Fußnoten

[7] Parabolische Kometen nennt man diejenigen, die anstatt in einer geschlossenen Kurve um die Sonne zu kreisen und in gewissen Perioden stets den nämlichen Punkt zu berühren, sich aus der Ellipse entfernen, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Sie wandern in unfaßbare Entfernungen, verschwinden aus dem Bereich der Anziehung unserer Sonne, gehen in andere Systeme über und setzen so ihr vagabundierendes Leben fort.


Fünftes Kapitel.
Im Orient.

Dem Gestirn, das mit liebevoller Sorgfalt die weitere Entwicklung der Erde verfolgte, war es nicht entgangen, daß in der letzten Zeit die einzelnen Stufen rascher aufeinander gefolgt waren. Dreitausend Jahre sind indessen ein verhältnismäßig so geringer Zeitraum, daß der darin erreichte Fortschritt von keiner großen Bedeutung sein kann. Nur an der Zahl seiner Vorübergänge an der Erde vermochte der Komet festzustellen, welche Fortschritte die Erde in der Zwischenzeit gemacht hatte und wie weit sie auf ihrem Wege zu vielleicht unendlicher Vervollkommnung gelangt war.

Mehr als jemals in seinen Hoffnungen bestärkt, machte sich unser Philosoph mit größtem Eifer daran, die Sitten jener patriarchalischen Stämme Indiens einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Aber welch großer Unterschied lag doch zwischen ihnen und denen der Bewohner anderer Welten, die er vor langer, langer Zeit kennen gelernt hatte! Wie weit waren diese Völker doch noch von dem wahren Zeitalter der Humanität entfernt, in dem Poesie, Wissenschaft und Kunst die Bildung einer Nation ausmachen! Wenn unter dieser flachen Hirnschale der Geist schon erwacht und sich seiner Kraft bewußt geworden war, dann war er ganz gewiß noch nicht über jenen halbnächtlichen Zustand, in dem noch die Traumwelt vorherrscht, hinausgekommen. Er lebt in einer beständigen Furcht; als höhere Wesen betet er die Elemente, die Naturerscheinungen an. Aber sein Sinnen ist schon erwacht, und die Poesie führt ihn bereits zum gemeinsamen Urquell aller Dinge.

Erst im Jahre Dreizehntausendfünfhundertundvierzehn vor unserer Zeitrechnung geschah es, daß der Komet zum erstenmal auf der Erde etwas zu entdecken glaubte, was einer menschlichen Stadt ähnlich sah; in Wahrheit war es jedoch nur ein unregelmäßiger Haufen aus Stein erbauter Hütten. Der Enthusiasmus aber, mit dem er diese Entdeckung begrüßte, läßt sich nicht in Worten ausdrücken; glücklich war er, nun endlich einen handgreiflichen Beweis dafür zu haben, daß die Herren der Erde in ihrer Entwicklung und in ihrem Familienleben Fortschritte machten. Aus einer ungeheuren flüssigen Ebene, die den größten Teil der Erdoberfläche gleich einem smaragdenen Tuche überdeckte, hob sich ein weites unregelmäßiges Dreieck in ockergelber Farbe ab. Dieser Erdteil schien nicht so fruchtbar zu sein wie der benachbarte, der zu seiner Rechten angrenzte, und auf dem noch die bereits oben erwähnten indischen Stämme lebten; in seinem äußersten Norden war aber eine Landschaft von außerordentlicher Fruchtbarkeit und größter Schönheit zu erblicken. Es schien fast so, als ob der Mensch imstande gewesen wäre, das Gebiet der Erde vollständig zu übersehen, die verschiedenen Gegenden miteinander zu vergleichen, und gerade die fruchtbarste und schönste zu seiner Niederlassung auserwählt hätte. Inmitten dieser von der Natur bevorzugten Gegend strömte ein breiter, mächtiger Fluß dahin, der sich kurz vor seiner Einmündung ins Meer in zwei Arme teilte, und oberhalb des Deltas war die erste Stadt entstanden. Memphis hieß sie, die in späteren Jahren ihre königliche Oberherrschaft an This, eine Stadt Oberägyptens, abgeben sollte, bis noch später Theben die beiden Städte ablöste und in den Schatten stellte.

Wohl ist es wahr, daß der himmlische Beobachter die weiße Rasse unter den Menschen noch nicht bemerkt hatte, aber es entging ihm auch nicht, daß sich in der äußeren Erscheinung der Menschen doch schon ein ganz gewaltiger Fortschritt kundgab. Er sah, wie zur Ausführung größerer Arbeiten Menschen sich zu Gruppen zusammenscharten und daß bereits ein festes Band die einzelnen Familien eines Stammes zusammenhielt. Wenn des Abends sein feuriger Schweif den Horizont schmückte, konnte er sehen, wie Menschen ihren Führern an den Nil folgten, an seinen Ufern niederknieten, um in den stillen Gewässern des Stromes das Bild des Kometen zu betrachten. Andere, in ihrer Kleidung wesentlich von jenen unterschieden, stiegen in der Nacht auf hohe Pyramiden und suchten dort den Stand des Kometen unter den anderen Sternen festzustellen. Es war dies der Ursprung wissenschaftlicher Forschung, aber auch zu gleicher Zeit der Anfang der Unterjochung furchtsamer und unwissender Völker durch tyrannische und rücksichtslose Männer.

Da der Komet die Erde doch nur in langen Zwischenräumen besuchte, wird man es begreiflich finden, daß er von all dem, was der Mensch in seinem Hochmut mit der stolzen Bezeichnung »Weltgeschichte« benennt, nur eine ganz unbestimmte Vorstellung gewann. Nur in großen Zügen konnte er von seinem Stand am Himmel verfolgen, wie die einzelnen Perioden der Schöpfung der Erde aufeinander gefolgt waren, er sah sie aber nicht durch den trügerischen Spiegel, dessen die Menschen sich bedienen, um alles, was sie betrifft, recht groß zu machen, und das, was ihnen fremd oder unbegreiflich ist, recht klein erscheinen zu lassen. Der Komet konnte sich zwar naturgemäß nicht rühmen, alle Einzelheiten der Geschichte der Erde zu kennen; aber er konnte sich – und es ist dies auch mehrmals geschehen – zum Dolmetscher der Erde bei den anderen Gestirnen machen und ihnen die Geschichte unseres Planeten mit einer Klarheit und einer auf eigner Anschauung beruhenden Genauigkeit erzählen, die allen Täuschungen der Menschen bedeutend überlegen war. Es wäre daher sehr unrecht, wenn man sich etwa darüber wundern wollte, daß unser beobachtender Freund sich nicht besser über die Einzelheiten des irdischen Lebens zu unterrichten suchte. Seine Art, zu beobachten, konnte keine andere werden, und das Erscheinen des Menschen auf der Erde hat ihn auch nicht zu bewegen vermocht, seine Besuche in kürzeren Zwischenräumen zu wiederholen.

