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CARL B. LORCK
HANDBUCH DER GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST
HANDBUCH DER GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST
VON
CARL B. LORCK.
ERSTER TEIL
ERFINDUNG. VERBREITUNG. BLÜTE. VERFALL.
1450-1750.
LEIPZIG
VERLAG VON J. J. WEBER
MDCCCLXXXII.
VORWORT.
Jeder denkende Mensch, mag er nun als Buchdrucker, Buchhändler oder Schriftsteller der weltumgestaltenden Erfindung Gutenbergs näher stehen oder auch nur als Laie die Segnungen, derselben schätzen gelernt haben, fühlte gewiss den Trieb, etwas Zusammenhängendes über die Entstehung, die allmähliche Verbreitung und die technische Vervollkommnung der Buchdruckerkunst zu erfahren, und hegte den Wunsch Näheres über das Leben des Erfinders und seiner bedeutenderen Nachfolger, die bis auf die Jetztzeit für oder durch diese Kunst wirkten, zu hören.
Verlangte jedoch ein solcher Wissbegieriger nach einem leicht verständlichen, übersichtlich geordneten Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst, das ihm als Führer durch die mehr als vierhundert Jahre dienen konnte, in welchen das von der Presse ausströmende Licht bereits die Welt erleuchtet, so wird er die Erfahrung gemacht haben, dass sein Suchen ein vergebliches war.
Wir besitzen gelehrte, höchst wertvolle Prachtwerke über die vorgutenbergischen Drucke und die Zeit der Inkunabeln; es existieren hunderte von Parteischriften über Gutenberg und die ihm gegenübergestellten, zu Erfindern heraufgeschraubten, mythischen Persönlichkeiten; wir haben eine Reihe von zumteil erschöpfenden Schilderungen einzelner berühmter Drucker oder Druckerfamilien; ferner zahlreiche Jubelschriften, welche von dem Gange der Kunst in einzelnen Städten erzählen; auch ist kein Mangel an fachlichen Lehrbüchern oder an Berichten über die verschiedenen mit der Typographie in Verbindung stehenden Erfindungen.
Es steht uns somit ein reiches, mitunter fast durch seine Fülle erdrückendes Material für eine allgemeine Geschichte der Buchdruckerkunst zu Gebote. An einem Handbuch jedoch, welches dieses Material in natürliche Perioden systematisch einzuordnen, nach Ländern und nach mit einander verwandten Gruppen zu gliedern versuchte, um in einer einigermassen gleichmässigen Durchführung jeder Zeit, jedem Lande sein Recht zu gewähren, ohne dass der Verfasser dabei vergässe, dass er für die Angehörigen einer bestimmten Nationalität schreibt, fehlt es noch heute, wie in meiner Jugendzeit, wo ich vergeblich nach einem solchen Leitfaden auf dem typographisch-geschichtlichen Gebiet mich umsah und schliesslich darauf angewiesen war, aus den verschiedenen Quellen die mir erwünschten Belehrungen selbst zu sammeln.
Somit wurzeln die Anfänge dieses Handbuches in dem eigenen wirklich und lebhaft gefühlten Bedürfnis nach einem solchen. In späteren Jahren fing ich an in den von mir herausgegebenen „Annalen der Typographie“ das Gesammelte in einer Reihe von Artikeln, die jedoch nur die älteren Perioden der Kunst behandelten, zu veröffentlichen. Das Vorhaben, diese Artikel bis auf die neueste Zeit zu vervollständigen und sie dann zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, wurde durch Berufsarbeiten für lange in den Hintergrund gedrängt, die Arbeit jedoch nach Zeit und Gelegenheit immer wieder aufgenommen.
So entstand das jetzt vorliegende Buch als ein Ergebnis längerer Vorarbeiten ohne den bestimmten Entschluss einer Veröffentlichung. Als jedoch die jetzigen Inhaber der Verlagshandlung J. J. Weber zu Anfang des Jahres 1880 den Wunsch äusserten, dass eine Veröffentlichung und zwar in ihrem Verlag stattfinden möchte, bin ich unter Benutzung der inzwischen erschlossenen, teilweise wichtigen Quellen ernstlich an eine nochmalige Durcharbeitung des Manuskripts gegangen.
Bei meinen Verlegern war inzwischen der, ihrerseits gewiss vollständig berechtigte Wunsch rege geworden, das Buch in einer „illustrierten Prachtausgabe“ erscheinen zu lassen, und sie hatten mir bereits zu Ostern 1881 ihre desfallsigen Ansichten in der Form eines gedruckten Prospektus für das Publikum unterbreitet.
So viel Verlockendes es auch für jeden haben mag, sein Buch in ein prächtiges Gewand kleiden zu lassen, so konnte ich, das ganz bestimmte Ziel vor Augen, ein knappes und einfaches Handbuch für den praktischen Bedarf, wie es mir als wünschenswert vorschwebte, zu liefern, mich doch meinerseits mit dieser Ansicht zu jener Zeit nicht befreunden. Ich würde mich damit der unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt haben, der Illustration zuliebe von dem mir vorgezeichneten Weg abgedrängt zu werden.
