Fußnoten

[6] Die Ellipse einiger Kometen ist so lang, daß sie zur Zeit ihres Apheliums eine Kälte zu ertragen haben, von der wir uns keine Vorstellung machen können, während sie zur Zeit ihres Periheliums so nahe an der Sonne vorbeigehen, daß sie einer ebenso unfaßbaren Hitze ausgesetzt sind. Newton schätzt das Wärmequantum, welches der Komet von 1680 bei seinem Vorbeigange an der Sonne in sich aufnehmen mußte, achtundzwanzigtausendmal so groß als die Wärme, die wir zur Zeit der Sommer-Sonnenwende von der Sonne empfangen, und setzt seine Temperatur zweitausendmal größer an als die von rotglühendem Eisen. Newton fügt hinzu, daß es die Bestimmung der Kometen sei, dereinst in die Sonne zu fallen, um deren Glühen zu unterhalten. Hierauf wollte wahrscheinlich der Verfasser der »Briefe aus dem Grabe« anspielen, als er folgendes schrieb: »Ein kolossaler Komet, größer noch als Jupiter, hatte noch dadurch an Umfang zugenommen, daß er unterwegs verschiedene kleinere Kometen, die bereits in der Auflösung begriffen waren, in sich aufgenommen hatte. So durch verschiedene kleine Erschütterungen einmal aus seiner Bahn gebracht, konnte er sich nicht mehr in seine Ellipse hineinfinden, und dieser Unglückliche stürzte in die verzehrende Glut der Sonne … Man will wissen, daß der arme Komet, der so bei Lebzeiten verbrannt wurde, schrecklich geschrien haben soll.«


Viertes Kapitel.
Die vorpariserischen Pariser.

Bei den ständigen Beobachtungen, welche die Kometen auf ihren Wanderungen anstellen, haben sie die sehr lobenswerte Angewohnheit angenommen, sich niemals auf ihr jeweiliges Urteil allein, so scharf und unparteiisch es auch sein mag, zu verlassen. Sie sind von jeder Voreingenommenheit frei, und man kann ihnen nicht den Vorwurf machen, daß sie etwa irgendeinem Machthaber zu Gefallen etwas nicht sagten, was sie dächten, oder etwas sagten, was sie nicht dächten. Nach jeder Richtung hin unabhängige Reisende, wie sie es sind, verbringen sie ihre Zeit damit, vergleichende Beobachtungen anzustellen, und sie sind vielleicht die weisesten von allen Himmelskindern. Um ein Beispiel von der Klugheit, die sie bei keiner ihrer Handlungen vermissen lassen, anzuführen, wollen wir nur erwähnen, daß unser Komet bei allem Wohlwollen, das er der Erde entgegenbrachte, und trotz des vorgeschrittenen Zustandes, in dem sich der Planet zurzeit befand, doch das Vergnügen herbeisehnte, auf dieser so zur Freude geschaffenen Welt ein mit Vernunft begabtes Wesen begrüßen zu können. Gegen das Ende der Tertiärperiode, das heißt vor vierzig Kometenjahren oder gegen das Jahr hundertundviertausend­vierhundertundneunzig vor Beginn unserer Zeitrechnung, suchte er dieses Wesen auf der Erde, denn er folgerte sehr richtig, daß, da auf den anderen Planeten vernunftbegabte Geschöpfe vorhanden waren, solche auch auf der Erde erscheinen müßten. Da er aber von derartigen Wesen noch keine Spur entdecken konnte, so beruhigte er sich damit, daß die Erde für diese neue Schöpfung, die doch einst kommen müsse, noch nicht reif wäre, und daß all ihre Pracht und Herrlichkeit zunächst noch für eine vernunftlose Lebewelt da sei.

Frankreich war eben aus den Wassern emporgestiegen. Wie es ja vorkommt, daß hervorragende Geister die Zukunft ganzer Reiche im Geiste vor sich sehen, so ahnte der Komet die künftige Bedeutung dieses Teiles der Erde und wandte ihm sein Interesse zu. Zweimal hatte sich bereits das Meer von neuem über den herrlichen Landstrich ergossen, bevor sein Gestade diejenige Gliederung annahm, deren Charakter ihm auch für die Zukunft bleiben sollte. Eine Bevölkerung, die sich aus den verschiedensten Elementen zusammensetzte, bewohnte das Land. Dort, wo einst Paris stehen sollte, sah der Komet sehr merkwürdige Vorfahren der zukünftigen Großstädter. Im Schlamme der Moräste brüllten Nilpferde und Megatherien; Kamele und andere Wiederkäuer zogen ihres Weges einher. Hirsche mit riesigen Geweihen und flinke Hirschkühe suchten und flohen einander in den tiefen Gründen des Waldes. An den Ufern der Seine, auf deren schönen Promenaden später Stutzer ihre elegante Erscheinung bewundern lassen sollten, waren schon Pfauen als erste Vertreter der Eitelkeit zu erblicken und in ihrer Nähe stolzierten Störche mit gravitätischen Schritten.