So würde er zwar nicht bestimmen können, ob sein Vorbeigang im Jahre Zehntausendvierhundertundneunundvierzig in die Periode der Ptah oder erst in die des Re, des Chons oder des Set fiel, nach denen die ägyptischen Priester ihre Jahre zählten; er wußte aber ganz genau, daß eine der unserigen benachbarte Sonne, von der Kometen, die von dort kamen, ihm glänzende Schilderungen entworfen hatten, der große und schöne Sirius, es vermocht hatte, die Blicke und Gedanken, die Bewunderung und Verehrung der Priester von Ober- und Unterägypten auf sich zu ziehen. Er dürfte wohl auch nicht bestätigen können, daß in dem entlegenen Zeitabschnitt, von dem der indische Kalender seinen Ausgang nimmt, die Söhne des Ostens bereits imstande waren, den Punkt der Sonnenwende festzustellen; ganz zweifellos wußte er aber, daß die Inder die Sonne verehrten, ebenso Agni, den Gott des Feuers, und daß sie dagegen Indra, den Gott des Blitzes, fürchteten. Aus eigener Beobachtung wußte er auch, daß aus dem Orient das Licht der Erkenntnis hervorgehen würde, das später den Okzident erhellen sollte.

Dem Kometen war es auch vollkommen klar, daß, wenn es der Erde beschieden sein sollte, ein Wohnort für vernunftbegabte Wesen zu werden, diese Wandlung nicht in zwei Tagen geschehen könnte, sondern daß auch die Menschheit zu diesem Ende eine lange Lehrzeit durchmachen müßte. Es ist ein weiter Weg, der zur Zivilisation einer Welt führt! Nach seinen Jahren von dreitausend Erdenjahren Länge hatte der Komet in der Theorie sich ausgerechnet, daß die Erde in vier bis fünf Jahren die Kinderschuhe werde ausziehen können. Vier Jahre, zu dem hinzugerechnet, bei dem wir jetzt in unserer Erzählung stehen, ergeben 1811 unserer Zeitrechnung! Hat sich der Komet getäuscht? In der Praxis freilich, sagte sich der Komet selbst, wird hierzu ein viel längerer Zeitraum erforderlich sein, da nach allem, was er sehen konnte, die Menschen durchaus nicht von dem Verlangen, sich zu vervollkommnen, beseelt zu sein schienen, sondern viel lieber sich gegenseitig zu schädigen suchten. Eine Beobachtung, die sich ihm aufdrängte, machte ihn im höchsten Grade betroffen, und er hat sie nie vergessen können. Noch immer steht er unter dem Eindruck, den er erhielt, als er aus seinen Himmelshöhen Zeuge einer jener großen und blutigen Schlachten war, wie sie in der Frühzeit der Geschichte geschlagen wurden, ein Eindruck, der sich im Laufe der Zeiten nicht verwischte, sondern sich immer wieder erneuerte, denn, solange es auf der Erde Menschen gibt, hat unser teilnehmender Freund auch nicht ein einziges Mal die Erde besucht, ohne daß er nicht irgendwo gesehen hätte, wie diese Geschöpfe sich gegenseitig totschlugen. Es schien ihm fast so, als ob sie nur dazu geboren wären, ihre Kräfte aneinander zu messen, und sobald sie sich stark genug dazu fühlten, ihre Macht gegeneinander zu gebrauchen. Anstatt, wie auf anderen Welten, eine geeinte, solidarische Familie zu bilden, lagen die Menschen der Erde fortwährend mit sich selber im Kampfe. Nach dieser Erfahrung, folgerte er, müsse man die Zahl der Jahre, die für die Lehrzeit der Menschen erforderlich sei, vervierfachen.

Durch ein unvorhergesehenes Ereignis, das wir hier nur beiläufig erwähnen wollen, sollten die Beobachtungen des Kometen zu der Zeit, in der wir uns jetzt befinden, eine kleine Lücke erhalten. Bei seinem Vorübergange im Jahre Siebentausend­dreihundertundvierundachtzig wurde seine Aufmerksamkeit ausschließlich durch den Mond in Anspruch genommen, und die neun Monate, die der Komet angesichts der Erde verweilte, flossen dahin, ohne daß er Zeit gefunden hätte, seine Beobachtungen auf unserem Planeten fortzusetzen. Schon im Jahre Neunundfünfzigtausend­vierhundertundneunundachtzig, also siebzehn seiner Jahre vorher, war dem Kometen auf dem der Erde benachbarten Gestirn, der sie wie ein treuer Trabant unablässig begleitet, eine allgemeine Bewegung aufgefallen, die auf der Oberfläche des Mondes eine ganz ungewohnte Änderung herbeiführte. Zwei voneinander ganz verschiedene Naturen hatten auf seinen beiden Halbkugeln Platz gegriffen; Mondbewohner, die von einer der beiden Hemisphären auf die andere übergingen, glaubten in eine ganz andere Welt zu kommen. Als ob das Gesetz von dem Gleichgewicht der Kräfte dort nicht existierte, nahm der reichere Teil den ärmeren Teil unmerklich in sich auf. Er sog ihm förmlich den Saft des Lebens aus, als ob es sein Wille gewesen wäre, das Reich der Mondbewohner allein ohne einen Nebenbuhler beherrschen zu wollen. Sämtliche flüssige Massen sowie alle zu Gasen verflüchtigten Körper zogen von der der Erde zugewandten Seite auf die andere hinüber, und gerade zu der Zeit, in der der Komet an der Erde vorbeiging, fand der Auszug der Seleniten, der Mondbewohner, nach der Halbkugel ihres Gestirnes statt, die nur noch allein bewohnbar blieb. Man sah sie überall sich rüsten, und von allen Seiten liefen sie nach der Grenze des Horizontes, und alles, alt und jung, groß und klein, arm und reich, wanderte nach der neuen Welt. Die unglückselige Hälfte des Mondes blieb von der Zeit an vollkommen verödet, und wir sehen heute ihre erloschenen Krater und die ausgetrockneten Meere, die ewig in ein grausiges Schweigen gehüllt sind.