Obgleich nicht allein der persönlichen Neigung, sondern auch dem pekuniären Interesse meiner Verleger durch eine illustrierte Prachtausgabe wohl am besten entsprochen worden wäre, liessen diese doch bereitwilligst meinem Standpunkt Gerechtigkeit widerfahren.
Sowohl das über die Entstehung und den Zweck der vorliegenden Arbeit oben gesagte, als auch mein Lebensberuf schliessen schon von allem Anfang die Erwartung aus, als habe man es hier mit einem gelehrten Werk zu thun, bestimmt, die Ergebnisse tiefer Forschung ans Tageslicht zu fördern. Weder sollte meine Aufgabe noch konnte dieselbe eine höhere sein, als meinen Berufsgenossen oder denjenigen, die sonst Drang nach einer leichteren Orientierung in dem Gewirr der Geschichte der Buchdruckerkunst empfinden, nützlich zu sein, indem ich den Versuch machte, das aufgespeicherte Material nach bestem Wissen und Gewissen zu sichten, zu ordnen, und indem ich mich, die geschäftliche Praxis zurhand, bestrebte, einige von der Gelehrsamkeit im Dunkel gelassene Punkte klar zu stellen. Was die neue Zeit betrifft, so gab ein Geschäftsleben, das sich fast über die ganze Periode der neuen Blüte der Typographie und der verwandten Künste und Gewerbe seit den dreissiger Jahren erstreckt, wohl auch manchmal Gelegenheit, das vorhandene Material durch die eigene Erfahrung zu vervollständigen.
Es konnte nicht in meinem Plan liegen, mit der Geschichte der Buchdruckerkunst die des Buchhandels zu verbinden. Beide Berufszweige sind jedoch derart eng mit einander verknüpft und so viele der auftretenden Persönlichkeiten wirkten zu gleicher Zeit als Drucker und als Verleger, dass es nicht zu umgehen war, auch Ausflüge auf das Gebiet des Buchhandels zu unternehmen. Sehr nahe lag ebenfalls die Versuchung, die Geschichte der übrigen graphischen Künste und Gewerbe, welche zur Herstellung eines Buches mitwirken, ausführlicher zu behandeln. Um jedoch die Übersichtlichkeit nicht zu stören und den Umfang des Buches nicht gar zu sehr über die gesteckten mässigen Grenzen hinaus zu vermehren, war es geboten, dieser Versuchung nur in so weit nachzugeben, als es zum Verständnis der gestellten Aufgabe notwendig war.
Die Geschichte der Buchdruckerkunst zerfällt in zwei natürliche Hauptabschnitte. Der erste, welcher die Erfindung, Verbreitung, Blüte und den allmählichen Verfall behandelt, und sich über einen Zeitraum von über dreihundert Jahren erstreckt, findet seinen Abschluss in der letzten Hälfte des XVIII. Säculums. Der zweite Hauptabschnitt führt uns durch die Periode des Wiederaufwachens der Typographie und deren Schwesterkünste in die Zeit der zweiten, mittels der enormen technischen Fortschritte und der neuen Vervielfältigungsarten im Verein mit der freiheitlichen Entwickelung der Presse hervorgerufenen Blüte, deren wir uns heute erfreuen.
Jeder dieser beiden Hauptteile, die sich wieder in mehrere Abteilungen verzweigen, ist in seinem Wesen so eigenartig und verlangt eine so verschiedene Art der Darstellung, dass auch eine äusserliche Trennung in zwei vollständig abgeschlossene Hälften geboten schien.
Zur Beurteilung der Grundsätze für die Behandlung der verschiedenen Abschnitte verweise ich auf die, jedem der Bücher vorangeschickte „Einführung“, in welcher ich mich sowohl über den jedesmal leitenden Gesichtspunkt als auch über die jedesmaligen Quellen und deren Benutzung ausgesprochen habe. Dass mir nur sehr wenige der letzteren unbekannt geblieben sind, habe ich vor allem der Fachbibliothek des Börsen-Vereins der deutschen Buchhändler, der Liberalität des Vorstandes derselben und der unermüdlichen Gefälligkeit der Bibliothek-Verwaltung zu verdanken.
Dass trotz aller angewendeten Sorgfalt noch Vieles für die mir Nachfolgenden (denen ich jedoch das Arbeiten in mancher Beziehung leichter gemacht haben dürfte, als es mir geworden ist) zu thun übrig geblieben, und dass selbst die grösste Mühe und der redlichste Wille, etwas Brauchbares zu liefern, fehlende Eigenschaften nicht immer ersetzen können, fühlt vielleicht niemand mehr als der unterzeichnete
Carl B. Lorck.
GESCHICHTE
DER
BUCHDRUCKERKUNST
1450—1750.