Wie heutzutage war auch damals die Fauna bunt gemischt. Hasen liefen Schildkröten in den Weg, und Hunde blickten auf Katzen mit Verachtung herab; die kleinen Gänse liefen hinter den großen einher, aber die Raben hatten es noch nicht gelernt, sich mit fremden Federn zu schmücken. In voller Freiheit sprangen die Pferde auf den weiten Wiesen umher und ließen ihre Mähne lustig im Winde flattern. Die Rinderarten lebten in Herden gesellig beisammen und man sah sie in Gruppen mit den jungen Tieren zur Tränke wandern und von einer Weide zur andern ziehen. Die gesetzten Schrittes daherschreitenden Elefanten, die ältesten Glieder dieser Periode, betrachteten sich als Herren dieses friedlichen Reiches. Um diesem schönen Gemälde, das nur die Gegenwart des Menschen noch vermissen ließ, noch den letzten Pinselstrich zu geben, sah man in der Ferne die schneebedeckten Gipfel hoher Berge sich in den Wolken verlieren. Näher heran konnte man dunkle Wälder erkennen, die in ihrem überwiegenden Teile mit schwarzen Tannen bestanden waren. Am Rande der Wälder erhoben sich dichtbelaubte Erlen und Eichen in Abwechslung mit saftigen grünen Linden; in der Ebene waren hochaufstrebende Pappeln zu schauen und über den Ufern der murmelnden Quellen wiegten sich die Büsche der Weiden.

Die Verschiedenheit, die zwischen den Gebilden zweier Welten herrscht, ist ganz ungeheuer, und die Geschöpfe eines Weltkörpers ähneln in keiner Weise denen eines anderen. Der Stoff, aus dem die Gebilde bestehen, ist durchaus passiver Natur; er fügt sich gehorsam der Kraft, die ihn leitet, und diese allein herrscht unumschränkt. Daher kommt es denn auch, daß die Naturkraft, welche auf den verschiedenen Weltkörpern an Intensität nicht gleich ist, auf ihnen Wesen hervorgebracht hat, die voneinander so bedeutend abweichen. Trotz der Verschiedenheit aller Bedingungen konnte der Komet doch bereits erkennen, daß auch die Erde sich jenem bleibenden Zustande näherte, in dem sich ihre Gefährten im Weltenraum bereits befanden, jenem Zustande, in dem ein Herrscher endlich von seinem Reiche Besitz ergreift. Es war deutlich zu sehen, daß sie sich für ihren Gebieter einrichtete, wobei freilich alle Entwicklungsformen einen ganz eigenen Charakter aufwiesen. So konnte ein aufmerksames Auge ohne Mühe erkennen, daß die Erde mannigfache Wohnungen vorbereitet hatte, die – von denen anderer Planeten freilich sehr abweichend ausgestattet – darauf warteten, ihren Benutzer demnächst einziehen zu sehen.

Sollte man es jedoch wohl glauben, daß der Komet noch gegen dreißig seiner Jahre, von denen jedes mehr als dreitausend Erdenjahre umfaßt, warten mußte, bevor seine Hoffnungen sich zu verwirklichen schienen? Oft machte er trügerische Entdeckungen, und zuweilen glaubte er menschliche Spuren zu erkennen. In der großen Entfernung, in der er sich immerhin von der Erdoberfläche hielt, erblickte er oft Scharen neuer Wesen: Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans, die ihm das so sehr gesuchte Wesen zu sein schienen, aber immer wieder mußte er seinen Irrtum erkennen. Zu gewissen Zeiten, nämlich in den Jahren Vierundvierzigtausend­undhundertvierundsechzig, Einundvierzigtausendundneunundneunzig, Achtunddreißigtausendundvierunddreißig und Vierunddreißigtausend­neunhundertundneunundsechzig hatten seine Hoffnungen ihren Höhepunkt erreicht. Wie uns gelegentlich im Monat April schöne Sommertage, an denen vom Erdboden Licht, Wärme und Blumenduft in die weichen Lüfte aufsteigen, durch ihr frühzeitiges Erscheinen erfreuen, so gab es auch in diesem April der Entwicklungsgeschichte der Erde einen verfrühten Sommer. Ein neues Wesen, das ganz dazu angetan schien, die Herrschaft über die Erde an sich zu nehmen, war in den lachenden Fluren eines großen Erdteils, der inzwischen bereits wieder verschwunden ist, aufgetaucht. Schon gesellten sich die Viehherden zu ihm, als wollten sie ganz von selbst dem neuen Wesen untertänig werden, schon schienen die Elemente dem Einzuge des Königs und der Errichtung seiner Herrschaft geneigt zu sein, aber es handelte sich auch hier um eine frühzeitige Frucht, und der Komet erkannte bald, daß es noch keine Menschen waren.