Fast hätte noch ein anderes Ereignis den Studien unseres Kometen ein frühzeitiges Ende gemacht. Bei seinem drittletzten Vorübergange glaubte er schon alles Leben auf der Erde der Vernichtung preisgegeben zu sehen. Eine ungeheure Flut hatte sich über sie ergossen, angeschwollene Ströme hatten Wiesen und Felder verwüstet, Ebenen und Gebirge schienen unterwühlt zu sein; auch das Meer schien die Grenzen seines Reiches überschritten zu haben, um die bisherigen Kontinente seiner todbringenden Herrschaft zu unterwerfen. Als sich aber gegen Abend die Erde gedreht hatte und dem Kometen ihre andere Hälfte zuwandte, vermochte er zu erkennen, daß diese Sintflut keine allgemeine war. Sie beschränkte sich nur auf die uralten Gegenden Asiens, während die beiden ungeheuren Dreiecke Amerikas im schönsten Sonnenschein dalagen. Die üppigste Vegetation herrschte hier, die Tierwelt befand sich auf der Höhe ihrer Blüte, und die Menschen, die dort wohnten, freuten sich ihres Lebens und beteten ihre schöne Natur an. Es waren die Vorfahren der Tolteken, auf die zuerst die Chichimeken und dann die Azteken folgten. Diesen war es auch beschieden, das Reich der Tapaneken, Akolhuaner usw. in das ihrige einzuverleiben. Sie gründeten die berühmte Stadt Tenochtitlan auf den Inseln des Tezcuco-Sees, die sie später zu einer einzigen Insel umschufen, um eine feste Grundlage für die Hauptstadt Mexikos zu gewinnen. Man sah auch die Berge, auf denen Manco-Capac eines Tages die Republik der Inkas, die Sonnenanbeter waren, gründen sollte. In ihr Reich zog später Pizarro ein, um es zu erobern und dann das Vize-Königreich Peru zu gründen. In den beiden Amerika lagen viele voneinander getrennte kleine Staaten. Nicht mit Unrecht dachte der Komet, daß, wenn durch ein plötzlich hereinbrechendes Unglück die asiatische Kultur auf dem Grunde des Meeres verschwände, Amerika sie recht wohl ersetzen könnte. Bald aber hatte er die Gewißheit, daß die Menschheit doch nicht in Gefahr stand, vom Erdboden zu verschwinden. Während die »neue Welt« zum Leben erwachte, wuchs die »alte« immer mehr und schuf so Ersatz für den kleinen Teil, den sie tatsächlich der großen Flut hatte zum Opfer bringen müssen. Ägypten besaß auch schon eine wirkliche Stadt, in der man bereits Paläste und Türme unterscheiden und die Anfänge einer einförmigen Skulptur erkennen konnte. Hohe Pyramiden bildeten Wahrzeichen der dortigen Kultur, und in Indien entstanden ebenfalls große Städte. Auch Europa machte sich schon bemerkbar; erwachend, erkannte es, daß es bereits Tag geworden war, und fühlte das Verlangen aufzustehen und an der Kultur mitzuarbeiten. Nur in Australien konnte unser Komet noch keine höher gearteten Wesen, als große Affen, erkennen, die einander Grimassen schnitten.

In Gesellschaft der so verschiedenartig gestalteten menschlichen Rassen entdeckte der Komet auch seltsam geartete Tierformen, die heute nicht mehr vorhanden sind: Da war der Elephas primigenius oder das Mammut, ein ungeheurer Elefant, der 15–18 Fuß hoch war und mit gekrümmten Stoßzähnen, die wenigstens 12 Fuß in der Länge maßen, bewaffnet war. Als man in späteren Zeitaltern fossile Knochen dieses Mammut zusammen mit menschlichen Gebeinen fand, hielt man sie irrtümlich für Überreste von Riesen, die 20 Fuß groß gewesen sein sollten! Da sah man das Rhinoceros tichorhinus, ein über und über mit Haaren bedecktes Ungeheuer, in dem wir wohl das Urbild des die Höhle bewachenden Drachen der Sage zu erblicken haben; auf der Höhe des Montmartre hauste der Höhlenbär in Gesellschaft riesenhafter Tiger; der Wisent und der Auerochs, welcher in Gallien von Cäsar auf dessen Rückwege von Bibracte noch gesehen wurde, bevölkerten die Wälder, ebenso der Cervus megaceros, eine Hirschart, die mit einem kolossalen Geweih von 10–12 Fuß Breite geziert war; diese Hirsche fielen den ersten menschlichen Jägern, die mit Pfeil und Bogen schossen, als Beute zu. Auch prächtige Vögel, wie man sie heute nicht mehr sieht, gab es, wie der Dinornis oder Epiornis, dessen Eier 25 Zentimeter lang waren. Sie gehörten zu der Familie der Strauße und gaben in der damaligen Fauna eine sehr gute Figur ab.

Die Ureinwohner Frankreichs, die Kelten, die ein Glied der indogermanischen Völkerfamilie waren, kannten diese würdigen Nachkommen vorsintflutlicher Tiergeschlechter noch ganz gut. Der Komet beobachtete die Kelten mit Interesse, und sie verdienten es auch, daß er ihnen seine Aufmerksamkeit zuwandte, die hunderttausend Jahre vorher die Riesen der Vorwelt auf sich gezogen hatten; übrigens eine bedeutungsvolle Perspektive, daß dasselbe Gestirn, zu dem wir aufblicken, schon Geschlechtern, die seit Jahrhunderten erloschen, und Völkern, die bereits für immer in den Abgrund der Zeiten verschwunden sind, leuchtete. So vergehen wie Eintagsfliegen die Wesen, die für uns alles Dasein darstellen, während die Natur, die wir als etwas Selbstverständliches hinnehmen, ewig in ihrer erhabenen Größe bestehen bleibt.

