl das ganze heutige Frankreich bedeckten. Murmeltiere, Eichhörnchen, Feldmäuse, Biber, Pferde, Hunde usw. waren die ersten Vertreter jener harmloseren Tierwelt, die dann, nachdem der Mensch erschaffen worden war, bestehen bleiben sollte. In den geschmeidigen Zweigen der Liane kletterten bereits die ersten Affen und schnitten ihre Grimassen, auch sie, von allen Geschöpfen am meisten den Menschen ähnlich, waren Vorläufer des »Herrn der Schöpfung«.