Vielleicht darf man diesen ursprünglichen Wesen, von denen ich eben sprach, den Namen »Troglodyten« geben, weil sie natürliche Höhlen, die sich entweder an den Seiten von Bergen oder in der Einsamkeit der Wälder befanden, bewohnten. Niemals legten sie Steine aufeinander, um einen größeren Bau aufzuführen. Möglich, daß sie die Ahnen des Menschengeschlechtes und das verbindende Glied zwischen dem Menschen und den früheren Tierarten waren, denn natura non facit saltum. Unser aufmerksamer Reisender konnte dieses große Rätsel jedoch nicht lösen. Während der vier Jahre, die wir genannt haben, beobachtete er sie unausgesetzt, ohne daß er über ihre wahre Natur mit sich ins Reine kam, und als im Jahre Einunddreißigtausendneunhundertundvier vor unserer Zeitrechnung der Komet wieder in sein Perihelium trat, waren sie wieder verschwunden, und vergeblich suchte er auf der Erde ihre Spuren oder ihre Nachfolger.

In den Lichtungen der jungfräulichen Wälder sah man bisweilen auch große Affen herumspazieren, einen Stock in der Hand schleppend, und manchmal konnte man auch zwei große Parteien, die sich mit abgerissenen Baumzweigen bewaffnet hatten, erkennen, wie sie am Rande eines Gehölzes aufeinander losschlugen. Tote und Verwundete blieben auf dem Platze, und man ließ sie liegen, ohne sich weiter um sie zu bekümmern. Andere Affen, die miteinander harmlos und zutraulich spielten, zeigten sich hinterlistig, sobald sich ihnen Gelegenheit zu losen Streichen bot, was immerhin auf eine gewisse Intelligenz schließen ließ. Mehrere dieser gespieligen Geschöpfe taten sich bisweilen zusammen, um ein träges Krokodil aus dem Schlummer aufzuschrecken. Fuhr dieses nun plötzlich aus dem Schlafe auf, so liefen sie eiligst davon, und das Krokodil vergnügte sich nun seinerseits damit, unversehens zuzuschnappen und den Kleinsten oder Ungeschicktesten, den es greifen konnte, zu verspeisen. Auch vereinigten sich ganze Scharen zu fröhlichen Gelagen, bei denen vermutlich die Hochzeit irgendeines hervorragenden Mitgliedes ihres Kreises gefeiert wurde. Um die Wahrheit zu gestehen, waren dies die einzigen irdischen Wesen, die damals den Kometen interessierten. Fünfzigtausend Jahre lang sah er sie immer wieder, ohne daß sie ihn langweilten. Die anderen auf der Erde lebenden Geschöpfe schienen auch noch nicht den vierten Teil ihres Verstandes zu besitzen. Pferde, Elefanten, Hunde und Katzen schienen wohl gelehriger, und es war wohl möglich, daß ihre Erziehung durch den Menschen sie einst in ferner Zukunft auf eine höhere geistige Stufe bringen und sie verständiger als die Affen machen würde; für jetzt aber nahmen unbestreitbar die Affen den ersten Rang in der Schöpfung ein.

In den heißen Gegenden des Äquators entdeckte der Komet später andere Geschöpfe, die mit den eben geschilderten die größte Ähnlichkeit hatten. Sie waren genau so wie diese behaart, lebten ebenso wie diese in kleinen Familien in Schluchten oder Wäldern, schlugen sich von Zeit zu Zeit tot, machten auf die Vögel des Himmels Jagd und hielten sich während der Nacht verborgen. Nur in zwei Punkten unterschieden sie sich unwesentlich von den vorher geschilderten Geschöpfen, und zwar einmal darin, daß, während jene viel miteinander spielten, diese von wilderem Charakter zu sein schienen, und daß sie zweitens bisweilen Stämme zu Scheiterhaufen aufeinander schichteten und verbrannten, was die früher Beobachteten niemals versucht hatten. Davon abgesehen, glichen sie sich fast wie zwei Wassertropfen einander.