Es war im Jahre 1254 vor Christi Geburt, als unser ehrwürdiger Reisender zum vorletztenmal an der Erde vorüberging. Damals führten unsere Ahnen noch ihr einförmiges Naturleben inmitten der dunklen Wälder, die zu jener Zeit noch das Land bedeckten. Ihr Ehrgeiz ging über die Scholle, auf der sie geboren waren, nicht hinaus, und sie genossen in Frieden das Licht des Himmels und die Güter der Erde. Ihre Großonkel, die wir bereits vor einigen tausend Jahren im fernen Orient kennen gelernt haben, führten noch immer dasselbe frohgemute Leben. Aber im Gegensatz zu den Kelten, die friedlich in den Wäldern ihres Landes wohnten, suchten sie weitere Eroberungen zu machen. Doch die Zeit ist nicht mehr fern, in der auch die Kelten nach dem Süden wandern und hinter sich die Kimmerier, Scordisken, Taurisker, Boier und Zimbern lassen werden; jetzt aber erfreuen sie sich noch des Glückes ihrer Kindheit, aber auch sie werden groß und mächtig werden. Anderseits jedoch sind die Völker, die wir bereits betrachtet haben, von ihrer Höhe zurückgegangen. Ägypten schläft, Memphis ist tot, This träumt und Theben, das hunderttorige, erwacht. Aber es dauert nicht mehr lange, und der Wüstensturm wird alle diese Städte hinwegfegen. Ach wieviel verschwundene Kulturen! Babylon, das vor fünfzehnhundert Jahren gegründet wurde, ist bereits gesunken, und Ninive, das ihm folgte, liegt in Trümmern. Ecbatana taucht auf, aber nur um später Persepolis Platz zu machen, das auch seinerseits wieder fallen wird. Assyrer, Meder, Perser, Chaldäer waren nichts weiter als abgestoßene Glieder einer großen Völkerfamilie. Auf der anderen Halbkugel schritt Amerika nur langsam vorwärts. Im östlichen Asien waren in China die Keime der Kultur aufgegangen; und überallhin sandte die Sonne ihre befruchtenden Strahlen und hüllte Länder und Meere in ihr friedliches Licht. Vor kurzem erst war ein kleines Volk aus Ägypten ausgezogen, jetzt setzte es sich längs des Meeres fest, aber es hatte sich noch keine Könige gewählt. Schließlich ist noch im Süden Europas eine kleine Halbinsel zu erwähnen, deren Bewohner, die erst vor achthundert Jahren dorthin gekommen waren, älter als der Mond sein wollten und behaupteten, der Grille gleich, die von ihren Frauen als Wahrzeichen im Haare getragen wurde, aus dem Boden der Erde entstanden zu sein. Damals beschäftigte eine wichtige Begebenheit die Bewohner dieses Landes. Ein gewisser Paris hatte eine sehr schöne Dame, namens Helena, die rechtmäßige Gattin des Königs Menelaus, entführt und nach einer einige Grade entfernten Stadt Kleinasiens gebracht. Das ganze Volk geriet dadurch in Aufregung. Überall wurden Waffen hergestellt, Pferde gezäumt, Säbel geschärft, Harnische geglättet, Panzerhemden gewebt, Schilde geschmiedet, Beinschienen gefertigt, Lanzenspitzen befestigt, Stöcke mit Eisen beschlagen, das Gepäck gepackt. Solch große Vorbereitungen hatte der Komet noch nie gesehen. Zu seinem Unglück, oder besser gesagt, zu seinem Glück, konnte er das Ende des Krieges nicht abwarten, denn die Belagerung der Stadt dauerte nicht weniger als zehn Jahre, und in diesen zehn Jahren hatte der Komet viele Millionen Meilen durchflogen; das hinderte ihn aber nicht, sich darüber klar zu werden, daß man einer Kleinigkeit wegen sehr viel Lärm mache, und sich zu sagen, daß er den Bewohnern der Erde, wenn sie fortfahren sollten, sich um Nichtigkeiten so hinzumorden, schließlich nicht mehr die Ehre seiner Beachtung würde zuteil werden lassen.


Sechstes Kapitel.
Von der Sintflut bis zum Jahre 1811.

»Welche Veränderung seit vorigem Jahr!« rief der Stern mit dem leuchtenden Schweif, als er bei seinem letzten Erscheinen, von dem die Geschichte berichtet, zur Erde zurückkam. »Ist das dieselbe Welt, die ich vor ganz kurzer Zeit noch in ihrer Kindheit sah? Ist dies dasselbe Volk, das vordem so gering an Wert und klein an Zahl, so furchtsam und schwach war? Ist denn nichts mehr von dem vorhanden, was ich hier gesehen und gehört habe? Menschen, Völker, Städte, Länder – alles hat sich geändert! Wo sind die alten Barden, die mich zum Zeugen für keltisches Gesetz und Recht anriefen? Wo ihre Altäre und Druidensteine? Wie viele Umwälzungen seit meinem Weggange! Ich sehe hier weder die Kelten noch die Kimrier, und dort unten weder Griechen noch die Völker Mediens. Was für eine Stadt ist dies hier? Unmöglich, das kann nicht die Erde sein!« … Vor Staunen konnte der Komet sich kaum fassen.

Seit seinem letzten Besuch hatte die Erde sich tatsächlich sehr verändert, denn man zählte das Jahr des Heils 1811, und in vollem Glanze leuchtete der Komet über Paris.[8]

Für die Sterne im allgemeinen und für die großen Kometen im besonderen wollen dreitausend Jahre nicht gerade viel sagen: Im Kalender der Ewigkeit sind sie weniger als eine Sekunde. Aber für den Menschen – das wissen wir alle sehr gut – sind dreitausend Jahre viel, sehr viel!

Wie viele Generationen hat die Welt gesehen seit 1254 vor Christi Geburt! Griechenland, Latium und seine Könige, die römische Republik, Karthago, das römische Kaiserreich und sein Sturz, die Barbaren, das west-römische Reich, die Gründung von fränkischen, deutschen, angelsächsischen, heidnischen, christlichen, mohammedanischen Reichen, das Aufkommen und der Verfall des Lehnswesens in Frankreich, das dann die Monarchie, die Republik und das Kaiserreich erlebte! Alle diese Veränderungen hatten sich langsam vollzogen, und für den Kometen waren sie nicht vorhanden. Und was müßte sich erst ergeben, wenn wir, anstatt uns auf ein einziges Land zu beschränken, den ganzen Erdball in den Kreis unserer Darstellung zögen? Die ganze Geschichte der Menschheit könnte in dem Zeitraum von 1254 v. Chr. bis 1811 n. Chr. eingeschlossen werden, der für den Kometen doch nur ein einziges Jahr bedeutet. Seine Überraschung war daher ganz gerechtfertigt und zu verzeihen. Ohne es zu merken, war er von heute auf morgen von Agamemnon zu Napoleon übergegangen, und man wird zugeben müssen, daß es einen größeren Sprung nicht gut geben kann.

Städte und Völker hatten sich geändert. Viele waren verschwunden, andere neu erstanden. Es war ganz klar, die Menschheit hatte einen großen Schritt weiter getan. Ob aber vorwärts oder rückwärts? Der Komet, der doch ein scharfer Beobachter war, glaubte zu der Annahme Grund zu haben, daß die Menschheit nicht rückwärts gegangen war. Aber nicht allein der Mensch hatte sich mit allem, was mit ihm in näherer Beziehung steht, geändert; es schienen sich auch in der Natur Umwandlungen vollzogen zu haben, die nicht ausschließlich dem Zahn der Zeit zuzuschreiben waren. Die Wälder waren zurückgedrängt und bedeckten nicht mehr den ungeheuren Raum, den sie ehemals eingenommen hatten. Von Menschenhand angelegte Wasserläufe hatten sich in die natürlichen Flußsysteme eingeschoben. Sümpfe waren ausgetrocknet und die Meeresufer schienen geschützt. Das Land war mit weißen Linien durchschnitten und an den Hügeln bauten sich terrassenförmig Dörfer auf. Gewerbtreibende Städte erhoben sich an den Ufern großer Ströme und ließen ihren Grund von den rasch dahinströmenden Wellen benetzen; Gärten und Parkanlagen umrahmten die Gruppen menschlicher Wohnungen. Man mußte es wohl bekennen: diesem kleinen Teil der Erdkugel hatte der Mensch das Siegel seiner Gegenwart aufgedrückt.

Aber … und wo gibt es kein »Aber«? … noch immer hörte der Komet auf der Erde Waffengeklirr. »Auch jetzt noch! Leider!« rief er aus. »Fast muß ich glauben, daß den Erdenleuten das Kriegführen zur Gewohnheit geworden ist. Die armen Menschen! Und dabei ist ihr Planet doch keineswegs häßlich. Warum schlagen sie in den sie entwürdigenden Kriegen einander tot? Kann es etwas Schöneres geben, als unter der lachenden Sonne in Frieden zu schaffen? Ob sie denn überhaupt wissen mögen, was sie tun?«

In den stillen und unendlichen Tiefen des Weltenraumes ist das Gefühl für Entfernungen aufgehoben, und Organe, die imstande wären, auch den schwächsten Ton zu vernehmen, könnten sich durch den unendlichen, unfühlbaren Äther verständlich machen. Alles ist relativ, die Stärke des Tons sowohl als die des Lichts. Wenn die Kometen nach den entlegenen Wüsten ihrer größten Entfernung kommen, verlangsamen sie ihren Gang, als ob sie in den Tiefen des Raumes dem Unbekannten ein aufmerksames Ohr schenken wollten. Man will sogar wissen, daß sie manchmal, ebenso wie in ein fernes Land Verbannte, sich leicht aneinander schließen, sich durch den unermeßlichen Raum ihre Gedanken mitteilen und daß sie sich die Langeweile der Einsamkeit und der Finsternis durch eine Unterhaltung über die Natur der Dinge und das Schicksal der Wesen, die sie auf ihren Reisen gesehen haben, zu verkürzen suchen. Vor einigen Jahren traf unser Komet in der Einöde jenseits des Neptun den Halleyschen Kometen, der, wenn er auch nicht ganz so vornehm und berühmt wie unser Held ist, sich doch immerhin bedeutend über den Durchschnitt der gewöhnlichen Kometen erhebt. Die beiden Reisenden gingen sofort daran, ihre Erinnerungen und Erlebnisse miteinander auszutauschen.

»Seit meinem letzten Besuche habe ich die Erde sehr verändert gefunden,« begann der größere und ältere von beiden. »Man arbeitet dort unten sehr rasch, und es will mir scheinen, daß eines meiner Jahre so lang ist wie dreitausend der ihrigen, und daß in dieser winzigen Spanne Zeit neunzig verschiedene Generationen geboren werden und sterben könnten. Welch Unterschied doch zum Neptun, auf dem ich seit sechstausend Jahren auch nicht ein Jota sich habe ändern sehen.«

»Mit Verlaub, mein verehrter Kollege,« entgegnete der andere. »Auch meine Jahre vergehen viel schneller als die Eurigen, denn während ich einen Umlauf um unsere herrliche Königin, die Sonne, vollende, haben die Erdbewohner erst fünfundsiebzig ihrer Jahre verlebt, und um die Wahrheit zu gestehen, muß man zugeben, daß man während dieses kurzen Zeitraumes auf der kleinen Erde Zeit findet, viel zu bauen und niederzureißen. Glaubt es mir, werter Kollege, ich bin über den Leichtsinn der Erdbewohner nicht weniger erstaunt als Ihr es seid.«

»Unter uns gesagt, diese Leute scheinen mir entweder sehr oberflächlich oder sehr tätig zu sein. Seitdem es Menschen auf der Erde gibt, verändert sie sich zusehends. Früher, bevor diese Geschöpfe erschaffen waren, kann ich mich erinnern, zwanzig und auch dreißig Reisen gemacht zu haben, ohne daß ich große Änderungen auf der Erdoberfläche bemerkt hätte. Aber seit fünf Jahren« (der Komet meinte fünfzehntausend Jahre) »haben sie es gelernt, in ihrem Lande zu bauen, niederzureißen, zu graben, Dämme aufzuschütten und es in einer Weise umzugestalten, als ob sie damit ein reines Gaukelspiel aufführen wollten.«

»In welchem Erdenjahre waret Ihr zum vorletztenmal da?«

»Mein lieber junger Freund, wenn ich mich recht erinnere, mögen dies dreißig irdische Jahrhunderte her sein. Ich kenne ihren Kalender zu wenig, um die Zeit genau angeben zu können. Ich war gerade damals in meinem zweihundertfünfundvierzigsten Jahre, denn ich zählte fünfundvierzig Jahr, als ich die Erde zum erstenmal bemerkte, und seit jener Zeit bin ich zweihundertmal an ihr vorbeigekommen.«

Der kleine Komet, der sehr gut zu rechnen verstand, hatte ohne große Mühe sofort herausgefunden, daß dieser vorletzte Besuch keinesfalls später als um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Beginn der christlichen Zeitrechnung stattgefunden haben konnte. Häufigere Besuche auf der Erde hatten ihn mit der dortigen Art, die Jahre vor und nach Christi Geburt zu zählen, vertraut gemacht. Und er konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, wenn er an die Verwunderung seines ehrwürdigen Gefährten über die Veränderungen dachte, die sich seit jener Zeit auf der Erde vollzogen hatten. Da er gern erzählte und sich seinem vornehmeren Kollegen angenehm machen wollte, gelüstete es ihn, die Unterhaltung fortzusetzen und seine persönlichen Beobachtungen über die Bewohner der Erde zum besten zu geben. Sein Kamerad bemerkte dies.