Durch einen jener glücklichen Zufälle, wie sie sonst nur in Romanen vorkommen, begegnete unser Komet in demselben Jahre, in dem er die eben geschilderte Beobachtung machte, einem anderen großen, »parabolischen«[7] Kometen, der vom Stern α im Zentauren heranzog, unserem Nachbarn, der uns bekanntlich jedoch nur auf fünf und eine halbe Billion Meilen nahe kommt. Die beiden Kometen freuten sich der so selten vorkommenden Gelegenheit einer Begegnung, und der aus dem Zentauren begleitete unseren Helden, bis sie an die Bahn des Neptun kamen. Sie plauderten zwar nur einen kurzen Kometenaugenblick zusammen, das heißt nur dreihundertundneunzig Jahre lang, aber diese Zeit genügte vollkommen, um unseren Kometen in gute Laune zu versetzen, denn sein Kollege, der viel Scharfsinn besaß, hatte ihn versichert, daß er ohne Zweifel, wenn er auf der Erde habe Feuer anzünden sehen, auch Grund zu der Annahme hätte, daß dort ein mit Vernunft begabtes Geschlecht leben müsse.

Sie hatten sich von den weiten Reichen unterhalten, die jenseit des Neptun sich erstreckten, und der parabolische Komet hatte dabei von einer großen Bildung und bedeutender Erfahrung Zeugnis abgelegt. Sein Gefährte war lebhaft interessiert, denn um uns über Wert und Eigenart verschiedener Gebiete zu unterrichten, gibt es kein besseres Mittel als die Berichte zuverlässiger Reisender. Aber anderseits stimmen diese Berichte oft nicht mit unseren Anschauungen über gewisse feststehende Wahrheiten, die z. B. mit Volksangehörigkeit nichts zu tun haben, überein, und auch der Komet aus dem Zentauren geriet in große Widersprüche, wenn auf derartige Wahrheiten die Rede kam. Aus diesem Grunde entschloß sich unser Held, allen Lockungen unbekannter Fernen gegenüber fest zu bleiben und niemals parabolisch zu werden. Von ihrer weiteren Unterhaltung will ich nichts erzählen, denn wir würden davon doch nichts verstehen. Selbst mit unseren schärfsten Fernrohren können wir kein Bild des Lebens auf dem Neptun erhalten, und um diesen Punkt drehte sich ihr Gespräch.

Als auf seinem Rückwege sich unser unerschrockener Wanderer wiederum der Erde näherte, erwartete ihn Gutes. Seine geliebte Erde zeigte sich ihm bei Sonnenaufgang und bot ihm einen solch sinnberückenden und wunderbar schönen Anblick, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Bei dem blauen Himmel strahlte sie förmlich von Jugend und Schönheit. Die Wiesen prangten in frischem, taubenetztem Grün, die Knospen der Blumen entfalteten sich, und am Hagedorn blühten die wilden Rosen. Ganz zweifellos war die letzte Periode in der Entwicklungsgeschichte der Erde herangenaht – die Quartärzeit hatte begonnen.

Freilich, wenn noch zahlreiche Vulkane inmitten der Gebirgsketten rauchten und der rötliche Qualm wirbelnd zum Himmel stieg, wenn die Erde noch zitterte und ihre trägen Glieder gewaltsam zu dehnen suchte; wenn noch plumpe Dickhäuter den grünen, saftigen Schmuck der Wiesen zerstampften, während in den Wüsten Löwen und Tiger brüllten; wenn die großen geflügelten Jäger aus den Lüften sich auf kleine furchtsame Geschöpfe stürzten, um sie zu verschlingen, wenn in der salzigen Meeresflut noch unerbittliche Ungeheuer lauerten – dann konnte die Erde noch keine vollkommene Schöpfung sein, dann mußte sie eine untergeordnete Welt bleiben, in der das Gesetz der Vernichtung herrschen sollte, das ja, leider, über dem Gesetz des Lebens steht. Auf der anderen Seite war auch nicht zu verkennen, daß die ursprünglichen unförmlichen Gestalten bereits verschwunden waren, um neuen Formen Platz zu machen, die sicherlich eine bleibende Stätte finden sollten. Es war ganz augenscheinlich, daß für die Berge auf dem festen Lande und für die Wälder am Meere die Zeit, in der ein Wesen kommen sollte, das ihren Wert wohl zu würdigen verstände, in der Gegenwart und nicht mehr in der fernen Zukunft lag.