»Lieber Kollege,« begann er, »Ihr müßt doch über den Gegenstand, von dem wir sprechen, viel besser als ich unterrichtet sein. Ihr seid viel öfter als ich der Erde nahegekommen, und Ihr könnt ihre Geschichte besser verfolgen. Ist der Stand der Dinge, wie ich ihn auf meiner letzten Reise« (er meinte im Jahre 1811) »auf der Erde gesehen habe, unmittelbar auf den gefolgt, der sich meinem Auge bei meinem vorletzten Durchgange« (also zur Zeit des Trojanischen Krieges) »darbot? Zwischen diesen beiden Daten scheint mir doch eine große Lücke zu liegen, und ich glaube, Ihr könntet mir darüber hinweghelfen.«

»Seit Eurem vorletzten Besuche«, erwiderte dieser, »bin ich vierzigmal in die Nähe der Erde gekommen, und, wollt Ihr es mir glauben? jedesmal habe ich Veränderungen auf der Erde wahrgenommen. Die Menschen leben auf ihrer Weltkugel eine so kurze Zeit, daß es wohl schwerlich viele gibt, die sich rühmen dürfen, mich bei zwei meiner aufeinander folgenden Erscheinungen am Himmel leuchten gesehen zu haben, ja die meisten Menschen haben mich auch nicht ein einziges Mal gesehen. Und dabei«, fuhr er in traurigem Tone fort, »ist mein Jahr doch vierzigmal kürzer als das Eurige. Von meinen verschiedenen Erscheinungen auf der Erde erinnere ich mich, nach der irdischen Zeitrechnung, derjenigen im Jahre 12 vor Christi Geburt, dann 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach Christi Geburt am deutlichsten, weil Ereignisse, deren unschuldige Ursache ich werden sollte, mich in hohem Grade bewegten. Wenn es Euch interessiert, will ich Euch gern mehr davon erzählen. Es wäre mir dies ein um so größeres Vergnügen, als ich ja nur selten Gelegenheit habe, davon sprechen zu können.«

Da unser Komet sich ganz außerordentlich für alle menschlichen Angelegenheiten interessierte, und da ihm in der tiefen Einöde des Weltenraumes, die sie jetzt durchflogen, die Gesellschaft seines jüngeren Gefährten ganz willkommen war, so hörte er dessen Bericht mit gespanntester Aufmerksamkeit zu.

Und nun erzählte ihm dieser, wie im Jahre 12 vor Beginn unserer Zeitrechnung im chinesischen Reiche, unter der glorreichen Herrschaft der Han, die auf die Dynastie der Tsin gefolgt waren, auf Befehl des Kaisers der Fong-siang-chi, der kaiserliche Astronom, den Kometen beobachtet und in ihm einen neuen Beweis für den Zorn des Himmels auf Tsin-chin-hoang-ti erkannt hatte, weil dieser, noch nicht zufrieden damit, daß er die vom Kaiser Wu-wang auf dem »Turm der Geister« errichtete Sternwarte hatte einäschern und außerdem vierhundertfünfzig der gelehrtesten Weisen des Reiches hatte enthaupten lassen, bei Todesstrafe anbefohlen habe, innerhalb vierzehn Tagen sämtliche über Moral, Philosophie, Astronomie und Geschichte handelnde Bücher zu verbrennen; wie ferner der kaiserliche Astronom dem Fürsten anempfohlen habe, ebenso wie es ja im Winter zu geschehen pflegte, sich in den zur Linken gelegenen Saal des Schwarzen Palastes zu begeben, und durch ein dem Gotte Hiuen-ming dargebrachtes Opfer symbolisch eine neue Ära für Kunst und Wissenschaft einzuleiten; wie dann der Tatsung-pe die Mandarinen, ebenso wie zur Zeit der letzten Sonnenfinsternis, um den kaiserlichen Thron versammelt hatte, um dem Gestirn zu huldigen, und wie ganz China zwei lange irdische Monate hindurch auf den Beinen geblieben war. Er erzählte weiter, wie im Jahre des Heils 837 Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, sich in einem dunklen Winkel der Burgterrasse vor ihm auf die Knie geworfen und ihn gefragt habe, welche Botschaft ihm der Komet vom Himmel brächte; wie dann statt des stummen Kometen des Kaisers geistliche Würdenträger geantwortet hätten und der fromme Kaiser die drei Jahre, die er noch zu leben hatte, damit verbrachte, Dome zu erbauen, reiche Abteien zu stiften, große Klöster zu errichten und Kirchen und Schulen mit reichen Mitteln auszustatten. Ferner erzählte er, wie im Jahre 1066 Wilhelm der Eroberer in der ganzen Normandie habe ausrufen lassen: »Nova stella, novus rex« (»Ein neuer Stern, ein neuer König«); wie er sich den Kometen zum Führer auserkor und unter seiner Führung England eroberte. Auf der berühmten Stickerei in der Bibliothek der Stadt Bayeux kann man dies noch heute sehen; das Werk stammt von der Königin Mathilde, der Frau des Eroberers. Sie bildete die bedeutendsten Szenen der Eroberung ab und verewigte dabei auch den Kometen, wie er über einer Gruppe von vielen Leuten steht, die Kopf und Hände zu ihm erheben. Und weiter berichtete der Wandergefährte unseres Kometen ganz ausführlich, wie im Jahre 1456 Christen und Muselmanen, die miteinander im Kriege lagen, in seiner Gestalt ein flammendes Schwert erkennen wollten, das am Himmel ausgesteckt worden sei, um ihnen das schrecklichste Unglück anzukündigen. Mohammed II., in dessen Besitz Konstantinopel bereits übergegangen war, hatte geschworen, daß er sein Pferd auf dem Altar der Sankt Peterskirche in Rom tränken werde, und auf dem Wege dahin belagerte er Belgrad. Als nun die Gestalt eines feurigen türkischen Schwertes am Himmel erschien, sah der Papst Calixt III. alle seine schlimmen Befürchtungen in Erfüllung gehen. Der Komet schilderte weiter, wie der Papst in seinem Zorn Gestirn und Türken feierlich verfluchte, wie er sodann das Angelus, ein Gebet, das beim Klange der Glocken gesprochen werden sollte, angeordnet habe, und wie dann jenes große Belgrader Blutbad begann, das ohne Unterbrechung zwei Tage lang dauerte, und bei dem die Franziskaner-Mönche mit keiner anderen Waffe als einem Kruzifixe in der Hand »in der vordersten Reihe standen und zum Papste flehten, er möge die himmlische Erscheinung beschwören, daß sie ihren verhängnisvollen Einfluß auf ihre Feinde ausübe«. Der Komet fuhr in seinem Berichte fort und erzählte, welche ganz andere Wirkung sein Erscheinen im Jahre 1531 hervorgerufen hätte. Luise von Savoyen, die Mutter Franz' I., hatte drei Tage vor ihrem Tode eine außerordentliche Helle in ihrem Zimmer bemerkt. Sie ließ den Vorhang hinwegziehen, und von dem Anblick des Kometen ganz betroffen, rief sie aus: »Ein solches Zeichen gibt der Himmel nicht für gewöhnliche Menschen. Gott hat es nur für uns Große der Erde vorbehalten. Schließt das Fenster! Es ist ein Komet, der mir den Tod anzeigt, wir wollen uns darauf vorbereiten!« Weiter erwähnte der Komet, daß von seinem Erscheinen im Jahre 1682 seine astronomische Registrierung datierte. Denn bei seinem Vorübergang in diesem Jahre wurden seine Elemente berechnet und festgestellt, daß er derselbe Komet sei, der in den Jahren 1531 und 1607 an der Erde vorübergezogen war. Dem berühmten Astronomen Halley war es vorbehalten, ihn der Wissenschaft einzuverleiben und ihm seinen Namen zu geben, und für das Jahr 1759 kündigte Halley sein abermaliges Erscheinen an.