Im höchsten Grade begierig, endlich auf der Erde Wesen erscheinen zu sehen, die fähig wären, die Schönheit ihrer großartigen Landschaften zu bewundern, edle und kräftige Geschöpfe, in deren Kopfe die heilige Flamme des göttlichen Gedankens Platz gegriffen hätte, blieb dem aufmerksamen Kometen nichts übrig, als abzuwarten. Vor sechs Kometenjahren hatte er gesehen, wie unbehaarte Zweifüßler von Höhle zu Höhle liefen und sich leidenschaftlich der Jagd ergaben. Das Jahr darauf hatte er Wesen entdeckt, die mit Pfeil und Bogen, mit steinernen Messern und Äxten bewaffnet waren und sich bisweilen auch in kleinen, von Sümpfen geschützten Behausungen zusammentaten, ja sogar nach Art der Biber ihre Wohnungen in die Seen bauten. Aber es wollte dem Kometen nicht einleuchten, daß das menschliche Geschlecht nicht höher geartete Vertreter als diese haben sollte. Bei jedem Vorbeigange nach seinem Perihelium war er auf das eifrigste bemüht, die gesamte Oberfläche der Erde mit seinen Blicken zu durchmustern, und sein Herz zitterte dabei vor Erregung, jeden Augenblick eine neue Enttäuschung erleben zu müssen. Seit fünfzigtausend Jahren, ganz besonders aber seit den letzten zehntausend Jahren wartete er auf das Erscheinen des Menschen, und sein Eifer verdiente es wohl, von Erfolg gekrönt zu werden.

In den fruchtbaren Tälern, welche die oberen Zuflüsse des Indus bewässern, am Fuße der Riesenketten des Himalaja, herrscht ein ewiger Frühling, der seinen wohltätigen Einfluß weithin verbreitet. Hier war es auch, wo der iranische Tierkreis entstand, der von einem Punkte am Himmel, welcher die Sonnenwende des Jahres Neunzehntausend­dreihundertsiebenunddreißig vor unserer Zeitrechnung bezeichnet, seinen Ausgang nimmt. Nach diesem ersten astronomischen Kalender richteten später zwei große Völkerrassen ihr Leben ein. Zur Zeit, als der Komet vorbeiging, waren sie noch vereint, es waren die Arier, ein Hirtenvolk, das, wie der Komet auf den ersten Blick erkannte, den Völkern, die bisher auf der Erde gelebt hatten, überlegen war. Abgesehen von einer mehr entwickelten äußeren Gestalt, gaben sie durch untrügliche Zeichen von ihrer geistigen Regsamkeit Kunde. Die einzelnen Familien hatten sich zu Stämmen zusammengetan und schlugen bald hier, bald dort ihre Zelte auf, wobei sie sich stets nach der Sonne richteten. Der Orient erwachte, und vielleicht sollte in ihm die Wiege des Geistes entstehen. Hatte vielleicht Gott schon auf sein letzterschaffenes Wesen seine Hand gelegt, um seine Stirn mit dem für alle Zeiten unvergänglichen Zeichen seines Geistes zu schmücken? Oder hatte er die gebrechliche Stirn dieses noch zu jungen Geschöpfes noch nicht berührt? … Nicht gleich am ersten Tage nach seiner Geburt kann das Kind von seiner Vernunft Gebrauch machen.

Legt man eine Eichel in fruchtbares Erdreich, dann wird sich allmählich der in ihr verborgene Keim entwickeln. Viel Schnee wird den Boden des Waldes mit seinem weißen Tuche überdecken, viel Tau wird im Frühling darauf herniedersinken, und durch die dichtbelaubten Wipfel wird oft die heiße Julisonne ihre wohltuenden Strahlen senden. Und es wird zwar lange dauern, aber endlich wird sich doch eine junge, grüne Eiche im Winde schaukeln; noch können die kleinen Vögel, die auf ihr sitzen, ihren dünnen Stamm zur Seite biegen. Aber wenn die Jahrhunderte an ihrem sich immer mehr ausbreitenden Gipfel vorüberziehen, dann wird sich erst die ganze Größe des Baumes in seinem reichen Blätterschmuck an den vielfach verästelten Zweigen entfalten. Generationen werden unter seinem Schatten sitzen, und die Zahl seiner Jahre kann kaum noch gezählt werden. So geht in der Natur jeder Fortschritt nur gemach vonstatten, und so folgt auch in dem göttlichen Werke der Schöpfung ein Weltenalter mit gemessenem Schritt auf das andere.