Sodann erzählte der Halleysche Komet seinem älteren Bruder die Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen irdischen Reiche, und zwar vom Jahre 1254 vor Christi Geburt bis zum Jahre 1835 nach Christi Geburt, in welchem Jahre er zum letztenmal die Erde besucht hatte. Der große Komet war nicht wenig erstaunt, als er hörte, wie rasch sich auf der Erde neue Reiche bildeten und wie sie noch schneller wieder zerfielen. Was ihn aber am meisten, und leider auch am schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel, welche die Bewohner der Erde anwandten, um ihre Eroberungszüge gegeneinander ins Werk zu setzen. Eisen, Blut, die wildesten und ausgesuchtesten Grausamkeiten! Soviel Bosheit in so kleinen Körpern und in so gebrechlichen Wesen; solch übermütiger Eigendünkel bei den Großen und dagegen wieder solch angeborene Schwäche bei den Kleinen! Die Weltgeschichte schien ihm wenig erbaulich, und hätte er nicht in Wirklichkeit von seiner erhabenen Höhe aus die Schwächen der Menschheit verachtet, so hätten ihm bei dem schreckensvollen Bericht seines jüngeren Kollegen wohl mehr als einmal sozusagen seine langen Haare zu Berge gestanden.

Sie flogen weiter, und ohne daß sie es merkten, zogen sie am Neptun vorüber. Der Halleysche Komet fuhr in der Darstellung seiner Lebensschicksale fort:

»Während der fünfundzwanzig Jahre bis zu meinem Erscheinen im Jahre 1682 irdischen Stils hatte die Astronomie so große Fortschritte gemacht, daß der Forscher, der mir seinen Namen gab, mein Erscheinen für das Jahr 1759 voraussagen konnte. Hierin lag sicherlich keine geringe Kühnheit. Ihr wißt jedoch, daß ich mich nicht so weit wie Ihr in die Tiefen des Weltalls stürzen kann – denn schon nach etwa 37 Jahren muß ich umkehren, während Ihr, Kollege, noch fünfzehnhundert Jahre lang Eure Reise fortsetzen könnt. Es ist Euch bekannt, daß ich mich jedesmal bis auf sechsunddreiviertel Millionen Meilen von der Erde entferne. Für uns will das nicht so sehr viel sagen; für die kleinen Bewohner der Erde bedeutet es aber eine unermeßliche Entfernung. Auf meinem Fluge werde ich bisweilen durch gewisse Bewohner des Weltenalls zurückgehalten, und wenn ich durch ihr Gebiet gehe, bin ich gezwungen, meine Bewegung zu verlangsamen. Die Herren von der Sternwarte müssen außerordentlich scharfe Augen haben, oder richtiger gesagt, mit einem fast übermenschlichen Ahnungsvermögen begabt sein. Denn als ich in das Gebiet des Jupiter kam, war ich ihrem Gesichtskreis schon längst entschwunden und konnte auch mit Hilfe ihrer schärfsten Fernrohre nicht mehr aufgefunden werden. Ich glaubte annehmen zu dürfen, ihrer Aufmerksamkeit entgangen zu sein. Aber damit war es nichts. Durch Jupiter verlor ich 518 Tage, und Saturn veranlaßte eine Verzögerung meiner Bahn um weitere 100 Tage. Nun gut. Alles dies war bis auf einen Monat berechnet, festgestellt und bekanntgegeben worden. Den Astronomen können wir nichts mehr verheimlichen.

Ein glücklicher Zufall fügte es, daß man auf mein erneutes Erscheinen bei der Erde schon fünfzehn Jahr vorher aufmerksam geworden war, und zwar durch den schönsten Schweif, den man je gesehen hat, einen sechsfachen Schweif, der jedoch, wie ich gleich bemerken will, nicht mir gehörte. Ihr habt sicherlich, lieber Kollege, neulich jenen Vaganten gesehen, der von einer Welt zur andern fliegt und nie wieder an demselben Ort sich sehen läßt. Seine Bahn ist so exzentrisch, daß er schließlich parabolisch geworden ist. Ganz gewiß ist es auch Euch nicht entgangen, daß er den herrlichen Schmuck von sechs Schweifen besitzt. Nun, im Jahre 1744 war er mein Vorreiter, und nach dem irdischen Kalender gilt er als der schönste Komet des achtzehnten Jahrhunderts. An dem Abend, als er zum erstenmal am Himmel stand, glaubte man, eine zweite Sonne ginge unter, so groß war der Glanz, den seine Schweife ausstrahlten.

Ich sagte Euch wohl schon, daß ich bei jeder Wiederkehr zur Erde dort immer etwas Neues in den Sitten, Gebräuchen und dem Geist der Völker gefunden hätte. Niemals hat sich mir jedoch diese Beobachtung lebhafter aufgedrängt als bei meinem letzten Besuche. Den Teil der Erde, den ich 1759 besuchte, sollte ich 1835 wieder sehen. Noch genauer als vorher hatte man die Verzögerung berechnet, die ich bei Jupiter, Saturn und Uranus erleiden mußte, ja, man hatte mir sogar den Weg vorgezeichnet, den ich auf meiner Rückkehr durch den Himmelsraum zu nehmen hatte. Am 20. August 1835 sollte ich am Stern ζ im Sternbild des Stiers vorübergehen, am 28. zwischen den Zwillingen und dem Fuhrmann stehen, am 21. September im Fuhrmann sein, am 3. Oktober im Luchs, am 6. im Großen Bären, am 13. in der Krone, am 15. zwischen Herkules und Schlange, am 19. im Ophiuchus, am 16. November beim Stern η desselben Sternbildes und am 26. Dezember beim Stern Antares im Skorpion. Und was gewiß viel heißen will, von dieser mir so weise vorgezeichneten Marschroute brauchte ich nirgends abzuweichen. Aber, ich versichere Euch, niemals in meinem Leben und auch auf keiner anderen Welt habe ich so viel Umwälzungen und einen solchen Umschwung der Geister kennen gelernt, wie bei meinem letzten Besuch der Erde. Um Euch die Wahrheit zu gestehen, ist mir dies sehr nahe gegangen und ich bin darüber so traurig geworden, daß meine Betrübnis den Bewohnern der Erde nicht entgangen sein kann.[9] Was hat man auf der Erde von 1759 bis 1835 gemacht? Welche Umwälzung hat sich bei den Menschen vollzogen? Je mehr ich über die Ursachen und das Wesen dieser Neuerungen nachdenke, desto mehr gerate ich ins völlig Dunkle. Auch der Komet Karl V. scheint sich darin verloren zu haben.«

»Der Komet Karl V.? Was hat es mit dem für eine Bewandtnis?«

»Ach, entschuldigt, verehrtester Kollege, ich vergaß vollständig, daß Ihr über die irdischen Ereignisse nicht genügend unterrichtet seid. Karl V. war ein Kaiser von Deutschland, der seine Krone niederlegte, als im Jahre 1556 einer unserer leuchtenden Brüder, der bis dahin sicherlich keine Ahnung von der Existenz der Erde hatte, zufällig in ihre Nähe kam. Es ist dies derselbe Komet, der nach Ansicht der Erdbewohner schuld an der Sintflut tragen und später beim Tode Cäsars geleuchtet haben soll. Aller dreihundert Jahre sollte er wiederkommen, also auch 1856. Aber er mag wohl inzwischen den dummen Hochmut der Großen der Erde kennen gelernt haben, die sich einbilden, daß sie im Mittelpunkt des ganzen Weltalls stehen – genug, er hat dieser kleinen, eitlen Welt Valet gesagt und ist in ein anderes Sonnensystem geflogen. Er befindet sich jetzt im Gebiet des Polarsterns, und die Menschen können auf ihn warten; er kommt nicht wieder. Um jedoch den Faden unserer Unterhaltung, die durch diesen Muster-Kometen eine kleine Ablenkung erfahren hat, wieder aufzunehmen, wiederhole ich, daß ich mich in Mutmaßungen darüber erging, welches die Ursachen der großen Änderungen sein mögen, die sich während meiner Abwesenheit von der Erde in der europäischen Gesellschaft vollzogen haben.«

»Dieses Mal kann ich Euch vielleicht Aufklärung geben, mein lieber junger Freund. Wenn die Großen auch oft zu hoch gestellt sind, um das, was sich in den unteren Regionen zuträgt, nach Gebühr sehen und würdigen zu können, und dadurch in eine bedauerliche Unkenntnis geraten, so verstehen sie es anderseits infolge ihres überlegenen Urteils doch, aus diesen Vorgängen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das wenige, was ich gesehen habe, kann daher vielleicht dazu dienen, die Lücke in Eurer Vorstellung auszufüllen. Ich weiß nur, daß es im Jahre 1811 in Frankreich keinen »König von Gottes Gnaden« mehr gab, sondern einen Kaiser, und gerade in derselben Woche, in der ich bei der Erde ankam, wurde diesem Kaiser ein Sohn geboren. Vom März 1811 bis zum April 1812 blieb ich bei der Erde. Ich glaube erkannt zu haben, daß die Eroberungen des Kaisers und die Vergrößerung Frankreichs die Nachbarreiche in Angst und Schrecken versetzten, und was mich in meiner Annahme bestärkte, war der Umstand, daß der große Machthaber eine Armee von 450 000 Mann aushob, um mit dieser halben Million nach den russischen Steppen zu marschieren. Was aus ihnen geworden ist, vermag auch ich nicht zu sagen, denn vom Juli 1812 ab konnte ich auf der Oberfläche der kleinen Erdkugel nichts mehr erkennen.«

Die Kometen sind gute Logiker. Indem sie sich einander mit ihren Erinnerungen aushalfen und die Erfahrungen, die sie bei ihren Beobachtungen der Erdbewohner gesammelt hatten, austauschten, waren sie imstande, sich unsere Geschichte aufzubauen. Sie verfuhren dabei ganz nach Vernunftschlüssen. Im Jahre 1759, so sagte der eine, gab es in Frankreich soziale Zustände, die in sich vollkommen morsch waren und auf die nun große Hämmer, Philosophen genannt, um die Wette loshieben. Im Jahre 1811, meinte der andere, gab es in Frankreich einen Kaiser und Kriegsrüstungen. Im Jahre 1835, nahm der erste wieder das Wort, hatte Frankreich einen konstitutionellen König und lebte in tiefstem Frieden. Mit diesen drei vorhandenen Tatsachen hatten sie sich in großen Zügen die Umrisse der französischen Geschichte geschaffen. Ihre Unterhaltung berührte in derselben Weise auch das Geschick der anderen Völker, denn die Kometen haben für eine Schar Ameisen keine größere Vorliebe als für die andere. Da aber diese Entwicklungen sich im großen und ganzen sehr ähneln und für uns, die wir doch keine Kometen sind, weniger Interesse haben, so verzichten wir darauf, diese siderischen Unterhaltungen hier wiederzugeben.

So hatten die beiden Forschungsreisenden im Weltenraum, die sonst gewohnt waren, sich nur mit großen Dingen abzugeben, die kleine Erdkugel, auf der wir uns befinden, nach allen Richtungen hin besprochen. Bald aber mußte der Halleysche Komet abbiegen, um in seiner Ellipse dem Aphelium zuzufliegen, während der majestätische Komet von 1811 in gerader Linie seine Reise fortsetzte, denn bis zum Jahre 3343 wird er sich von der Sonne entfernen, um dann in demselben Marschtempo wieder zu ihr zurückzukehren. In den unermeßlichen Tiefen des Himmelsmeeres mag er dann wohl Welten begegnen, die uns unbekannt sind, einstigen Welten, deren Sonne erloschen und die in grausigem Schweigen ihre kosmischen Ruinen und die Gräber versunkener Kulturen durch den unendlichen Raum tragen.